Nr SO
Drittes Blatt
Sonntag den 5. April
1885
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bttrtflttt Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloch«.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Fürst Bismarck.
Gedenkblatter zum siebzigsten Geburtstage.
Von Professor Dr. Adalbert Horawitz.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung)
»ES ist doch nur eine Zeltfcagr", schrieb er da wohl, „Völker und Menschen, Thorheft und Weisheit, K,ieg und Frieden, sie kommen und gehen wie Wasserwogen und das Meer bleibt. ES ist ja ntchiS auf dieser Erde alS Heuchelei und Gaukelspiel u. s. w."
Schon im Februar 1860 sah er trostvoller in die Zukunft, ec meint, „die von des Rheinbundes und der Bundesacte Gnade souveränen Kleinstaaten können ihren ParttkulariSmuS auf die Dauer gegen den Strom der Zett nicht halten ... ES kann, wie meine Genesung, Stillstand und Rückschritt gelegentlich durchmachen, aber im Ganzen rück! es vorwärts, sobald wir muihig wollen und unS unseres Wollens nicht mehr schämen, sondern im Bunde, in der Pr-sse und vor Allem in unseren Kammern offen darlegen, was wir in Deutschland vorstellen wollm, und was der Bund bisher für Preußen gewesen ist: ein Alp und eine Schlinge um unseren HalS."
Ganz offen rückt BiSmarck mit seinen Strebungen heraus, wenn er am 22. August 1860 schreibt: „Ich habe ... nie etwas anderes gerathen, alS uns auf die eigene und die im Falle deS Krieges von und aufzubtetende nationale Kraft Deutschlands zu verlassen." Und am 18. September 1861 bezeichnete er alS dringliche Aufgabe der deutschen Politik „eine straffere Consolidatton der deutschen Wehrkraft, eine bildsamere Einrichtung des ZollwesenS, e-ne Anzahl gemeinsamer Institutionen, um die materiellen Jntercssen gegen die Nachthetle zu schützen, die auS der unnatürlichen Configuration der deutschen inneren Landesgrenze erwachsen" . . . „Ich sehe außerdem nicht ein", fährt er fort, „warum wir vor der Idee einer Volksvertretung, sei eS im Bunde, sei es in einem Zoll- und VeretnSparlament. so zimperlich zurück- schrccken."
So sprach der Mann, den man mittlerweile für den Posten eines Ministers ausersehm hatte. Er selbst schrieb aber gerade in diesen Tagen, sehr zweifelnd an seiner geistigen Spannkraft: „Vor drei Jahre» hätte ich noch einen brauchbaren Minister abgegeben, jetzt komme ich mir in Gedanken daran vor wie ein kranker Kunstretter" . . . Und am 7. März 1862 erklärte er seiner Schwester, „würde ihm das Ministerium angetragen, er würde ablrhnen, er fühle sich nicht wohl genug für so viel Aufregung und Arbeit!"
Vorerst freilich ging dieser Kelch an ihm vorüber, er ward als Gesandter nach Varis verfitz!. An der Quelle konnte er nun Napoleons Pläne studiren und sich mit dem von Europa Gefürchteten tn Accord setzen. Der Frühling sah ihn im ungemüth- ltchen, stinkenden BotschaftSpalais in Paris. Noch immer widerstrebt sein Inneres gegen eine Berufung tn's Ministerium, wenn es aber fein muß. will er den König nicht im Stiche lassen. „Soll eS sein, dann voran! wie unsere Kutscher sagen, wenn sie die &ine nehmen."
So rasch ging es freilich nicht. BtSmmck hatte noch Zeit, eine erfrischende Reise in's südliche Frankreich und nach dem nördlichen Spanten zu unternehmen; im September 1862 aber berief ihn der Telegraph zur U.bervahme deS Ministeriums nach Berlin. Schon am 23. September wurde er zum Staatsminister ernannt und ihm der interimistische Vorsitz im Mtmsterium übertragen. DaS Organ der Altliberalen schrieb darüber: „Ec war ein Landedelmann von mäßiger politischer Bildung, dem mit der burraukratifchen Pedanterie auch die bureaukrattsche Routine fehlte, deffen Einsichten und Kenntniffe sich nicht über daS erhoben, was das Gemeingut aller Gebildeten ist.
. Ihm gegenüber wird sich das Wort bewähren, daß die Politik eine sehr positive Kunst ist."
Ein süddeutsches Blatt aber ries aus: „Warten wir ab, nach seinen Thaten soll er gerichtet werden!" Diesem Standpunkte gegenüber konnte er getrost in die Zukunft schauen: Die deutsche Einheit ruhte schon latent in seinem Haupte, seine sehr positive Kunst bat feinen Plänen kräftiges Leben verliehen.
Friedrich W.lhelm IV. war am 2. Januar 1861 gestorben, sein Bruder, der bisherige Prinz-Regent folgte ihm als König. Mit klarem Blick hatte dieser seit Langem erkannt, daß Preußen nur dann auf des großen Friedrichs Bahnen schreite, daß eS nur dann den Traditionen seinrr Geschichte folgen könne, wenn seine Armee den Anforderungen der Zeit entspreche, wenn sie fähig würde, auch die schwersten Aufgaben zu bewältigen. General von Bonin und E. Th. von Roon hatten schon 1856 Pläne zu einer Reorganisation der Armee vorgelegt, welche dieselbe im Falle kriegerischen Verwickelungen vor einem zweiten Jena bewahren sollten. Der neue König war mit ganzer Seele dabei, diese Idee zu realifiren. An Bismarck, den er von früher her kannte und hochschätzte, meinte er den Mann gefunden zu haben, um die inneren Schwierigkeiten zu beheben.
der That, König und Minister hatten Vieles, das sie zusammenführen und in treuer Lebensarbeit vereinen mußte. Zu den edelsten Zügen des damaligen Königs n^unferks jetzigen Kaisers gehörte eS aber zweifellos, oaß er von Anfang an Bismarck S köstliche Art erkannte, daß er trotz zahlloser Jntriguen, trotz wüihenden Sturrn- brausenS der offenilichen Meinung mit tapferem Sinne fest an seinem Kanzler gehalten,
°°n Eifersucht oder Mißtrauen seine Helle Seele getrübt. DaS darf Deutschland dem Kaiser Wilhelm nie vergessen!
. ®8 ®av kein Kleines, in der Confl'ctszeit nicht irre zu werden, alS die ent- schiedene Opposition deS Landtags. der Widerspruch vieler Städte, der Hohn der Zeitungen und die Proteste vieler Versammlungen BiSmarck als einen Landverderber, als emen allgemeinen Unruhestifter bezeichneten. Allerdings, eS stimmt peinlich, die damaligen Landtagsberichte zu lesen; da jene Zeit aber vorüber ist und der endliche Ausgang doch e^n so günstiger war, ,st e6 möglich, die Sache objectiv zu betrachten und sich an Bismarck's Kampfetzweise zu erfreuen. Hie und da ist er ganz der alte Göt-
UT ®e0nern gleichzeitig vornimmt, geradezu erstaunlich ist
die Fülle von geistiger Frische, von Schlagfertigkeit und Behendigkeit, mit der er einen nach dem andern feiner Gegner abführt. Da werden wohl alle Register gezogen: sachliche Darlegung. Ironie, köstlicher Humo" tiefer Ernst begegnen sich in dtesm gehaltvollen Reden, durch dir allerdings auch grimme Erregung hindurchbricht und zu den bekannten Zwischenfällen mit Behrend, Virchow und Anderen führt Am wärmsten aber wird BiSmarck wenn er für das Haus der Hohenzoüern spricht.
Rußland zu Liebe, daS zu gewinnen ihm für seine nächsten politischen Pläne voihig sch,en, verfügte BiSmarck Ausnahmszustände über die Provinz Posen- auf den feturm ber Polenfrrunde erwiderte er mit denselben Motiven, die er noch in den letzten Tagen hinstchtlich der polnischen Frage ausgesprochen und machte dabei die namentlich für jene Jahre zutreffende Bemerkung: „Die Neigung, sich für fremde £ Q Q l unb Nationalvestrebungen zu begeistern, auch dann, wenn dieselben nur flut Kosten des eigenen Vaterlandes verwirklicht werden können, ist eine politische KrankhettSform, deren geographische Verbreitung sich leider auf Deutschland beschränkt." Den Angriffen deS politischen Dilettantismus setzte BiSmarck — man sollte «einen smtlich genug — das Programm des Königs gegenüber, daß kein Fuß breit
deutscher Erde verloren gehen und daß ebenso kein Titel deutschen Rechtes geopfert werden solle.
Und wie man ihn dann nie verstehen wollte, von seiner Jneonsequenz decla- mirte, er wedelte er: „Die Politik ist keine cxact Wissenschaft; mit der Position, die man vor sich hat, wechselt auch bk BenutzungSart der Positionen. Herr Virchow hat gesagt, er wünsche, daß ich dereinst in meinem Fache mich derselben Anerkennung en in bem Anisen. Ich unterschreibe diesm Wunsch mit voller Auf- richtigkeit. Ich euenne die hohe Bedeutung des Herrn Vorredners in seinem Fache vollkommen an und gehe zu, daß er in dieser Beziehung einen Vorsprung vor mir hat. SBenn ^r der Herr Vorredner sich aus seinem Gebiete entfernt und auf mein Ge- biet ungünstig übergeht, so muß ich ihm sagen, daß über Politik sein Urtheil ziemlich leicht für m'ch wiegt. Ich glaube wirklich, meine Herren, ohne Ueberhebung, diese Dinge verstehe ich besser." y
Und als später, nachdem Bismarck in der holsteinschen Sache schon genugsam seine nationalen Tendenzen und sein hervorragendes Talent in der Behandlung verwickelter poliiischer Angelegenheiten erwiesen hatte, der Landtag an seiner Befähigung und seinem Berufe, Staatsgeschäfte zu treiben, Zweifel erhob, sagte er mit schneidender Satire: „Ich bin nicht unbescheiden genug, daß mir nicht selbst mitunter solche Zweifel kämen; ich bin überzeugt, daß jeder der Herren, bk diese Phrase unterschrieben haben, die Sache an meiner Stile besser gemacht haben würde, aber — den Beweis davon haben Sie noch nicht gegeben."
Wie die äußerste Demokratie der attischen Volksversammlung im Vereine mit den partikularistischen Bundesgenoffen von PerikleS eine spccificirte Rechnungslegung und damit — unverständig genug — eine vorzeitige Enthüllung seiner geheimsten Pläne verlangt hatte, so drängte auch die Opposition im Landtage dermaßen nach Eröffnungen über die letzten Ziele, die begreiflicherweise nicht gegeben werden konnten, daß Bismarck in der Hitze der Debatte einmal daS sehr beherz'genSwerihe aber nicht beherzigte Wort entschlüpfte: „Könnten wir Ihnen die Wahrscheinlichkeiten, die wir haben, mit derjenigen Klarheit auseinandersetzen, m't der ich Seiner Majestät dem Könige gegenüber im Stande bin, sie zu entwickeln, ich glaube, Sie würden in der Heftigkeit Ihrer Opposition gegen daS, was wir treiben, einigermaßen Nachlassen."
Gering war die Aufgabe wahrlich n'cht. welche BiSmarck zu leisten hatte, doch weder Kraft noch Humor verlor der gewaltige Kämpe; mitten tn einem der heftigsten Stürme (am 7. October 1862) schrieb er am Kammerttsch, „mit einem Redner, der nur Sottisen sagt, auf der Tribüne vor mir, zwischen einer abgegebenen und einer abzugebenden Erklärung", an seine Gattin. „Arbeit ist viel," schreibt er, „etwas müde, richt genug Schlaf, aller Anfang ist schwer, mit Gottes Hülfe wird es bester werden." Seiner Schwester schilderte er wenige Tage später seine Tageseintheilung: ,Heut von 8-11 Diplomatie, von 11—l«/a verschiedene streitsüchtige Minister Conferenzen, dann bis 4 Vortrag beim König, von Vr-3A Galopp im Regen bis Hippodrom, um 5 Uhr zur Tafel, von 7 bis jetzt 10 Uhr Arbeit aller Art, aber gesund und gMen Schlaf, starken Durst!"
Reifen, die er 1863 machte, führte« .ihn nach Karlsbad, Salzburg, Gastein, Nürnberg; aus letzterer Stadt schreibt er, wie lästig eß sei, aus jeder Station wie ein Japanese angestaunt zu werden, „mit dem Jncognito und seinen Annehmlichkeiten ist es vorbei, bis ich dermaleinst gleich Anderen vor mir verschollen sein werde und irgend ein Anderer den Vorzug hat, Gegenstand allgemeinen UebelwollenS zu fein." Dieses Uebelwollen äußerte sich sehr bald in greifbarer Weise; am 27. Oct ob er schreibt er: »Heut' Abend ist Seine Majestät wieder hier, die Bedrohungen seines Lebens sind viel beforgltcher als die gegen mich gerichteten, aber auch dies steht ja nur in GotteS Hand!"
Die Aufregungen und Arbeiten wuchsen, seitdem die holsteinische Frage die Con- stellationen. welch- der Frankfurter Fürstentag und viele andere ergeben haften, in den Hintergrund schob. Hier galt eS, sich vor Allem deS guten Willens Rußlands zu versichern, Napoleon III. in feiner nicht unfreundlichen Haltung zu bestärken und gegenüber den Velleitäten des Bundestages und der Politik Hannovers und SachsenS sich mit Oesterreich zu verständigen. Es ist hier nicht der Ort, der einzelnen Schachzage und der endlosen Schwierigkeiten und Hemmnisse zu erwähnen, durch die BtSmarck'S nationales Werk gekreuzt, ja, in Frage gestellt wurde Ungemein bezeichnend aber find seine später geäußerten Worte über diese Zett: „Das ist die diplomatische Action, auf die ich am meisten stolz bin. Gleich nach dem Tode des Königs von Dänemarck dachte ich an die Erwerbung Schleswig-Holsteins. Aber es war schwer za vollbringen. Alles war gegen mich: Oesterreich, die Kleinstaaten, die Damen unseres Hofes, die Liberalen, die Engländer. . ."
In der That. so war es, und die nie nachlassenden Angriffe mußten ihn ärgerlich und überreizt machen. „Ich wollte", schreibt er übrigens mit kernigem Humor, „irgend eine Jntrigue setzte ein anderes Ministerium durch, daß ich mit Ehren diesem ununterbrochenen Ttntenstrom den Rücken drehen und still auf dem Lande leben könnte; die Ruhelosigkeit der Existenz ist unerträglich; es ist kein Leben für einen rechtschaffnen Laudedelmann, und ich sehe einen Wohlthäter in Jedem, der mich zu stürzen sucht."
DaS Ziel — die Lösung der holsteinischen Frage im Sinne Preußens — wurde erreicht, nachdem der Augustenburger aus Bismarck's Bedingungen nicht eingegangen war; das Jahr 1864 hatte dem Worte des Staatsmannes Recht gegeben, das so viel Auffehen gemacht hatte: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden — daS ist der Jrrthum in den Jahren 1848 und 1849 gewesen — sondern durch Blut und Eisen."
Wenn die alten Demokraten von 1848 den Ausbruch einer Revolution erhofft, Napoleon III. Bismarck daS Schicksal Polignac's prophezeit hatte, so erfüllte stch von alledem nichts. In alter Königstreue hatte daS Volk zu König und Regierung gestanden, als es zum Kampfe mit Dänemark kam, und hatte dem alten RuhmeSkranze neue Blätter hinzugefügt. Mit schlecht verhohlenem Aerger schrieb damals ein ftanzö- stsches Blatt: „In Deutschland find nur die Köpfe revolutionär, die Hände bleiben unschuldig". Umsonst auch mühte sich der Imperator an der Seine, den Mephisto zu spielen und Preußen zu Compensationen zu bringen. Nicht einen Fuß breit deutscher Erde den Fremden preisgeben, dieser Cardinalsatz stand bei dem Könige wie bei Bismarck fest. Freilich, wenn Napoleon es unternahm, Preußen gegen Oesterreich und dieses gegen Preußen zu Hetzen, so gelang dkS bei den damaligen Verhältnissen um so leichter, als einerseits das beiderseitige Streben nach der Hegemonie in Deutschland dm Antagonismus nicht absterben ließ, andererseits tn dec gemetnschaftltchm Verwaltung der Herzogthümer eine stete G-fabr eineß feindseligen Zusammenstoßes lag. Dem Kenner der Geschichte, welcher die Gegenwart auS der Vergangmheit verstehen gelernt und die Zukunft zu deuten weiß, mußte der Krieg zwischen den beiden Vormächten ebenso ein Ax'om fein, wie es ketn Zufall ist, daß Athen und Sparta im peloponesischen Kriege einander zum entscheidenden Kampfe gegenübertraten. Und zweifellos war BiSmarck längst mit diesem Gedanken vertraut, so sehr er auS Rücksicht auf die ungeheure Verantwortung eines solchen Krieges, wie auf die persönlichen Gefühle König Wilhelms gegen den Wiener Hof alle Versuche zu einem Compromtß machte und nicht müde wurde, Thetlungsprojecte hinsichtlich deS Einflusses in Deutschland vorzuschlagen.


