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Nr. 2SL Mittwoch den 2. December 18KA
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vrrreairr Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. ^^ljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
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Amtlicher Hheit.
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht daß Grobherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz die Genehmigung zur Vornahme einer mit dem diesjährigen Frühjahrsfaffelmarkt in Butzbach zu verbindenden Verloosung von Faffeln, Rindern, Schweinen und landwirthschaftlichen Geräthen unter der Bedingung ertheilt hat, daß nicht mehr als 10.000 Loose i 1 ausgegeben werden dürfen und (abzüglich eines Betrags von 300 JL für Prämiirung) mindestens 70% des Brutto-Erlöses aus dem Verkaufe der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Zugleich ist der Vertrieb der Loose im Großherzogthum gestattet worden.
Gießen, am 27. November 1885. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Voekmann.
Politische Ueberficht.
Gießen, 1. December.
Kaiser Wilhelm ist durch das Hinscheiden des Königs Alfonso von Spanien auf das Schmerzlichste berührt worden und hat sofort nach Empfang der Trauernachricht dem spanischen Gesandten, Grafen Benomar, durch den Generaladjutanten Grafen Lehndorff seine innigste Theilnahme ausdrücken lassen. Der deutsche Kronprinz und der Reichskanzler statteten dem spanischen Gesandten Beileidsbesuche ab.
Der Reichstag hat am Donnerstag die Anträge Reichensperger, betr. Entschädigung unschuldig Verurtheilter, an eine besondere Commission zur Vorberathung überwiesen. Daß in beiden Beziehungen einmal etwas geschehen müsse, wurde von den Rednern aller Parteien zugestanden und kann man nur die Hoffnung aussprechen, daß die beiden Anträge, welche im Reichstage ja wiederholt eingebracht worden sind, diesmal nicht in der Commission begraben bleiben, sondern endlich zur praktischen Verwirklichung gelangen. Am Samstag stand neben verschiedenen Etats-Positionen auch die vom Abg. Reichensperger Namens des Centrums gestellte Interpellation bezüglich der Missions-Thätigkeit in den deutschen Schutzgebieten auf der Tagesordnung. Die Frage hat in der Tagespresse schon viel Staub ausgewirbelt und hat auch in der erwähnten Reichstags-Sitzung zu einer lebhaften Debatte geführt, zumal da das erwartete Eingreifen des Reichskanzlers in die Verhandlungen stattgefunden hat.
Beim Empfang des Reichstags-Präsidiums durch den Kaiser hat sich der greise Monarch eingehend über die Aufgaben des Reichstages verbreitet und äußerte er sich u. A. auch dahin, daß die Verhandlungen einen etwas stürmischen Anfang genommen hätten und daß den Präsidenten mit der Leitung derselben keine leichte Arbeit zu Theil geworden wäre. Doch sprach der Kaiser seine Hoffnung auf gedeihliche Ergebnisse der Arbeiten aus. Der auswärtigen Politik geschah diesmal — im Gegensatz zu den früheren Empfängen des ReichStags'Präsidiums — mit keinem Worte Erwähnung. Vor dem Eintritte der Präsidenten sprachen dieselben den kaiserlichen Leibarzt Dr. v. Lauer, welcher die erfreuliche Mittheilung machte, daß das Befinden des Monarchen nichts zu wünschen übrig lasse, nur müsse darauf Bedacht genommen werden, daß erneute Erkältungen vermieden werden. Der Kaiser habe daher auch der Theilnahme an den nächsten Hosjagden entsagt und seine Ausfahrten noch verschoben.
Unter den ReichStagS-Parteien herrscht ein förmlicher Wetteifer im Einbringen von Anträgen, und sollten dieselben alle Berücksichtiguug finden, so ließe sich das Ende der Etatsberathung vorerst noch gar nicht absehen. Dabci sind diese Anträge meist alte Bekannte aus der vorigen Session. Das Gentruin wie die socialdemokratische Fraktion haben ihren Ärbeiterschutz-Gesetz- entwurs wieder eingebracht, von den Conservatioen liegt, in Verbindung mit dem Centrum, wiederum der Antrag aus Abänderung der Gewerbeordnung vor, dahingehend, daß von denen, die ein Handwerk selbstständig betreiben wollen, ein Befähigungs-Nachweis verlangt werden soll. Außerdem liegen noch von freisinniger Seite verschiedene Anträge vor.
Der Bundesrath hielt am Donnerstag eine Plenarsitzung ab, aus welcher indessen nichts Wesentliches hervorzuhen ist.
Im Klerus von Böhmen macht sich, der „F. Ztg." zufolge, neuerlich eine befremdliche Erscheinung bemerkbar. In den deutschen Dröcesen treten die katholischen Priester in größerer Zahl ostentativ dem deutschen Schulverein bei. DieMassenaustritte zumAltkatholicismus unvProte- stantismus machen der Klerisei bange, und man will der katholischen Bewegung in Deutsch-Böhmen durch gewisse nationale Concessionen ein Gegengewicht entgegensetzen.
Die Entscheidung der französischen Deputirtenkammer über die Tongking-Kredit-Vorlage und hiermit über das Schicksal des Cabinets Briffon-Freycinet wird erst etwa in 14 Tagen erwartet. Man glaubt indessen, daß, obwohl die betr. Kammer-Commission die Vorlage wahrscheinlich ablehnen wird, sich im Plenum dennoch eine, wenngleich geringe, Mehrheit für dieselbe finden werde, hauvtsächlich, weil soeben die Regierung erklärt hat, daß sie entschlossen sei, die Politik der colonialen Ausdehnung nicht weiter fortzusetzen. Jedoch ist sie Willens, an der Besetzung Tongkings unter allen Umständen sest- zuhalten, indem sie hierbei von der ganz richtigen Ansicht ausgeht, daß die Räumung Tongkings die Ehre und das Prestige Frankreichs schädigen würde. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, dürfte dann schließlich auch das Parlament — wenngleich mit schwerem Herzen — dem Ministerium den 75-Millionen- Kredit bewilligen.
In der Münzfrage ist zwischen Frankreich und Belgien ein Ueber- einkommen erzielt worden und liegt dasselbe den übrigen in der lateinischen Münz-Union betheiligten Mächten zur Genehmigung vor.
Der erste Abschnitt der englischen Parlamentswahlen, diejenigen der Städte, ift am Samstag beendigt worden.
Die chinesische Regierung stellt sich zu dem englischen Feldzuge in Birma recht freundlich. Der Vicekönig der südlichsten chinesischen Grenzprovinz Dün-nan, Kwei Chow, hat Befehl erhalten, ein Beobachtungs-Corps an der Grenze gegen Birma auszustellen. Dasselbe soll während der Dauer des englischen Feldzuges die Ordnung an der Grenze aufrecht erhalten und eine Flucht des Königs Thibau nach China verhindern.
Der Tod des Königs Alfonso XII. hat jenseits der Pyrenäen vorläufig noch feine republikanischen oder carlistischen Pronunciamentos zur Folge gehabt, wie man allgemein erwartete. Auch ist die Sprache der republikanischen und carlistischen Journale fortgesetzt eine gemäßigte, trotzdem wurde in Cartagena und Barcelona, den Hauptcentren der spanischen republikanisch.socialistischen Bewegung, sowie in San Sebastian, der Hauptstadt des carlistisch gesinnten Baskenlandes, der Belagerungszustand „vorsichtshalber" proklamirt. Unterdessen ist das conservative Cabinet Canovas Del Castillo definitiv durch das liberale Cabinet Sagasta abgelöst worden, vermuthlich wird aber letzteres nicht auf Rosen gebettet fein. Das neue Ministerium ist in folgender Weise zusammengesetzt : Ministerpräsident Sagasta; Aeußeres: Moret; Justiz: Alonzo Martinez; Krieg: Marschall Jovellar; Finanzen: Camacho; Inneres: Venanzio Gonzales; Marine: Admiral Beranger; öffentliche Arbeiten: Montero-Rios und Kolonien: Navarro Rodrigo.
Der alte Unruhstifter Zorilla ist bereits aus dem Wege von London nach der spanischen Grenze, auch Don Carlos wird wahrscheinlich demnächst versuchen, sich in Spanien wieder zu zeigen.
Nachdem die Bulgaren schon am Donnerstag die serbische Grenze überschritten haben, ist von ihnen Pirot, wo vor einigen Wochen sich die serbische Armee zu ihrem Einfall in Bulgarien concentrirte, nach erbittertem Kampfe besetzt worden und hat Fürst Alexander am Samstag seinen Einzug in die Stadt gehalten. Den Bulgaren steht somit die Straße nach Nisch, dem großen Waffenplatz im südlichen Serbien, frei.
Von der Conserenz hört man nicht viel Besonderes. Die ostrume- lische Nuß ist noch immer nicht geknackt und sind offenbar England und Rußland über die Lösung der ostrumelischen Frage mit einander noch nicht im Reinen; es dürfte der Umstand, daß sich die Absendung des von der Pforte für Ost-Rumelien ernannten Commissars noch immer verzögert, auf die englisch- russischen Differenzen zurückzuführen sein.
Die Wirren in Peru, die seit dem Kriege mit Chile in dem unglücklichen Lande nicht ausgehört haben, nehmen einen immer bedenklicheren Charakter an. General Caceres, der Führer der Insurgenten, den die Truppen der provisorischen peruamschcn Regierung erst kürzlich geschlagen hatten, hat die Offensive wieder ergriffen. Nach der Besetzung Chiclas soll er in San Maleo, aus dem Wege nach Lima, eingezogen sein, die Hauptstadt selbst gilt als bedroht.
England.
London, 29. November. Eine amtliche Depesche aus Rangun von heute meldet: Der König von Birma sandte am 26. d. Mts dem englischen Geschwader einen Parlamentär entgegen, um wegen eines Waffenstillstandes zu unterhandeln. Der Parlamentär traf 30 englische Meilen von Mandalay bei dem Geschwader ein. General Prendergast verlangte die Ergebung der birmanischen Armee und Uebergabe von Mandalay. Am nächsten Morgen bewilligte der König alle Forderungen. Die Forts ergaben sich mit 28 Geschützen, und die Armee legte die Waffen nieder. General Prendergast begab sich am 28. d. Mts. nach Mandalay.
Spanien.
Madrid, 28. November. Die Leiche des Königs wurde in feierlichem Zuge heute Vormittag um 10 Uhr nach dem Bahnhofe gebracht. Die Truppen bildeten Spalier. Der Bahnzug sollte Mittags im Eskurial eintreffen; der Sarg wird sodann nach Celebrirung einer Messe in Der Königsgruft beigesetzt werden.
— Es verlautet neuerdings, daß die Berufung der Cortes erst am 27. December stattfinden solle.


