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Erscheint täglich mit Ausnahme deS Msmiags.

gvreaur Schulstraße 7.

Gießen, am 14. August 1883.

Betreffend: Maßregeln gegen Landstreicher und Bettler.

1) Es ist Ihren Gemeinde - Angehörigen dringend zu empfehlen, keinem Bettler etwas zu geben, sondern denselben an die Bürgermeisterei zu verweisen. Wer Almosen geben will, möge solches der Bürgermeisterei zur Verfügung stellen.

2) Die Bürgermeistereien wollen als Unterstützung kein baares Geld, fondern nur Anweisungen (Marken) auf Gewährung der unmittelbaren Lebens­bedürfnisse eventuell auch Nachtquartier oder Kleidung, verabreichen, wogegen der Unterstützte, wenn möglich eine von Ihnen zu bestimmende Arbeit ver­richten soll.

Zum Zwecke der Arbeitgewährung wollen Sie irgend eine Gemeinde- Arbeit stets bereit halten, z. B. Zerkleinern oder Sägen von Holz, Brechen und Klopfen von Steinen rc. Wenn es sich trifft, kann auch das Reinigen der öffentlichen Plätze und Straßen, Aufräumen von Bächen und Gräben, die Becheiligung beim Baue von Straßen und Gebäuden rc. angesonnen werden. Es ist jedoch in allen Fällen Vorkehrung zu treffen, daß über den wirklichen Bollzug der angewiesenen Arbeit eine Aufsicht, etwa durch einen Gemeinde­bediensteten, stattfindet und hierüber Befcheinigung ertheilt wird.

Wer sich, wenn er aus öffentlichen Mitteln eine Unterstützung empfängt, m Arbeitsscheu weigert, die ihm von der Behörde (Armenverband) angewiesene, seinen Kräften angemessene Arbeit zu verrichten, ist nach § 361, Nr. 7 des Strafgesetzbuchs strafbar.

Ferner wollen Sie in Ihren Gemeinden dazu auffordern, daß Jeder, welcher Arbeiter sucht, dies bei Ihnen anmeldet, damit Sie in der Lage sind, denjenigen, welche sich nach Arbeit wirklich umthun, solche vermitteln zu können. Weht irgendwo eine große Nachfrage nach Arbeitern, so ist dies uns anzu- zeigen, damit wir es allgemein bekannt machen können.

In den östlichen Grenzdistricten Preußens herrscht seit einiger 3eit in Folge höheren Ortes ergangener Weisung eine strenge Controls der lmssisch-polnischen Ueberläufer. Es bedingt diese Maßnahme u. a. auch die Revision des Personenstandes solcher in den diesseitigen Grenzdistrikten lebenden P'-ersonen, welche im Auslande, d. t. in einem nicht zum deutschen Reiche ge- Wrigen Gebiete geboren, für sich nach erfolgter Naturalisation auf Grund einer vlvn der höheren Verwaltungsbehörde ausgesertigten Naturalisations-Urkunde die deutsche Staatsangehörigkeit in Anspruch nehmen und als deutsche Staats-

3) Wegen Gewährung von Kost.und Nachtquartier gegen die ausge­gebenen Anweisungen oder Marken, ist von Ihnen ein Vertrag mit einer geeigneten Persönlichkeit, am besten einem Wirthe, abzuschließen, in diesem Vertrage aber gegen den Uebernehmer eine namhafte in die Gemeindekaffe fließende Geldstrafe für jeden Fall vorzubestimmen, in welchem derselbe eine Anweisung (Marke) in Geld auslösen oder statt Kost und Nachtquartier

geistige Getränke geben würde.

4) Kranken ist selbstverständlich die nöthige Hülfe angedeihen zu lassen.

5) Sie wollen mit der größten Strenge jeden, der bettelt, oder jeden Vagabunden, der durch Zudringlichkeit, Drohungen oder sonstigen groben Unfug dem Publikum lästig wird, verhaften und unter Erhebung einer Polizei­anzeige dem Gericht zur Bestrafung vorführen lassen.

Polizeidiener, welche in Ergreifung der Bettler rc. besonders eifrig stnd, können bei Vertheilung der regelmäßigen Remunerationen auf besondere Be­lohnung rechnen.

6) Es empsiehlt sich, an den Landstraßen beim Aus- und Eingänge der Ortschaften Warnungstafeln anzuschlagen, worauf bemerkt ist, daß das Betteln und Umfragen von Haus zu Haus verboten ist, daß sich vielmehr Jeder, der Arbeit suche oder unterstützungsbedürftig sei, an die Bürgermeisterer zu wenden habe.

7) Es hat keinen Anstand, wenn sich mehrere Gemeinden wegen gemein- '^tlichen Anstalten zum vorliegenden Zwecke vereinigen. Die betreffenden Großherzoglichen Bürgermeistereien wollen eine Verständigung unter sich ver­suchen und nöthigenfalls unsere Vermittlung anrufen.

angehörige gelten und behandelt sein wollen. Vielerorts sind dieselben daher von Neuem aufgesordert worden, die betreffenden Naturalisations-Urkunden bis zum Ansang October d. I. im Landrathsamte persönlich zur Prüfung einzu­reichen, oder aber daselbst, und zwar persönlich, die zur Legitimation erforder­lichen Angaben unter Vorlegung sonstiger Legitimationspapiere zu Protokoll zu geben.

Ueber die Arbeiter-Unruhen in Wien liegen jetzt nähere Be­richte Wiener Blätter vor, die indessen über den wahren Charakter und den Zweck der Unruhen noch keine speciellen Aufschlüsse geben. Doch scheint es, daß man es hier mit einer Demonstration gegen die Polizeibehörde zu thun hat, da die in letzter Zeit häufiger erfolgten Auflösungen von Arbeiter-Versammlungen in den Wiener Arbeiterkreisen großes Mißvergnügen hervorgerufen hatten. Die Verhafteten sind meistens Czechen und gehören überwiegend den Fabrik­arbeitern an, während der kleinere Theil aus Handwerksgehülfen besteht. Daß der Cravall von seinen noch nicht ermrten Leitern sorgfältig vorbereitet war, geht daraus hervor, daß die excessirende Menge aus den verschiedensten Bezirken und selbst aus entlegenen Orten auf die gegebene Ordre zusammenströmte. Mit den antisemitischen Excessen in Pesth scheinen die Wiener Unruhen in keinem directen Zusammenhang zu stehen, wie man zuerst vermuthet.

Den französischen Revanchep olitikern vom Schlage der Derou- löde und Genossen scheint es ein förmlicher Kitzel zu sein, sich an Deutschland fortwährend zu reiben. Jetzt wird wiedermn das vom Statthalter der Reichs- lande erlassene Verbot bezüglich der Herausgabe der Zeitung, welche der protest- lerische Reichstags-Abgeordnete für Metz, Herr Antoine, in's Leben treten laßen wollte , von Seiten der Pariser Hetzblätter einer hämischen Kritik unterworfen. Auch soll in allernächster Zeit in Paris ein neues, speciell gegen Deutschland gerichtetes Journal,L'Alsace-Lorraine", erscheinen, dessen Titel schon zur Ge­nüge auf die Tendenzen hinweist, von denen das neue Unternehmen geleitet werden wird.L'Alsace-Lorraine" soll gleich demAnti-Prussien" gegen Deutschland loswettern und besonders pochen die Arrangeure darauf, daß bie Zeitung bei denMitbürgern jenseits der Vogesen" Interesse erwecken werde. Herr Antoine steht derL'Alsace-Lorraine" nicht fern, da es heißt, daß er für das Blatt schreiben und ihm fortlaufende Correspondenzen senden werde. Es scheint demnach, daß die chauvinistische Agitation in den Reichslanden, nach­dem ihr hier ein Riegel vorgeschoben worden ist, sich ganz in Paris concentrirt, um von hier aus das Feld zu bearbeiten. Bei der zunehmenden Zufriedenheit der reichsländischen Bevölkerung mit den neuen Verhältnissen dürste indessen

Schließlich machen wir Sie noch darauf aufmerksam, daß nach den vorliegenden Erfahrungen nur die Allerwenigsten der s. g. armen Neyenden wirklich Arbeit suchen, sondern daß es denselben nur darauf ankommt, auf eine bequemere Weise, als durch Arbeit, Geld zu erwerben und solches vagabunmrend iu vertrinken. Die vorstehend angegebenen Maßregeln, insbesondere das Bereithalten von Arbeit, find aber deßhalb nöthig, um das zur Landplage gewordene ktromerthum zu verscheuchen, da den Behörden andere Mittel zu diesem Zwecke nicht zur Verfügung stehen.

Die von Ihnen in Anspruch genommene Mühe wird nicht lange nöthig sein, da sich die Vagabunden bei energischer Durchführung der empfohlenen Maßregel sehr bald verziehen werden.

Dr. Boekmann. ________________________

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Politische Ueberstcht.

Gießen, 15. August.

Der Erlaß, welchen der deutsche Kronprinz an den Fürsten Aismarck betreffs Ischias gerichtet hat und in welchem Kronprinz Friedrich Wilhelm nebst seiner erlauchten Gemahlin in hochherzigster Weise die Initiative X einer Sammlung für die Verunglückten von Ischia ergreift, wird sicher seinen Miendsachen Widerhall in den Herzen des deutschen Volkes finden. Die Größe nationalen Unglücks, welches Italien durch die Katastrophe von Ischia be- I troffen hat, fordert die thatkräftige Hülfe des übrigen Europas heraus und ' Deutschland wird gewiß nicht zurückbleiben, wenn es gilt, für die überlebenden, »t bie höchste Bedrängniß versetzten Bewohner jenes unglücklichen Eilandes that- [ kräftige Hülfe zu bringen. Die Wohlthätigkeit des deutschen Volkes hat sich I auch bei fremdem Unglück wir brauchen nur auf Szegedin hinzuweisen chon so oft und in so glänzender Weise bewährt, daß der Appell, den das II kronprinzliche Paar an das deutsche Volk richtet, auch diesmal seine Wirkung I nicht verfehlen wird. Ein bestimmter Plan bezüglich der Organisation des | Äebeswerkes ist noch nicht bekannt, doch ist nicht zu bezweifeln, daß dieselbe behördlicherseits in energischer und umfassendster Weise baldigst in die Hand frommen werden wird. Unabhängig von dein erwähnten Erlaß ist in dieser Angelegenheit bereits der Magistrat der Reichshauptstadt vorgegangen, welcher X Gunsten Jschia's einen Aufruf erlassen hat.

Auch die deutsche Regierung hat sich, gleich der französischen, nun­mehr entschlossen, eine wissenschaftliche Expedition nach Egypten zu entsenden, um m Ort und Stelle die Cholera und die Ursachen ihrer Verbreitung zu studiren. Dae Expedition soll noch in dieser Woche abgehen, über ihre Zusammensetzung kl man noch nichts Näheres erfahren können und ist nur bekannt, daß Geh. Regierungsrath Koch, Mitglied des Reichs - Gesundheitsamts, dieselbe (eilen wird.

Da wir wahrgenommen haben, daß die auf der letzten Versammlung der Bürgermeister zur Vertreibung der Bettler und Landstreicher gefaßten Beschlüsse vielfach nicht befolgt worden sind, schärfen wir Ihnen solche hiermit nochmals zur Nachachtung ein:

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Ax. 188. Donnerstag den 16. August 1888.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.