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6 Donnerstag den 8. Januar 1885

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Pret» vierteljährlich 2 Mark 20 Pf mit Bringerin Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Marl 50 Pt.

Erscheint täglich mit «v-nechme des «sntagl.

V»re««: Schulstraße 7.

bat da» PanzerschiffHmabeut* nach Tripolis bestimmt sei, um fich bort mit dem PanzerDandolo" zu einer Schiffsdiviffon zu vereinigen, die im jonischen und ägäischen Meere kreuzen solle, al» völlig unbegründet.

In den englischen Kolonien Australien» ist die Ausregung wegen der deutschen Annexionen in der Südsee im Wachsen begriffen. Die Entrüstung der Australier richtet sich vorzugsweise gegen die Schwäche und Un> fähigk.it der englischen Colonial-Regterung und wird durch die BesÜrchlung noch mehr genährt, daß do» Beispiel Deutschlands die Franzosen zur Occupatio» der neuen Hebriden veranlassen werde. Mr, Smith, der Generalagent für Victoria, in London, ist autorisirt worden gegen die Anerkennung der deutschen Ansprüche auf einen Theil New Guineas, die Admiralität»,Inseln u. s, w, zu protestirrn.

Politische Uebersicht.

Gießen, 7. Januar,

Da, gleichzeitige Tagen von Reichrtag und preußischem Abgeord- netenhau» wirb stch in den nächsten Wochen nicht vermeiben lassen. Beide Körperschaften haben die unabweisbaie Pflicht, vor bem April den Etat durch, ruberathen Vor Vollendung dieser Arbeit, die noch weit im Rückstände ist, kann an eine längere Vertagung der Reichstages nicht gedacht werden. Man rechnet, baß immerhin noch drei Wochen oder mehr vergehen werden, also der Februar herankommen wird, bi» der Reichrhaurhalt unter Dach ist. Alsdann könn e der Reichstag allerding» bis zum Früh,ahr dem preußischen Abgeordnetenh-wse da« Feld allein Überlaffen, und es erhält sich die Annahme, daß dies geschehen werde Daß die vor einiger Zeit angeordnete schärfere Controlirung und Ahn­dung der dänischen Agitationen in NordschleSwig nach Lage der Umstande ge- rabezu geboten ist, wird fortwährend durch zum Theil recht drastische Beispiele erhärtet. So benutzten in HaderSlcben die Danomanen da» Werhnachtrfest, um durch Ausschmückung der Christbäume mit an» Papier gefertigten Danebrog,- Fahnen au demonstnreri, ja die dänische ZeitungModersmaalet empfahl tiefe »ähnlein»um Schmuck der Weihnachtsbäume", was d,e deutsche Zeitung Mfeblabet" zu der berechtigten Erwiderung veranlaßte, daß den dänischen Agitatoren nicht einmal da» Weihnachtrsest zu heilig sei, dasselbe in dieser Weise iu einer politischen Kundgebung zu benutzen,

Fn den höchsten Verwaltung».Stellen Bayern» gehen nut Neujahr einige wichtige Veränderungen vor sich. Der bisherige Direttor der Kammer ve» Innern bei der oberbayerischen Kreisregierung, v. Braunwart, tritt als Direclor zum obersten Verwaltungs-Gerichtshöfe über und feine ^elle bei der Kreisregierung übernimmt der bisherige Perfonal-Referent und Rath im Ministerium des Innern, v. Kopp. Der Verwaltung-'Gerichtshof besteht erst seit w.nigen Jahren, erhält aber in Herrn v. Braunwart bereit» dm dritten Direclor. Der erste, v. Hutter, wurde ihm durch ,rllhen Tod, sein Rachsolger, Frhr. v. Russin, durch Kränklichkeit und dadurch veranlaßte Ruhe- standSversetzung^entzogen Demission de» Kriegsminister» Campenon da» politische Tage»qespräch. Verschiedene Versionen Über den Rücktritt Cam- venon's sind im Umlauf. Reben den üblichen Gesundheit»,Rücksichten tritt be- sonders die Meinung hervor, Campenon habe sich zurückgezogen, weil er mit der von der Kammer geforderten Politik einer energischen Action in Tongkmg nicht einverstanden sei, welche Ansicht gerade nicht unwahrscheinlich klingt Wenn Campenon ein energischeres Vorgehen der Franzosen in Tongkmg gewollt hatte, so wäre ein solches schon längst erfolgt und durch die Meinungs-Verschiedenheiten zwilchen Campenon und Ferry hierüber erklärt sich die bisherige, zögernde und schwankende KriegSführung Frankreichs in Ostasten. Au Stelle Campenon S ist der DivistonS'General Lewal zum Kriegsminister ernannt worden- Gleichzeitig mit seinem Chcs demisstonirte auch der bisherige Unterstaatssecretär im Kriegs­ministerium, Pvrier, über dessen Nachfolger jedoch noch nichts bekannt ist. Als ein günstiges Omen für den neuen französischen Kriegsminister mag es be­trachtet werden, daß gerade jetzt wieder Siegesnachrichten aus Tongkmg einge­troffen sind. t x

Auf das Verhältniß zwischen Deutschland und Italien werfen die Ausweisung des Correspondenten desDiritto", also eines hoch- ojficiösen Organs des römischen CabinetS aus Berlin, wie auch der Umstand, daß Genua allem Anschein nach Triest gegenüber den Kürzeren bei der Bewer­bung um den Ausgangspunkt für die deutschen Dampserlinien nach Ostasien und Australien gezogen hat, ein gerade nicht allzusreundliches Licht. Die Aus­weisung des Herrn Cirmeni, so heißt der betr. Correspondent, soll erfolgt fein, weil derselbe angeblich' gehässige Artikel imDiritto" gegen Deutschland ver- öffentlicht hat; freilich erklärt Herr Cirmeni, daß diese Artikel nicht von ihm herrührten. Jedenfalls ist die Ausweisung des Herrn Cirmeni in Anbetracht seiner Stellung als Berichterstatter eines italienischen Regierungsblattes für die augenblicklichen Beziehungen zwischen den Cabineten von Berlin und Rom von nicht zu unterschätzender Bedeutung und die Vermuthung erscheint daher nicht unberechtigt, daß im vorliegenden Falle ein diplomatischer Zweck mit im Spiele ist. Was weiter die Nachricht anbelangt, daß Triest gegenüber Genua zum Ausgangspunkte der deutschen subventionirten Dampferlinien nach Ostasien und Australien gewählt worden sei, so liegt hierüber allerdings noch keine Bestäti­gung vor. Sollte dieselbe aber erfolgen, so dürste jedenfalls die deutsche Ent­scheidung für Triest und gegen Genua nicht unbeeinflußt von politischen Erwä­gungen geblieben fein. Hoffentlich wird aber hieidurch das seitherige gute Einvernehmen zwischen Deutschland und Italien keine dauernde Trübung erfahren. .

Die Annahme, daß die italienische Congo-Expedition unter Kapitän Cecchi auch politische Zwecke verfolge, wird durch das entschiedene Dementi, welches dieAgenzia Stesani" einer betr. Notiz desEsercito" zu Theil werden läßt, widerlegt. Das genannte osficiöse Organ erklärt, Cecchi habe einfach eine Handelsinspection vorzunehmen und zu diesem Behuse den Congo und dessen Nebenflüsse zu befahren. Bezüglich der weiteren Mel­dung desEsercito", daß in Spezzia eine Landungs-Compagnie gebildet werde, deren Bestimmung unbekannt sei, schreibt dieAgenzia Stesani", daß es sich einfach um die Erhöhung der Mannschaften des StationsschiffesDedetta" in Assab handle. Endlich bezeichnet das letztere Blatt die Nachricht derRiforma",

Darmstadt, 6. Januar. Das Großherzogl. Regierungsblatt Nr. 2 enthält:

1. Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, betr. die Ausführung der Uebereinkunft zwischen Deutschland und Italien über den Schutz an Werken der Literatur und Kunst.

2. Bekanntmachung desselben Ministeriums, betr. die Amtstitel der Ge­richtsschreiber bei dem Großh. Oberlandesgerichte und den Großh. Land- ^"^Nachdem des Grobherzogs Äönigl. Hoheit durch Allerhöchste Entschließung vom heutigen Tage Allergnädigst zu bestimmen geruht haben, daß die Gerichts­schreiber bei dem Großh. Oberlandesgericht und bei den Großh. Landgerichten, soweit ihnen nicht ein höherer Titel ertheilt ist, inskünftig die AmtStitelOber* landesgerichtS-Secretär", bezw.Laudgerichts-Secretär" zu führen haben, so wird solches hierdurch zur Nachachtung bekannt gemacht.

Grünberg. Auf daS unttrm 26. Decewber von den h csigen Nattonallideratrn ap den Re,chSkauzler Fürsten v. BtSmarck abgcsavdte Telegramm ist folgendes Ant- p o ,,dyygt^*tI|l5e6t9ietd)etO68Detum6 vorn 15 d. M find mir anS allen TheUea deS Reichs so zahlreiche Kundgebungen zugegavgen, daß Ich außer Stande bin, eine lebe ^"^^^Dem^MchtrauenSvotum^weichcS die Mehrheit deS Reichstag« durch Ablehnung dirnstlich unentbehrlicher Mittel mir ertheilt hat. stehen zahlreiche Beweise de« Ber- irauenS gegenüber, mit welchem da« Deutsche Volk die von mir vertretene auswärtige Politik Seiner Majestät deS Kaiser« zu unterstützen bereit ist. In den Kundgebungen der im Volke lebenden nationalen Gesinnung finde ich die Ermuthigung, auch bet ab- nehmenden Kosten auSzuharren im Kampfe gegen die Parteien, deren Unverträglich- fett unter einander und deren Einmüthigkeit im Widerstande gegen jede staatliche Leitung die Entwickelung deS Reiche« hemmen und unsere mit schweren Opfern von der Nation erkämpfte Einheit gefährden. - r. a .kr

«Ile Diejenigen, welche mir in der gegenwärtigen Phase diese« Kampfes ihr Einverständnitz kundgegebeu und ihren Beistand zugesagt habe, bitte meinen verbind­lichsten Dank auf diesem Wege entgegennehmeo zu wollen. ___

v BiSmar cr.

Berlin, 5. Januar. Unter ben Mitgliedern der Congo Conserenz be- sprach man heute auch die Bestrebungen, bem künftigen Congostaat eine monar­chische Spitze ju geben, und stand nicht an, diese Pläne al» wenig aussichtsvoll darzustellen. Immerhin ist es bezeichnend, daß Frankreich und Nordamerika von solchen Plänen durchaus nichts wissen wollen, während anderseits Deutsch­land der Sache bis jetzt durchaus theilnahmlos gegenübersteht. Jedenfalls lag eine solche Wendung bisher völlig außerhalb aller Berechnungen der deutschen Politik in der Congosrage und man ist in diplomatischen Kreisen der festen Ueberzeugung, daß Fürst Bismarck einer solchen Frage wegen die Uebereinstim- mung der Conferenzmächte entschieden nicht aus's Spiel stellen wird.

Ein Bittgesuch des Comitös in Alexandria wegen der Entschädigung der bei dem dortigen Bombardement Heimgesuchten an die Congo-Conferenz ist als mit derselben nicht in Zusammenhang stehend zurückgewiesen worden^ In­zwischen hat man aber von hier aus Anlaß genommen, die Bittsteller wissen zu lassen, daß die Entschädigungsfrage von den europäischen Mächten lebhaft betrie­ben werde und daß Alles geschehe, um dieselbe einer baldigen Erledigung ent* gegenzusühren. Deutschland und Oesterreich haben seit längerer Zeit in dieser Richtung Vereinbarungen getroffen und den übrigen Mächten Vorschläge unter* breitet, welche augenblicklich ben Gegenstand bet Verhandlung bilden.

Die Fraclions-Vorstänbe im Reichstage haben an die Mitglieder die dringende Aufforderung gerichtet, sich sofort mit dem Wiederbeginn der Anetten im Reichstage möglichst vollzählig einzufinden, und hierbei aus die wichtigen Verhandlungen in der nächsten Zeit hingewiesen. Schon die entejsifcung am

8. Januar wird den Nachtrags-Etat (Beschaffung eines Dampfschiffes für den künftigen Gouverneur von Kamerun) auf der Tagesordnung finden. Balo darauf erfolgen die ersten Lesungen über das Postsparkassengesetz und über bie Ausdehnung der Unfallversicherung auf Transportgewerbe, sowie °uf landwirth. schaftliche und Forstbetriebe, welche Vorlagen fämmtlich an noch zu bildende be- sondere Commissionen gehen sollen.

- Die Besserung in dem Befinden des Staatssecretar» im auswärtigen Amte, Grasen Hatzseldt, schreitet zwar fort, jedoch nicht in dem Maße, um al», bald eine Fortführung seiner Geschäfte erwarten zu lasse«. C« heißt, der Gra werde zu seiner Erholung, sobald er reisefähig sei, sichuu feiner gamihe bege­ben, welche sich auf seinem Gute in der Nähe von Koblenz befindet.

- In der heutigen Commissions-Sitzung der Congo-Conferenz wurde der Declarations-Entwurf, betr. den Sclavenhandel, festgestellt der heute den Mit- gliedern der Conferenz überreicht werden wird. In demselben(verpflichtensich die Mächte, welche im Congobecken Hoheitsrechte oder emen Einfluß ausüben,