Nr. 38.
Donnerstag den 15. Februar
1883.
iehener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
, Schulstr-tz- 7, Erscheint täglich mit Ausnahme des M-ntag». WdiWWm ^-Ijih-ttch '
Amtlicher Theil.
P f a r r - C o n f e r e n z.
Montag den IS. Februar Pfarr-Conferenz in der Herberge zur Heimath, Nachmittags.
Tagesordnung: 1) Besprechung über die Anschaffung von gedruckten Formularen für die diesjährigen kirchlichen Wahlen.
2) Besprechung über die Vereinbarung des Vorstandes vom Pfarrwaisen-Verein mit der Allgemeinen Versorgungs- Anstalt in Carlsrnhe wegen Lebensversicherung.
3) Besprechung über die Gründung einer Feuerversicherungsgesellschaft unter den Geistlichen.
4) Fortsetzung der Besprechung über kirchliches Begräbniß.
Zahlreiche Theilnahme besonders erwünscht.
Lang-Göns, den 12. Februar 1883. Strack, Dekan.
Politische Uebersicht.
Gießen, 14. Februar.
Ueber deu Inhalt der päpstlichen Antwort aus das Schreiben des Kaisers liegen jetzt ziemlich gleichlautende Mittheilungen vor, die von klerikalen Blättern gebracht werden. Hiernach betonte die Antwort des Papstes, daß ein Uebereinkommen betreffs des Einspruchsrechtes nur gleichzeitig mit einer Revision der organischen Maigesetze stattfinden könne. Außerdem sei ein Schreiben des Kardinal-Staatssecretärs Jacobini beigefügt, welches Vorschläge über den weiteren Gang der Verhandlungen enthalte. Hiernach zu urtheilen, scheint das Schreiben des Papstes nicht den Wünschen gemäß ausgefallen zu sein, welche man an leitender Stelle in Berlin vielleicht gehegt hat.
In der vom Seeamte zu Hamburg betreffs des Unterganges der „Cimbria" geführten Untersuchung ist in voriger Woche die Vernehmung der englischen Zeugen von: „Sultan" beendigt worden. Dre Erklärungen, welche Officiere und Mannschaften des englischen Dampfers abgegeben haben, lasten es allerdings als zweifelhaft erscheinen, ob dem englischen Kapitän die Schuld an dem Zusammenstöße der beiden Dampfer zuzujchreiben ist, wie bis jetzt fast alb festig geschehen ist. Die Depofitionen der Zeugen von der „Cimbria" in der Voruntersuchung wurden verlesen und Beschluß- gefaßt über zwei Anträge des Reichscommissars, die Vorladung des Directors der Packetfahrt-Actiengeselljchaft zum Dienstag und die Untersuchung des Wracks der „Cimbria" durch Taucher betreffend.
Im österreichischen Ab geordneten Hause hat am Sonnabend die Beantwortung der von Mitgliedern der Rechten in der Affaire Kaminski gestellten Interpellation stattgefunden. Dem Handelsminister Pino war diese schwierige Aufgabe zugefallen, deren er sich mit unläugbarem Geschicke entledigte. Baron Pino gab im Allgemeinen nur eine technische Auseinandersetzung und erklärte im Uebrigen, daß bereits die strafgerichtlicheu Vorerhebungen in dieser Angelegenheit von der Wiener Staatsanwaltschaft im Gange seien und verhieß eine strenge Bestrafung der Schuldigen. Hierauf begründete Dr. Kopp den von der Verfassungspartei eingebrachten Antrag auf Einsetzung einer Untersuchungs- Commission, für welchen sich sowohl Dr. Rieger, der Führer der czechischen Fraction, als auch Grocholski, der Obmann des Polen-Clubs, erklärten, freilich aus andern Gründen als diejenigen, welche dem Anträge der Verfassungspartei zu Grunde lagen. Derselbe wurde schließlich mit großer, an Einstimmigkeit grenzenden Majorität angenommen, dagegen wurde ein Antrag des Abg. v. Schönerer auf Oeffentlichkeit der Sitzungen der Untersuchungs-Commission abgelehnt.
Der Schwerpunkt des gesammten politischen und parlamentarischen Lebens Frankreichs ruhte in den letzten Tagen ausschließlich im Senat, in welchem am vorigen Sonnabend die Debatte über die Thron-Prätendenten- Vorlage ihren Anfang genommen hat. Dieselbe eröffnete der Senator Allou, welcher erklärte, die Commission lehne die Vorlage ab, empfehle jedoch die Be- rathung der einzelnen Artikel. Challemel-Lacour bekämpfte die Erwägungen der Commission und meinte, die Regierung müsse gewappnet sein, weil die natürlichen Häupter der Parteien nicht entwaffnet hätten, deshalb müsse auch der Senat für den Entwurf stimmen. Barthelemp St. Hilaire pflichtete den Anschauungen des Vorredners nur zum Theil bei; durch die Vorlage würde die Regierung den Weg der Toleranz verlassen, die Prinzen von Orleans bedrohten weder die Republik, noch die Sicherheit der Negierung. Von der Negierung trat Justizminister Deves für den Entwurf ein mit) führte aus, daß derselbe die individuelle Freiheit nicht verletze und erinnerte an die Acte der Toleranz der französischen Negierung gegenüber den Prinzen von Orleans, welche hierauf durch Zustimmung zur legitimistischen Monarchie geantwortet hätten; auch wies der Minister aus die zahlreichen antirepublikanischen Kundgebungen bei den legi- limistischen Banketen hin. Nach einer längeren Pause sprach Berichterstatter Allou nochmals für den Commissionsbericht, der vorliegende Gesetzentwurf gäbe der Regierung eine unbegrenzte Macht und sei deshalb gefährlich. — Jedenfalls werden die Verhandlungen mit der Ablehnung der Vorlage enden, gleichzeitig aber ist man der Ansicht, daß sich eine Vereinbarung zwischen Senat und Teputirtenkammer, resp. Negierung Herstellen lassen werde. Das Cabinet ^aüwres wird in diesen Tagen seine Demission einreichen, aber betreffs der Reubildung des Cabinets scheinen die vorhandenen Schwierigkeiten noch nicht dchoben zu sein. (Rach den neuesten Nachrichten hat das Cabinet bereits demissionirt. Red.)
In Petersburg hat am Sonnabend wieder einer jener Proceffe
seinen Abschluß gefunden, die in jüngster Zeit in Rußland so zahlreich geworden sind und deutlich für die in den Reihen der sogenannten bessern Gesellschaft herrschende moralische Verkommenheit sprechen. Diesmal handelte es sich um die Petersburger gegenseitige Creditgesellschaft; die Angeklagten Simbriuchoff, Schademirowski, Pogrebow, Kirschbaum, Jemeljanoff, Meyer und Victor Pospejeff wurden der Fälschung und Verschleuderung für schuldig befunden und zum Verluste aller Standesrechte, foroie lebenslänglicher Verschickung nach Sibirien verurtheilt, eine bei solchen Anlässen ungewöhnliche harte Strafe. Eine Anzahl anderer Angeklagter wurde dagegen freigesprochen?
Für die Fortdauer der ausgezeichneten Beziehungen zwischen der Pforte und Deutschland spricht wohl auch der Umstand, daß demnächst 10 türkische Officiere in die deutsche Armee eintreten werden. Der Sultan hatte einen hierauf bezüglichen Wunsch ausgesprochen und ist vom Kaiser Wilhelm in liebenswürdigster Weise die Zustimmung zum Eintritt der Officiere in das deutsche Heer erfolgt. General Köhler, einer der in der türkischen Armee als Jnstructeure dienenden deutschen Officiere, wird noch in dieser Woche von Konstantinopel nach Berlin abreisen, um betreffs der Einzelheiten ein Abkommen n if den deutschen Militärbehörden zu treffen.
Die Nachrichten über den Aufstand im Sudan laufen zwar sehr spärlich ein, aber was sie enthalten, läßt ein Fortschreiten der Jnsurrection nicht verkennen. Neuerdings sollen die Schaaren des „falschen Propheten" schon Ob eit, die Hauptstadt des eigentlichen aufständischen Gebietes — Cordofan — besetzt und die egpptische Garnison gefangen genommen haben. Hiermit wäre dem „Mahdi" das ganze westliche Oasengebiet Ober-Egpptens preisgegeben, was natürlich dem Nebellenführer eine gesicherte Basis für seine weiteren Operationen geben würde. Von Chartrum, der Hauplstadt des Sudan, aus, ist Hussein Pascha mit dem gegen den Propheten zusammengezogenen egpptischen Expeditions- Corps nach dem Süden ausgebrochen, um vor Allem Obeit wieder zu nehmen.
Acutschland.
Berlin, 13. Februar. Der russische Botschafter Fürst Orloff, der gestern Berlin auf der Durchreise nach Paris passirte, ist auch vom Reichskanzler empfangen worden und hatte mit demselben eine etwa halbstündige Unterredung. Das Befinden des Reichskanzlers hat sich erfreulicher Weise gebessert, wenngleich derselbe noch nicht ganz schmerzfrei und gezwungen ist, auf dem Sopha liegend die dringenden Arbeiten zu erledigen.
Oesterreich.
Wien, 12. Februar. Heute Nachmittag wurde in einem hiesigen Hotel ein Individuum verhaftet, welches sich dort einlogirt hatte und einen Geldbriefträger erwartete. Der Verhaftete, bei dem ein scharf geladener Revolver gefunden wurde, gestand ein, Postanweisungen gefälscht zu haben, leugnete indessen, ein Attentat gegen den Geldbriestrüger beabsichtigt zu haben. Er habe sich mit dem Revolver selbst erschießen wollen, falls er ertappt worden wäre.__________
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspondenz-Bureau.
Berlin, 13. Februar. Der Reichstag erledigte eine Reihe Wahlprüfungen durchweg nach den Commissionsanträgen. Morgen dritte Lesung des Etats.
— Dem Bundcsrathe ist der Consularvertrag mit Serbien zugcgangen. Derselbe ist nahezu identisch mit dem mit Griechenland bestehenden zunächst auf 10 ^ahre abgeschlossenen und dann von Jahr zu Jahr kündbar. . . .
— In der Conferenz des deutsch-österreichischen Etsenbahnverbandes wurde dem „Börsen-Courier" zufolge bereits gestern ölbend ein Protokoll über die gemetnsamen leitenden Grundsätze für das Oesterreich-Ungarn, das deutsche Reich, den rumamschen 'L ranstt via Karl Ludwigsbahn und Ungarn, sowie den Transit aus Oesterreich durch Deutschland nach Belgien und Holland umfassende Verkehrögebtet anfgenommen. sollen alle
Tarife, Tarifänderungen, Tartfnachlässe, Refaktien innerhalb dieses Gebietes rechtzeitig publictrt und in allen Fällen die Tarife des Eisenbahntransports denen des Wafser- verkehrs gleichgestellt werden, dergestalt, daß wo unter Benutzung der "Wasserstraße fich ein billigerer Tarts ergibt, die Eisenbabnverbände von demselben Ausgangspunkte nach demselben Endpunkte für den Eisenbahntransport denselben billigen Beförderungsweg e>nführen, der sich bet Benutzung Wasserverkehrs ergibt- In der heutigen Sitzung der Conferenz wurde über die Bcrthetlung des Verkehr« und der Frachtenctugänge verhandelt- An der Sitzung nahmen auch Vertreter der Berlin-Hamburger und Breslau- Schweidnitzer Bahn Theil. Die Regelung der Dttatls der Tarife dürste der Commission der Beamten überlassen werden.
— Die „Kreuzzeitung" glaubt, daß der Rücktritt des Krtegsminister«, nachdem das Milttäipcnsionögesktz mit dem sortschrtttlichen Anträge über die Communal-


