Nr. 128 Samstag den 6. Juni 1888
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Ißest.
Betreffend: Die Krankenversicherung der Arbeiter. Gießen, am 4. Juni 1885.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglicherr Bürgermeistereien des Kreises.
Zur Beseitigung von Zweifeln sehen wir uns veranlaßt, Ihnen das Folgende zu eröffnen.
Es kommt häufig vor, daß Gewerbtreibende, namentlich Baugewerbtreibende, an einem bestimmten Orte eine geschäftliche Niederlassung haben, aber auch außerhalb derselben zeitweise Arbeiter beschäftigen, indem z. B. ein Maurer oder Weißbinder seine Leute bald in diesem, bald in jenem benachbarten Orte aus einige Tage arbeiten läßt. In solchen Fällen gllt der Ort der gewerblichen Niederlassung- nicht die wechselnde jeweilige Arbeitsstätte als die für die Krankenversicherung maßgebende Beschäftigungsgemeinde.
Sie wollen sich in vorkommenden Fällen hiernach bemessen.
Dr. Boekmann. _______
Betreffend: Die Ableistung des Berfaffungseides.
Gießen, am 4. Juni 1885.
Diejenigen, Gießener Anzeigers.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
welche noch im Rückstände sind, erinnern wir an die alsbaldige Erledigung unseres Ausschreibens vom 26. v. Mts. in Nr. 120 des
Dr. Boekmann.
Politische Ueberficht.
Gießen, 5. Juni.
Die jüngste Erkältungs-Krankheit des Kaisers hat einen ziemlich langwierigen Charakter, was wohl in erster Linie den anormalen, ewig wechselnden Witterungs-Verhältnissen mit zuzuschreiben ist.
Ueber das Befinden des Kaisers verlauten von wohlinfor- mirter Seite folgende Mittheilungen: Die Leibärzte des Kaisers haben eine bange Woche hinter sich, beim sie waren die Einzigen, welche erkannten, zu wie schweren Besorgnissen die Krankheit des hohen Herrn Anlaß gab. Heute, da erfreulicher Weise jeder Grund zu ernsten Befürchtungen wieder geschwunden ist, dürfen sie es nicht nur sich, sondern auch Anderen gestehen, daß sie dem Verlaufe der Krankheit nur mit geängstigtem Herzen entgegensehen konnten. Das Leiden des Kaisers war allerdings bloS auf eine leichte Erkältung zurückzuführen, allein bei dem krankhaften Zustande, den diese hervorrief, machte sich ein Blasenleiden wieder geltend, das für einen jüngeren Mann wohl nur schmerzhaft märe, bei dem hohen Alter des Monarchen jedoch eine, durch Anwendung von Gegenmitteln veranlaßte Erschöpfung der Kräfte zur Folge haben muß. Es ist außer der hingebungsvollen Pflege Seitens der Aerzte vor Allem der bewun- dernswerthen Frische und Lebenskraft des greisen Herrschers zu danken, daß wieder eine allmälig fortschreitende Besserung eingetreten ist, welche mit Beruhigung in die nächste Zukunft blicken läßt. Nun handelt es sich vor Allem darum, die Besserung möglichst zu beschleunigen, und dazu benöthigt der Kaiser eines Elementes, das in Berlin keineswegs in genügender Quantität und Qualität vorhanden ist, nämlich der Lust. Das kaiserliche Palais am Ausgang der Linden besitzt keinen Garten, ja nicht einmal einen ausreichend großen Hof, wodurch der Kaffer in den Tagen, an denen ihm eine Ausfahrt nicht verstattet ist, genöthigt wird, fortwährend in der abgesperrten Atmosphäre des Zimmers zu verweilen. Man beabsichtigt daher, dem Monarchen zu empfehlen, den Antritt seiner Badekur diesmal nicht zu verzögern, und zwar legen, wie wir erfahren, die Aerzte diesmal weit mehr Gewicht als auf die Emser Kur auf den Aufenthalt in Gastein, das auf seinen erlauchten Kurgast immer eine besonders wohl- thätige, verjüngende Wirkung ausgeübt hat. Da aber Gastein an die Kräfte des Patienten immerhin einige Anforderungen stellt, wenn die Kur von Erfolg fein soll, gedenken die Aerzte, dem Kaffer in Ems Zeit zur vollständigen Erholung zu lassen und dann dessen Reise nach Gastein nach Thur.lichkeit zu beschleunigen.
Tieserschütternd hat aus den Kaiser die Trauerkunde von dem am Dienstag Vormittag zu Sigmaringen erfolgten Ableben des Fürsten Karl Anton von Hohenzollern gewirkt, was bei der engen persönlichen Freundschaft, welche den Kaffer mit dem Verstorbenen verband, nur erklärlich erscheint. Der Verstorbene, Chef der fürstlichen Linien des Hohenzollernhaujes, wurde am 7. September 1811 als Sohn des Fürsten Karl von Hohenzollern- Sigmarmgen aus dessen erster Ehe mit Antoinette Murat, einer Richte des Königs Joachim, geboren und folgte )einem Vater, nachdem derselbe zu Gunsten seines Sohnes abgeoanft hatte, am 27. August 1848 in der Regierung, trat aber am 7, Deeember 1849 das Fürstenrhurn an Preußen ab, siedelte nach Düsseldorf über, erhielt durch königliche Ordre vorn 20. März 1850 das Prädikat „Hoheit" mit dem Vorrecht eines nachgeborenen Prinzen des königlichen Hauses und durch Ordre vom 18. October 1861 das Prädikat „Königliche hohen." Anfangs Divisions-General in preußischen Diensten, erhielt er am 6. November 1858 das Präsidium im sog. Ministerium der neuen Aera und am 2. Deeember auch im Staatsrath, schied aber im März 1862 wieder aus dem Ministerium, worauf er Anfangs 1863 zum Ober-Commandanten in der , Rheinprovinz und Westfalen ernannt wurde. Später wurde der Fürst General Iber Infanterie und stellvertretender Präses der Landesvertheidigungs-Commission
und lebte, vermählt mit Prinzessin Josesine von Baden, seit 1873 in Sigmaringen, wo das erlauchte Paar am 21. October vorigen Jahres unter allgemeinster Theilnahme das Fest seiner Goldenen Hochzeit beging. — Fürst Karl Anton hat in schwierigen Lagen dem deutschen Vaterlande wichtige Dienste geleistet, unter denen sein hochherziger Verzicht auf das Fürstenthum Hohenzollern zu Gunsten Preußens keineswegs einer der am wenigsten ersprießlichsten ist. Einen hervorragenden Antheil an der Reorganisation der preußischen Armee haft der Verschiedene, indem er dieselbe in seiner früheren hohen militärischen Stellung überhaupt einleitete und auf der von ihm geschaffenen Grundlage brauchte der Kriegsmimster v. Roon bann nur weiter zu bauen. Wenn es ihm nicht beschieden war, während seiner Minister-Präsidentschaft große und bleibende Erfolge zu erringen, so wird ihm doch das Verdienst des edelsten Wollens in der Geschichte Preußens ungeschmälert bleiben und wird sein Andenken als das eines warm fühlenden Patrioten in Deutschland immerdar in Ehren gehalten werden. Die Beisetzung der fürstlichen Leiche erfolgt am Samstag in der Familiengruft zu Sigmaringen.
Ein eigenthümliches Zusammentreffen ist es, daß an demselben Tage, an welchem d^r Chef des Fürstlich Hohenzollern'schen Hauses aus dem Leben schied, auch das Haupt einer andern deutschen gefürsteten Familie verschieden ist. Eine Depesche aus Regensburg meldet das daselbst am Dienstag Abend erfolgte Ableben des Fürsten von Thum und Taxis, Maximilian Maria, welcher unter Vormundschaft seiner Mutter, der Prinzessin Helene, Herzogin in Bayern, zu Regensburg residirte. Fürst Maximilian Maria war erblicher Reichsrath in Oesterreich und Bayern, und erbliches Mitglied des preußischen Herrenhauses und der ersten württembergischen Kammer. Der Ver- ftorbene war am 24. Juni 1862 geboren, hat also nur ein Alter von 23 Jahren erreicht Die Kaiserin von Oesterreich hat sich aus die Kunde von dem Ableben des Fürsten von Thum und Taxis sofort nach Regensburg begeben.
In Paris ist die Leichenfeier für Victor Hugo in einer der Bedeutung des großen Todten durchaus würdigen Weise verlaufen. Die Trauerfeier trug lediglich den Charakter einer großartigen französischen Rational- Kundgebung und die zahlreichen revolutionären Elemente, welche Paris beherbergt, besaßen merkwürdiger Weise so viel Taktgesühl, diesen allgemeinen Trauertag der französischen Nation nicht durch mindestens unpassende Kundgebungen zu stören. Auch die von der Polizei während des Trauerzuges vorgenommene Con- fiscation von einem Dutzend rother und schwarzer Fahnen hat nicht den geringsten Zwischenfall herbeigesührt und kann somit die Regierung mit dem Verlause der ganzen Feier nur zufrieden sein.
General Courcy, der neue französische Ober-Commandirende in Tong- king, ist daselbst am Montag Abend gelandet und wird sich demnächst nach Huo begeben, dessen Garnison verstärkt werden soll. Inzwischen nimmt die friedliche Auseinandersetzung zwischen Frankreich und China den erwünschtesten Fortgang. Von der Kaiserin von China ist ein Decret erlassen worden, in welchem der Abmarsch der Führer der Schwarz-Flaggen und die Räumung von Tongking innerhalb der sestgesetzien Frist angeordnet wird.
Das Interesse an dem englisch-russischen Conflicte, welches gänzlich einzuschlafen drohte, ist durch die Nachricht der „Daily News", daß die Pendjeh-Affaire nun doch noch dem König von Dänemark zur schiedsrichterlichen Entscheidung unterbreitet werden soll, wieder geweckt worden. Das genannte Blatt hat indessen in letzter Zeit bezüglich des englisch-russischen Streitfalles schon mehrfach optimistische Nachrichten gebracht, die sich hinterher als nicht wahr erwiesen nnd so wird denn auch die Bestätigung seiner jüngsten Meldung abzuwarten sein. Gleichzeitig ist in London ein Blaubuch über de» Zwischenfall von Pendjeh und die sich an den russischen Vorschlag, den deutschen | Kaiser zum Schiedsrichter zu wählen, anknüpfende Correspondenz zwischen London


