Italien.
Rom, 3. October. In der Provinz Palermo kamen gestern 196 Cholera- Erkrankungen und 99 Cholera-Todesfälle vor, davon entfallen auf die Stadt Palermo 150 Erkrankungen und 75 Todesfälle. In der Provinz Ferrara betrug die Zahl der Cholera-Erkrankungen 3, diejenige Der Cholera-Todessälle 4, in der Provinz Parma kamen 5 Erkrankungen und 3 Todesfälle, in der Provinz Rovigo eine Erkrankung, in der Provinz Trapani 9 Erkrankungen und 3 Todesfälle vor.
Kriechenlano.
Athen, 3. October. Die Kammer wurde zur Berathung dringender, in Folge der Umstände nothwendiger Vorlagen auf den 23. d. Mts. einberufen. Die Gesandten Oesterreichs, Englands und Rußlands conferirten gestern lange wit dem Könige und riethen zur Mäßigung.
— („Havas" Meldung.) Zwei höhere Officiere sind nach Ungarn abgegangen, um dort die angekauften Pferde abzuholen. An die macedonischen Freiwilligen, sowie an die SLudirenden, welche Waffenübungen beginnen, wurden heute Waffen ausgehändigt. Die Recrutirungs - Bureaus sind angewiesen, die Reserve-Cadres aus Mannschaften vom 23. bis 31. Lebensjahre zu vervollständigen. Für das Departement der Kriegsmarine wurden ansehnliche Kredite angewiesen. Es verlautet, der König begebe sich demnächst zur Truppenbesichtigung nach Theffalien.
Ostindien.
Siwla, 3. October. Der der Regierung gegenwärtig vorliegende allgemeine Plan der Armee-Reform enthält dem Vernehmen nach auch Vorschläge für Die Reorganisation der Heere der eingeborenen Fürsten und Verwendung derselben zu Reichszwecken.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'- telegr. Eorrespondenz-Bureau.
Baden-Baden, 4. Oclober. Se. Majestät der Kaiser empfing heute den von Berlin eingetroffenen bisherigen türkischen Botschafter und nunmehrigen Minister des Auswärtigen, Said Pascha, welcher hierauf auch zur kaiserlichen Tafel gezogen wurde. Bei I. Maj. der Kaiserin fand aus Anlaß Allerhöchstderen Geburtstags heute Nachmittag noch ein größerer Gratulationsempfang statt.
Paris, 4. October. Die hiesigen Wahlen vollziehen sich in vollster Ruhe, bis jetzt ist keinerlei Zwischenfall gemeldet worden.
Rom, 4. October. In Palermo starben gestern 70 Personen an der Cholera, in den übrigen inficirten Provinzen kamen 12 Cholera-Todesfälle vor.
Kopenhagen, 4. October. Der Empfang der bulgarischen Deputation durch den Kaiser Alexander fand gestern Vormittag IlVr Uhr statt. Der Kaiser soll, sicherem Vernehmen nach, die Deputation davon verständigt haben, daß er versuchen würde, im Einvernehmen mit den übrigen Signatarmächten des Berliner Vertrags eine friedliche Lösung der bulgarischen Frage herbeizuführen. Die Deputation wird Kopenhagen demnächst wieder verlassen.
Risch, 4. October. Die Skupschtina genehmigte einstimmig die Vorlagen, betreffend die Vergebung des Tabakmonopols und die Aufnahme einer Anleihe von 25 Millionen, sowie den Gesetzentwurf über die Einquartierung.
XXXVIII. Nersammlung deutscher Philologen und Schulmänner.
VI.
Montag den 5. October.
„Bald sind wir verschwunden Zur Heimath zurück, Und denken der Stunden In wonnigem Glück.
Ade nun, fein Gießen, Du gaffliche Stadt!
Ob Thränen wohl fließend —
Nun, weinet Euch satt!"
Wahrlich, der Himmel hat sich dieses Mahnwort aus dem Festliederbuche der Versammlung zu Herzen genommen; war schon das ganze Fest in jeder Beziehung ein feuchtes, der Abschiedstag war erst recht ein nasser. Zwar zu wirklichen Thränen ist es wohl nicht gekommen, vielmehr war die Stimmung bis zum letzten Augenblicke freudig und festlich.
Wir haben noch kurz über den letzten Tag, Samstag den 3. October, zu berichten. Die letzten Sectionssitzungen fanden unter theilweise recht schwacher Betheiligung statt; dagegen versammelte die letzte allgemeine Sitzung noch einmal fast alle Theil- nehmer. Besondere Aufmerksamkeit erregte der durch Experimente erläuterte Vortrag des Herrn Dr. Trautmann über physiologisch-phonetische Vorgänge. Sodann wurde Bericht erstattet über die Arbeiten in den einzelnen Sectionen. Es erhellte aus den Berichten, daß die Vorträge und Discussionen der Sectionssitzungen vollauf geeignet sind, sowohl in wissenschaftlicher Hinsicht als auch besonders für die Schule anregend und fördernd zu wirken. Einige wichtige Beschlüsse der Versammlung, die das Gebiet der Pädagogik betreffen und für alle Betheiligte, sowohl für die Lehrer höherer Schulen als auch für die Volksschullehrer von hohem Interesse sind, 'werden wir in einer der nächsten Nummern d. Bl. mittheilen und erörtern.
Zum Schluß sprach Herr Prof. Oncken, als 2. Präsident der Versammlung, noch einige zu Herzen gehende Worte und schloß dann officiell die 38. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner.
Eine philologische Nachsitzung fand am Nachmittag auf dem Gleiberg statt, philologisch, denn zwei lateinische Gedichte wurden vorgetragen, das eine von Herrn Prof. Dr. Gareis, Kanzler, — ein Gleiberggedicht seines Freundes Felix Dahn — und ein lustiges Gaudeamus, verfaßt und vorgetragen von Herrn Dr. Nover aus Mainz.
Wir rufen den fremden Gästen ein herzliches „Lebewohl!" nach, überzeugt, daß sie, gleich uns, die Tage des Gießener Philologenfestes so bald nicht vergessen werden.
Lokales.
Gießen, 5. October. Die gestrige Feier des 39. Stiftungsfestes des Turnvereins, durch das unaufhörliche Negenwetter stark beeinträchtigt, konnte demgemäß ihren programmmäßigen Verlauf nicht nehmen; es fielen daher der Festzug sowie das Concert ganz aus und wurde dafür nur ein Schauturnen mit Musik in der Turnhalle abaehalten. Das Banket nebst Tanzvergnügen dagegen Abends in Stein's Garten fiel prächtig aus und war stark besucht. Nähere Details werden wir morgen berichten.
Vermischtes.
Berlin. Den armen gefiederten Bewohnern unserer Wälder ist einmal wieder der Krieg in furchtbarer Weise erklärt worden, weil es die Laune der Mode so haben will. Die Damenwelt hat sich für die Anbringung ganzer Vogelbälge oder auch nur von Flügelpaaren an ihre Hüte erklärt und der Straußenfeder, welche bisher als Schmuck der Hüte dominirte, den zweiten Rang cingeräumt. So kommt es denn, daß die armen Waldbewohner zu Tausenden und aber Tausenden gemordet und nach Berlin gesandt werden, wo ihr Balg kunstgerecht verarbeitet wird. Zu jenen Vögeln, welche ihr Leben in erster Reihe für die Befriedigung der Putzsucht lassen müssen, gehören die Lerchen, Schnepfen, Stare und Tauben- Es folgen alsdann Möven, die
sogenannten Mevelvögel, kleine Papageien und Colibris. Einen ungefähren Begriff von dem großen Umfange, welchen die Massenmorde vorgenannter Vögelgattungen haben müssen, erhält man, wenn man die in unseren Phantasiefedernsabriken zur Verarbeitung kommenden Vogelbälge sieht. In ganzen Bergen werden die Federn entfärbt, um ihnen dann durch einen chemischen Proceß jede beliebige Farbe zu geben.
— Ein gräßliches Unglück ereignete sich kürzlich in Kaiserslautern. Drei Knaben Namens Klug, Hupp und Herzhauer, 9, 11 und 12 Jahre alt, gingen in den am westlichen Ende der Stadt befindlichen Steinbruch des Herrn Anton Hocke und versuchten die darin befindliche Werkzeughütte aufzubrechen; da es aber ihnen nicht gelang, holten sie sich ein langes Brett, stellten es an das Dach der Hütte, kletterten hinauf, warfen mehrere Ziegeln herunter und versuchten von oben einzusteigen, was ihnen besser gerieth. Innen angekommen, versuchten sie eine fest verschlossene, mit Blech beschlagene Kiste aufzubrechen, was ihnen dadurch gelang, daß sie eine Hebwinde unter den Deckel der Kiste brachten und so lange aufwärts drehten, bis der Deckel in Stücke zerbrach. In der Kiste befanden sich noch 25 Pfund Sprengpulver, von dem sie sich alle Hosentaschen vollsteckten und den Rest mit forttrugen. Nicht weit davon auf freiem Felde wollten sie das ganze Pulver probiren und zündeten einen Theil davon an, das ganze Pulver sing aber Feuer und explodirtc und alle drei standen sofort in Flammen. Hell brennend, liefen zwei der Burschen nad) der nahegelegenen Wohnung des Herrn Bahnmeisters, der dritte dem Lothringer Hof zu, wobei sie unterwegs die brennende Kleidung abwarfen. Trotzdem trugen sie die gräßlichsten Brandwunden davon und wurden sie in das Spital gebracht, woselbst namentlich der Friedrich Hupp, Sohn des Steinbrechers Martin Hupp, sehr bedenklich darniederliegt, so daß die Frage ist, ob er wieder hergestellt wird.
— Die Etatsstärke unserer Armee für das Jahr 1885—86 stellt sich lute folgt: Infanterie 10,274 Officiere und 294,729 Mannschaften, Kavallerie 2358 Officiere und 64,699 Mannschaften, Artillerie 2500 Officiere und 51,166 Mannschaften, Pioniere 406 Officiere und 10,480 Mannschaften, Train 200 Officiere und 4879 Mannschaften, besondere Formationen 314 Officiere und 956 Mannschaften, Nichtregimentirte 2058 Officiere und 5 Mannschaften, 1686 Militärärzte, 783 Zahlmeister, 619 Roßärzte, 656 Büchsenmacher, 93 Sattler, zusammen 449,250 Mann. Die Zahl der Dicnstpferde beziffert sich auf 81,598 und zwar 62,550 bei der Kavallerie, 16,591 bei der Artillerie und 2467 beim Train.
— Wie in der Türkei der Wachtdienst gehandhabt wird, zeigt folgende Stelle aus einem Konstantinopolitaner Briefe der „K. Z.", der das Straßenleben in Pera schildert. Mitten in dem Gewirr der schiebenden, stoßenden, schreienden Menschheit erblüht zuweilen noch in wunderbarer Gemüthlichkeit die echte alttürkische Idylle. So sah ich sie gestern, da kaufte sich ein Mann eine Tasche voll Haselnüsse und hatte nun auch den Wunsch, sie zu essen. Aber die Schalen waren zu hart für seine Zähne und ihm fehlte ein Werkzeug, sie zu knacken. Da ersah er den Polizeisoldaten, welcher drüben im verfallenen Schilderhäuschen Wache steht. Er ging zu ihm und sprach: „Effendin, mein Lamm, ich möchte gern meine Nüsse essen, habe aber nichts, um sie aufzubrechen." Der Soldat ruckte die Achseln. „Ich habe auch nichts." Darauf der Andere: „Doch, mein Bruder, Du hast Deine Flinte; der Kolben eignet sich vortrefflich zu dem Geschäft; komm und hilf mir, ich gebe Dir eine Hand voll ab." Das leuchtete dem Krieger ein. Gleich darauf saßen sie friedlich neben dem Schilderhaus; der Eine schob seine Nüsse auf einen glatten Stein, der Andere knackte sie mit dem Gewehrkolben und dann verspeisten Beide das Ergebniß ihrer Thätigkeit, ohne sich um die vorübergehende Menge zu kümmern. Ein halbes Dutzend hungriger Hunde stand im Kreise umher und wartete, ob für sie was abfiele; so hatte das Bild auch einen Nahmen.
— sDer erste Gedanke.^ Lieutenant v. A.: „Denke Dir, Kamerad, habe in der Lotterie 150,000 JL gewonnen." — Lieutenant v. B.: „Fabelhaft, Du Glücklicher! Da brauchst Du ja gar nicht zu heirathen!"
— Die Bimbia-Flöte — das Stück 5 — ist die allerneueste Errungenschaft
unserer colonialen Bestrebungen. Vermöge ihrer leichten Handhabung und ihrer gräulichen Modulationsfähigkeit verspricht sie in würdiger Weise die Erbschaft des Cri-Cri anzutreten. ____________________
Theater.
*** Gießen, 4. October 1885.
Die schöne Ungarin, welche die Berliner in eine solche Begeisterung versetzt hat, daß man überall ihre Vorzüge rühmte, gelangte nun auch bei uns zur Aufführung.
Leider können wir aber nicht in das Lob der Nesidenzler einstimmen, da wir es mit einem Stoff zu thun haben, der eigentlich gar kein L>toff ist, eine Krankheit, an welcher leider die meisten Possen unserer Zeit leiden. Was wir hier als Novität aufgetischt bekommen, ist eigentlich nichts weiter als eine Kette abgebrauchter Witze, die an Fadheit einer den andern noch übertreffen. Die Personen sind nur copirtc Marionetten aus älteren Comödien. Da haben wir einen Gallapfel in verbesserter Auflage, einen Geyer nach modernen Mustern und als Matador den unvermeidlichen Berliner Schusterjungen mit einer gehörigen Portion Frechheit. Die Verfasser Mannftädt und Weller haben das denkbar Unmöglichste geleistet, indem sie Carrikaturen zeichneten und Effecte gewissermaßen aus der Luft griffen.
Als Eröffnungsvorstellung hätte Herr Director Rheinberger sicherlich in seinem eigenen Interesse besser gethan, eine andere Wahl zu treffen und müssen wir dies um so mehr behaupten, da das Personal noch nicht ganz beisammen zu sein schien; vor allen Dingen aber der Damenflor fehlte, der zur Aufrechterhaltung von Chören, wie zur Verschönerung von Festlichkeiten unbedingt nöthig ist. Wir sehen von einer Kritik über die Aufführung selbst vollständig ab; einesteils kann man nach dem Gehörten und Gesehenen fein endgültiges Urtheil fällen und anderntheils hoffen wir auch, daß gewisse Mängel bald verschwinden werden. Wir sahen z. B. ein und dieselbe recht bürgerliche Zimmerdecoration im ersten Act als Colonialwaarenladen, im zweiten als Wohnzimmer und im dritten sogar als Festsalon der reichen Ungarin rc. — a—
Schiff-nach richten.
Bremen, 3. October. sPer transatlantischen Telegraph.) Der Postdampfer Elbe, Capt. F. Hamelmann, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 23. September von Bremen und am 24. September von Southampton abgegangen war, ist heute 1 Uhr Morgens wohlbehalten in Newyork angekommen.
Hanvei und Verkehr.
3‘ October. (Fruchtpreise.) Weizen JL 16.50, Korn JL 14.30, Gerste JL 13.30 Hafer JL 12.40, Erbsen JL 00.00, Linsen JL 00.00, Lein X 00.00, Samen JL 21.20, Kartoffeln JL 0.00, Wicken 00.00.
Kirchliche Anzeigen der evangel. Gemeinde.
Heute, Montag, Abend 8 Uhr, Bibelstunde in der Kleinkinderschule, Joh. Kap- 15, von Vers 18 an, Pfarrer Dr. Naumann.
Kepertoir der vereinigten Stadttheater zu Iranksurt a. M.
Opernhaus.
Dienstag den 6. October: Violetta.
Mittwoch den 7. October: Bettel ft ud ent. Außer Abonnement.
Donnerstag den 8. October: Zum ersten Male: Silvana. Oper von Weber.
Freitag den 9. October: Vorstellung bei ermäßigten Preisen. Götz von B erlich in gen. Außer Abonnement.
Samstag den 10. October: Jessonda.
Sonntag den 11. October: Lohengrin.
Schauspielhaus.
Dienstag den 6. October: Unsere guten Freunde.
Mittwoch den 7. October: Don Carlos.
Donnerstag den 8. October: Abonnements-Vorstellung A. 130 (für einen ausgefallenen Freitag). Ein Gesandtschafts-Attachö.
Freitag den 9. October geschlossen.
Samstag den lO.October: Neu einsiudirt: Anna-Liese. Das Tagebuch. Sonntag den 11. October: Ein Gesandtschafts-Attache
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