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2.8.1885 Zweites Blatt
 
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SLr. 177, Zweites Blatt Sonntag ben 2. August

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Kießmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Preis vierteljährlich 2 Mart 20 Pf. Brinfletfafcu Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark M Pl.

Erscheint tSglick» mit A«Sni-hm« des Vrontckgs.

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Wochen - Ueberficht.

GieHen, 1. August.

Die Bestimmungen über die Begegnung zwischen Kaiser Milhelm und Kaiser Franz Joses stehen nun endgültig fest. Der Kaiser und die Kaiserin von Oesterreich werden nächsten Donnerstag, den 6. August, Abends, in Gastein eintreffen und daselbst bis zum nächstfolgenden Abend verwesten. Während ihres Aufenthaltes in Gastein werden die öster­reichischen Majestäten im Hotel Straubinger Wohnung nehmen. Aus dem Um­stand, daß Kaiser Franz Josef von der Kaiserin Elisabeth begleitet wird, darf man schließen, daß die Absicht Kaiser Wilhelms, einen Abstecher von Gastein nach Ischl zu machen, jetzt definitiv ausgegeben ist.

Kaiser Wilhelm bekommt die Gasteiner Nachkur ganz ausgezeichnet und die ersreulichen Wirkungen derselben spiegeln sich auch in der heiteren Stimmung wider, welche an bem hohey Herrn von allen Personen, die mit ihm .verkehren, gerühmt wird. Der Kaiser lebt in Gastein sehr ruhig und zurück- -gezogen. Der Ausenthalt daselbst behagt ihm ganz außerordentlich und man darf mit Sicherheit annehmen, daß.der allgemeine Wunsch, den verehrten Mo­narchen gekräftigt heimkehren zu sehen, in Erfüllung gehen wird.

Der Kaiser hat für die Verunglückten in Köln aus seiner Prioat-Chatulle 1000 JL gespendet.

Die Gerüchte über eine Zusammenkunft auch zwischen Kaiser 'Franz Josef und dem russischen Monarchen haben in de« letzten Tagen durch Petersburger Mittheilungen eine Verstärkung erfahren, und nur bezüglich Ort und Zeit dieses Rendez-vous sind erst noch bestimmtere Nach­richten abzuwarten. Die Begegnung zwischen den Herrschern Oesterreichs und Rußlands ist als eine Folge der Drei-Kaiser-Entrevue von Skierniewice aufzu- sassen und zwar erscheint der Gegenbesuch, den der Czar dem österreichischen Kaiser in diesem Sommer abzustatten gedenkt, zunächst als ein Act selbstver­ständlicher Courtoisie. Dann aber hat diese Begegnung auch entschieden ihren politischen Hintergrund, durch sie erfährt die Annäherung zwischen Rußland und Oesterreich, welche sich nach einer langen Periode gegenseitigen Mißtrauens und kühlen Verhaltens zuerst durch den Kaisertag von Skierniewice wieder öffentlich documentirte, eine weitere Kräftigung und speciell beweist der angekündigte Gegenbesuch des Czaren aus österreichischem Boden, daß die Rivalität zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland aus Der Balkan-Halbinsel so gut wie beseitigt ist, was natürlich für die Erhaltung des europäischen Friedens von eminenter Wichtigkeit ist. Daß sich diesmal Kaiser Wilhelm an der Begegnung der ihm so eng befreundeten Herrscher von Oesterreich und Rußland nicht betheiligen wird, kann man wohl als wahrscheinlich betrachten, doch darf dies nicht über­raschen, nachdem erst im vorigen Jahre seine Zusammenkunft mit Kaiser Franz Josef und Kaiser Alexander ftattgefunden hat und da auch Kaiser Wilhelm vor dem Besuche des Czaren in Oesterreich in altgewohnter freundschaftlicher Weise mit dem österreichischen Monarchen zusammenkommen wird. Das darf man aber als gewiß betrachten, daß man in Deutschland die bevorstehende Zusarn- menfunft zwischen dem österreichischen und dem russischen Kaiser mit deu herz­lichsten Wünschen begleiten wird.

Die anhaltende politische Dürre im Reiche ließ sich auch in dieser Woche constatiren und ist es schwierig, Nachrichten von einigem Belang aufzufinden. Heroorzuheben ist jedoch der Empfang des seitherigen deutschen Botschafters, Fürsten Chlodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst, durch Kaiser Wilhelm in Gastein, wodurch sich die Ernennung des Fürsten Hohenlohe zum Statthalter von Elsaß-Lothringen vollkommen bestätigt. Fürst Hohenlohe hat sich inzwischen nach Paris zurückbegeben, um seine dortigen Angelegenheiten zu ordnen, bevor er seinen Posten in Straßburg antritt. Aus kirchenpolitischem Gebiete ist die Neuigkeit zu registriren, daß der frühere Erzbischof von Köln, Vaulus Melchers, vom Papste in dem jüngst zu Rom abgehaltenen Consistorium zum Cardinal ernannt worden ist, so daß ihn nun der Cardinalshut für den Verlust seiner erzbischöflichen Würde entschädigen muß. Auch ist der Nachfolger des Herrn Melchers, Bischof Dr. Crementz von Ermland, aus dem erwähnten Consistorium zum Erzbischof von Köln präcomfirt worden.

In Frankreich hat die Madagaskar-Frage in der Deputirten- kammer plötzlich das Kapitel von der Colonialpolitik wieder zur öffentlichen Discussion gestellt. Nach dieser Richtung hin ist unstreitig die Rede, welche der frühere Ministerpräsident und Minister des Auswärtigen, Herr Ferry, am Dienstag in der Kammer zur Vertheidigung feiner Colonialpolitik gehalten hat, bas Ereigniß der Woche und zwar weniger wegen ihres Inhalts, als vielmehr ihrer Wirkung aus die Kammer. Während von den Opportunisten, der Partei Ferry's, deffen Rede sehr beifällig ausgenommen worden ist, gaben die Monar­chisten und Die Radikalen ihren Widerspruch gegen die Ferry'sche Colonialpolikik durch zahlreiche und erregte Unterbrechungen seiner Ausführungen zu erkennen, io daß der Kammerpräsident Floquet sich genöthigt sah, nach rechts und nach links zahlreiche Ordnungsrufe zu ertheilen. Die Sitzung schloß in großer Auf- wgung. Der Verlauf derselben ist für das Schicksal des Zwölf - Millionen- Kredits für Madagaskar, welcher den ganzen Verhandlungen der Deputirten- kammer seit Samstag zu Grunde lag, kaum von günstiger Vorbedeutung. Anderseits wird aber die Kammer kaum umhin können, den Kredit zu bewilligen, da von den geforderten 12 Millionen Frcs. angeblich bereits 7 Millionen ver­braucht sein sollen und folgern hieraus die der Regierung nahestehenden Blätter die Nothwendigkeit neuer Kreditbewilligungen. Nach den letzten, vom 18, Juni

datirenden Nachrichten von der afrikanischen Westküste haben die Truppen vom Dahomey ihre Angriffe gegen das französische Schutzgebiet von Porto-Nuooo nicht erneuert.

In Venedig hat am Donnerstag der Stapellaus des Panzerschiffes Morosini" unter besonderen Feierlichkeiten stattgefunden. Der Festlichkeit wohnten der König und die Königin, fast särnmtliche Minister, ein Theil des diplomatischen Corps, viele Senatoren, Deputirte und sonstige Notabilitäten bei. Auch die marokkanische Gesandtschaft, welche zur Begrüßung König Hum­berts von Paris nach Mailand gekommen war, war bei dem Stapellauf des Morosini^ zugegen.

Im dänischen Ministerium Estrup ist durch den Austritt des Ministers des Innern, Finsen, welcher angeblich aus Gesundheitsrücksichten seine Entlassung eingereicht hat, eine Lücke entstanden. Die erschütterte Ge­sundheit des Herrn Finsen ist wohl nur ein Vorwand zu seinem Rücktritt und hat die Annahme viel mehr Wahrscheinlichkeit für sich, daß zu diesem Schritte die bekannten Verfassungswirren in Dänemark den Anlaß gegeben haben.

Der leitende russische Staatsmann, Herr von Giers, gedenkt, wie in frühere« Jahren, so auch heuer, eine Badereise in'S Ausland zu unternehmen. Bereits knüpfen sich an diese Reise verschiedene Gerüchte über Begegnungen des Herrn v. Giers mit auswärtigen Staatsmännern, ohne daß indessen diese Gerüchte bis jetzt eine Bestätigung von zuständiger Seite erfahren hätten. Jedenfalls darf man aber die angekündigte Reise des russischen Ministers des Auswärtigen mit als ein Symptom für die friedliche Weltlage betrachten.

Auf türkischem Boden hat sich dieser Tage ein Ereigniß vollzogen, welches in seinen Folgen einen wichtigen Cültursortjchritt auf der Balkan­halbinsel bedeutet. In Bellova ist am Montag der Anfang mit den Anschluß­arbeiten des türkischen an das europäische Eisenbahnnetz gemacht worden und wird somit der Zeitpunkt nicht mehr allzu fern sein, an welchem die türkische Hauptstadt in directe Schienenverbindung mit dem europäischen Westen tritt.

Di'e afghanische Grenzfrage ist ihres schwierigen und unsicheren CharacterS durch eine hochbedeutsame Banketrede, welche der englische Premier Salisbury am Donnerstag zu Mansionshouse (Londoner Rathhaus) gehalten hat, im Wesentlichen entkleidet worden. Lord Salisbury führte etwa Folgendes aus: Es sei der lebhafteste Wunsch der Regierung, auf dem Wege des Friedens und Fortschrittes vorzugehen und zwischen den europäischen Mächten das freundschaftliche Verhältniß zur Geltung zu bringen, das so wesentlich für die Völker sei. Er hoffe in nicht zu langer Zeit Rußland und England, umgeben von Verbündeten, friedlich Seite an Seite zu sehen, be­seelt von den Gefühlen der gegenseitigen Achtung. Speciell in St. Petersburg werden diese ftiedeathmenden Versicherungen des englischen Ministers sehr angenehm berühren. In London starb am Dienstag im Alter von über 100 Jahren der bekannte Philanthrop Sir Moses Montesiore, welcher namentlich im Interesse seiner Glaubensgenossen, der Juden, rastlos thätig gewesen ist.

Die neue preußische Lubmisfionsordnung.

Die oft beklaaten Mängel des Submissionswesens haben der preußischen Re­gierung bekanntlich Veranlassung zu einem umfassenden Nefonnversuche auf diesem Gebiete gegeben und ein Erlaß deS preußischen Ministers der öffentlichen Arbeiten, dessen Kundgebung bevorsteht, setzt, unter Aufhebung der früheren Erlasse, die neuen Bestimmungen, betreffend die Vergebung von Leistungen und Lieferungen", fest. Wir entnehmen dem Erlasse folgende Hauptpunkte:

Arten der Vergebung. Leistungen und Lieferungen sind in der Regel öffentlich auszuschreiben. Mit Ausschluß der Oeffentlichkeit zu engerer Bewerbung können ausgeschrieben werden: 1. Leistungen und Lieferungen, welche nur em beschränkter Kreis in geeigneter Weise auSführt; 2. Leistungen und Lieferungen, bezüglich deren in einer abgehaltenen öffentlichen Ausschreibung ein geeignetes Ergebniß nicht erzielt morden ist.

Verfahren bei Ausschreibungen. Der Gegenstand der Ausschreibung ut in allen wesentlichen Beziehungen bestimmt zu verzeichnen. Neber alle für die Preis­berechnung erheblichen Nebenumstande sind vollständige, eine zutreffende Beurtheilnng der Bedeutung derselben ermöglichende Angaben zu machen. Für Bauarbeiten sind zur Verabfolgung an die Bewerber bestimmte Verdingungsverträge aufzustellen, in welchen sämmtliche Hauptleistungen, sowie die erheblicheren Nebenleistungen in besonderen Positionen aufzuführen sind. Dieselben dürfen von der Behörde ermittelte Preis- ansätze nicht enthalten. Tie Zeitperioden für Lieferungen zur Deckung eines fort­laufenden Bedarfs sind nach den besonderen Verhältnissen des einzelnen Falles zu bemessen. Umfangreichere Ausschreibungen sind derart zu zerlegen, daß auch kleineren Gewerbetreibenden und Handwerkern die Betheiligung an der Bewerbung ermöglicht wird. Bei größeren Hochbauten hat daher die Vergebung nach den einzelnen Titeln des Anschlages den verschiedenen Gewerbs- und Handwerkszweigen entsprechend zu erfolgen. Besonders umfangreiche Anschlagstitel sind in mehrere Loose zu theilen. Bezüglich der Beschaffenheit zu liefernder Waaren und der Abmessung zu liefernder Gegenstände sind außergewöhnliche, im Handel nicht übliche Anforderungen nur insoweit zu stellen, als dies unbedingt nothwendig ist. Ist bei Lieferungen von Fabrikaten der Kenntniß der Bezugsquelle (der Fabrik) eine besondere Bedeutung für die Beurtheilnng der Güte beizumessen, so ist von dem Bewerber die Namhaftmachung des Fabrikanten, von welchem die Waaren bezogen werden sollen, zu verlangen. Für die Ausführung der Arbeiten oder Lieferungen sind ausreichend bemestene Fristen zu bewilligen. ch l« g tz e rt h e i l un g. Die niedrigste Geldforderung als solche ist bei der Zuschlagsertheilung keineswegs vorzugsweise zu berücksichtigen. Ter Zuschlag darf nur auf ein in jeder Beziehung annehmbares, die richtige und rechtzeitige Ausführung der betreffenden Arbeit oder Lieferung gewährleistendes Gebot ertheüt werden. Aus­geschlossen von der Berücksichtigung sind solche Angebote: a. welche den der Ausschreibung