Nr. 21. Freitag den 26. Januar 1883.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Uebersicht.
Gießen, 25. Januar.
Mitten in die Vorbereitungen zum Silbernen Hochzeitsfcste des deutschen Kronprinzenpaares, zu dessen freudiger Begehung man sich nicht nur am kaiserlichen Hofe, sondern auch in den weitesten Kreisen der Bevölkerung anschickte, ist die Trauerkunde vom Ableben des Prinzen Karl von Preußen gefallen. In Folge dieses schmerzlichen Ereignisses sind sämmtliche Festlichkeiten, welche anläßlich der Jubelfeier des kronprinzlichen Paares ani 25. Januar am Berliner Hofe vor sich gehen sollten, abgesagt worden. Mit Prinz Karl ist der einzige noch lebende von ben drei Brüdern unseres greifen Kaisers nun ebenfalls dahingeschieden und es erscheint begreiflich, daß der Kaiser hierdurch auf das Schmerzlichste berührt worden ist. Möge der allgeliebte Monarch in der innigen Theilnahme des deutschen Volkes Trost und Beruhigung über den herben Verlust finden, den er und mit ihm das ganze kaiserliche Haus erlitten hat. — lieber den .Lebensgang des Verewigten seien folgende Daten mitge- theilt: Prinz Karl wurde am 29. Juni 1801 zu Charlottenburg als dritter Sohn des Königs Friedrich Wilhelm 111. und der Königin Louise geboren. Den Traditionen des preußischen Königshauses gemäß war die Erziehung des jungen Prinzen eine vorzugsweise militärische. Mit 10 Jahren trat Prinz Karl als Seconde-Lieutenant in oaö 1. Garde-Regiment z. F. ein, wurde am 23. März 1816 zum Premier-Lieutenant ernannt und avancirte nun verhältnißmäßig rasch auf der militärischen (Stufenleiter. 1836 war er bereits commandirender General des 4. Armee-Corps und 1854 wurde er zum General-Feldzeugmeister mit dem Range eines Gnieral'FUdmarschalls ernannt und an die Spitze der geformten preußischen Artillerie gestellt, welche vorzugsweise ihm ihre heutige musterhafte Ausbildung verdankt. Den Feldzug gegen Dänemark machte der Verewigte als Chef der Artillerie und die Feldzüge gegen Oesterreich und Frankreich im Hauptquartier seines königlichen Bruders mit. Prinz Karl war außerdem russischer Feldmarschall und Inhaber des russischen Jnfonterie-Regiments „Prinz Karl von Preußen", sowie Chef des österreichischen Dragoner-Regiments Nr. 8. Vermählt war Prinz Karl mit Prinzessin Marie Louise von Weimar, welche ihm am 17. Januar 1877 durch den Tod entriffen wurde und aus dieser Ehe stammt, außer zwei Töchtern, als einziger Sohn Prinz Friedrich Karl, welcher gegenwärtig, noch ahnungslos der Trauerkunde, an den Ufern des Alls weilt.
Der Trauerfall im Schooße unseres Kaiserhauses drängt augenblicklich das Jntereffe an den immuren Angelegenheiten zurück, so daß wir über dieselben nur kurz berichten. 'Rach langer Pause hielt der Bundesrath am 20. Januar unter Vorsitz des preußischen Finanzministers Scholz wieher eine Plenarsitzung ab. Die Versamnilung überwies verschiedene Reichstagsbe- ichlüsse an die zuständigen Ausschüsse, genehmigte mehrere untergeordnete Vorlagen und erklärte ihre Zustimmung zu den AuSschiißanträgen wegen Abänderung des Regulativs, betr. die Steuerfreiheit des Branntweins.
Der Reichstag setzte am Montag die Berathung des ReichshaushaltS- Etats fort, nachdem er vorher den Präsidenten, Herrn v. Levetzow, beauftragt hatte, dem Kaiser die herzlichste Theilnahme des Hauses bezüglich des Ablebens des Prinzen Karl auszudrücken. Im Uebrigen wurde die Sitzung großentheils durch die Debatten über die Position „Kriegsminister" des Speeialetats des Reichsheeres ausgefiillt, die zum Thetl eine recht lebhafte Färbung annehmen. Der demokratische Abg. Schott verbreitete sich namentlich über die Ersparniß- srage am Heeresetat und tadelte besonders die Kostspieligkeit der Kürassier- Regimenter und des Garde-Corps, wobei ihm der Abg. Richter (Lagen) mit einem heftigen Angriffe auf das Regiment Gardes du Corpü secundirte. Die Abgg. Dr. Windthorst und Kayser (socialdem.) brachten das Kapitel der „Sol- datenjchindereien" zur Sprache. Von conservativer Seite traten die Abgg. v. Minnigerode und v. Maltzahn-Gültz für die Regierung ein und Kriegsmini- er v. Kamele trat in entschiedener Weise sowohl den Ausführungen Schott'ü als Richter's (Hagen) entgegen. Schließlich wurden noch alle Etatssummen bewilligt.
Die anfänglichen Befürchtungen über den Umfang der Katastrophe, welche die deutsche Handels-Marine durch den Untergang des Post- dampfers „Cimbria" betroffen hat, scheinen sich leider zu erfüllen. Von den ca. 500 Paffagieren und Mannschaften, welche sich an Bord der „Cimbria" befanden, sind wenig über 50 gerettet worden.
Im ungarischen Abgeordneten hause ist jüngst wieder einmal die Judenfrage zur Sprache gekommen. In der Montags-Sitzung gelangte die Petition des Tapolczaer Wahlbezirkes um Aufhebung der Jnden-Emaucipation zur Berathung, wobei der Referent betonte, man dürfe an gewiffen Principien in einem Rechtsstaate nicht rütteln, ein solches Princip sei die Gleichberechtigung. Abg. Jstoczy, der bekannte Führer der ungarischen Antisemiten, begründete unter Ausfällen gegen das Judenthum seinen Antrag: Die Regierung aufzu- forbern, die Vorlage über die Revision eines Emaneipations-Gesetzes einzubringen.
Das französische Ministerium ist burch bie Angelegenheit bes Prinzen Napoleon in eine ziemlich fatale Lage geratljen, welche bie heftigen Debatten, die sich im Schooße des Eabinets Duclerc über ben Gesetzentwurf gegen die französischen Thron-Prätendenten erhoben, genugsam widerspiegeln. Außerdem hat aber auch der radikale Antrag in der Deputirtenkammer, die orleanistsichen Prinzen, welche in der französischen Armee Eommandostellen be
kleiden , aus derselben zu entfernen, das Ministerium in Verlegenheit gesetzt uno von dem Kriegsminister und dem Marineminister liegt sogar die Erklärung vor, baß sie demissioniren würden, falls die Kammer den radikalen Antrag annehme. Im Uebrigen hat die Deputirtenkammer ben Gesetzentwurf, wonach ber Regierung baS Recht zustehen soll, Thron-Prätenbenten, von benen sie eine Gefährdung ber Ruhe und Sicherheit bes Staates besorgt, nach ihrem Ermessen aus- zuweisen, in ber Sonnabend-Sitzung an eine Commission verwiesen. Es ist also noch immer ungewiß, was sowohl mit Prinz Napoleon, als auch mit ben orleanistischen Prinzen, ben Herzögen von Aurnale, Nemours und Chartres, geschehen wirb. Gerüchtweise verlautet, ber Senat solle als oberster Gerichtshof zur Aburtheilung bes Prinzen Napoleon conftituirt werben. — Die Ex-Kaiserin Eugenie ist, von Calais kommend, am Montag Abend in Paris eingetroffen.
Der neuer na nute Gouverneur von Livland, Kammerherr Schewitsch, ist in diesen Tagen in Riga eingetroffen und dort feierlichst begrüßt worben. Es knüpfte sich an seine Persönlichkeit bekanntlich bie Hoffnung, daß er ber Provinz die Ruhe wiebergeben werbe, bie burch bie Senatoren-Revision, über bereu Ergebnisse noch immer nichts bekannt ist, auf'S Schwerste gestört worden ist. — Die russische Regierung hat beschlossen, von ihren Gesandtschaften an den deutschen Höfen, abgesehen von ber Berliner Botschaft, nur die- jeuige in Stuttgart bestehen zu (affen unb in Dresben unb Weimar je eine Minister-Residentschaft zu errichten.
Der Protest, welchen bie französische Regierung burch ihren Vertreter in Kairo dem egyp tisch en Cabinet gegen bte Aufhebung ber Controle hat überreichen lassen, deutet auf neue Schwierigkeiten hin, bie sich ber Lösung ber egyplsichen Frage entgegenstellen. Unter ben gegenwärtigen Umständen bürste dieser Protest wohl ganz erfolglos bleiben, er zeigt aber, daß bie Entfremdung zwischen Frankreich unb England bezüglich Egyptens noch keineswegs beseitigt ist und mit Spannung darf man ben weiteren diplomatischen Schritten in dieser Angelegenheit entgegensehen.
Acutschlaud.
f Berlin, 23. Januar. Die Krankenkassen-Commission des Reichstags Sofft noch iHause bn|a Woche d e zweite Lesung za beendigen. Heute wurden bie SS ±4—4$ erledigt und ein zwischen ben Abgg. u- Maltzan unb Gu fleisch vereinbarter Antrag angenommen. Ob und u.wieweit die Vorschriften der SS 44—48, b. h. bie Bestimmungen über bie vorschußweise unb bcfinitiDc Zahlung von Beiträgen von Setten ber Arbeitgeber auf bie Aroettgeber der im $ 2 unter 1—4 bezeichneten Personen Anwendung fhibcn, ist burch Die statuarische Bestimmung zu regeln, burch wclche diese Personen den im S 1 bezeichneten gleichgestellt werben ES wirb also burch biesen Beschluß in der Hauptsache die Bestimmung, baß brejcnlgen Arbeiter, welche nur burch Oittstatut zur Versicherung verpflichtet werben rönnen, nur bann Anspruch auf d e Beiträge Dir Aibeugeber haben, wenn eine solche Vorschrift vom Ortsstalut getroffen wirb.
Hamburg, 24. Januar. Mit dem beutigen Dampfer fahren 20 von der »Cim- bria" gcitthU- Personen nach New 2)ork. Die Gesellschaft verweigert noch jebe llnte- stützung der Zurückgebliebenen. (?) Eme Anzahl ber selb en ist vom „Frembenblat.- soeben mit ben nöth gen Gelbmitteln v rsehen. Alle ausgesandten Dampfer kehr^ refnltatlo9 zurück. ES steht jetzt definitiv fest, baß über 400 Menschen umgebmmen fin?.
Zlußland.
— Nack Petersburger M ttheilungen ber „Polit. Corresp." werben in b?r diplomatischen Ve.tretung Roßlar bS bei ben beutschen Höfen folg^nbe Verünberungen plctjflreifen: Die Gesanbsichast'N in München unb Karlsruhe w-rden aufgehoben unb sowohl ber bisherige Gesandte in München, Graf Ost<n Sacken, als der in Karlsruhe, v. Kolosch n, werden in betl Conseil du minist^re deS M NisteriumS be§ Aeußern nach P tersdurg berufen. Mit ber Vertretung Rußlands am bayerischen unb babischcn Hote wi-b ber Gesandte in Stuttgart, v. Staak, betraut. Ausgehoben werben ferner die VertrUungen in Hess n-Darmstabt unb Hamburg. Der frühere Minifterresibent m Darmstadt, v. Höltzke, ist in gleicher Eigen chaft nach Weimar versetzt worden, und ber frühere T'tnlar ber Legat on in Hamburg, Baron Mengben, wirb alS Minister- Nesibent die Vertretung RußlanbS am Hofe in Drüben übernehmen. Von ber Berliner Botschaft adgeseb-'n, bUibcn somit aufrecht: Die Gcsanbtschast in Stuttgart unb ie eine Minister Residentschaft in Dresden unb LLeimar.
Spanien.
Madrid, 23. Januar. Der König empfing heute Deputationen der obersten Staatskörperfchasten und machte denselben von > er Verlobung der Infantin della Paz mit dem Prinzen Ludwig Ferdinand von Bayern officieue Mittheilung.
Türkei.
Konstantinopel, 23. Jan. Anläßlich mehrerer Vorkommnisse tbeilte die Pforte den Botschaftern mittelst einer Note mit, daß alle ^childwachen und Wachposten auf Befehl des Kriegsministers angewiesen seien, gegen Jeden, tvelcher den ihnen ertheilten Jnstructioen zumiderbandle, nach erfolgter Aufforderung von den Waffen Gebrauch zu machen. lieber die Antwort ter Pforte aus das letzte Rundschreiben Lord Granvilles i|t noch Nichts bekannt. In poltttichen Kreisen gehen die Ansichten in dieser Hinsicht stark auseinander. Ntau glaubt, die Pforte werde uatueutlich aus gewiffe, ihren Rechten widerstreitende Punkte des Rundschreibens Hinweisen. Wie es heißt, wäre Edhem Pascha für einen hohen Posten auserseheu.
Amerika.
Mexico, 23. Januar. Auf der Sternwarte von Puebla ist ein neuer Komet in der Nähe des Jupiter entdeckt worden.


