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1885

Samstag den 3. October

Nr. 230

ießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureair: Schulstraße 7.

Erscheint fäg(id) mit Ausnahme deL Montags. i i ii 11 n i

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlvhn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 P'.

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Aeutschkand.

Darmstadt, 1. October. Durch Allerhöchste Kaiserliche Cabmetsordre, balirt Stuttgart 22. September, wurde v. Schwarzkoppen, Hauptmann voin groben Generalstabe, unter Entbindung von dem Commando bei der Bot- ichaft in Paris und unter Stellung ü la suite des Generalstabes der Armee, vom 1. October d. J-r. ab als tnilitärischer Begleiter zum Erbgroßherzog von Hessen und bei Rhein König!. Hoheit commandirl.

Rußland.

Petersburg, 1. October. DasJournal de St. Pätersvourg" schreibt: Die Action der Mächte sei Angesichts der fortdauernden militärischen Maßregeln in Sofia, Belgrad und Athen und oes Ausstandes in Albanien mehr als je erforderlich. Dadurch könne verhindert werden, oaß die Gährung, wovon alle diese Länder ergriffen seien, in eine ernste Krise ausarte.

DerDeutschen St. Petersburger Zeitung" zufolge beabsichtigt das Finanzministerium mit dem Jahr 1886 auch in Amsterdam und Wien befon- dere Agenten für Handel und Industrie anzustellen.

Griechenland.

Athen, 1. October. (Meldung derAgence Havas.") Griechenland scheint gewillt zur bewaffneten Intervention, falls Europa die bulgarische Union anerkannt. Die an den Grenzen versammelten Truppen erreichen demnächst die Stärke von 23,000 Mann, ungerechnet die Reserven, welche mit Eilzügen nach Laciffa befördert werden sollen. Bei Wiederzusammentritt der Kammer wird die Regierung die Mobilisirung der beiden anderen Klaffen der Reserve bean­tragen. Große Mengen Munition und Ausrüstungs'Gegenstände werden an die Grenze befördert. Admiral Canaris übernimmt den Oberbefehl der Flotte. Gestern hatten die Vertreter der Mächte eine lange Conserenz mit Delyannis, welchem sie vorsichtige Haltung anempfahlen. Zwei französische Panzerschiffe werden im Piräus erwartet, um das Geschwader der Levante zu verstärken.

Türkei.

Philippopel, 30. September. (Reuter"-Meldung.) Fortwährend treffen Truppen aus Sofia ein und ersetzen die nach der Grenze abgegangenen Freiwilligen. Alle wichtigen Posten sind gut befestigt, eine regelmäßige Posten­kette ist längs des Rhodope-Gebirges hergestellt und die Engpässe sind befestigt. Die Poft und das Telegraphenwesen sind nach dem Muster Nord-Bulgariens eingerichtet, wovon das internationale Bureau in Bern in Kenntniß gesetzt worden ist.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Eorrespondeirr * Bureau.

Berlin, 1. October. Der rumänische Ministerpräses Bratiano ist hier ein- .getroffen.

Berlin, 1. October. Der österreichische Botschafter Szögyenyi ist heute Nach- ' mittag nach Friedrichsruhe abgcreist.

Berlin, 1. October. Eine Bekanntmachung des Ministers des Innern vom -1.-October fetzt die Wahlmännerwahl für den Landtag auf den 29. October, die Ab­geordnetenwahl aus den 5. November fest.

DerReichsanzeiger" bringt eine amtliche Mittheilung über die Eorvettc Augusta", welche eine Geschichte derselben von ihrer Erwerbung bis jetzt enthält. Hervorgehoben wird namentlich, das; das Schiff bei seiner letzten Fahrt um 19 Tons weniger belastet war, als etatsmäßig. Die durch das Eommando des ostafrikanischen Geschwaders und die Eonsulate angefteUten Nachforschungen blieben resultatlos, ebenso die Nachfragen eines englischen Dampfers am 14. September auf den Ehagosinseln. Die Hoffnung, daß das Schiff auf einer Insel des indischen Oceans Reparaturen vornehme, ist geschwunden. Da seit dem Tage, wo die Eorvette Perim verließ, vier onate vergangen sind, welche Zeit mehr als genügend war, um bei Kohlenmangel oder havarirter Maschine einen Hafen zu erreichen, so ist keine Hoffnung mehr, daß da-ö schiff schwimmt und die Besatzung noch am Leben ist. Es folgt im ^Reichtzanzeiger" alsdann das Verzeichniß der an Bord derAugusta" eingeschifften Personen.

Kopenhagen, 1. October. Giers traf gestern Abend hier ein und begab sich hellte in Begleitung des russischen Gesandten nach Fredensborg.

Paris, 1. October. In dem heute Nachmittag stattgehabten Ministerrathe be­stätigte Freycinet, daß alle Mächte einer Besprechung der Vorgänge auf dem Balkan durch die Botschafter in Konstantinopel zustimmten. Die Besprechungen selber hätten noch nicht begonnen.

Rom, 1. October. Der König reifte nach Monza zurück.

Der Papst empfing heute Herrn v. Schlözcr, nachdem dieser vorher Jacobini besucht hatte. Herr v. Kendel! wurde vom König Humbert vor dessen Abreise nach Monza in längerer Audienz empfangen.

Es gilt jetzt als ziemlich gewiß, daß Robilant das Ministerium des Aus­wärtigen übernimmt.

Petersburg, 1. October. Die Gerüchte, Rußland wolle beantragen, den Fürsten Alerander von Bulgarien durch den Prinzen Waldemar von Dänemark zu ersetzen, sind nach zuverlässiger Information völlig unbegründete Phantasiegebilde.

Nisch, 1- October. Zum Präsidenten der Skupschtina wurde Kujundzie, zum Vicepräsidenten Glisic ernannt.

Monza, 1. October. Der deutsche Kronprinz ist hier zum Besuche des Königs­paares eingetroffen.

Konstantinopel, 1. October. Meldung des Reuter'schen Bureaus.^ Die Botschafter sind bei dem Doyen Eorti zu einer vorläufigen Besprechung zusammen­getreten. Die Ausfuhr von Cerealien aus der Provinz Adrianopel wurde verboten.

Konstantinopel, 1. October. Der deutsche Botschafter Herr v. Radowitz ist gestern gelandet.

Die Pforte requirirte die Bahnlinien Haidar-Jsmid und Konstantinopel- Adrianopel zum Truppentransport. Die Quarantäne gegenüber Varna ist um 48 Stunden reducirt.

Nisch, 1. October. Heute wurde die erste Sitzung der Skupschtina abgehalten. Morgen findet die feierliche Eröffnung mit einer Thronrede statt. Der König ant­wortete auf eine von der Municipalität überreichte Adresse, die Verhältnisse erforderten Festigkeit, Klugheit irnd Vorsicht; das Volk könne darauf rechnen, daß die Regierung die Interessen Serbiens zu wahren wissen wird.

XXXVIII. Nersammlung deutscher Philologen und Schulmänner.

IV.

Freitag den 2. October.

Der gestrige Tag war für die Mitglieder der Versammlung an Abwechslung reich; am Morgen von 8 Uhr ab Sectionssitzungen, von 10^4 Uhr ab allgemeine -Sitzung, am Nachmittag Ausflug nach dem Schiffenberg und Abends Festball im Club­lokal. Die Verhandlungen über eine der brennendsten Fragen, nämlich die praktische Vorbildung der Candidaten des höheren Lehramts, werden erst heute zum Abschlüsse gebracht werden; wir werden am Schlüsse des Festes über diese Verhandlungen und die sich widerstreitenden Meinungen referiren.

Der Ausflug nach Kloster Schiffenberg fand des schlechten Wetters wegen ver- hältnißmäßig nur wenige Theilnehmer; es waren ca. 7080 Herren erschienen, während schon die Zahl der anwesenden frembeu Gäste annähernd 300 beträgt. Die Fernsicht war leider keine Fernsicht; es waren, wie mein pathetischer College sagen würde, Wolken und Regen in Nord und Süd, in Ost und West. Um so freudiger begrüßten die Anwesenden den Vortrag einiger Lieder, die Herr Professor Onckcn mit 3 Mit­gliedern seines historischen Seminars fang. Leider mahnte der bevorstehende Tanz zu frühem Ausbruch. Bei der Berichterstattung über den (Je ft ball befinden wir uns in einiger Verlegenheit. Denn entweder denken die Leser, so ein Philologenversammlungs- festballberichterstatter^) sei ein Mensch, der mit sauersüßer Miene im Gesicht und mit dem Bleistift in der Hand auf der Gallerte stehe und Notizen mache ja dann ist er eben ein armer Mensch, der höchstens ein Buchstber die menschliche Narrheit schreiben könnte, oder aber sie denken, der Berichterstatter muß selbst tanzen, und wo bleibt bann, über dem Schauen in schöne Augen, die Zeit, das Ganze zu beobachten und unparteiisch zu referiren. Nun, wir wollen gestehen, daß wir selbst den Werth eines Tänzchens zu würdigen wissen, daß wir aber gleichwohl Muse genug hatten, ein wenig zu beobachten; wir können conftatiren, daß unsere fremden Festgäste und das i|t die Hauptsache sich in hohem Maße vergnügten, Tanzende 10wie Nichltauzcnde, und daß der ganze Ball sowohl als besonders unsere Schönen den besten, hoffentlich bleibenden Eindruck auf sie gemacht haben.

*) Gott fei Dank, daß das Wort zu Ende ist. Der Setzer.

Ueber Haushaltungsschulen.

Die Emancipirung der Frauen steht schon seit längerer Zeit auf der inter­nationalen Tagesordnung und treibt je nach dem Eharacter der verschiedenen Nationen neben vielen erfreulichen mancherlei absonderliche Blüthen, wobei wir nur auf die Bestrebungen zur Erlangung des politischen Wahlrechts für das weibliche Geschlecht zu verweisen brauchen. Dabei wird jedoch allgemein anerkannt, daß den Agitationen be­hufs der wirthschaftlichen Emancipation der Frauen ein gesunder Kern nicht abzu­sprechen ist. Gerade auf diesem Felde ist in unseren Tagen die agitatorische Bewegung in Berlin in Fluß gekommen, wofür z. B. die Versammlungen der Nähterinnen zur Hebung ihrer ivirthschaftlichen Lage ein sprechender Beweis sind.

Ohne auf die technischen und Lohnfragen der einzelnen Erwerbszweige der Frauenarbeit näher einzugehen, möchten wir, bie Sache bei der eigentlichen Wurzel am fassen, welche in der Ausbildung und Erziehung des weiblichen Geschlechts für die gewerbliche Thätigkeit liegt. In mehreren Städten sind schon erfolgreiche Versuche auf diesem Gebiete unternommen worden und finden immer mehr Anklang, so in Berlin z. B. in der Schule des Lette-Vereins, deren segensreiches Wirken sich besondete Anerkennung verschafft hat. Beim großen Publikum indessen hat die principielle und praktische Bedeutung gerade dieser Seite der Frage noch keine hinlängliche Würdigung gefunden, weßhalb einige Fingerzeige und Aufschlüsse darüber im Interesse der guten Sache recht zweckmäßig erscheinen dürften.

Der Kette weiblicher Erziehungsmittel hat sich seit einigen Jahren in Württem­berg, Sachsen und Hessen ein weiteres Glied eingereiht, welches wohl allgemeinen Ein­gang zu finden verdient: cs sind dies die ländlichen Haushaltungsschulen. Diese wirken bereits seit längerer Zeit mit kaum gehofftem Erfolg. Die Bauern, die sich sonst bei Neuerungen so vorsichtig rcservirt halten, schicken in immer größerer An­zahl ihre Töchter dahin. Auch in ihren Kreisen hat sich die Erkenntniß Bahn ge­brochen, wie wichtig für den Wohlstand des Hauses und das Gedeihen der Familie die heutige Haushaltungskunst geworden ist.

Die Frauen auf dem Lande müssen bei uns als Mädchen meift die Feldarbeit besorgen und verstehen es deßhalb vielfach nicht, auch nur den bescheidensten Comfort und die einfachste Mahlzeit herzustellen ober bie gewöhnlichsten Sauitätsregeln zu be­obachten unb ihre Kinder zu erziehen. Nur wer das weiß, der wird den vollen Werth dieser Schulen zu schätzen wissen. Erfreulicher Weife werde nicht wie in so manchen modernen Erziehungsanstalten die Unterrichtsgegenständen und die ganze Lehrmethode über das Niveau unb Bedürfniß der Schülerinnen hinaufgeschraubt, so daß sie mit gesteigerten Ansprüchen in ihre gewohnte Lebenssphäre zurückkehren und sich nicht mehr darin glücklich fühlen und zurechtfinden können. Die Gründung solcher Schulen wirb wohl zunächst überall eine Aufgabe der landwirthschaftlichen Vereüw bilden.

Für städtische Haushaltungsschulen ließ sich trotz allen Suchens eine 1 olche Musterschule, wie sie als Vorbild für weitere Gründung wünschenswert!) erscheint, nirgends entdecken. So vortrefflich die Kochschulen rc. in Berlin, Hannover, Ncunchen u. s. w. sind, so umfassen sie doch nicht das ganze Gebiete des Haushalts.

Bekanntlich haben sich seit Jahren bie Frauenvereine es zu ihrer Hauptautgabe gemacht, ihrem eigenen Geschlechte bnrch eine gründliche Erziehung, sowie durch Mch- schulen einen selbstständigen Lebenserwerb zu ermöglichen und es bewahrte sich diese Fürsorge während der letzten Jahrzehnte auf den eingeschlagenen Bahnen vorttesflich. Wahllose Mädchen sind dadurch vor Müßiggang, Armut!) und Verderben bewahrt worden. Besonders auch auf geistigem Gebiete errangen )ich begabte grauen unb Mädchen ausgezeichnete Stellen. Nun werben aber in den letzten Jahren durch die steigende Uebervölkerung und die schwierigen volkswirthschaftlichen Zustände tzße Arbeiw- verhältnisse auf allen Gebieten durch Uebeifülle von Arbeitskräften immer bedenklichem