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09/07/1885 Zweites Blatt
 
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Rr« 156 Zweites Blatt Donnerstag den 9. Juli 1885

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

1885.

unterziehen, werden hier-

Betreffend: Die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Militärdienst im Herbst Bekanntmachung.

Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Herbst 1885 statt find end en rubr. Prüfung zu durch aufgeförbert, ihre deßfallsigen Gesuche um Butafjimg bd OTdbung.bes^äWu^^b^f^ Prüfung

rei* vierteljährlich 2 Mart 20 Pf.

Erscheint ttOttch mit «RSnehme M Durch He Poft bezogen vierteljährlich

Meldende im Großherzoglhu«

stets die nähere Adresse ange-

iem

c.

Großherzogliche Prüfungskommission für einjährig Freiwillige. Der Vorsitzende:

fvi der unterzeichneten Commission einzureichen. ~ , r, c r , , A

hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Specrellen das Folgende bemerkt. < , , ,

$ $ Ij das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüsungs-Cvmmiffion nur dann anzuormgen, wenn der sich Hessen seinen dauernden Aufenthaltsort hat. , .

2) Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr k^folgen.

3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben fein. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn geben wird. , r

Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:

lieber bie anfXrung'enSe an bie zu Prüfenden gestellt werben, gibt die Prüfungs-Orb. (Anl. 2 zur Ersatzes). - L Theil bet Wchr-Orb. rom 1£%rtÄ'SeSn8^»le\T8Älta welchem die Prüfung stattfinbet, erfolgt event. weitere Bekanntmachung-, auf speeielle

Ladung kann nicht gerechnet werden.

Darmstadt, den 24. Juni 1885.

b. EinwilliaüÄÄttest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung Übet dessen Bereitwilligkeit und Fähigkeit, den Freiwilligen mährenb einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten und zu verpflegen. . s

$ Zn diesem Attest^darf die Erklärung des Vaters oder Vormundes, daß er m der Lage fei, den Freiwilligen während des einjährigen Dienstes unterhalten zu können, nicht fehlen, auch muß die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein, ein Undescholtenheitszeugniß, welches von der Polizei-Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde auszustellen ist,

5) Indern¥!u6erbem aXben, in welchen zwei fremden Sprachen (Französisch, Englisch, Lateinisch ober Griechisch) der sich « Jst^bereü/srüher tin Gesuch um Zulassung zur Prüfung eingereichl worben, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheits-

Gros.

Gießen, 8. Juli.

Die Liebe unb Treue eines Volkes für sein Herrscherhaus hat im gewöhnlichen ruhigen Verlause Der Dinge nur feiten Gelegenheit, sich m besonders hervotragenbet Weise zu betätigen. Ihr Vorhandensein läßt sich srersich nichtsdestoweniger aus vielen Anzeichen auch in solchen Zeitläuften heraussuhlen; allein der Stunde der Gefahr und ungewöhnlich tief in das Leben der Nation eingreifenden Ereigniffen blieb es vorbehalten, gleichsam mit einem Zauberschlage vor den Augen aller Welt die volle Stärke und Thatkraft dieser Anhänglichkeit zu offenbaren. Und dazu hat nicht nur das Volk in solchen geschichtlich denk­würdigen Zeiten die günstigste Gelegenheit, sondern auch der Herrscher vermag in ihnen durch die That zu beweisen, daß er sich eins fühlt mit seinem Volke und Freud' und Leid mit ihm theilt, indem derselbe in der Stunde einer schweren Prüfung, eines großen, öffentlichen Unglücks mit seiner Person in die Bresche tritt, um durch sein tapferes Beispiel die Verzagten zu trösten und die Entmuthigten aufzurichten. , ,

Wer erinnerte sich hierbei nicht unwillkürlich des Königs von Italien. Nicht nur das italienische Volk, sondern der ganze Welttheil jubelte diesem Mo­narchen zu, als er, von seinen Ministern begleitet, plötzlich in den Cholera- Spitälern Neapels erschien und dadurch die wahnsinnige Angst der Einwohner- Ichast bannte. Der Heldenmuth König Humbert's richtete den durch das -grenzenlose Elend schon gebrochenen Geist der Bevölkerung wieder auf und das große Sterben" nahm von dem Augenblick des königlichen Besuches sichtlich ab. Und wer wird nicht gern diese grausenhaste, stundenlange Wanderung durch schier endlose Reihen von an der Cholera erkrankten und zumeist sterbenden Patienten dem aus dem Schlachtfelds bewiesenen Heroismus völlig ebenbürtig an die Seite stellen? Dem Könige Italiens trug solche schwere Pflichterfüllung den Namen einesVater des Vaterlandes" ein, sie erhob ihn mit einem Male zu gleich großartiger Popularität, wie der erste Herrscher des geeinigten Italiens, der König Victor Emanuel, sie sich im Herzen seines Volkes zu erwerben ge­wußt hatte. .

Von demselben edlen Ehrgeiz war König Alfons von Spanien erfüllt, und es reift daher in ihm der feste Entschluß, das ruhmvolle Beispiel des Herrschers aus dem Hause Savoyen nachzuahmen. Furchtbar wüthet die verheerende Pest seit Kurzem m verschiedenen Provinzen der Pyrenäen-Halbinsel. War es da nicht die Pflicht des Regenten, sich in der Mitte seines leidenden, schwerbe­drängten Volkes einzufinden? Jetzt oder nie war die günstigste Gelegenheit da, die vom Lande schon einmal verlaffene Dynastie der Burbonen wieder dem Herzen der spanischen Nation nahezubringen, sie mit neuen Wurzeln der Popu­larität zu befestigen. Allein nun bot Madrid der Welt das eigenthümliche Schauspiel, daß sich die Minister aus Gründen der Politik und der leidigen Staatsraison den bestgemeinten Absichten ihres Monarchen widersetzten. Sie erklärten es für die oberste Pflicht eines spanischen Herrschers, zuerst an sein kostbares Leben, sowie an die Erhaltung seiner Dynastie und dann erst an die Nation zu denken.

Der Diaconijsen-Beruf.

q>;ete sind berufen aber Wenige auserwählt!" Es seufzen heutzutage viele

König Alfonso scheint seinen Ministern eingerebet zu haben, baß et in ben Augen bes Volkes nicht als Feigling gelten wolle unb trotz bet Gefährdung seiner Person bie von bet Cholera heimgesuchten Gegenden besuchen werbe. Dataushin gab Canovas seine Entlassung, unb bet spanische Herrscher that um des lieben Friedens willen, als ob er auf seinen Reiseplan verzichtete-

Inzwischen traten auch in Madrid einige vereinzelte Cholerafalle em unb das Ministerium beeilte sich, ben Ausbruch bet Seuche in bet Hauptstadt officieU bekannt zu machen. Allein bie Gewissenhaftigkeit unb bie Ueberzeugung von bet Unumgänglichkeit unb dem Nutzen biefer Maßregel waren habet keines- wegs bie einzigen unb Hauptbeweggründe. Wenn bie Cholera auch in Madrid auftrat bann war ja nach Ansicht biefer Staatsmänner ber Ehre bes Königs genug gethan unb er hatte nicht nöthig, sich durch eine Reife nach ben großen Seuchenherben in persönliche Gefahr zu bringen. Die Mabtiber behaupteten mieberum von ihrem einteiligen unb beschränkten Standpunkte aus, das Mini­sterium habe durch feine osficielle Bekanntmachung Die Stadt muthwilliger Weite geschädigt. Die Lage gestaltete sich ernster, weil der Verkehr zu stocken drohte, der wohlhabendere Theil der Bevölkerung sich zur Flucht rüstete und die Volks- menge in lärmender Weise gegen die mißliebigen Lenker des Staates bem°n@elrabe in diesem äußerst kritischen Augenblicke schritt König Alfonso zur Ausführung seines längst gehegten Planes, der seinem Herzen und Vers ande gleich große Ehre machte. Er durchbrach nämlich alle Schranken der steilen spanischen Etikette, entfernte sich in aller Stille aus seinem Palaste unb begab sich in trüber Morgenstunde nach dem Bahnhofe, wo er w,e ein anderer Sterb­licher ruhig sein Billet löste unb nach Aranjuez fuhr, wo bie Cholera schreckliche Opfer forderte. Als der Premier Canovas von dem entschlossenen und raschen Vorgehen des Königs erfuhr, gerieth er ganz außer sich, aber die Cortes krachen bei der Nachricht von dem schönen und edelmüthigen Zuge Alfonsos in brau- sende Hochrufe auf den König aus, und die Volksmaffen empfingen ihn bei der Rückkehr mit jubelnder Begeisterung. ,

Es ist immer ein erfreuliches Schauspiel, wenn /ln König durch rem menschliche Handlungsweise das Band mit seinem Volke fester knupst. In Spanien zumal, welches so tief zerrüttet, zerklüftet unb^ repub,fan'^en' socialen unb karlistischen Parteien zersressen ist, kann der Trägerber Rtone nicht genug bemüht sein, sich bie Siebe feines unglücklichen, vielgeprüften Landes zu gewinnen. Noch ist ber neu aufgerichtete Thron Alfonsos nicht so gefestet, als daß er der sichersten unb besten aller Stützen, ber Popularität, entbehren könnte, unb Nichts ist mehr geeignet, bas junge Komgthum tiefere Wurzel im Volke finben zu kaffen, als so leuchtenbe Züge tchonster Humanität.,