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1885
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Nk. 207. Zweites Blatt
eittrttnt x Schulstraße 7.
Erscheint iSgUS» imt Bvsnihme deü
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Wochen - Uebersicht.
Gießen, 5. September.
Die Feier des nationalen Gedenktages der deutschen Nation, des 2. September, bildete den bedeutungsvollen Mittelpunkt der avgelausenen Woche. Sie ist auch diesmal in allen Gauen Deutschlands in würdigster Weise begangen worden, wie die zahlreichen über das Sedanfest eingegangenen Berichte erkennen lassen und mit Genugthuung kann hieraus constatirt werden, wie lebendig in unserem Volke noch die Erinnerung an jene große Zeit des Riesen- kcunpses gegen Frankreich ist. Wie immer, jo gewann auch Heuer die Feier des Sedan-Tages in der Reichshauptstadt einen besonderen Charakter, indem an demselben die herkömmliche Herbst-Parade des Garde-Corps abgehalten wurde. Dem militärischen Schauspiele, das in glänzender Weise verlief, wohnte eine überaus zahlreiche Zuschauermenge bei, und mit inniger Genugthuung muß es verzeichnet werden, daß der allerhöchste Kriegsherr in Person die Parade über das Elite-CorpS seiner Truppen abnehmen konnte, und mit einer Rüstigkeit saß der Kaiser zu Pferde, welche zu den 88 Jahren, die über ihn dahingerauscht sind, im wohlthuendsten Gegensätze stand. Der greise Monarch wurde von der Volksmenge mit stürmischen Jubelrufen begrüßt, die sich wiederholten, als er an der Seite seiner erlauchten Gemahlin im offenen Wagen das Paradefeld wieder verließ. Eine ganze Reihe von Fürstlichkeiten wohnten außerdem der Parade noch bei; so neben dem deutschen Kronprinzen Prinz Arnulph von Bayern und Großfürst Michael von Rußland, während an der Parade selbst Prinz Wilhelm von Preußen, der Erbprinz von Meiningen, der Erbgroßherzog von Vaden und sein Bruder Prinz Ludwig Wilhelm Theil nahmen.
Aus den Vorgängen der verflossenenWoche ist die in Münster abgehaltene General-Versammlung der deutschen Katholiken hervorzuheben, und zwar namentlich deshalb, weil auf derselben ein sehr kampsesfreudiger Ton herrschte. Bezeichnend ist es u. A., daß der bekannte Centrums'Abgeordnete, Frhr. v. Schorlemer- Alst, und Bischof Brinkmann die Zurückberusung der Jesuiten forderten! Befremdlich war cs, daß an der General-Versammlung in der westfälischen Bischofsstadt auch belgische und holländische Katholiken Theil nahmen.
Bei Wilhelmshaven haben in dieser Woche die Manöver der deutschen Flotte ihren Anfang genommen.
Mit dem nun erfolgten Eintritt in den September werden auch die Vorbereitungen zu den preußischen Landtagswahlen bald eine ernstere Gestalt annehmen und kann man wohl auch in Bälde der Veröffentlichung des Wahltermins entgegensehen. Ueber den Beginn der neuen Legislaturperiode des preußischen Landtages können indessen noch nicht im Mindesten zuverlässige Angaben gemacht werden und dasselbe gilt bezüglich des Zusammentrittes des Reichstages ; wenn verschiedene Blätter behauptet haben, daß der Reichstag noch vor dem neuen preußischen Landtag einberufen werden solle, so wird dem gegenüber von ossiciösec Seite versichert, daß die Regierung hierüber noch keinerlei Beschluß gesaßt habe. Dagegen wird der Bundesrath schon nächsten Montag seine Thätigkett mieden ausnehmen, und zwar zunächst in den zur Vorberathung der Aussührungs«Bestimmungen zum Börsensteuer-Gesetz niedergesetzten Ausschüssen. Das Plenum selbst soll dem Vernehmen nach in etwa 14 Tagen zusammentreten.
Der Bundesrath hat das Hinscheiden eines seiner thätigsien und verdienstvollsten Mitglieder, des württembergischen Mllitärbevollmüchtigten in Berlin, Generallieutenants Faber du Faur, zu beklagen, welcher in Wildbad in Württemberg, nicht in Gastein — wie verschiedene Blätter irrthümlich berichteten — einem älteren Leiden erlegen ist.
In der österreichischen Presse finden sich noch immer Nachklänge an die Kaiserbcgegnung in Kremsier und ein Lemberger polnisches Blatt, der „Przeglond", bringt sogar sehr detaillirte Mittheilungen über das, was in Kremsier angeblich in der Hauptsache verhandelt worden ist, welche Mittheilungen indessen schwerlich als „beglaubigte" zu betrachten sind. Dagegen steht nach den Versicherungen des ossic-ösen Wiener „Fremdenblatt" fest, daß es in Kremsier zu keinerlei Erörterungen der inneren Politik Oesterreich-Ungarns und Rußlands gekommen ist, da man dies für nicht geeignet bei der Zusammenkunft der Herrscher hielt. Lebhaft werden in der österreichischen Presse auch noch die Vorgänge von Königinhof besprochen; dieselben sollen von den deutsch-böhmischen Abgeordneten im neuen Reichsrathe, dessen Einberufung noch in diesem Monat beoorsttht, zur Sprache gebracht werden. — Den in der Gegend von Pilsen staitfindenden Trupoen-Manövern, welchen Kaiser Franz Josef beiwohnt und zu zahlreiche fremdherrliche Ossiciere commandirt morden sind, werden demnach,7 weitere Manöver in Rieder-Oesterreich folgen.
In England macht eine auf einem Banket in Dublin gehaltene Rede Harnell's, des Hauptes der national-irischen Partei, wegen ihrer unerwarteten Mäßigung Aussehen. Parnell verdammte in derselben entschieden die Agrar- Berbrechen, zu denen sich der irische Fanatismus neuerdings wieder hat verlebten lafsin und sprach es dabei offen aus, daß derartige Ausschreitungen der irischen Sacke nur schadeten; auch empfahl er den Gutsherren Nachsicht gegenüber den mit dem Pachtzins rückständigen Pächtern. Der irischen National- Partei ist es jedenfalls in Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen darum zu thun, in einem möglichst günstigen Lichte zu erscheinen.
Während Mr. Gladstone in dieser Woche von seiner norwegischen Reise nach England zurückgekehrt ist, weilt der Prinz von Wales noch
aus der scandinavischen Halbinsel. Arn Mittwoch traf der englichc Thronfolger in Stockholm ein, vom König und den Prinzen, den Spitzen der Militär- und Civilbehörden u. s. w. empfangen und begab sich mit König Oscar alsbald nach Schloß Drottlingholm, der Sommer-Residenz der schwedischen Königsfamilie.
Am Mittwoch sand in London eine polizeiliche Verhandlung, im Zusammenhang mit den bekannten Enthüllungen der „Pall Mall Gazette", gegen Rebecca Jarret statt, welche angeklagt ist, die dreizehnjährige Eliza Armstrong entführt zu haben. Die weitere Verhandlung wurde aus Montag vertagt; das Gericht verweigerte die Annahme einer Caution. Nicht geringes Aussehen erregt es, daß auch gegen einen Nedacteur der „Pall Mall Gazette" und gegen einen Angestellten dieser Zeitung das gerichtliche Verfahren wegen Mitschuld an der Entsührung eingeleitet worden ist.
Aus dem Czarenreiche ist aus dieser Woche die Rückkehr des Kaiserpaares von der Reise nach Kremsier und von dem Besuche in der alten Czarenstadt Kiew nach Petersburg zu verzeichnen. Die Festtage in Kiew werden dem Kaiserpaare wohl in ebenso angenehmer Erinnerung bleiben wie die Begegnung mit dem österreichischen Herrscherpaare, da den russischen Majestäten von der Bevölkerung Kiew's die herzlichsten Ovationen dargebracht worden sind.
Die Amtsentsetzung der Bürgermeister von Riga und Reval scheint nur der Vorläufer weiterer Maßnahmen der russischen Regierung gegen das Deutschthurn der Ostseeprovinzen zu fein. So ist das Gesuch des Adels von Liv-, Esth- und Kurland und der baltischen Städte um die Bestätigung ihrer althergebrachten Privilegien von der russischen Regierung abschlägig beschießen worden. Motivirt wird dieser ablehnende Bescheid durch den Hinweis darauf, daß die örtlichen Privilegien in Anbetracht der vollständigen Verschmelzung der baltischen Provinzen mit dem übrigen Reiche jede staatliche Bedeutung verloren hätten. Es sollen noch andere Maßnahmen gegen die Deutschen der Ostseeprovinzen, die doch wahrlich zu den treuesten und loyalsten Untertanen des Czaren gehören, in Vorbereitung fein.
Im Lande! der Kastanien nimmt der chauvinistische Hexensabbath, zu welchem sich allgemach die antideutschen Demonstrationen der Spanier gestaltet haben, seinen ungestörten Fortgang. Zum Beispiel mehren sich die Zurückziehungen von Lieferungsaufträgen, welche spanische Handelshäuser in Deutschland ertheilt haben; die Spanier schneiden sich aber mit solchen thörichten Maßregeln am meisten nur in's eigene Fleisch. Jetzt wird von spanischen Journalen auch der Wortlaut des Schreibens bekannt, welches General Salamanca gleichzeitig mit der Rücksendung seines deutschen Ordens (Großkreuz des Rothen Adler-Ordens) an den deutschen Kronprinzen gerichtet hat In demselben heißt es u. A.: „Die von dem deutschen Geschwader auf den Karolinen verübte That, welche die rudimentärsten Grundsätze der Freundschaft und des Völkerrechts verletzt, entzieht der Decoration den einzigen Grund, der mir gestattete, sie ohne Schädigung meiner Ehre anzunehmen, und deßhalb gebe ich sie Eurer Hoheit zurück, indem ich mir vornehme, die Lücke, welche dadurch auf meiner Brust entsteht, durch eine andere, im Kampfe gegen Deutschland erworbene Auszeichnung a usz »füllen." — Kann man wohl eine dumm-frechere Sprache führen ?
Aus Konstantinopel wird ein erster Erfolg der Mission Drummond Wolff's gemeldet. Eine kaiserliche Jrade beauftragt den Minister des Auswärtigen, Affym Pascha, und den Minister der Eokass (geistlichen Güter), mit Wolff zu verhandeln. Am Donnerstag hat bereits die erste Conserenz stattgefunden.
Vermischtes.
Darmstadt, 2. September. ^Ordensverleihung.^ Seine Königliche Hoheit der Großhcrzog haben Allergnädigst geruht, dem Sergeanten Otto vom 2. Großh. Infanterie-Regiment (Großherzog) Nr. 116 die Rettungs-Medaille zu verleihen.
Mainz, 3. September. In der Untersuchung gegen den des Mordes beschuldigten Herbst treten jetzt immer mehr Personen auf, die den letzteren bei verschiedenen Gelegenheiten gesehen haben; so ist ein hiesiger Dachdecker vor Gericht geladen, welcher den Herbst genau kannte und der angab, an dem Tage, an welchem der Mord geschehen ist, den Herbst in den: Bierhaus zum Täubchen gesehen zu haben, daß Herbst sehr aufgeregt luar und eine schwer bepackte Reisetasche getragen hat. Ein Gärtnerjunge aus Laubenheim will den Herbst ebenfalls, aber noch in dem Besitz der Reisetasche gesehen haben und zwar in der Nähe der sog. Wassermaschinen, woselbst der Verhaftete seine Hände in dem Wasser deS dortigen Grabens gewaschen habe. Der Bursche wird heute Mittag als Zeuge vernommen. Herbst gibt sein Leugnen nicht auf trotz aller gegen ihn vorliegenden Indicicn und trägt bei allen Verhören eine Frechheit zur Schau, die Jedermann empören muß. Er findet es ganz unbegreiflich, datz man ihm eine solche Mordthat zutrauen könne. Bei einem gestern stattgehabten Verhöre vor dem Untersuchungsrichter soll er denselben gefragt haben, was er, der Herr Untersuchungsrichter, dazu sagen würde, wenn man ihn beschuldigte, den Moro begangen zu haben. .
Im Rheine und zwar an der Stelle, an welcher vor acht Tagen der verstümmelte Leichnam aufgefunden wurde, sind gestern Nachmittag unter polizeilicher Aufsicht Taucherversuche nach den fehlenden Körpcrtheilen der Lerche vorgenommen worden, jedoch ohne Erfolg. r r
Die Taucherarbeiten werden auch heute fortgesetzt, obwohl bisher nur unbedeutende, keinesfalls mit dem Mord zusammenhängende Gegenstände gefunden würben. Hierbei sind zwei Taucher beschäftigt, welche in Stettin, und Memel ihren Wohnsitz haben und vornehmlich bei Taucherarbeilen in der Ostsee beschäftigt sind. Jeden Tag tauchen sie 6 Stunden und zwar jeder 3 Stunden des Vor- und 3 Stunden des Nachmittags.


