hei,
lininis
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
1SS3
Nx. ISS Zweites Blatt Sonntag den 9. August
. , . . - Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlrhr
BütttMl vchulstraße 7. Erscheint täfittch mit Ausnahme des Me-ntagS. ^urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 P'.
___, MMI——iimim■!!IWTiwrw-Tn—!—rm-----wiiim im ■■■■r
irateur.
RocSileP
Beschäftigung bei _ iSebr. Ltamm,
chen nchm beiden ♦
l Schäfer | »Teuling ♦
ein te J )es Hoch, daß es er-1 er Froschgasse bis in? ifee. MI -er-Clnb Wichil.
von ausgekäMm > Haar werben i1X K schön und dauerhaft angesertigt von leker, Neustadt 30.
rplan.
)on Gietzen * t 430, 5**, 6», 8^, 11“, Jo« 8' I* 1« 8'3, 816, QM* ' IQ53.
!« 3I, 8«, W j78Q2G% Ql?, 125, 12»\ 4«, ßw (bis Dich, ÖOi ’ 530, 820’, 919, U9, iu, 450z 9S (bis Betzdorf).
j 7^.
[50, 5, T°.
Zö 12", 4“.
1, 4“, 8“-
i in Gieben m: 1 1 .... 4i;* 915
... Q Q39♦, ll41, 1 1
K., ii”.6i“ \ ,a 751 (von M'
<&>***■ !, H».
429,10 0 4-9,10.
900, Zbb, 016
0,335 chnellM- w
>en-
Betreffend: Die Landeswaisenanstalt. Gießen, am 8. August 1885.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglicherr Bürgermeistereien des Kreises.
Wir erinnern Sie, soweit Sie noch im Rückstände sind, an Erledigung der Verfügung vom 25. Juni 1885 Gießener Anzeiger Nr. 146 binnen 3 Tagen.
Dr. Boekmann.
Wochen Ueberficht.
Gießen, 8. August.
Die Kaiserbegegnung in Gastein bildete diesmal den glänzenden Mitlelpunkl der Wochen-Begebenheilen. Ohne ein politisches Ereigniß im eigent- Uchen Sinne des Wortes zu sein, hat diese sich alljährlich aus österreichischem Boden, am Fuße der Salzburger Alpen, wiederholende Zusammenkunft zwischen dem greisen deutschen Kaiser und dem österreichischen Herrscher eine hohe Be- deutung für die europäische Politik erlangt und wohl darf man darum behaupten, daß sich in diesen Tagen die Augen von ganz Europa nach dem herrlich gelegenen Badeorte im Salzkammerguts gerichtet haben, wo am Donnerstag Kaiser Franz Joses, begleitet von der Kaiserin Elisabeth, seinem lang, jährigen Freund und Alliirten, Kaiser Wilhelm, wiederum begrüßte. Auch diesmal waren es keine Erwägungen hochpolitischer Natur, keine Erörterungen diplomatischen Charakters, welche die beiden Monarchen zusammenführten — schon die Abwesenheit der beiderseitigen Minister würde dieser Annahme widersprechen — nein/ auch Heuer waren es wieder die innigen persönlichen Be- Ziehungen, in denen Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef zu einander stehen und der leb afte Wunsch, sich auch mündlich wieder ihrer gegenseitigen freund- schasilichen Gesinnungen zu versichern, das die beiden Herrscher zu zwanglosem Beisammensein in Gastein vereinigte. Aber gerade diese warme Bethätigung ihrer persönlichen Freundschaft verleiht dec traditionellen Zusammenkunft der beiden Kaiser immer aufs Neue ihre weitere Bedeutung. Sie ist die beste Bürgschaft für die ungeschmälerte Fortdauer des Einvernehmens zwischen Deutschland und Oesterreich und berechtigt somit zu der Hoffnung, daß auch der europäische Friede für die nächste Zukunst gesichert ist, denn derselbe findet seine Hauptstütze doch immer wieder in dem deutsch > österreichischen Bündniß. So wird denn auch diesmal die Begegnung Kaiser Wilhelms mit Kaiser Franz Josef von allen Friedensfreunden mit den aufrichtigsten und herzlichsten Wünschen begleitet, unter denen derjenige am meisten hervorragt, daß es dem greisen keuischen Kaiser vergönnt sein möge, sich auch im nächsten Jahre mit seinem kaiserlichen Freunde an den Quellen Gasteins zu begrüßen.
Im Gegensatz zu dem Kaisertag von Gastein wird die signa- lisirte Entrevue zwischen dem Kaiser von Oesterreich unv dem Kaiser von Ruß- land einen hochpolitischen Charakter tragen. Zeit und Ort derselben sind nunmehr festg-stellt, und zwar findet sie nicht in der zweiten September-Hälste, wie dieser Tage gemeldet wurde, sondern noch im Laufe des gegenwärtigen Monats, am 24., 25. und 26. August, und zwar in Kremfier, statt. (Siemfier ist eine ca. 11,000 Einwohner zählende Stadt in Mähren, in der Landschaft Hanna und an der March gelegen und ist die Sommer-Residenz des Erzbischofs von Olmütz). Der Zusammenkunft werden auch die Kaiserinnen Oesterreichs und Rußlands, wahrscheinlich auch der österreichische Kronprinz, beiwohnen; außerdem gilt es als zweifellos, daß die beiderseitigen Minister des Auswärtigen und Ministerpräsident Graf Taaffe in Kremsier anwesend sein werden. Letzterer Umstand namentlich verleiht der Begegnung zwischen Kaiser Franz Josef und dem Czaren ihren eigentlichen politischen Charakter, denn bas Zugegensein der beiderseitigen Minister deutet darauf hin, daß in Kremsier wichtige Dinge verhandelt werden sollen, und zwar steht nicht zu bezweifeln, daß in dem inähri. schen Landstädichen die in Skierniewice begonnene Annäherung zwischen Oester- reich und Rußland zur vollendeten Thatsache werden wird.
In den inneren Angelegenheiten ist der am Mittwoch erfolgte Zusammentritt der Conferenz der preußischen Bischöfe in der alten Bischossstadt Fulda als das einzige bemerkenswerlhe Wochenereigniß zu verzeichnen. Anwe- f ind waren der Fürstbischof von Breslau, der neue Erzbischof von Köln, Dr. Crementz, und die Bischöfe von Hildesheim, Trier, Osnabrück, Münster nnd Limburg; die Bischöfe von Paderborn und Kulm waren durch Domeapitulare vertreten. Die Verhandlungen begannen am Mittwoch früh und sind am Freitag beendigt worden; hoffentlich werden sie in ihren Resuliaten mit zur Wiederherstellung des kirchlichen Friedens in Preußen beitragen. Auf dem Gebiete dec auswärtigen Politik traten in Folge der bekannten Artikel des Pariser „Tcmps" und der „Nordd. Allg. Ztg." wieder einmal die deutsch-französischen Beziehungen in den Vordergrund und konnte man in Folge der scharfen AuS- lasiungen des Berliner osficiösen Blattes in der Thal glauben, das Verhältniß zwischen Deutschland und Frankreich sei plötzlich ein unsicheres, bedenkliches geworden ; doch ist ein inzwischen nachgefolgter anderweitiger Artikel des „Temps" geeignet, diese Befürchtungen wieder zu zerstreuen und liegt auch wirklich kein Grund zu der Annahme vor, als ob sich in der letzten Zeit die Beziehungen zwischen beiden Staaten verschlechtert hätten.
Die Gerüchte von einem dem deutschen Kronprinzen in der Schweiz zugestoßenen Unfälle, ober gar von einem gegen den hohen Herrn vec- suchten Attentate haben sich erfreulicher Weise nicht im Mindesten bestätigt. — Der König von Serbien wird im kommenden Herbste der Gast des Prinzen Wllhelm von Preußen bei den in Ostpreußen stattfindenden Hofjagden sein.
Die Ergänzungswahlen zum sächsischen Landtag werden am 15. September stattfinden.
In Oesterreich wurde in der abgelausenen Woche die politische Situation natürlich vollständig durch die Kaiserbezegnung in Gastein beherrscht und die Fragen der inneren Politik sind vor diesem bedeutungsvollen Eingriffe einen Augenblick verstummt. Selbst der leidige Nationalitätenzwist, der gerade in letzter Zeit durch die neuen czechischen Forderungen in der Bankfrage wieder mehr hervorgetreten ist, muß schweigen vor dem erbebenden Eindruck, den die in Gastein wiederum so markant heroorgetreteve persönliche Freundschaft der beioen Kaiser von Oesterreich und Deutschland auf die weitesten Kreise der Bevölkerung des Kaiserstaates macht und Czechen wie Polen, Slovenen wie Croaten müffen es anerkennen, daß das Bündniß mit Deutschland, welches in der innigen Freundschast der beiden Monarchen am schönsten wiederspiegelt, es der habsbur- gischen Monarchie hauptsächlich ermöglicht, ihr Gewicht im europäischen Concert gebührend zur Geltung zu bringen.
Das französische Parlament liegt in den letzten Zügen und wird nach dem Schluffe der parlamentarischen Session die Wahlbewegung wohl aus- schließlich das politische Feld in Frankreich beherrschen. Jndeffen ist es immer noch fraglich, ob dieselbe sobald zur vollen Geltung kommen wird, da sich die allgemeine Ausmerkiamkeit allgemach den bedrohlichen, aus dem französischen Süden kommenden Nachrichten zuwendet. Daß in Marseille wiederum die Cholera ausgebrochen ist, muß trotz aller versuchten osficiösen Schönfärbereien als feststehend betrachtet werden und nur die Frage ist vielleicht noch offen, ob es sich um eine mildere Form der Epidemie ober wirklich um die asiatische Cholera handelt. In der Zeit von Dienstag Nachmittag 5 Uhr bis Donnerstag Nachmittag 5 Uhr sind beim Marseiller Standesamte 68 Cholera- Todesfälle angemeldet worden; die Behörden sind also nunmehr doch zur amt- sichen Anerkennung des Charakters der Seuche, als der Cholera, gezwungen.
Die lateinische Münz-Conferenz hat sich bis zum 1. October vertagt, ohne zu einem Resultate gelangt zu sein.
Die englische Politik im Sudan und in Afghanistan hat in dieser Woche wieder das Thema eingehender Erörterungen im Oberhause gebildet. Was insbesondere den Sudan und Egypten anbelangt, so haben hierüber sowohl der Premier Salisbury wie der Schatzsecretär Hicks- Beach langatmige Erklärungen abgegeben- Aus denen Salisbury'S geht namentlich hervor, daß es im Sudan für England doch bedenklicher aussteht, als es bisher den Anschein hatte, da England nicht einmal im Stande ist, die ihm befreundeten Araberstämme zu schützen, welche von den Rebellen allmählich aufgerieben werden. In den Ausführungen Hicks-Beach's spielte die Mission Sir Drummond Wolff's die Hauptrolle und bezeichnete es der Minister als eine vornehmliche Aufgabe Wolff's, wegen Egyptens ein Arrangement mit der Pforte zu treffen. Im Uebrigen betonte Hicks-Beach, daß England gesonnen sei, in der Ordnung der egyptischen Angelegenheiten mit den übrigen Mächten gemeinsam vorzugehen. In Bezug auf die afghanische Frage laffen die von Lord Salisbury hierüber abgegebenen Erklärungen lediglich erkennen, daß die begliche Controverse zwischen England und Rußland noch lange nicht abgeschlossen ist und daß ersterer Staat jedenfalls entschlossen ist, seine Interessen an der afghanischen Grenze vollständig zu wahren- Auch die Angelegenheiten Südafrikas sind in London dieser Tage auf's Tapet gebracht worden. Der Colonialminister, Oberst Stanley, hat gegenüber einer Deputation von in Südafrika Jnteressirten sich in beruhigender Werse über die dortige Lage ausgesprochen nnd hierbei zugleich bemerkt, daß die Frage einer Annexion oder der Proclamirung des Protectorats über Zululand dre englische Regierung ernstlich beschäftige.
In Spanien stockt das politische Leben unter dem Einflüsse der Cholera-Epidemie fast gänzlich. Dieselbe hat sich jetzt, so ziemlich über ganz Spanien verbreitet; auch in Madrid, wo sie bisher m sehr müder Werse auftrat, hat die Seuche plötzlich einen bedrohlichen Character angenommen. König Alfonso gedenkt demnächst eine abermalige Rerse nach den am meisten heimgesuchten Orten anzutreten und wird Saragossa als nächstes Reiseziel genannt.


