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Nr. 282. Zweites Blatt Donnerstag den 3. December
1885
euer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schulst,aße 7.
Erscheint uM IfefoMtynt M WhO«<ODA.
JheH vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brtn$e*6*
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50
Darmstadt. sLandständisches.^ Der erste Ausschuß der zweiten Stände- kammer hat in zwei Berichten der Kammer höchstwichtige Beschlüsse zur Genehmigung unterbreitet:
1. in Betreff der Uebernahme der Tagegelder und Transportkosten der Kreis- schulinspectoren auf die Staatskasse,
2. in Betreff der Bewilligung der Mittel zur Erbauung eines cheinischen Laboratoriums in Gießen mit 213,600 Jt.
Die erste Angelegenheit, schon lange in den verschiedensten Kreisen besprochen, wurde von Herrn Abgeordneten Schade und Genossen angeregt, und wir bestätigen mit Vergnügen, daß sich die Staatsregierung sofort mit diesem Antrag einverstanden erklärt hat, welcher als Folge die Abänderung des Art. 84 des Volksschulgesetzes vom 16. Juni 1874 in sich schließt. Die Tagegelder und Transportkosten der Kreis-Schul- Jnspectoren betragen nach einer im Ministerium aufgestellten Durchschnittsberechnuug von 10 Jahren jährlich 21,908 JL und wurden nach Maßgabe des Art. 84 des Volksschulgesetzes seither von den Kreisen getragen. Die Ausgaben der Kreise sind je nach deren Größe rc. verschieden, sie betragen zwischen 1805 JL (Gießen) und 352 «H. (Mainz). Vielfach wurde es als mißständig empfunden, daß die Kreis-Schul-Jnspectoren, obgleich Staatsbeamte, nicht, gleich den Kreisräthen, bezüglich ihrer Tagegelder und Transportkosten auf die Staatskasse verwiesen worden sind, sondern den Kreisen. Auch den Kreis-Schul-Jnspectoren mußte diese Verschiedenheit, zumal die Last in den Kreiskassen stärker empfunden wird, als im Staate, unbehaglich erscheinen. Es ist deßhalb der Schade'sche Antrag gewiß mit Freuden zu begrüßen, und es kann nicht gezweifelt werden, daß derselbe, zumal der von Herrn Ellenberger erstattete Bericht die Gründe für dessen Annahme überzeugend darthut, in der-Kammer Annahme finde.
Gleiches wird von dem Antrag auf Bewilligung der Mittel zur Erbauung des chemischen Laboratoriums in Gießen gesagt werden müssen. Der Posten ist zwar kräftig, allein er läßt sich kticht abweisen. Das alte, noch aus Liebig's Zeiten herrührende chemische Laboratorium ist wohl einzig in seiner Art, auf weitere Zeit unbedingt unbrauchbar und zu ersetzen. Die neuen Anforderungen sind freilich große gegen die bescheidenen der Vergangenheit. Allein es läßt sich denselben im Hinblick auf die Einrichtungen an anderen Universitäten nicht entgegentreten. Ein glücklicher Gedanke ist, daß die Staatsregierung von dem Plane, das chemische Laboratorium hinter dem Unioersitätsgebäude oder gar in dem Garten der Entbindungsanstalt zu errichten, abgegangen ist, und darf wohl gesagt werden, daß der neuliche Besuch des ersten Ausschusses mit Vertretern des Ministeriums in Gießen hierzu mitgewirkt hat. Nach den neuen Plänen soll das chemische Laboratorium neben dem Universitäts- gebäude an der Straße erbaut werden. Auch der lang anhängige Streit über die Erbauung eines besonderen Hauses für den Director des chemischen Instituts — welche die Regierung beabsichtigt hatte — hat seine Lösung durch den angenommenen Vorschlag, die Wohnung mit dem Hauptgebäude zu verbinden, erhalten. Die Universität und Stadt Gießen werden von der erfreulichen Erledigung gewiß erfreut sein — dem Lande kann es aber nur Befriedigung gewähren, wenn die Landesuniversität blüht und dazu gehört eben die Gewährung der Mittel, welche zur Erbauung und Einrichtung der Heimstätten der verschiedenen Zweige der Wissenschaften erforder- lich sind. _________________________________________________(D. Tgl. Anz.)
Univerfitüt- - Chronik.
— Man schreibt der „Tägl. Rundsch." aus Göttingen: In unseren akademischen Kreisen herrscht lebhafte Mißstimmung über die vom Ministerium, wenn wir nicht irren, für alle preußischen Universitäten, decretirte Einführung der Erhebung von sogen. Auditoriengeldern, die zur Bestreitung der Kosten für Gas, Heizung und Wasserleitung in dem Auditorienhause und den Universitätsinstituten verwendet werden sollen, und noch außer den üblichen Honoraren als Extragebühr gezahlt werden müssen. Besonders die jüngeren Docenten empfinden es schmerzlich, daß die Gebühr für öffentliche Vorlesungen doppelt so groß ist als für private, da sie sich ja durch öffentliche Vorlesungen ihren Hörerkreis erst schaffen müssen. Auch erscheint es nicht logisch, daß diese Auditoriengelder selbst für Collegien erhoben werden, die in der Privatwohnung des Docenten abgehalten werden und daß trotzdem der Ertrag dem Fiskus zufließt. So ist denn in der juristischen Fakultät gar keine, in der theologischen nur eine öffentliche Vorlesung zu Stande gekommen. Dem Vernehmen nach beabsichtigt der Senat, beim Ministerium dieserhalb vorstellig zu werden.
Sctmtfdbtci.
— Ueber den großen Sternschnuppenfall am Abend des 27. November schreibt Herr Dr. Klein in der „Köln. Ztg.":
Das wahrscheinliche Eintreten eines außergewöhnlichen Sternschnuppenfalles um die Zeit vom 25. November ab ist vor Kurzem an dieser Stelle angekündigt worden. Die erwartete Erscheinung trat in der That am Freitag Abend in großartigem Maßstäbe auf. Zwar beeinträchtigte in Köln das veränderliche Wetter die Wahrnehmung des Phänomen, aber trotz dieses ungünstigen Umstandes zeigte sich der Sternschnuppenregen so reichhaltig, daß zeitweilig 4 und 5 Meteore gleichzeitig aufleuchteten. Von 6 bis 7 Uhr Abends zählte ich auf meinem Observatorium auf einem Raume des Himmels um den Scheitelpunkt herum 636 Meteore, obgleich der Himmel zeitweise völlig bedeckt war. Die Sternschnuppen kamen fast sämmtlich aus dem Sternbilde der Andromeda und zwar war es augenscheinlich der Strahlungspunkt nahe bei dem Stern y der sie lieferte. Die meisten Meteore bewegten sich recht langsam und hinterließen leuchtende Streifen auf ihren Bahnen, die jeooch rasch erloschen. Vier Meteore waren so hell, daß sie als Boliden oder kleine Feuerkugeln bezeichnet werden konnten, außerdem wurden zwei große, neblige Massen gesehen, die sich, schweiflos, unter den Sternen bewegten. Die großen, geschweiften Meteore hatten meist eine röthliche Färbung. Wahrscheinlich ist die Anzahl der Feuerkugeln weit größer gewesen, als oben angegeben, denn als der Himmel bereits völlig bedeckt war und kein Stern erkannt werden konnte, blitzten an verschiedenen Stellen noch helle Meteore auf. Von 7Va bis 8 Uhr, bei ziemlich heiterem Himmel, zählte ich 309 Meteore, von denen etwa die Hälfte Schweife zeigten, viele von ihnen waren sehr hell und wahre Boliden. Von 8Va bis 9 Uhr wurden 375 Meteore gezählt, unter denen 10 sehr helle; von 9 bis 9'/z Uhr war die Zahl der gezählten Meteore 208, um IOV2 Uhr wurde der Himmel völlig trüb. Die angegebenen Zahlen beziehen sich nur auf den Gesichtskreis eines Beobachters, der das Zenith und den östlichen Himmel in's Auge faßte. Die Gesammt- zahl aller sichtbar gewordenen Meteore war natürlich bedeutend größer und es sind gewiß viele Tausend Sternschnuppen in den betreff. Abendstunden sichtbar geworden. Den größten Glanz entwickelte die Erscheinung zwischen 6 und 6Va Uhr, damals waren besonders viele sehr helle Meteore sichtbar, die nach 8 Uhr spärlicher erschienen. Berücksichtigt man den Umstand, daß zwischen 6 und 7 Uhr der Himmel nicht wolkenfrei und zeitweise sogar völlig trüb war, so kommt man zu der Ueberzeugung, daß in jener Stunde ein förmlicher Sternschnuppenregen stattgefunden haben muß. Auswärtige Beobachtungen werden hierüber Auskunft geben.
Was die kosnnjche Stellung dieses Meteorschauers anbelangt, so kann es keinem « unterliegen, daß er in enger Beziehung zu dem verloren gegangenen Biela schen Kometen steht. Die Meteoren sind zunächst dem Strome zugeordnet, welcher am 27. November 1872 jenen großartigen Sternschnuppenfall erzeugte, dessen sich viele noch erinnern werden. In der Freitag Nacht durchschnitt die Erde wiederum die Bahn dieser Meteore, jedoch war jetzt der Hauptschwarm derselben etwas entfernt von dem Ort im Raume, den die Erde einnahm. Daß überhaupt gegenwärtig ein lebhafter Sternschnuppenfall eintrat, beweist, daß jene Meteore keineswegs mehr eine ver- haltnißmäßig kleine Anhäufung bilden, sondern sich bereits theilweise in einen langen Strom auf dem Umfange der Bahn des Biela'schen Kometen ausgedehnt haben. Erst im Jahre 1892 und mehr noch 1905 wird die Erde um die Zeit des 27. November dem eigentlichen Hauptschwarni dieser Meteore begegnen und dadurch Anlaß zu einem noch großartigeren Sternschnuppenfalle bieten.
Von allen am Freitag Abend sichtbar gewordenen Sternschnuppen hat sicherlich keine einzige den Erdboden erreicht, denn da die Geschwindigkeit dieser kleinen Körperchen mehrere Meilen in der Secunde beträgt, so werden sie in den obersten Luftschichten verbrannt und aufgelöst.
— Aus militärischen Gründen ist die Aufgabe der Garnisonen Butzbach und Babenhausen nunmehr fest beschlossene Sache. Die dortselbst garnisonirenden zwei, bezw. drei Escadrons Kavallerie werden nach Darmstadt verlegt und ist zu deren Unterbringung der Neubau eines Kasernements für ein Regiment Kavallerie in Aussicht genommen, wofür im Reichs-Militär-Etat für 1886—87 die Kosten approximativ mit 1,970,000 Jfc eingestellt sind. Nach Fertigstellung dieses Kasernements kommen dre milrtärfiskalischen Garnison-Anstalten in Butzbach und Babenhausen, taxirt zu 46,960 JL, bezw. 55,371 JL für Rechnung des Reiches zum Verkauf.
— Aus der hessischen Lutherstiftung haben die folgenden Studirenden der Theologie Stipendien erhalten: 1) Wilhelm Lehr aus Altenstadt, 2) Richard Drescher aus Wieseck, 3) Albert Junker aus Laubach, 4) Wilhelm Graf aus Dorf Gill, 7) Otto Fischer aus Beuern, sämmtlich zu Gießen, sowie 8) Theodor Wiegel aus Rimlos, stud. theol. zu Berlin.
Diez, 27. November. Gestern sind aus dem hiesigen Zuchthause 3 Sträflinge entflohen und zwar: Georg Braun von Pfaffendorf, Adam Bangel von Münster und Wilhelm Weber von Bornheim. Dieselben werden steckbrieflich verfolgt.
Ems, 27. November. Heute Abend 7 Uhr wurden in Fachbach bei Ems zwei aus dem Zuchthaus in Diez entsprungene Sträflinge, von welchen der eine aus Bornheim gebürtig sein soll, wieder eingefangen. Bei ihrer Verhaftung trugen sie schwere Eisenstangen und betrachteten sie sich eben das vom Dorfe etwas abgelegene Schulhaus des Ortes. Seit Morgens früh war man ihnen von Niederlahnstcin aus auf der Spur, doch konnte man sie erst hier am Abend mit Hilfe mehrerer Leute einfangen. Der größere von beiden Sträflingen war völlig entkräftet und soll er nur noch 14 Monate abzusitzen haben. Beide Gefangene wurden nach Niederlahnstein gebracht und werden morgen nach Diez übergeführt. Auch der Mörder Braun ist entsprungen und bei Pfaffendorf am Rhein gesehen worden. Von Coblenz aus ist eine ansehnliche Polizeimacht zu seiner Wiedereinfangung aufgeboten worden.
„—Die „Goldene 110" nennt sich bekanntlich ein großes Kleidergeschäft in Berlin, das täglich das Unglaublichste in reclamenhaften Annoncen leistet. Gewöhnlich bringen sie einen Vers über momentane politische Fragen, von dem dann auf die Schneider- waaren und deren Anpreisung mit einem logischen Saite mortale übergesprungen wird. So lesen wir u. A. in einem uns soeben zukommenden Berliner Blatt von der „Goldenen 110" wörtlich Folgendes inserirt:
' „Gute Glanz-Wichse.
Ein Held von echtem deutschen Stamm!
Das ist der Battenberger;
Er zog die Serbenhosen stramm Zu Milan's Gram und Aerger! — Zu werben um den Ruhmeskranz Griff er nach Schwert und Büchse — Nun hat Bulgarien den Glanz Und Serbien hat — die Wichse — Der armen Serben Ruhmespreis Ist hin — was kann das nutzen — Ihr müßt statt mit 'nem Lorberreis Euch mit was And'rem putzen: Zur „Goldnen Hundertzehn" kommt her Gleich nach des Krieg's Erledigung, Wir geben Euch viel billiger Als für die Kriegs-Entschädigung:
Ueber 8000 Winter-Paletots und Kaisermäntel in reinwollenen Stoffen u. s. w. u. s. ro.*
Handel und Verkehr.
IV.
Gießen, 1. December. Der Jahresbericht der hiesigen Handelskammer bespricht das Krankenkassengesetz und Unfallversicherungsgesetz im Nachstehenden:
. ™ Seit dem 1. December 1884 ist das Gesetz, betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter, in Kraft getreten. Ob dasselbe bei der praktischen Durchführung den gehegten Erwartunaen entsprechen wird, läßt sich zur Zeit noch nicht absehen. Es sei hier nur erwähnt, baß im Bezirke der Kammer eine Ortskrankenkasse und etwa 15 Be-
, krankenkassen bestehen, wobei zu bemerken ist, daß ein Theil der versicherungspflichtigen Arbeiter anderen zulässigen Krankenkassen angehört. Was den Landbezirk des Kreises Gießen anlangt, so war beabsichtigt, denselben in 3 Bezirke mit Gemeindekrankenversicherungen einzutheilen und zwar im Wesentlichen im Anschluß an bestehende Sparkassenbezirke. Auf dieses Ziel hin waren die Vorarbeiten der Verwaltungsbehörde gerichtet. Der Kreisausschuß trat jedoch den auf Ausführung dieses Projects gerichteten Vorschlägen nicht bei, glaubte vielmehr, den einzelnen Gemeinden die Versicherungen überlassen zu müssen. Motivirt war der Antrag damit, daß im Kreise bis jetzt 8 Knappschafts-, 2 eingeschriebene Hilfskassen- und 5 ordentliche Verwaltungsstellen eingeschriebener Hilfskassen vorhanden seien und daß etwa 19 Betriebskrankenkassen errichtet werden würden, welche in den Landgemeinden etwa 1140 Arbeiter angehören würden. Die an sich schon geringe Zahl der versicherungspflichtigen Personen in den einzelnen Geineinden wurden durch die erwähnten Kassen noch erheblich vermindert, weshalb es zweckmäßig sei, eine größere Anzahl Gemeinden zu Bezirken zusammenzufassen, um eine den Intentionen des Gesetzes möglichst entsprechende Durchführung zu sichern, die einzelnen Gemeinden von fortlaufenden Zuschüssen zu bewahren und die Lasten der Versicherung auf die breiteren Schultern des Verbandes abzuwälzen. Der Kreisausschuß beschloß jedoch von der Bildung von Bezirken abzusehen, um die Durchführung des Gesetzes auf möglichst einfache Weise zu gestalten, da mit der Bildung


