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Nr. 283 Mittwoch den 7. October ISS»

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Dunen« : Schul st raße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme be-5 Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pt.

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Politische Ueberfkcht.

Gießen, 6. October.

Die osficielle Bekanntgebung des Termins für die preu&i* jdien Landtagswahlen ist nunmehr erfolgt, welche die schon früher gebrachte Nachricht, daß die Urwahlen am 29. Octoder, die der Abgeordneten selbst am 5. November vor sich gehen sollen, bestätigt. Es liegen also wenig mehr al» drei Wochen zwischen heute und dem Tage der Urwahlen, welche die eigentliche Entscheidung geben und dieser knapp bemessene Zwischenraum wird von den Parteien nach besten Kräften ausgenützt werden müssen. Was den Ausgang der Landtagswahl'Campagne anbelangt, so dürsten hiervon keine einschneidenden Ver­änderungen in dem bisherigen Besitzstände der einzelnen Parteien im preußischen Abgeordnetenhause zu erwarten sein. Wenngleich das Centrum keine große Aus­sicht hat, seinen Besitzstand zu vermehren, so ist doch anderseits sein bisheriger Besitzstand ein so fester, daß nur äußerst wenige Mandate der Centrumspartei -als zweifelhafte zu betrachten sind. Auch die conservative Partei kann den Wahlen mit ziemlicher Ruhe entgegensehen, denn sie hätte für eine Anzahl von Wahlkreisen nur dann zu fürchten, wenn sich die Deutsch-Freisinnigen und die Nattonalliberalen verbunden hätten. Letzteres ist aber nur in vereinzelten Wahl­kreisen geschehen, meist opertren beide liberale Parteien für sich gesondert, ja, in Schleswig stehen sie sich sogar entschieden gegenüber, da hier Nationalliberale und Conservative Zusammengehen. Die Polen werden möglicher Weise einen oder zwei Wahlkreise an die vereinigten Liberalen und Conservativen verlieren. Im Allgemeinen dürste der Ausgang der Wahlen die Behauptung bekräftigen, daß sie im Abgeordnetenhause eine kleine Verstärkung des conservativen Elements ans Kosten des liberalen bringen werden.

Eines der bedeutungsvollsten Gesetze, welches aus den Be- rathungen der letzten Reichstags-Session gereist hervorgegangen ist, das Unfall- versichcrungS'Gesetz, ist bekanntlich am 1. October in seinem vollen Umfang in Kraft getreten. Wenn wir dieses Gesetzgereist" nennen, so wollen wir hier­mit nicht gerade die Meinung 'aussprechen, als ob dasselbe keine erkennbaren Mängel an sich hätte. Aber gegenüber den ebenfalls die Unfallversicherung der Arbeiter betreffenden Vvrlggen früherer Reichstags-Sessionen hat das vom Reichstage in seiner letzten Session mit nicht unbedeutender Majorität gutge- heißene Gesetz doch gewaltige Fortschritte gegenüber den früheren Entwürfen auszuweisen und braucht man hierbei blos die Einbeziehung der in der Forst- und Lanowirthschast, in den Transport-Gewerben u. s. w. beschäftigten Arbeiter unter die Wirkungen des Gesetzes zu ermähnen. Es steht sicherlich zu erwarten, kaß die dem Gesetze noch anhaftenden Mängel noch beseitigt werden, wenn man nur erst Gelegenheit gehabt haben wird, die praktische Wirkung desselben eine Zeit lang zu beobachten. Auf alle Fälle hat nunmehr eine große humane, arbeitersreundliche Reform ihre Uebertragung und Anwendung auf das praktische Leben gesunden und darf man nur hoffen und wünschen, daß die Unfallversiche­rung endlich auf derjenigen Seite, wo man alle Ursache hat, diese so wohl- thätige Institution mit Freuden zu begrüßen, nämlich aus Seiten der Arbeiter selbst, die ihr gebührende Anerkennung finden möge.

Den Untergang der Kreuzer-KorvetteAugusta" mit ihrer gesammten Besatzung muß man nunmehr als eine leider feststehende Thatsache betrachten. Eine osficielle Bekanntmachung imReichs-Anz.", welche vom Chef Wer Admiralität ausgeht, macht auch den letzten Hoffnungen, daß dieAugusta" -noch existiren könne, ein entschiedenes Ende. Alle Nachfragen nach dem Schiffe, die von der Reichsregierung angestellt worden sind, haben sich als vergeblich erwiesen, auch die Erwartung, dieAugusta" werde aus irgend einer Insel des .Stillen oder des Indischen Oceans etwaige Beschädigungen ausbeflern, hat sich nicht erfüllt. Endlich ist sie auch nicht in Albany in Australien, wohin die Korvette die Ersatzmannschasten für die australische Station bringen sollte, einge­troffen, obwohl vier volle Monate vergangen sind, seit das Schiff Perim am Rothen Meere verlassen hat und in dieser Zeit hätte seine Ankunft in Albany bestimmt erfolgen müssen, selbst wenn das Schiff nur auf seine Segel angewiesen gewesen, märe. Man muß also mit Gewißheit annehmen, daß dieAugusta" dem furchtbaren Cyclon, welcher in der Nacht vom 1. zum 2. Juni im Golf von Aden wüthete, zum Opfer gefallen ist. Mit ihr ruhen die 223 braven Männer, welche die Besatzung des Schiffes bildeten, auf dem Grunde des Meeres unv es bleibt dem Vaterlande nur die Ehrenpflicht übrig, für die Hinterbliebenen der in ihrem Berufe verunglückten Seeleute zu sorgen. Es ist anzunehmen, daß dem Reichstage in seiner nächsten Session eine bezügliche Vorlage zugehen wird, -aber immerhin ist zu wünschen, daß die Regierung in diesem Liebeswerke von der privaten Mildthätigkeit unterstützt wird. Mit Genugthuung kann die Mit- Iheilung verzeichnet werden, daß sich in Berlin unter dem Vorsitze des Ober- Bürgermeisters ein Comito aus Reichstags-Abgeordneten, Fabrikanten, Kauf­leuten und Bankiers gebildet hat, um einen Fonds zur Unterstützung der Hinterbliebenen derAugusta" anzusammeln.

Der zum türkischen Botschafter in Berlin an Stelle Said Pascha's designirte türkische Botschafter in Paris, Essad Pascha, verbleibt auf sein Gesuch auf seinem bisherigen Posten. Einstweilen ist oer Botschaftsrath Ohan Effendi zum Geschäftsträger der türkischen Botschaft in Berlin ernannt worden.

In voriger Woche hat neben Herrn v. Giers auch der rumä­nische Ministerpräsident, Herr Bratianu, in Friedrichsruhe beim Fürsten Bis­marck vorgesprochen. Hier traf Bratianu am Samstag ein, kehrte aber noch

an demselben Tage über Wien nach Bukarest zurück. Der Besuch des rumäni­schen Staatsmannes in Friedrichsruhe hängt natürlich gleichfalls mit den ostrumelischen Ereignissen zusammen, doch dürfte er lediglich informatorischer Natur gewesen sein, gerade so, wie der Besuch Bratianu's in Wien und wird der rumänische Ministerpräsident dort wie hier namentlich Versicherungen be­züglicherer loyalen Haltung Rumäniens überbracht haben. Dagegen wird die UntdrreVung des Reichskanzlers mit Herrn v. Giers von entschiedener Bedeutung für big Weiterentwickelung der diplomatischen Action auf der Balkan-Halbinsel gewesen sein. Daß die Bulgaren von derselben nicht allzuviel zu hoffen haben, kann man aus dem Umstande schließen, daß die nach Kopenhagen zum Kaiser von Rußland entsandte bulgarische Specialmission die dänische Hauptstadt wieder verlassen hat; immerhin ist es nicht unmöglich, daß die Ereignisse mit bestimmend auf die um den grünen Tisch in Konstantinopel ver­sammelten Diplomaten mit einwirken werden, zumal da die Rüstungen in Griechenland und Serbien ihren ungestörten Fortgang nehmen. Die in Griechenland herrschende Erregung hat sich auch nach der Insel Kr'to, wo viele Griechen wohnen, verpflanzt und laut fordert man daselbst die Ver­einigung der Insel mit Griechenland, falls es gestattet werde, daß Bulgarien und Ost-Rumelien zusammen bleiben. Von den Serben befürchtet man jeden Tag den Vormarsch aus türkisches Gebiet, nach Alt-Serbien, da fast die ganze serbische Armee in und um Risch (Niffa) concentrirt ist. Am Freitag Vormittag hat in Nisch die feierliche Eröffnung der Skupschtina mittelst einer Thronrede stattgesunden. Dieselbe besagt ungefähr Folgendes: In dem gegenwärtigen ernsten Momente, wo das Gleichgewicht der Balkan-Halbinsel erschüttert ist, müsse Serbien auf der Hut sein. Serbien wünsche auch heute den Frieden zu weiterer Cvlturarbeit, es müsse aber seine vitalsten Zukunfts-Interessen sichern. Der König fei bemüht, den stalus quo ante zu erhalten, oder das nochwendige Gleichgewicht zur Wahrung der Interessen der verschiedenen Balkan-Nationen ermöglichen. Die Skupschtina wählte sodann eine Commission von 21 Mit­gliedern, um die vom Kriegsminister und dem Finanzminister eingebrachten Ge­setzentwürfe vorzuberathen.

Däs neue österreichische Abgeordnetenhaus hat sich mit der am Freitag vorgenommenen Wahl des Bureaus constituirt. Die Präsidenten­wahl erfolgte verhältnißmäßig glatt, da sich die einzelnen Fraktionen hierüber schon vorher verständigt hatten. Zum Präsidenten wurde der Pole Dr. Smolka mit 292 von 325 Stimmen wiedergewählt, zum ersten Vicepräsidenten wählte man mit 181 von 322 Stimmen Richard Clammartinitz, von der feudalen Gruppe, und zum zweiten Vicepräsidenten Ritter v. Chlumetzky (deutsch-österrei- chischer Club) mit 228 von 283 Stimmen. Zahlreiche Jnitiativ-Anträge und Interpellationen sind eingebracht worden und werden die Session voraussichtlich zu einer sehr bewegten gestalten. Unter den letzteren befindet sich eine vom Polenclub gestellte Interpellation wegen der Ausweisung österreichischer Unter- thanen aus Preußen und darf man auf die Antwort des Grafen Taaffe ge­spannt sein- Die Delegationen sind auf den 22. d. Mts. nach Wien einberufen.

Der preußische Gesandte beim Vatikan, Herr v. Schlözer, ist nach Ablauf feines Urlaubs wieder auf feinen Posten zurückgekehrt und als­bald vom Papste empfangen worden. Herr v. Schlözer hat hierbei, nach einer Meldung derGermania", dem Papst einen Brief des Kaisers mit dem An­träge übergeben, in der Karolinenfrage das Vermittleramt zu übernehmen.Bisher haben nur Verhandlungen" meldet das genannte Blatt weiterzwischen den betheiligten Regierungen und dem Vatikan stattgefunden. Jetzt ist der An­trag auf Uebernahme der Vermittelung an den Papst officiell gestellt worden.

Die egyptische Frage ist durch den ostrumelischen Ausstand ganz in» Hintertreffen gerathen. Vielleicht wird sie aber in nächster Zeit das Interesse Europas wieder mehr erregen. Einentheils rüstet sich Sir Drummond Wolff, nachdem er eingesehen, daß er in Konstantinopel nichts Besonderes erreichen kann, zur Weiterreise nach Egypten, um hier seine eigentliche Mission auszunehmen. Andernlheils muß demnächst das abyssinische Ersatz-Corps vor Kaffala eintreffen und wird es vielleicht alsdann zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen den Abyssiniern und den Sudan-Rebellen kommen.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Eorrespondenz - Bureau.

Berlin, 5. October. Die Drechsler und Berufsgenossen beschlossen in allen Werkstätten einen Minimallohn von 18 JL bei lOstündiger Maximalarbeitszeit ab 8. October zu fordern, und wo diese Forderungen nicht bewilligt würden, vom 12. October ab die Arbeit einzustellen. t

Prag, 5. October.Narodui Listy" melden: In den Lokalitäten der bohmqchen Beseda zu Dux fand eine Dynamit-Explosion statt. Zahlreiche Fensterscheiben wurden zertrümmert, Personen nicht verletzt. Die Urheber der Explosion sind noch nicht ermittelt.

Kopenhagen, 5. October. Der Reichstag ist vom Eonscilprandenten im Saale der Universität eröffnet worden. Die Linke war nicht erschienen: das auf den König ausgebrachte Hoch wurde enthusiastisch aufgenomnlen. Die bulgarische Deputation wohnte der Eröffnung bei. Das Folkething wählte Berg wieder zum Präsidenten. Der Finanzminister wird morgen das Budget für 1886/87 vorlegen. Das Landsthing wählte das frühere Präsidium wieder.

Paris, 5. October. Definitive Wahlresultate sind bisher aus 49 Departements bekannt. Darnach gewinnen die Conservativen 36 Sitze und verlieren 4; bisber flieht es 116 Stichwahlen in 25 Departements. In Eure finden 2 Stichwahlen statt; dort, erhielt der Herzog v. Broglie 42,000 Stimmen gegen Dcvelle (41,000 St.).