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06/09/1885 Zweites Blatt
 
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[(Sine Erinnerung an Sedans Der commandirende Jngenieurgeneral der 3. Armee, Generallieutenant Schulz, hatte den Auftrag erhalten, bte Waffenübergabe der Festung zu leiten. Derselbe brach denn auch auf in Begleitung von einem In­tendanten und fünf Officieren. Durch das nach Tonchery führende Thor die Festung betretend, traf die kleine Truppe überall achtungsvolle Aufnahme. Trotz der entsetz­lichen Unordnung bemühten sich die französischen Soldaten überall, Spalier zu bilden. Im Ganzen war von Niedergeschlagenheit wenig zu entdecken, eher machte sich eine frivole Lustigkeit bemerkbar. Nur in den Nebengassen oder auf Hofen sah man hier und da Cffictere mit übereinander geschlagenen Armen und gesenktem Haupte lehnen, denen man den Schmerz über die große Wieberlage ansah. Völlig ungehindert ge­langte so die deutsche Truppe bis auf den Präfecturplatz, wo ein tolles Durcheinander berrfchte. Hier aber änderte sich die Scene, Ein Haufe betrunkener Turkos erhob sich beim Anblick der preußischen Uniformen, stieß em wahres Tigergeheul aus und stürzte mit geschwungenen Aatagans auf die Gruppe los. Schon griff ein Officier an den Degen, als ein strenger Wink des Generals seine Hand wieder sinken ließ.Ruhig, oder mir sind verloren!" Und sich gelassen zu dem neben ihm Gehenden wendend, dem er zuraunte:Vergnügt Gesicht machen!" begann General Schulz eine humoristische Anekdote zu erzählen. Ein baumlanger Araber zielte direct nach ihm der kalt­blütige Westfale zuckte mit keiner Wimper und that, als sähe er es gar nicht. Und so schritt der dicke gemüthliche Herr mit seinem Gefolge mitten durch die fauchenden braunen Kerle hindurch. Die anwesenden feindlichen Cfficiere würdigten vollkommen diese heroische Selbstbeherrschung. Das Ganze war das Werk weniger Minuten ge­wesen. Gewiß wären die französischen Dfficiere, vielleicht auch mancher Gemeine, zur Hilfe herbeigestürzt, falls durch Degenziehung der Preußen das unvermeidliche Massacre von jenen Bestien vollzogen wäre, sich wohl bewußt, daß die ganze Armee furchtbar dafür hätte büßen müssen. Aber was batte die Hülfe genützt, da sie doch zu spat kam und fruchtlos in jedem Falle blieb. So war es nur die deutsche Willenskraft und Stahlnervigkeit, die den General und seine Eskorte gerettet hatte.Ich mache Ihnen mein Compliment, mein General", rief ein französischer Oberst, der zu Pferde nebenbei hielt, das Käppi schwenkend, dem Vorüberschreitenden zu. Dieser zuckte leicht die Achseln und warf dem Sprecher einen gleichgiltig verwunderten Blick zu, als wollte er sagen: Das versteht sich bei uns doch ganz von selbst." Auf der Freitreppe der Präfectur erwartete die französische Generalität bcn unheilvollen Besuch. Sie stand so aufgestellt, daß die graziöse Armschwenkung beim Käppiziehen bequem ausgesührt werden konnte. Fünf Schritte vor den andern, der Höchstcommandirende General v. Wimpffen. Man setzte sich in den Präfectursaal; die Verhandlungen wurden beiderseits in den verbind­lichsten Formen geführt. Allein diesen bleichen Geficktem sah man es an, daß sie in Schmerz und Sorge die Nacht durchwacht hatten. Wenn einer der Sieger ein höf­liches Wort über den Uferen Widerstand der gefangenen Armee fallen ließ, dankte nur eine stumme ernste Verbeugung. Nur einmal wurde die würdige Haltung des Ganzen gestört, als mehrere Dfficiere in den Saal stürzten und mit heftigem Bitten und Drängen dem preußischen General allerlei auf die Kapitulation bezügliche persönliche Wünsche vorzutragen suchten. Dieser wies jedoch die Herren mit trockenem Hinweis ab:Schriftlich einreichen!" Da wandte sich Wimpffen zu ihm mit einem bitteren Lächeln:Sie scheinen Ihre Leute zu kennen, Herr Kamerad!" Aufsetzung von Schriftstücken in anständigem Stil war nicht von den napoleonischen Landsknechten zu verlangen.

[Die Macht der Zeitungs-Annoncen.^ Rudolph Herzog, der bekannte Mode- waarenhänolcr in Berlin, gibt für seine Geschäftsanzeigen in den Zeitungen jetzt jährlich 400,000 JL aus.Als ich nicht inserirte", sagte er jüngst im Kreise feiner Freunde,hatte ick so geringen Umsatz, daß ich besser gethan hätte, das Geschäft zu schließen. Dann begann ick zu inferiren. Ick wendete im ersten Jahre 1000 daran und mein Umsatz stieg auf 200,000 im dritten Jahre verwendete ich 10,000 JL auf Inserate, mein Umsatz bezifferte sich auf Hunderttausende und jetzt beträgt er Millionen und mein Gewinn steht im Verhältniß dazu. Alles, was ich habe, mein Weltname, mein Millionengeschäft verdanke ich nicht allein der Reellität der Geschäfts- ffihrung, sondern zu 99/ioo der Macht der Zeitungsanzeigen. Ich bin zu der Gewißheit gekommen, daß heutzutage kein Geschäft ohne die Macht der Zeitungsannoncen in die Höhe kommen und gewinnbringend sein kann."

DieKöln. Ztg." theilt interessante Einzelheiten üt.r. das Papierschiff Tanneguy de Wogan's mit, der jüngst in der alten Rheinstadt weilte. Es ist nicht, rote in den meisten Blättern berichtet wurde, aus Papiermache, sondern ein wirkliches papiernes Schiff, das er nach seiner Angabe hat unfertigen lassen und aus Papier­bogen, die mit gewöhnlichem Kleister einer auf den andern geklebt sind, gebaut. Wenn ein Bogen gut aufsaß und trocken, d. h. hart geworden, wurde der zweite aufgeklebt und so weiter, bis der Rumpf des Schiffchens eine Stärke von fünf und mehr Bogen hatte. Das Ganze ist mit täuschender Holzfarbe bestricken und übersirnißt und man glaubt einen jener Hellen, leichten sogenanntenSeelenverkäufer" vor sich zu haben, rote wir sie auf dem Rhein und überall da häufig erblicken, wo die Hebung des Ruderns gepflegt wird. Das Schiffchen ist 5 Meter lang und 65 Zentimeter breit und hat in der Mitte nur einen Sitz und eine Deffmuig für den Ruderer, der das Ruder, welches an jedem Ende eine Schaufel hat und in der Mitte gefaßt wird, ab­wechselnd rechts und links in das Wasser einsetzt. Eompaß, Segel, Laterne sind natürlich vorhanden und auch eine aus Schiffsleinen angefertigte Decke, die beim Regen zum Schutz gegen die Nässe über die Oeffnnng in der Mitte oes Schiffchens nnd den Schoß und die Beine des Ruderers ausgebreitet ivird. Auch führte Herr de Wogan

noch einen besonderen wasserdichten Regenmantel, eine Tricolore, eine schöne, künstlich ciselirte vergoldete broncene Revolverpistole und sogar ein ganz kleines broncenes Kanönchen zum Signalgeben bei sich. Eine wasserdichte Tasche birgt die nothwendigen Answeispapiere, sowie die mitgenommenen Lebensmittel. Tas vollständig ausgerüstete Schiffchen^ wiegt nur 25 Kilogramm. Ter kühne Schiffer hat früher schon viele Fahnen auf der Seine gemacht, so auch eine von Paris bis zum Golfe von Lyon. Bei der Fahrt bis Köln hat er ungefähr dreitausend Kilometer gerudert: auf den Schweizer Seen, dem Genfer, Neuenburger, Vierwaldstätter, Züricher und Bodensee, die er hinter einander durchruderte, fuhr Herr de Wogan mit den Dampfern oft um die Wette und war nicht selten mit seinem ungemein raschen und leicht lenkbaren Papierschiffe viel früher an Ort und Stelle als die Dampfer. Auch auf der oberen Donau hat er drei Tage gerudert. An Abenteuern hat es bei dieser sonderbaren Reise nickt gefehlt; besonders viele Fährlichkeilen hat er auf dem Rheine bei Schaffhausen, Laufenburg und Rheinfelden gefunden.

[Die größten Kirchen der Welt.j Ein geduldiger deutscher Statistiker hat Daten gesammelt bezüglich des Fassungsraumes der größten Kathedralen. Nach seinen Erfahrungen erscheint in erster Linie der St. Peters-Tom in Rom, der 54,000 Menscken aufnehmen kann. Nächst diesem kommt die Paulskirche in Rom für 38,000, die Kathedrale von Mailand für 37,000, dcr Kölner Dom für 30,000 Personen Fassungsraum. An diese reiben sich die St. Paulskirche in London und die Petronius- kirche in Bologna, jede für 25,000, der Aja Sophia in Konstantinopel für 23,000, St. Johann in Lateran für ebensoviel, die Stephanskircke in Wien und der Dom zu Pisa zu je 12,000. Die Kirche des heil. Dominikus in Bologna für 11,400, die Frauen­kirche in München für 11,000 und die Markuskirche in Venedig für 7000 Menschen. Die St. Patricks-Kathedrale in New-Z)ork faßt 18,000 Menschen.

Literarisches.

Die bisher im Verlage von Wilhelm Hoffmann in Dresden erschienene iöuftrirte Zeitschrift ^Universum" geht mit dem neuen Jahrgänge in den Verlag desUniversum" E. Friese, Dresden und Leipzig, über. Als Herausgeber wird Eugen Friese zeichnen, während die Redaction nach wie vor in den Händen des Sckriftstellers Jesko von Puttkamer bleibt. Anderweitigegrößere Unternehmungen haben die Verlagsfirma Wilhelm Hoffmann veranlaßt, diesen Besitzwechsel eintreten zu lassen. . Bedeutende dem Unternehmen zur Disposition stehende Mittel ermöglichen eine Erweiterung und noch größere Vervollkommnung der Zeitschrift, namentlich in illustra­tiver Hinsicht. Zunächst wird dieselbe vom 1. Dctober d. I. an in 14tägigen Heften erscheinen, um auch den Zeitereignissen mehr Rechnung tragen zu können. Sonst wird sie ihre Ziele unabänderlich verfolgen und auf den textlichen Inhalt wie vornehme Ausstattung in jeder Weise die größte Sorgfalt verwenden.

Arbeitskalender

für Öen Gbst-, Gemüse- und Blumengarten.

September.

Obstgarten. Hier nehme man täglich die reifen Früchte von Aepfeln und Birnen behutsam ab, damit man sie unbeschädigt erhalte, und lasse sie an luftigen Orten, Keller oder Obstkammer, auf Stroh Nachreifen. Sollte der August zu trocken fein, um in der Baumschule nicht alles okuliren zu können, so ist cs in der ersten Hälfte des September immer noch Zeit dazu, sofern sich die Rinde gut löst.

Gemüsegarten. Das Binden der Endivien nimmt jetzt zu, jedoch bleiche man nur immer so viel als gebraucht werden, denn wenn dieselben mehrere Wochen gebunden sind, so fommt es vor, daß sie bei Regenwetter entweder ausfaulen oder an er Seite durchwachsen, besser ist es, wenn jede Woche ein Theil derselben gebunden wird, ohne Rücksicht darauf au nehmen, ab einmal mehr oder weniger gebraucht iverden, denn je später, je mehr werden sie gebraucht. Man kann in diesem Monat auch noch eine zweite Aussaat von Spinat, Schmalzkräutchen, Wintersalat, Earotten ?c. machen, welche oft besser überwintern als ältere Pflanzen. Die abgestorbenen Stengel der Spargelpflanzen werden dicht über der Erde abgeschnitten, mit dem Umgraben und Düngen warte man aber bis zum Spätherbst.

Blumengarten. Eines der Hauptgeschäfte dieses Monats besteht im Ein­sammeln des Samens, wobei nicht genug Vorsicht angcwendet werden kann, um die Varietäten und Sorten von einander zu scheiden. Für die Aussaat von Aurikel nnd Rittersporn ist dieser Monat die günstigste Zeit. Die Blumenzwiebeln, als Hyacinthcn, Tulpen, Erocus rc., können jetzt auf Gartenbeete gelegt werden, denn je früher man dieselben legt, desto widerstandsfähiger sind sie im Winter gegen Frost. Ende Sep­tember kann man auch mit Umlegen von Bnxbaum beginnen, ebenso können viele Staudengewächse auf den Rabatten durch Wurzeltheilung vermehrt werden. Der Blumenflor im Freien nimmt täglich ab, allein so lange noch kein Reif oder Frost eintritt, blühen namentlich die Georginen oftmals schöner als im August- ebenso ist es auch bei den Astern, Zinnien, Tagetes ?c. Don den Stauden blühen jetzt noch: Helianthus, Veronica, Aconium und Herbstastera. Bei den Blumen im Zimmer muß man jetzt mit dem Begießen vorsichtiger sein, denn viele blühende Pflanzen gehen schon langsam zurück, desgleichen brauchen die Palmen und Gummibäume jetzt auch weniger Wasser, weil in den Zimmern jetzt noch wenig geheizt wird.

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