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Rr. ISO, Donnerstag den 6. August 188»

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Amtlicher Hheit.

Bekanntmachung.

In Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit -nachstehende Durchschnittsmarktpreise vom Monat Juli veröffentlicht.

Hafer JL 15.50, Heu Jt 4. , Stroh v*L 3.50 pro 100 Kilogramm. .

Gießen, den 5. August 1885. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberficht.

Gießen, 5. August.

Der Rückkehr de- Kaisers aus Gastein wird zum 12. ds. ent' gegengesehen. Der Kaiser wird voraussichtlich alsdann zunächst seinen Aufent­halt auf Schloß Babelsberg bei Potsdam nehmen.

Mit kaiserlicher Genehmigung treten für die Ausrüstung und den Anzug bei heißem Wetter außerhalb der heimischen Gewäffer in dec Reichs­flotte betreffsTropenausrüstung", bezw.Tropenanzüge" neue Bestimmungen rn Kraft. Danach gehören dazu für Officiere aller Gattungen, Beamte im Officiersrang, Deckofstciere und See-Cadetten: weißer Rock aus Leinwand oder Baumwolle mit Knöpfen, die denen in den Jacken der Officiere gleichen, Achsel­stücke wie immer, doch hat der Rock keine Paffanten, ferner Tropenhelm aus indischem Schilf oder Kork mit weißem Tuch bezogen, mit Goldborte und ab# aiehmbaren weißledernen Sturmriemen daran, weiße Mütze mit weißem Schirm, weißem Sturmriemen und anhaftbarem Stakenschleier aus weißer Leinwand, Treffen und Besatzstreisen entsprechen denen der blauen Mutzen. Zum weißen Rock werden stets weiße Beinkleider aus Leinwand oder Baumwolle, sowie weißer Hut ober weiße Mutze getragen. Der Stakenschleier der Mutze darf im Bedarfsfälle auch zum Tropenhelm getragen werden. Statt der Stiefel werden Schuhe aus ungarischem schwarzen oder gelben Leder oder aus weißem oder schwarzem Stoff, statt der waschledernen Handschuhe weiße seidene oder baum­wollene Handschuhe angelegt. Zur Tropenausrüstung der Mannschaften gehören: Strohhut mit Stoffbesatz, Sturmband und Stakenschleier, oder Tropenhelm, Taschentücher aus Leinwand, zwei Stück für jeden, Handtücher, wollene Leib- fcinbe, wasserdichte Unterlage, 2 Meter für jeden, hänfene Netzhängemalte, MuS- kitonetz, Taschenfllter, für drei ein Stück.

Die Statistik über die überseeische Auswanderung aus dem deutschen Reich für das erste Halbjahr 1885 ergiebt 65,345 Köpfe. Seit dem Jahre 1881 hat ein beständiger starker Rückgang der deutschen Auswanderung stattgefunden. Im ersten Halbjahr 1881 betrug die Auswanderung 126,139, 1882: 117,801, 1883: 94,145, 1884: 90,301 Personen.

Ein Leitartikel derRordd. Allg. Zeitung", die fich zum ersten Male seit langer Zeit wieder mit den französischen Rachegelüsten beschäftigt, be­weist, welch' nachhaltigen Eindruck an maßgebender Stelle der neuliche Aufsatz desTemps" über die Rothwendigkeit weiterer französischer Kriegsrüstungen Deutschland gegenüber gemacht hat. Der Aufsatz ist in einem bemerkenSwerth ruhigen Tone geschrieben. Er betont von Neuem das große Friedensbedürfniß, das Deutschland beseelt und das für das unbefangen denkende Ausland in den letzten Jahren wiederholt und unzweifelhaft zu Tage getreten ist. Alle die Herausforderungen ehrgeiziger, unverantwortlicher Hetzer auf der Rednerbühne wie in der Preffe sind von der deutschen Regierung einfach übersehen worden. 2)tan hoffte immer, daß die gemäßigten Elemente sich von ihnen fernhalten und auch ihrerseits das Bedürfniß nach einem langem Frieden theilen würden, der allein zu einer gedeihlichen Entwickelung aller wirthschaftlichen Kreise führen kann. Der Friede kann nur ausrechterhalten werden, wenn beide Parteien ihn wollen oder wenn die eine sich den Wünschen der andern unbedingt unterordnet. Die letztere Möglichkeit ist ausgeschlossen. Deutschland ist französischen Wünschen offenkundig und häufig entgegengekommen; aber es ist nicht gewillt, um des (üben Friedens willen alle Beleidigungen und Herausforderungen ruhig hinzu- nehmen. Dieser Thatsache sollen die maßgebenden und ruhig denkenden Kreise Frankreichs sich endlich bewußt werden, sie sollen wiffen, daß ein gutes Einver- nehmen nur dann gewahrt bleibe, wenn auf beiden Seiten das gleiche Streben, den Frieden aufrechtzuerhalten, herrscht. Deutschland hat lange Zeit jeden Aus­bruch französischer Empfindlichkeit wie eine unausbleibliche Naturerscheinung, wie Regen und Wind ruhig hingenommen in der Hoffnung, daß schließlich doch der berühmte französische Menschenverstand die Oberhand gewinnen werde. Zeigt es sich, daß jene Art von Wahnwitz unheilbar ist, so ist Deutschland ja in der Lage, sich nach einer andern Seite zu wenden.

Nach telegraphischen Nachrichten derNordd. Allg. Ztg." aus Kairo und Zanzibar hat der deutsche Afrikareisende Dr. Schnitzler, zu­letzt Gouverneur der egyptischen Aequatorial-Provinzen, in Begleitung eines Europäers, in welchem man den Asrikareisenden Dr. Emil Juncker vermuthet, den Versuch gemacht, von Lado aus die im Nordwesten des Victoria - Nyanza- Sres gelegene Landschaft Uganda zu erreichen, um von dort auf den Karawanen- iiraßen die Küste zu gewinnen. Auf dem Marsche nach Uganda wurden die Msenden von dem Stamme der Bakedis überfallen, deren Angriffe sie jedoch zicrückschlugen. Später haben die beiden Herren ein befestigtes Lager im Vakedi- Lcmde bezogen. Der König von Uganda ist schon Anfangs Juli ausgefordert

worden, Dr. Schnitzler röthigensalls zu Hülfe zu kommen, sodaß auf baldigen Entsatz gehofft werden kann.

Die überraschendeNachricht, daß die österreichisch-ungarische Regie­rung Quarantäne-Maßregeln für ihre Mittelmeer-Häfen gegenüber den aus süv- französischen Häfen kommenden Schiffen angeordnet habe, beweist, daß nach Ansicht der österreichischen Regierung trotz der halbamtlichen Ableugnungen von französischer Seite die Cholera leioer doch ihren Weg von Spanien nach Süd- frankreich genommen hat. Vermuthlich handelt es sich dabei zunächst um den herkömmlichen Haupt-Choleraherd in Südfrankreich, um Marseille. Wir hören, daß auch deutscherseits entsprechende Vorsichts-Maßregeln in Aussicht genommen sind. Von der Verhängung einer Quarantäne hat man dieffeits bekanntlich auf Grund der neuern deutschen Cholera-Forschungen schon feit einiger Zeit Abstand genommen. Zu der am 24. ds. in Pesth stattfindenden Generalversammlung des Vereins Deutscher Eisenbahn-Verwaltungen sind einige Anträge angemeldet worden, die von aQgemeinerm Interesse sind. Die Generaldirectionen der sächsi­schen und der österreichischen Staatübahnen beantragen, die zusammenstellbaren Rundfahrkarten während des ganzen Jahres auszugeben. Die königliche Eisen- bahndirection zu Breslau regt die Gewährung von Freiaepäck auf solche Fahr­karten an/ Dem Vernehmen nach war die Reise des preußischen Kriegs­ministers von Karlsbad nach Gastein dadurch veranlaßt, , daß derselbe dem Kaiser in einer wichtigen militärischen Angelegenheit Vortrag zu halten hatte. Mehrseitig ist hervorgehoben worden, daß die Uebungen der deutschen Flotte in den heimischen Gewässern in Folge unserer Colonial-Bestrebungen sowohl der Dauer als dem Umfange nach eingeschränkt worden seien. Während das Uebungsgeschwader früher schon am 1. Mai zusammenzutreten pflegte, ist es diesmal erst am 1. August gebildet worden. Die Thatsache ist richtig; wenn man aber daraus eine Befürchtung in Bezug auf Die Leistungsfähigkeit unserer Marine herleiten will, so ist zu bemerken, daß man in maßgebenden Marine­kreisen eine derartige Befürchtung durchaus nicht theilt. Vielmehr ist man hier der Ansicht, daß die vermehrten Fahrten unserer größern Kriegsschiffe nach fernen Gebieten und die Stationirung derselben in der Nähe der deutschen Schutzgebiete mindestens ebensoviel zur Ausbildung der Mannschaften und zur Hebung der Leistungsfähigkeit unserer Flotte beitragen werden wie die Hebungen in der Nord- und Ostsee.

Die Czechen möchten gar zu gern schon jetzt den Dank für die Liebens­würdigkeit, mit welcher sie anläßlich des Besuches der ungarischen Landeshaupt­stadt den Magyaren entgegengekommen sind, einheimsen; und in nichts Geringem: soll derselbe bestehen, als daß die Magyaren ihre Zustimmung zur Abänderung des Statuts der Nationalbank, insbesondere aber zur Veränderung der bisherigen in Umlauf befindlichen Banknoten geben. Als die jetzigen neuen Banknoten herausgegeben wurden, entstand unter den Czechen eine lebhafte Zornesbewegung, und man wird sich erinnern, wie vielfach Verunstaltungen der Noten durch czechifche Aufschriften vorkamen, bis endlich dem Unwesen dadurch Halt geboten wurde; daß man derart verunstaltete Noten nur mit Abzug einer gewissen Summe in Zahlung anzunehmen erklärte. Vor dem materiellen Schaden hielt aber Der czechische Chauvinismus nicht Stand und das Beschreiben Der Noten mit czechischen Inschriften hörte auf, sobald man sah, wie schwer es war, die­selben an den Mann zu bringen. Jetzt soll das anders werden. Die Czechen verlangen nämlich, daß auf der einen Seite der Banknoten auch eine czechische und Demgemäß wohl auch eine polnische und slovenische. vielleicht sogar eine serbische und italienische Inschrift sich befinde. Man will demnach ähnliche Werthzeichen haben, wie sie vor Schaffung des Dualismus in Umlauf waren, nur mit der Beschränkung, daß man die eine Seite ohne Weiteres den Magya­ren überläßt, ohne dieselben zu verpflichten, durch die Aufnahme von kroatischen, serbischen, deutschen, rumänischen, slovakischen und anderen Inschriften die That- sache darzulegen, daß auch in Transleithanien verschiedene Völkerschaften mit verschiedenen Sprachen wohnen. Am liebsten möchten die Czechen natürlich die Nationalbank verstaatlichen, weil sie bann hoffen, ihre Wünsche bezüglich einer eigenen Bank-Filiale in Prag mit einer selbstständigen Direction, einer reichen Ausstattung derselben und was Dergleichen mehr ist, leichter durchzusetzen. Daß ihnen die Enttäuschungen zunächst von ungarischer Seite kommen würde, haben die Czechen gewiß nicht erwartet. Maßgebende officiöse ungarische Blätter tbeilen nämlich mit, daß in allen Besprechungen, welche über Die Erneuerung des Privilegiums der Nationalbank stattgefunden haben, von einer Umänderung der Notentexte auch nicht mit einem Worte die Reoe war. So war Denn alle- Liebesmüh' umsonst, und vielleicht erneuert sich nach Abschluß des Ausgleichs und der Herausgabe neuer Noten jener czechische Betriebsrummel wie vor eint«