Ausgabe 
12.8.1883 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 12. August

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Zweites Blatt

Amts- und Anzcigeblatt für den Kreis Gießen

Erscheint täglich mit Ausnahme des MsntagA.

virreaur Schulstraße 7.

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Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. init Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Marl 50 Pf.

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Das Pronunciamento von Badajoz scheint doch nicht vereinzelt, dazustehen. In Novara meuterte ein Theil des Kavallerie-Regiments und zog in die Berge ab; auch in Barcelona fanden Ruhestörungen statt, die aber nur unbedeutend waren. Der König unterzeichnete ein Dekret, welches die constitu- tionellen Garantien aufhebt und das Ministerium ermächtigt, den Belagerungs­zustand, wo nöthig, zu erklären.

Die Cholera hat nun auch Klein-Asien ergriffen, denn officielle Nachrichten der türkischen Negierung bestätigen das Umsichgreifen der Cholera in Smyrna und Beirut. Die türkische Regierung hat für Beirut einen Sanitäts- Cordon angeordnet.

Am Sonntag, den 19. August, findet im Marmorpalast zu Pots­dam die Taufe des jüngsten Sprossen des preußischen Königshauses, des jüngst­geborenen Sohnes des Prinzen Wilhelm, statt.

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In der alten Lutherstadt Erfurt ist am 8. August das Luther­seft in glänzender Weise und unter ungemein zahlreicher Betheiligung von nah und fern verlaufen. Fast sämmtliche deutsche Universitäten hatten starke studentische Deputat.onen entsendet und schätzte man die Zahl der fremden Fest- M auf über 20,000. Den Mittelpunkt der ganzen Feier bildete der wirklich großartige Festzug, welcher die interessantesten historischen Gruppen aus der Lulherzeit vorführte; das ganze Fest wurde in keiner Weise getrübt.

In den Reichslanden machen sich von gewisser Seite immer wieder Mzojenfreundliche Tendenzen bemerklich, denen aber der Statthalter, Freiherr v. Manteuffel, kräftig zu begegnen weiß. So hatte der der Protestpartei ange­hörige Reichstagsabgeordnete für Metz, Antoine, die Herausgabe emer Zeitung geplant; vom Statthalter ist jedoch die Herausgabe mit dem Bemerken verboten worden, daß die betr. Zeitung, nach den bisherigen öffentlichen Kundgebungen des Herrn Antoine zu schließen, nur französischen Interessen dienen würde.

In Oesterreich hallt der Proceß von Tisza-Eszlar in Demonstrationen gegen die Juden nach. An die schon neulich gemeldeten Ruhe­störungen in Preßburg, die einen antisemitischen Charakter trugen, schlossen sich am Dienstag Abend in der ungarischen Hauptstadt selbst Krawalle an, zu denen die Uebersührung der Hauptbetheiligten im Proceß, des Schächters Josef Scharf und seines Sohnes Moritz Scharf, nach Pesth, den directen Anlaß gab. Eine große Volksmenge lärmte vor dem Hotel, in welchem die Familie Schars abge- sliegen war und warf die Fenster ein, bis endlich die Polizei, unterstützt von einem kräftigen Platzregen, die Tumultuanten zerstreute. Auch in Tisza-Eszlar joU die Lage der zurückgekehrten Juden eine sehr mißliche sein, so daß an die ungarische Regierung die Pflicht herantritt, die von den erregten Leidenschaften der untern Volksschichten bedrohten jüdischen Mitbürger zu schützen.

Die Tongking-Frage nimmt jetzt in Frankreich wieder das Haupt- Mreffe in Anspruch, zumal sich dieselbe gegenwärtig aber,..als ziemlich kriegerisch Asnimmt. Die Verstimmung zwischen Frankreich und China wächst immer mehr und es ist recht bezeichnend für die Lage, daß derTing-Iuen", welcher 'hon fix und fertig zu seiner Uebersahrt nach China war, auf telegraphische Weisung der chinesischen Gesandtschaft in Berlin für jetzt in Deutschland ver- dleibt. Die Verhandlungen zwischen dem französischen Gesandten in Peking, Dricou, und den leitenden Staatsmännern Chinas sollen gänzlich ruhen; in der Egking benachbarten chinesischen Grenzprovinz Iünnan wird ein Armee-Corps von 2530,000 Mann zusammengezogen und wie man aus San Franzisco k berichtet, beträgt der Werth des in den letzten 18 Monaten von diesem Platz ; "ach China gesendeten mannigfachen Kriegsmaterials 5 Mill. Dollars. Das llfles sieht nicht sehr friedfertig aus und irgend ein unbedeutender Zwischenfall kmn den schon lange drohenden Conflict zwischen Frankreich und China zu ftitm raschen Ausbruch bringen. Ob der Thronwechsel in Anam diesen Conflict beschleunigen würde, läßt sich noch nicht sagen, da über die Bedeutung dieses Ereignisses noch keine weiteren Mittheilungen vorliegen.

Das englische Parlament beschäftigte sich in den letzten Tagen des Öfteren mit den Fragen der Reorganisation Egyptens und der Zurückziehung englischen Occupations-Truppen. Die Debatten haben indessen über die "buchten des Londoner Cabinets bezüglich der definitiven Neugestaltung der Verhältnisse Egyptens nicht viel Klarheit gebracht, mit großer Emphase erklärte üb»er trotzdem Herr Gladstone hierbei im Unterhause, daß die andern Mächte Pläne der englischen Regierung im Unterhause vollkommen billigten. Be­rgend für Europa klingt jedoch die Versicherung des englischen Premiers, die englischen Occupations-Truppen Egypten, so lange hier die Cholera Arsche, nicht verlassen würden; so viel Rücksicht aus das übrige Europa hätte den Engländern kaum mehr zugetraut.

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Darmstadt, 7. August. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Beilage Nr. 19) enthält:

1. Verzeichniß der Vorlesungen, welche auf der Großherzogltch Hessischen Ludewigs^Univcrsität zu Gießen im Winterhalbjahr 1883/84 gehalten werden und am 22. October ihren Anfang nehmen.

2. Dienslnachrtchtcn.

Am 4 Juli wurde der Fußgensdarm t. P. Adam Appel zu Groß-Umstadt zum Amtsgerlchlsdlener bet dem Amtsgericht Michelstadt ernannt; am 20. Juli wurde dem Schulamtsosp ranten Conrad Schwörer aus Billings einT Lehrerstelle an der Gemeinde- schule zu Kretdbach, am 23 Juli wurde dem Schulamtsaspiranten Philipp Traub aus Nordheim die erledigte Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Bermersheim Übertragen.

3- Ruheslandsversetzungen

Am 2. Juni wurde der Schullehrer an der Gemeindeschule zu Elpenrod Heinrich Schneider auf fein Nachsuchen mit Wirkung vom 9. Juni an, am 12. Juni wurde der Schullehrer an der Gcmemdeschule zu Mettenhelm Heinrich Schmitt auf sein Nach­sucher, am 15. Juni wurde der Schullehrer an der Gemetndeschule zu Ober-Jngelhetm Peier Wenzel auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste am 30. Juni wurde der Oberlehrer an der Gemeindeschnle zu Ober-Ramstadt Georg K Uer auf fein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste in den Ruh stand versetzt.

4. Dienstentlassungen.

5. Concu'-renzelöffnungen.

Erledigt sind: Die eoang. Pfarrstelle zu Heubach, dotationsmäßiger Gehalt 1397 X- D-e mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeinde­schule zu Reisen mt einem jährlichen Gehalte von 90C Jt. Eine mit einem katholischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Hernsheim mit einem jähr­lichen Gehalte von 900 JL-

6. Sterbesälle.

G storben sind: Am 5. Mat der Geh. Oberforstrath i. P. Eduard Jakob v. Stockdausrn zu Darmstadt; am 9. Mai der Schullehrer an der Gemeindeschule zu W'pvcnbach Heinrich Oestreich; am 13. Mat der Schullehrer an der Gemetndeschule zu Gaulshetm Franz Joseph Bernd; an demselben Tage der Hauptsteueramts-Rendant f. P Carl Maria Gölz zu Gießen; an demselben Tage der Gensdarm i P. Philipp Reinhard zu Gimbsheim; am 14- Mai der Forstmeister i. P. Christian Klein zu Bessungen; am 22. Mat der Rechtsanwalt Dr. Ludwig Anton Lippert zu Mainz; am 4. Juni der Pfanome'ster v. Toussaint zu Mainz; am 8. Juni der Schullehrer an der kath- Schule zu Lampertheim PH lipp Jakob Dlltz; am 9. Juni der Hofkupferstecher Professor F lsing zu Darmstadt; an demselben Tage der Rechtsanwalt Justizrath Friedrich Wilhelm Heyer zu Darmstadt; am 10. Juni der Förster i.P. Franz Schneider zu Darmstadt: am 11. Juni der Rechtsanwalt Wilhelm Zimmermann zu Darmstadt; am 12. Juni der Schullehrer t. P. Johannes Kromm zu Steinbach.

Berlin, 8. August. Der große Brand auf der Köpnickerstraße und der sehr bedauerliche Verlust von Menschenleben gibt Veranlassung, die Aufmerksamkeit auf dre Nothweudigkeit größerer Verwendung von Eisen bei dem Bau von Fabriken und Wohnhäusern gegenüber der Anwendung viel feuergefährlicheren Holzes und leichter Ziegelbauten hinzuweisen. Die Technik ist so weit vorgeschritten, daß für Bauten, wenn auch nicht absolute, doch relativ eine derartige Feuersicherheit erlangt werden kann, daß ein schnelles Umsichgreifen eines verheerenden Brandes kaum noch möglich ist und ernste Gefahren für die Bewohner wie für die Rettungsmannschaften aus­geschlossen erscheinen- Hierzu kommt, daß die Construction der Eisenbauten kaum theurer zu stchen kommt als die Ausführung in Stein und Holz und daß auch archi­tektonisch ebenso gut eine künstlerisch gefällige Ausstattung möglich ist, wie Mit lsoem anderen Bauniaterial. Zu bedauern bleibt freilich, daß die Verwendung des Alfens für Fußböden, Gewölbe, Decken, Dächer 2C. für viele Techniker noch eine Neuerung bildet, mit der dieselben entweder ganz unbekannt sind oder die ste mit mitztraulfcheu Augen betrachten. Verdienstvoll ist nach dieser Richtung hin dao Bestreben deo Ver­eins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, dem Eisen bet Bauten erweiterte An­wendung zu verschaffen. Bereits im Mai d. I. hat der Borstand des Vereins ych über folgende Vorschläge geeinigt, mit deren Durchführung fich der Verein im taufe der nächsten Jahre sehr ernstlich beschäftigen wird: ro.Hfnnrfrufttnnen in Eisen

1. Herausgabe eines Musterbuchs über jiüecfmaüi0e

mit kurzem erläuterndem Text und einer Anzahl Zahlenangaben über die c^tab i t der Konstruktionen bei verschiedenen Konstruktions-Bedingungen. ,

2. Entwerfen von Geb-i.-d-n, die ganz oder tfjeitoctje aus Eilen herzu- ftCUe" Veröffentlichen solcher Entwürfe in technischen Zeitschriften, und Bestrebungen zu pflegen, solche Bauwerke zur Ausführung zu bringen.

P 3. Oeffentliches Ausstellen von Mustermaterialien und, Konstruktionen, all- mäliges Anbahnen einer oder mehrerer Ausstellungen inr größeren Umtange an ge- etßneten Musterbuches und zur Forderung der Bestrebungen

rnr weiteren Anwendung oes Eisens überhaupt muyen die ^ortichritte m der Her­stellung und Verarbeitung des Eisens von den Fabrikanten emer^-Zentralstation ange­geben, eventuell die Ausstellung mit ausgesuhrten Mustern beschickt werden u 5 Ansickreiben von Preisaufgaben aus dem Gebiete des Eisenbaues.

6* Es ist dahin zu trachten, daß das Eisen als Walzwerksprodukt stets eine möglichst gute Qualität erreicht und das Zilfamm-narbe,t-n derE-l-ntheil- m den Werkstätten eine solide Konstruktion Mit gefälligem Aussehen ergibt.

7. Es ist das Eisen nach Möglichkeit gegen Rost zu schützen.

8 Sammeln von Erfahrungen über die Dauer und Haltbarkeit des Elsens.

9; Wo sich die Nothweudigkeit neuer Profile herausstellt, Vereinbarung der- selben mit Walzwerks-Technikern im möglichsten Anschluß an die gangbaren Profile, insbesondere auch des deutschen Normalprofils.

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Gießen, 11. August.

Die am 8. August stattgefundene Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit Kaiser Franz Joses in Ischl bildete den glänzenden Mittelpunkt inner den Ereignissen der zurückgelegten Woche.

»In Italien hat die Bestürzung über das nationale Unglück von Ischia einer um so größeren Energie Platz gemacht. Der Arbeitsminister Genala betreibt immer thätiger die Errichtung von Baracken; die Delegirten des Ce'ntral-Comit6s von Neapel stellen, soweit möglich, eine exacte Statistik über 1 bie; Todten und Verwundeten und über die verursachten Schäden zusammen und i ble: Ausräumungs-Arbeiten werben so eifrig betrieben, daß die Straßen in den ittytörten Städten bald gesäubert sein werden. Ferner ist, Dank den getroffenen iamtären Nlaßregeln, der Gesundheitszustand ein besserer geworden und ist die öÄürchtung, eine Epidemie könnte ausbrechen, wieder geschwunden. Ordnung

unnb Ruhe werden überall streng aufrechterhalten.

Das Resultat der im Reichstags-Wahlkreise Kiel-Rends­burg stattgefundenen Stichwahl steht jetzt endlich fest, ebenso das Ergebniß .der I im Wahlkreise Wiesbaden-Rheingau für Schulze-Delitzsch stattgefundenen Ersatz- ! Mhl. In beiden Fällen hat die Fortschrittspartei den Sieg davongetragen. I Erfreulich ist es, daß bei der Kieler Stichwahl die conservativen Wähler zum j größten Theil ihre Stimmen dem fortschrittlichen Candidaten gegeben haben.