Nr. S Mittwoch den 7. Januar 188 S
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. .
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Politische Uebersicht
Gießen, 5. Januar.
Die Neujahrs-Empfänge an den europäischen Höfen haben diesmal in politischer Beziehung nichts besonders BemerkenSwertheS zu Tage gefördert. Am Berliner Hofe vollzog sich der Neujahrs-Empfang in der üblichen Weise; der Kaiser, welcher die Gratulation».Cour in bestem Wohlsein abhielt, hielt nur kurze Ansprachen und trugen seine Aeußerungen einen durchaus friedlichen Charakter. — Der ungarische Ministerpräsident, Herr Tisza, betonte beim Empfange der Gratulations-Deputation der liberalen Partei, daß dieselbe an den Principien der früheren liberalen Partei sesthalte und die Kräftigung de» ungarischen Staatswesens, die Erhebung desselben aus die höhere Stufe, aus welcher sich die andern europäischen Culturstaaten befänden,, sowie die Fortentwickelung der liberalen Richtung al» ihre Ausgabe betrachte. Das Ergebniß der jüngst stattgehabten Wahlen mache es zur Pflicht, unbedingt jene Fahne hochzuhalten, unter welcher die verschiedenen Klassen der Bevölkerung zu einer Nation geworden seien und nicht zu gestatten, daß die einheitliche Nation in verschiedene Kasten zerfalle. Zum Schluß erklärte Tisza noch, daß er an den Grundprincipien der Oberhaus-Resorm unbedingt sesthalte. Der Präsident der französischen Republik, Herr Gr6oy, wie» beim Empfange de» diplomatischen Corps auf die freundschaftlichen Beziehungen hin, in denen Frankreich zu allen Mächten stehe und die e» hauptsächlich den Botschaftern und Gesandten der fremden Mächte zu verdanken habe.
Da» dem Fürsten Bismarck von verschiedenen Seiten gemachte patriotische Anerbieten, ihm au» Privathänden die für die neue Directorstelle im auswärtigen Amte geforderten Mittel zur Verfügung zu stellen, ist von demselben dankend abgelehnt worden.
Herr Lüderitz ist in voriger Woche, von Afrika kommend, in Berlin eingetroffen und dürste mittlerweile den Reichskanzler in Stand gesetzt haben, sich über die deutschen Unternehmungen in Südafrika und speciell über die Angelegenheit der Santa-Lucia-Bucht ein Uriheil zu bilden. E» steht alsdann wohl auch eine energische diplomatische Action zu erwarten, doch ehe dieselbe zu einem Resultat gelangt ist, wird in der Oeffentlichkeit schwerlich etwas Weiteres über die deutsch - englischen Verhandlungen in diesem Betreff verlauten. Man darf aber heute bereit» der Erwartung leben, daß es nicht wieder 8 Monate dauern werde, bi» England zu der Einsicht kommt, daß der Versuch seiner südafrikanischen Organe, die englische Souverainetät über ein im deutschen Besitze befindliches Territorium zu proklamiren, als ein rechtswidriges abzuweisen fei Der Verzicht aus Santa Lucia wird den Engländern allerdings schwer genug fallen, denn die genannte Bucht bildet den natürlichen Hasen für Zulutand und ist handelspolitisch von großer Wichtigkeit, da sie mit dem See- und Flußsystem, welche» in ihr mündet, eine der besten Verbindungen der Transvaal-Republik und des Oranje-Freistaates mit der Außenwelt darstellt. Nachdem nun aber bekannt geworden ist, daß sich die Santa - Lucia - Bai schon seit vorigem November im rechtmäßigen Besitz der Firma Lüderitz befindet, während die Aushiffung der englischen Fahne erst im December erfolgte, wird man englischerseits wohl kaum dabei verharren, das betr. Gebiet auch ferner für sich zu reclamiren.
Die asrikanische Cenferenz wird im Lause dieser Woche ihre Arbeiten wieder ausnehmen. Die erste Commissionssitzung zur Berathung der in der letzten Plenarsitzung vom 22. December an die Commission überwiesenen Fragen wurde aus Montag den 5. Januar anberaumt.
Nachdem nunmehr in Frankreich die Kammersession geschloffen worben ist, wird da» Cabinet Ferry die Lösung der ostasiatischen Frage ohne Zweifel mit verdoppelter Energie in die Hand nehmen. Dasselbe hat bereits vier Privatdampser zum Truppentransport nach Tongking gemiethet, zugleich ist dem Marineminister die telegraphische Meldung von dem Eintreffen des großen Transportdampfers „Bien-Hoa" in Saigun zugegangen. Immerhin erscheint es aber besremdlich, daß man noch immer nichts von der Ankunft der schon im vorigen November von Algier nach Tongking abgesandten Verstärkungen an ihrem Bestimmungsorte vernimmt und es werden daher in sranzösi- schen Blättern Besorgnisse laut, daß die betr. Schiffe vielleicht von chinesischen Kreuzern genommen worden seien, welche Besorgnisse der osficiöse „Temps" srellich zu zerstreuen sucht. Dagegen sind der „Times" Mitthellungen aus Hongkong zugegangen, denen zusolge die chinesische Flotte, welche nach Korea bestimmt war, von französischen Kreuzern genommen worden fein soll.
Die Agitation, welche von einem Theile der australischen Colonien gegen die deutschen Gebiets - Erwerbungen in der Südsee in Scene gesetzt worden ist, kommt dem Londoner Cabinet gerade nicht sehr gelegen. Es muß sich von den Australiern sagen lassen, daß seine Politik der Unthätigkeit, durch welche Deutschland in den Besitz der betr. Territorien gelangt ist, in Australien gar böses Blut mache und daß man es dort übel vermerke, daß sich in der australischen Inselwelt fremde Machteinflüffe immer mehr geltend machten. Uebrigens erscheint es bemerkenswcrth, daß es die Regierungen von Südaustralien und Neusüdwales vorläufig abgelehnt haben, sich an der von Victoria, Queensland und Tasmania beabsichtigten Protestaction gegen die deutschen Annexionen in der Südsee zu betheiligen. Dieser Umstand wird in englischen Blättern dahin erklärt, daß in Südaustralien viele reiche und angesehene Deutsche lebten, aus welche die Regierung Rücksicht nehmen müsse und Neusüdwales sei, obwohl ein heftiger Gegner der deutschen Besitz-Ergreifungen, eifersüchtig auf
das nach einer leitenden Stellung strebende Victoria und lehne es daher ab dessen Führung zu folgen.
Die erschütternden Elementar-Ereignisse, von denen da» südliche Spanien noch in den letzten Tagen des alten Jahres heimgesucht worden ist, haben leider auch im neuen Jahre ihre Fortsetzung gesunden. Eine Madrider Depesche meldet, daß am Donnerstag in der schon schwer heimgesuchten Stadt Torrox (Provinz Malaga) wiederum ein Erdbeben stattgesund-n hat, wobei ein heftige» unterirdische» Nollen gehört wurde. In Albunuela» (Provinz Granada) spaltete sich der Erdboden und die Kirche versank bi» zur Spitze bet Thurme«; Menschen und Vieh versanken in den Erdrissen. Dem gegenüber dürste die Zahl von 2000 Menschen, welche nach neuerlichen Schätzungen bei dem Erdbeben in Südspanien umgekommen sein sollen, noch zu niedrig gegriffen sein; allein in dem eben erwähnten Städtchen Albunuelas, welches 1900 Einwohner zählt, sind gegen 1000 Personen getödtet worden. E» wird eine» energischen Eingreifen» der Regierung bedürfen, ehe die unglücklichen Provinzen nur in etwa» die Folgen dieser Katastrophe überwunden haben werden und tritt unter diesen Umständen die Politik jenseits der Pyrenäen einstweilen vor den dringenderen Pflichten der Hülseleistung und Wieberaufrichtung der betroffenen Provinz-Bevölkerungen zurück.
Langsam, aber stetig, dringt die zum Entsätze Khartums abgesandte englische Expedition vor und wahrscheinlich wird der englische Voitrab noch im Januar vor der „Mausefalle" Gordon'» eintreffen. Die Hauptfrage ist nur, ob der tapfere General sich bis zum Eintreffen der ersehnten Hülse wird halten können; eine jüngst von Gordon eingetroffene Notiz läßt hierüber aber keinen Zweifel. Derselbe hat dem General Wolseley einen Zettel mit der lacomschen Bemerkung zukommen lassen: „Khartum all right. C. Gordon, 14. December." E» steht also Alles wohl in Khartum und berechtigt diese» Lebenszeichen Gor- tzon's zu der Erwartung, daß die englische Expedition noch zur rechten Zeit in Khartum eintreffen werde.
Darmstadt, 3. Januar. (Zum neuen GemeindeumlagenGesetz j Scho» bet ben langwierigen Berathungen der Factoren brr hessischen Gesetzgebung Über bte neue Ettrkvmmenftruer stellte bte Regierung einen Gesetzentwurf über bte anderweitige Re- flultrung der Communalsteuer in Aussicht. Derselbe ist in ben letzten Tagen bt8 December eingelaufen und beantragt u. a. die Befreiung der Actien-Gesellschaften und Commanbit Gesellschaften auf Actien von berjenigen Communalsteuer, welche sich au» der Einkommensteuer berechnen würbe. Wenn schon bte Heranziehung der Aetten- Gesellschaften, welche kein Einkommen im gesetzlichen Sinne hoben, sondern nur ein solches für ben Actionär probudren und diesem zum Consumiren abgeben, ein Experiment ist, welches bis jetzt kein anderer deutscher Staat gemocht und Preußen sofort abgelehnt hat, so würde die Veranschlagung des EtnkommensteuerertrSgnisseS zur Communalsteuer umsomehr ein Absurdum sein, als dem Begriff Steuer doch auch eine Leistung gegknüberstehen muß. Eine juristische Person nimmt aber die Leistungen de» Staate«, wie auch diejenigen der Gemeinde in der Regel gar nicht in Anspruch. Sie existüt nur in der Idee und bedarf deßhalb weder der Schule und Kirche, noch der sonstigen auf die personelle Sicherheit und Wohlfahrt gerichtete Organe. ES ist deßhalb wohl anzunehmen, daß die Vorlage der Regierung nach dieser Seite allgemein angenommen wird.
Berlin. Eine bemerkenswerthe Adresse an den Reichskanzler Fürsten Bismarck haben 230 deutsche Retchsangehörtge in Riga beschlossen und abgefandt. Die- selbe lautet:
,Ew. Durchlaucht! Beim hiesigen Generalconsolat wird ein Schreiben aufbewahrt, welches Ew. Durchlaucht am 3. November 1860 aus Petersburg nach Riga schrieben. Fünf arme deutsche Bergleute, von Ew- Durchlaucht mtt dem nöthigen Reisegeld versorgt, sollten über R'ga nach Hause. AIS preußischer Gesandter schrieben Ew. Durchlaucht ausführlich eigenhändig hierher, wann jene Leute hier eintreffm müßten, daß Consulat unb deutsche Colonie sich ihrer annehmen möchten, und wie und wo man nach ihnen forschen möge, träfen sie nicht pünktlich ein, denn keinenfallS sollten dieselben auf der langen Landreise im fremden Lande hüif- und schutzlos bleiben. Mit solcher Umsicht nahmen Ew. Durchlaucht alS Gesandter sich armer Landsleute an. Damals war Preußen klein, die letzte Großmacht, und wer von Deutschland sprach, dem antwortete man hi-r: ,WaS ist Deutschland? Wir kennen es nicht. Sind Sie auS Bayern, Hoffen, Preußen ober Anhalt? Ein Deutschland gibt c8 nicht.« In Deutschland weiß man'daS nicht mehr — auch politisches Wohlleben läßt schlimme Tage schnell vergessen. UnS aber kltngt'S noch deutlich tn ben Ohren und noch zuckt das „Wir kennen Deutschland nicht" um manches Fremden Lippe, nur baß er'S nicht mehr auszusprechen wagt; zu strahlend flammt seit jenem 18. Januar 1871 ber Name „Deutschland- auf den Tafeln ber Geschichte, als baß noch Jemand blinzelnd stch an ihm vorheischleichev könne. O, große Zett, die wir im Felde theilS, thetl« tn brr Heimath miterlebt, wie stolz hat sie unS gemacht, Deutsche zu sein! Wie schmolz in ihr Ew. Durchlaucht Name mtt dem deS theuren großen Vaterlandes so zusammen, daß wir bte Heimath nicht mehr nennen formten, ohne Ew. Durchlaucht in Bewunder- rung und Danfbarkeit zu gedenfenl Entschlossen, rastlos haben Sie seitdem deS Vaterlandes Ansehen und seine innere Wohlfahrt Zoll um Zoll gehoben. Durch die Erfolge unbeirrt, Körperletden und den Jahren trotzend, arbeiteten Sie, auf Gott und Recht vertrauend, an Deutschlands und oer Deutschen Wohl, tn pfUcbttreuer Hingabe an Kaiser unb Vaterland jedem Deutschen ein l-uchtend-Ä Vorbild. Wenn während dieser langen FrledenSarbeit Ihre schlichte Größe dem Verständnisse eines Thetls der Nation entwuchs, einem andern die Begeisterung erlahmte und Sie nm, zu oft in Kämpfen mit Vertretern des eigenen VolfeS die Blüthen der Vaterlandsliebe und -Treue retten mußten vor dem Überwuchern durch kurzsichtige, kleinliche Selbstsucht und bewußte Feindseligkeit - wir Deutsche im Auslande haben Immer treu zu Ihnen gestanden und Ihrer nie anders alS in dankbarer Verehrung gedacht. Die Weisheit und Größe Ihrer Politik erschloß sogar den mittleren unb unteren Schichten fremder Völker bas Verständniß unb zwang die Widerwilligen mit unerbittlicher Logik, Ihres NamenS Glanz zu bewundern und Deutschland zu preisen ob der großen Zett, die eS unter und Dank Ihrer Leitung durchlebt. Heute dürfen wir tn freud gem Sto ze, Deutsche m sein unter ßaupt da erheben, wo man — noch ist es rem halbes Menschen- rÄ’- ”ÄruS?g auf deutsche Kat-onaltttt belSchette, und aus der Erd. weiter Runde fühlt heute der Deutsche sich geachtet und geschätzt, weil Ihre-und Ihre» Auswärtigen Amtes umsichtige Fürsorge ihn so bewahrt, wie Sie vor Jahrm dieS mit den armen hülslosen Landsleuten geihan. Da kam daS Votum vom 15. De-


