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Rr. 127 Freitag den 5 Juni 188S

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Amtlicher HHeil.

Betreffend: Die Vertilgung der Blutlaus. Gießen, am 1. Juni 1885.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Wir erinnern Sie, soweit Sie noch im Rückstände sind, an Erledigung der Verfügung vom 11. Mai 1885 Gießener Anzeiger Nr. 110 binnen acht Tagen.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberficht.

Gieße«, 4. Juni.

Die jüngsten ofsiciellen Berichte über das Befinden des Kaisers lauten leider wieder etwas weniger günstig. So meldet derReichs- Anzeiger" : Der Kaiser litt mährend der letzten Tage an erneuter Reizung im Halse, die indeß in gleicher Weise wie die übrigen Krankheits-Erscheinungen nach einer guten Nacht wesentlich vermindert wurde. Das Allgemeinbefinden beginnt sich zu heben; es ist indeß nicht der Art, daß der Kaiser das Zimmer nerlaffen kann. Private Meldungen besagen, daß der Kaiser sich abermals eine Erkältung zugezogen habe, welche Halsschmerzen und Heiserkeit herbeigesührt hat, und daß das Blasenleiden andauernd Schmerzen verursache. Es hat dem- irach auch die für diese Tage in Aussicht genommene Wiederaufnahme der täg­lichen Ausfahrten des hohen Herrn abermals einen Aufschub erhalten müffen.

Am Montag sollte sich der Justizausschuß des Bundes­rath es über den preußischen Antrag betreffs des Herzogs von Cumberland schlüssig machen. Eine Entscheidung war aber bis zum Dienstag noch nicht bekannt und ist es leicht möglich, daß die Angelegenheit den Ausschuß noch mehrere Tage in Anspruch nimmt, zumal da von Schwierigkeiten verlautet, auf welche der Antrag Preußens im Bundesrathe gestoßen sein soll. Trotzdem darf nicht bezweifelt werden, daß die Cumberlands - Affaire denjenigen Ausgang nehmen wird, wie er allein den Interessen Preußens, Braunschweigs und des Reiches entspricht.

Die schweizer Bundes-Versammlung ist am Montag wieder zusammengetreten. Die Präsidialwahlen zum Nationalrath haben abermals das Vorwiegen des radikalen Elements in dieser eigentlichen gesetzgebenden Kör­perschaft der Schweiz bewiesen, denn sowohl der zumjPräsidenten gewählte Abg. Bezzola aus Graubünden, wie der zum Vicepräsidenten gewählte Abg. Morel aus Neuenburg gehören der radikalen Partei an. Auch der neue Vicepräfident des Ständerathes, Burg aus Waadt, ist radikal, während der zum Präsidenten des Ständerathes gewählte Zweifel aus Glarus dem Centrum angehört, welches freilich in der schweizerischen Bundesversammlnug eine andere Stellung ein­nimmt, als etwa die gleichnamige Partei im deutschen Reichstage.

Der vergangene Montag ist der eigentliche entscheidende Tag in der gegenwärtigen Reichsrathswahl-Campagne in Oesterreich ge­wesen. An demselben schritten die Wähler der Städtegruppen Nieder-Oester- reichs, Ober-Oesterreichs, Salzburgs, der Bukowina, des zweiten Wahlkörpers von Triest, der Landgemeinden Böhmens und endlich der Reichshauptstadt Wien selbst zur Wahl. Was zunächst die Wiener Wahlen anbelangt, so sind dieselben in allen Bezirken unter starker Betheiligung verhältnißmäßig ruhig verlaufen, mir in der Leopoldstadt, wo ein hartnäckiger Kampf zwischen Professor Sueß (liberal) und dem Antisemiten Schneider stattfand, kam es zu einem Constict zwischen den Parteien, in Folge dessen die Polizei einschreiten und mehrere Ver- h-astungen vornehmen mußte. Leider haben die Liberalen schwere Verluste erlitten, denn der fünfte, siebente und achte Wahlbezirk ging an die Demokraten, bsv sechste Bezirk an die Antisemiten verloren. Dagegen siegte im neunten Be­zirk der von den Liberalen aufgestellte Candidat Wrabetz gegen den bisherigen demokratischen Vertreter. In den übrigen städtischen Bezirken Nieder-Oesterreichs wurden meist die liberalen Candidaten gewählt, nur in Baden unterlag der bis­herige Abg., Professor Lustkandl, seinem antisemitischen Gegner. In den städti­schen Bezirken von Salzburg wurden zwei Liberale gewählt, der feudal-klerikale Candidat, der ehemalige Minister Bach, fiel glänzend durch, In Stege siegte der bisherige liberale Abg. Wickhof gegen den Handelsminister Baron Pino. In Lmz wurden ebenfalls zwei liberale Abgeordnete gewählt. Bei den Wahlen der böhmischen Landgemeinden wurden meßt die früheren Abgeordneten wieder gewählt, nur in zwei deutschen Wahlbezirken wurden statt der früheren deutsch­liberalen Vertreter oeutsch-nationale Abgeordnete gewählt. Dies geschah u. A. in. Tetschen, wo Herbst gegen Picken unterlag. In Prachatiz unterlag Herbst ebenfalls und sein Gegen«Candidat, Fürst Schwarzenberg, wurde gewählt. In emem anderen deutsch-böhmischen Wahlbezirke ging der von der sog. Wirthschasts- pmrtei ausgestellte Candidat als Sieger hervor.

Aus Paris liegen spaltenlange Telegramme und Corre­spond enzen über das am Montag stattgefundene großartige Leichenbegängniß V ictor Hugo's vor, aus denen wir an dieser Stelle nur das Wichtigste mit* th-eilen können. Bereits am Katafalk feierten verschiedene Redner den großen Tiodten; unter ihnen befand sich auch der Präsident des Gemeinderathes, Mchelin, welcher auf das politische Gebiet abschweiste und die Wiedereinführung ien communalen Autonomie verlangte; seine Rede ries starke Bekundungen des

Mißfallens hervor. Gegen 2^2 Uhr Nachmittags traf die Spitze des unge­heueren Leichen-Conducts, in welchem sich 12 Wagen mit Kränzen befanden, am Pantheon ein; 800 Kränze wurden dem Zuge noch nachgetragen. Um 4 Uhr fand die Einsenkung in die Gruft statt, 15 Redner sprachen noch an derselben. Der Zug selbst verlief, während er sich durch die Straßen bewegte, ohne jeden Zwischenfall. Die Ruhe wurde nirgends gestört. 15 rothe und schwarze Fah­nen, welche von revolutionären oder Freidenker-Vereinen getragen wurden, nahm die Polizei noch vor Beginn der Beerdigungs-Feierlichkeiten in der Gegend des Bois de Boulogne weg und zerriß sie; der Vorfall blieb von der Volksmenge unbeachtet. Die Trauerfeier ist also erfreulicher Weise nicht durch die befürch­teten revolutionären Kundgebungen gestört wurden.

Vor einigen Tagen verkündete die englische Zeitung Daily News", daß der afghanische Streitfall zwischen England und Rußland durch die Annahme der englischen Vorschläge nunmehr gütlich abgeschlossen sei. Hinterher ist nun diese Mittheilung widerrufen worden, da die Zustimmung Rußlands zu dem englischen Anerbieten noch nicht eingetroffen sei. Trotzdem darf man wohl annehmen, daß dem englisch «russischen Conflicte schon längst die Spitze abgebrochen worden ist und derafghanische Zwischenfall" im Sande verlausen wird. Die maßgebenden Faktoren Rußlands und noch mehr diejeni­gen Englands wollen eben einen Krieg nicht, da, ° wie man sich schon beim Beginn des Grenzstreites in Centralasien sagen konnte, der Einsatz eines englisch­russischen Krieges in ganz ungeheuerem Widerspruche mit dem Gewinne stehen würde, den eine der beiden streitenden Mächte in einem Kriege erzielen könnte. Rußland würde im Siegesjalle doch nicht daran denken können, sich in Indien sestzusetzen, weil noch uncultivirte Länder von enormer Ausdehnung zwischen dem cultivirten Rußland und Indien liegen, und England hätte überhaupt nur im günstigsten Falle einen erfolgreichen Abwehrungskrieg gegen Rußland geführt, aber sonst nichts gewinnen können. Der Hinweis aus die vielen Gefahren, riesengroßen Verluste an Menschenleben, Geld und Gut, fatalen Zwischenfälle und auf, im günstigen Falle doch nur im Verhältniß zu den Opfern ganz geringe Vortheile, mußte die Lust an einem kriegerischen Austrage des afghani­schen Streitfalls in England wie in Rußland bedeutend abkühlen. Freilich hatte man, zumal von Seiten Englands, in leichtfertiger Weise zum Kriege gehetzt und allerlei bedenkliche Fragen aufgeworfen, aber die Anrufung eines Schieds­gerichts bewies auch schon, daß man sich nach einem Auswege aus der Sackgasse sehnte, in der man sich im ungeschickten Eifer verrannt hatte. Jetzt berietet man aber gar nichts mehr von dem Schiedsgerichte, das der König von Däne­mark über die angebliche Verletzung der englisch-russischen Convention für die afghanische Grenzregulirung übernehmen sollte und man thut recht daran, denn es waltet offenbar das ersichtliche Streben der englischen und russischen Staats­männer ob, die Wogen des vor Kurzem drohenden Kriegsbrandes sich mehr unv mehr beruhigen zu lassen und dann die Affaire überhaupt beizulegen. Treten doch jetzt auch die einflußreichsten russischen Zeitungen dafür ein, daß es klug fei, an Stelle der fortwährenden Jntriguen und Eifersüchteleien zwischen England und Rußland in Centralasien ein gut nachbarliches Verhältniß zu setzen, welches sogar den Charakter eines englisch-russischen Bündnisses erhalten könnte, ein Bündniß, welches den Interessen beider Mächte gerecht werde und auch die Stellung Englands in Indien stütze. Rußland denke nicht daran, England aus Indien zu verdrängen, sondern wolle nur feinen central - astatischen Besitzstand consolidiren und der Cultur eröffnen. Danach wird der officielle Abschluß der englisch'russischen Verständigung in Centralasien wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Darmstadt, 3. Juni. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 28. Mai dem evangelischen Pfarrer Johann Heinrich Gries zu Leeheim das Ritterkreuz 1. Klaffe des Verdienst - Ordens Philipps des Groß- müthigen zu verleihen.

Darmstadt, 3. Juni. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 15. Mai den provisorischen Lehrer an der seitherigen höheren Bür­gerschule zu Wimpfen a. B., Heinrich Steuerwald, zum Lehrer an der Realschule daselbst zu ernennen.

Darmstadt, 2. Juni. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 17 enthält:

1. Bekanntmachung Großh. Ministeriums der Finanzen, Ablheilung für Forst- und Cameralverwaltung, die Ertheilung von Prämien für Erlegung von Fischottern und Fischreihern betreffend.