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Nr. 201
Zweites Blatt Sonntag dkN 30 August
Antts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Erscheint vrät M
warme Worte im Warnen der Armee und der Marine.
daraus ausgeschifft und nach dem Bahnhose gebracht, von wo aus die lieber* führung nach Paris erfolgte; hier wird eine umsassendere Trauerseier statt* finden. — Die französische Regierung bereitet eine für Anam bestimmte militärische Mission vor, welche von Brest aus am 15. September die Reise nach dem fernen Osten Asiens antreten soll. Dir Mission soll aus 15 Officieren aller Waffengattungen bestehen; vielleicht wird man von derselben auch einen eingehenden Bericht über die Lage in Tongking erwarten können, denn jedensalls ist dort noch nicht Alles für die Frrmzosen, wie es sem soll. Besonders macken denselben die Schwarz-Flaggen noch immer zu schaffen, die trotz oller Streiszüge der Franzosen aus ihren Schlupfwinkeln am Rothen Fluffe nicht vertrieben werden können. Pariser Meldungen laffen erkennen, daß sich die Franzosen sogar in Unterhandlungen mit dem Führer der Schwarz-Flaggen, Liu-Vin-Pduoc, Herbeigelaffen haben, was allerdings nicht sonderlich sür die militärische Stärke der Franzosen in Tongking zeugt.
Die Cholera-Epidemie im südlichen Frankreich gewinnt merklich an Ausdehnung. Sie ist jetzt in einer ganzen Reihe von Orten an der Rhone»Mündung constatirt worden, so in Landon, Cornillon, Grans, Jstres u. s. w.; in Toulon und Marseille selbst mehrt sich die Zahl der täglichen Choleratodeösälle.
In der afghanischen Grenz frage scheint jetzt wenigstens die Zulfikar - Episode zu einem befriedigenden Abschluffe gelangt zu sein. Der neueste Vorschlag Rußlands zur Schlichtung der centralasiatischen Streitigkeiten zwischen ihm und England, den Zulfikarpaß bei Afghanistan zu belaffen, während die westlich davon gelegenen Weidegründe an Rußland fallen sollen, hat alle Aussicht, die Zustimmung des englischen Cabinets zu finden. Das letztere kann dem russischen Vorschläge um so eher zustimmen, als derselbe ja sich mit den Wünschen Englands vollständig deckte und so wird denn wohl die politische Atmosphäre zwischen London und St. Petersburg von nun an eine reinere sein. , „, „n. £ .
Sir Drummond Wolff, der außerordentliche Bevollmächtigte Englands in Egypten, ist in diesen Tagen vom Sultan empfangen worden und das Londoner Cabinet wird also bald erfahren, ob seine Pläne in Bezug aus die künftige Gestaltung der egyptischen Angelegenheiten auf die Billigung der Pforte zu rechnen haben. Diese Billigung hängt natürlich von den Zugeständnissen ab, welche England betreffs Egyptens der Pforte zu machen gewillt i|t, doch hat noch nichts darüber verlautet, wie weit diese englischen Concessionen gehen; auch ist es überhaupt noch fraglich, ob sich aus der Mission Sir Drummond Wolffs mehr als eine bloße Annäherung der Türkei an England ergeben werde.
lieber das deutsche Vorgehen in Zanzibar liegen aus englischen Quellen eine Anzahl vorläufig noch unverbürgter Nachrichten vor. Ain ivahrscheinlichsten klingt von denselben noch die Meldung, daß Admiral Knorr den Abschluß eines die deutschen Interessen wahrenden Handelsvertrags verlangt hat. Ferner soll die Schwester des Sultans von Zanzibar, welche mit einem inzwischen verstorbenen Deutschen verheirathet war und lange in Deutschland gelebt hat, vor oder in Zanzibar angekommen sein. Nach einer Version soll dies aus einem der Schiffe des deutschen Geschwaders geschehen sem und behauptet man, daß Frau Nunte — dies der Name ihres verstorbenen Gatten — ihr persönliches Eigenthum in Zanzibar reclamiren wolle.
Wochen - Uebersicht.
Gießen, 29. August.
Die Kaiser-Zusammenkunft von Kremsier drückte der zu Ende gegangenen Woche entschieden ihr politisches Siegel auf. In allen Betrachtungen, welche über die in dem genannten mährischen Städtchen stattgesundene Begegnung zwiscken dem österreichischen Kaiser und dem Beherrscher des Czaren- reiches ongestellt worden sind und noch angestellt werden, herrscht die Ueberzeugung vor, daß diesem Ereignisse eine hochwichtige, für den Weltfrieden günstige Bedeutung inncwohnt und in der That bocinnenttrt der Besuch, welchen der Cmr, umgeben von den hervorragendsten Mitgliedern der russischen Kaisersamilie und den ersten Würdenträgern seines Reiches, dem österreichischen Kaiser abgestattet hat, abermals die Annäherung Rußlands an den deutsch-österreichischen Friedensbund. Es hat allerdings nicht an Stimmen gefehlt, welche in der Entrevue von Kremsier ein» gegen Deutschland gerichtete Kundgebung erblicken wollten und machten dieselben für diese Behauptung besonders den Umstand geltend, daß der deutsche Kaiser der Zusammenkunft zwischen Kaiser Franz Joses und Kaiser Alexander nicht beigewohnt habe. Ueberflüssig ist es indessen, einer solchen Anschauung noch besonder« ent gegentreten zu wollen und mit Recht betont das osficiöse „Journal de St. Pöttrslwurg" am Schluffe eines der Kaiser- Begegnung von Kremsier gewidmeten Artikels, daß die Abwesenheit des Kaisers Wilhelm und des Fürsten Bismarck bei derselben keinerlei Abschwächung in den herzlichen Beziehungen bedeuten, welche in so glücklicher Weise zwischen Deutsch- land und den beiden anderen Kaiserreichen bestehen. — Was im Uebrigen die Einzelheiten der Kaisertage in Kremsier anbelangt, so stimmen alle Telegramme und Schilderungen von dort darin überein, daß da« fürstliche Rendez-vous in Kremsier ein überaus glänzendes und farbenreiches Bild darbot; ebenso bekunden alle Berichte übereinstimmend den herzlichen Verkehr zwischen dem österreichischen Kaiserpaar und seinen russischen Gästen. Eine besondere Auszeichnung erfuhr der russische Thronfolger vom Kaiser Franz Josef dadurch, daß jener zum Inhaber eines österreichischen Ulanen - Regimentes ernannt wurde. Am Mittwoch unternahmen die beiden Kaiser, Kronprinz Rudolf und Großfürst Wladimir eine Jagd im Fürstenwald bei Kremsier; während dieser Zeit hatten Gras Kalnoky und der russische Minister v. Giers eine längere Unterredung. Am Mittwoch Abend reisten die russischen Gäste nach Gmunden weiter.
Unter den sonstigen Vorgängen der auswärtigen Politik fesselt der deutsch-spanische Conflict wegen der Karolinen-Inseln noch immer in erster Linie die allgemeine Aufmerksamkeit. Spanischerseits bemüht man sich fortdauernd, die Affaire zu einer Haupt- und Staats-Action zu gestalten, eine hochgradige Erregung herrscht jenseits der Pyrenäen gegen Deutschland, und selbst die in Spanien noch mit ungeschwächter Krast wüthende Cholera-Epidemie vermag die politische Ausregung nicht zu dämpsen. Man spricht in Madrid allen Ernstes davon, ein Armee-Corps von 25,000 Mann nebst einer starken Flotte nach den Karolinen zu schicken, um den spanischen Ansprüchen aus dieselben den gehörigen Nachdruck zu verleihen — ein Beweis, welch' sonderbaren Blasen der überhitzte Nationalstolz bereits treibt. Ja, ein spanischer General, Namens Salamanca, hat sogar den preußischen Orden, der ihm gelegentlich der Anwesenheit des deutschen Kronprinzen in Spanien verliehen wurde, wieder zurückgesandt — ein Verfahren, welches selbst durch die bis zur höchsten Potenz gesteigerte nationale Empfindlichkeit nicht entschuldigt wird. Charakteristisch ist im Gegensatz zu der spanischen Hitze die Ruhe, mit welcher man deutscherseits die ganze Angelegenheit betreibt. Man bemüht sich in den leitenden Berliner Kreisen offenbar, unter möglichster Schonung der etwaigen spanischen Ansprüche vorzugehen: hiervon legt auch die jüngste Note, welche die deutsche Regierung an das Madrider Cabinet gerichtet hat, Zeugniß ab, in welcher erklärt wird, daß Deutschland die Karolinen-Inseln bis zur Entscheidung der Frage als Niemanden gehörig betrachte; vielleicht gelangt man nun auch in Madrid zu einer kühleren Auffassung der Sachlage.
Von bemerkenswerthen Ereignissen in der inneren Politik war in dieser Woche absolut nichts zu verzeichnen. Dagegen verdient der Aus- flug, den die Mitglieder der internationalen Telegraphen-Confe- renz nach Bremen, Geestemünde, Hamburg, Kiel u. s. w. unternommen haben, wegen der geradezu glänzenden Aufnahme, welche sie namentlich in Bremen und Hamburg gesunden haben, hervorgehoben zu werden. Auch ist noch zu registriren, daß der Feciensenat des Reichsgerichtes zu Leipzig die von Lieske, dem Mörder des Frankfurter Polizeiraths Rumpff, gegen seine Verurtheilung eingelegte Reoi- fion verworfen hat. Es bleibt demnach bei dem Urtheil, welches Lieske sür seine Frevelthat den Tod zuerkennt.
Aus Böhmen wird wieder einmal ein Heldenstückchen der Czechen gemeldet. In der Stadt Königinhof wurde ein deutsches Turnfest gefeiert, welches von dem czechischen Pöbel in brutalster Weise eine Störung erlitt, indem 1500 Menschen in das Hotel einzudringen versuchten, in welchem sich der Turnsaal befand. Sie wurden von der Polizei und der Gensd'armerie allerdings zurück- Hewiesen, trotzdem nahm die Haltung der Volksmenge einen immer drohenderen Charakter an, so daß die Turner auf Ersuchen des Bezirkshauptmanns die Feier schlossen. Aus der Nachhausefahrt wurden alsdann die fremden Theil- nehmer mit Steinwürfen angegegriffen, welche zahlreiche, zum Theil schwere Ver- ketzungen verursachten. Hoffentlich gelingt es der eingeleiteten strengen Untersuchung, die Urheber dieses nichtswürdigen Exceffes zur vollen gerichtlichen Verantwortung zu ziehen.
Preis vierteljährlich 2 Mart 20 Pf. mit vringeri^-.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 56 Pf.
In Hyores, an der südsranzösischen Küste, hat am Mittwoch die erste Leichenseier für Admiral Courbet an Bord des „Bayard" stattgefunden. Die Admirale Dupcrrä und Krantz widmeten dem Anderk-n des tapferen Admirals Der Sarg wurde
UniverfitätS - Chronik.
— Der außerordentliche Professor Dr. Friedrich Gustav Ha h n in Leipzig ist zuni außerordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät der Universität Königs- berg ernannt worden. , „ , .
— An 8 Häusern der Stadt Erlangen, in welchen hervorragende Professoren der Universität gewohnt haben, sind Marmor-Gedenktafeln angebracht worden, deren furxe Anschrift unter dem Namen der Betreffenden die Dauer ihres Wohnens in diesen Häusern angibt. Es sind die Namen: Thomasius, v. Glück, F. Puchta, Friedr. Rückert, v. Döderlein, v. Raumer, v. Nägelsbach, v. Siebold.
— Der Astronom Clausen ist in Dorpat in seinem 84. Lebensjahre gestorben. 1862 wurde er als Observator und interimistischer Director an die Sternwarte daselbst berufen und 1865 Professor der Astronomie in Nachfolge des berühmten Mädler. Er trat 1872 in den Ruhestand. „
— Dr. Sehring in Bonn hat einen ehrenvollen Ruf nach ^reivmg
6 _ Die Ernennung des bisherigen Privatdocenten Dr. M. Nu b n e raus München zum Professor der Hygieine in Marburg bedeutet einen wichtigen Vchrnr in der Entwickelungsgeschichte der preußischen Universitäten, denn sie beweist,» - - f preußische Staatsregierung sich im Principe mit dem Plane des CultusmiNisters einverstanden erklärt, auch an den kleineren preußischen Universitäten -.ehrltuhle uno Unterrichtsinstitute für Hygieine und sliahrungsmittel-Ehemie zu errichten. Bio jetzt bestand in ganz Deutschland neben dem ältesten aller hygicinNchen ^mtitute unter Pettenkofer in München nur in Göttingen (Professor Flügge) und in Berlin < Professor Koch) ein solches. Die nächste Universität, welche damit bedacht wird, ist Greifswal - Eidelb erger Universitätsbibliothek wird demnächst ein werthvolles Geschenk empfangen. Der bekannte Londoner Buchhändler ^Nikolaus Trubner, erir geborener Heidelberger, der vor einiger Zeit starb, hatte, wie er wiederholt ber Lebzeiten sich äußerte, die Absicht, der Universität, semer Vaterstadt zu deren bOOiahrigem Jubiläum eine werthvolle Bibliothek zum Geschenk zii machen. Em rascher *■ hinderte Trubner, seine Absicht zur Ausführung zu bringen, ^re Wlttwe Trubner »


