Ausgabe 
31.12.1882 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

1882

Sonntag den 31. December

Erstes Blatt.

Nr. sos

für den Kreis Gießen

Amts- und

Erscheint täglich mit Ausnahme des Moutagö.

Bureau r Schu^straße 7.

Verhältnisse Englands; alle Erfolge, welche das Cabinet Gladstone I einzig mit dem Unterschied, daß die Scheinregierung des Khedive Tewfik Pascha

die inneren

Prki» vierteljährlich 2 Mart 20 Pf. mit Bringerlohv.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mari 50 Pf.

Wenden wir uns nun zu den Staaten zweiten und dritten Ranges, so ist es wieder die Balkan Halbinsel mit ihrem bunten Staaten« gesüge, welche zu mancherlei Betrachtungen heraussordert. Die kleineren Staaten entwickeln sich unläugbar zu immer lebensfähigeren Organismen, wenn auch hierbei noch nicht der Maßstab ernstlicher Bildung und Cultur angelegt werden darf Indessen gährt es hier und da noch immer in einer Weise, welche für das betr. Land noch mancherlei Bedenklichkeiten zu Tage fördern kann. So wüthet namentlich in Serbien seit Jahr und Tag zwischen dem Ministerium Pirotschanatz und der radikal-ltberalen Partei ein heftiger Kamps, dessen Aus- qang zu Gunsten der jetzigen serbischen Regierung noch zweifelhaft erscheint. Das gegen König Milan in der Kathedrale zu Belgrad von der Frau eines Hinge­richteten serbischen Officiers begangene Attentat hat zwar persönliche Motwe zur birecten Ursache, doch scheint es trotzdem, als ob verschledene Anhänger der Oppositionspartei mit um das Attentat gewußt haben. Was den Hauptbalkan­staat die Türkei, anbelangt, so sind derselben außerordentliche Erschütterungen im vergangenen Jahre erfpart geblieben, indessen erhellt aus verschiedenen Um­ständen, daß der Zusammensturz des morschen türkischen Staatsgebäudes nur zu verzögern, nicht aber gänzlich auszuhalten ist und alle Veränderungen im türki­schen Cabinete, wovon wir noch vor wenig Wochen so überraschende Beispiele erlebten, vermögen dem faulenden türkischen Staatskörper kein frisches Blut mehr einzuflößen. Von den andern europäischen Staaten, wie Spanien undPortugal, Holland unb Setgien, die Schweiz, Scandinavien. und Dänemark, ist nichts von allgemeinerem Interesse zu erwähnen und weder die Gegensätze zwischen der Regierung und der radikalen Partei in Schweden, Norwegen, sowie in Dänemark, noch die Parteiumtriebe der Serranisten in Spanien gegen das liberale Cabinet Sagasta brachten irgendwelche Eindrücke in der hohen Politik hervor.

Es erübrigt nun noch, einen Blick auf die außereuropäi­schen Länder zu wersen. Der Beendigung des egpp tisch en Krieges durch die englischen Siege haben wir schon flüchtig gedacht; nn Uebngen beginnen die Verhältnisse im Pharaonenlande wieder in ihr altes Geleise zurückzukehren,

Politische Jahres-Rundschau.

30. December.

auch im Parlamente davongetragen hat, vermögen nicht, den düsteren irischen Verhältnissen ein helleres Relief zu verleihen und so nimmt denn England die irische Frage ungelöst mit inä neue Jahr hinüber. Schließlich sei noch der Veränderungen im englischen Cabinet gedacht, daß durch den Eintritt von Lord Derby und Sir Charles Dllke um zwei Mitglieder vermehrt wurde.

Aus dem Czarenreiche war im vergangenen Jahre merkwürdiger Weise wenig von der Thätigkeit der Nihllisten zu melden, allerdings kann man nicht behaupten, daß die russischen Revolutionäre gesonnen seien, auf die Mit­wirkung von Dynamit und sonstigen unheimlichen Dingen bei der Durchführung ihrer geheimen Pläne zu verzichten, aber daß sie sich so verhältnißmäßig ruhig verhalten haben, ist immerhin schon ein Gewinn. Da machte das wüste Treiben der Panslavisten viel mehr von sich zu reden, bereu Kreuzzug gegen alles Deutsche nur zu beutlich barauf hinweist, wessen sich bas Deutschthum in- unD außerhalb Rußlands vom Pauslavismus zu versehen hat, wenn derselbe jemals ftr Vetersburg an's Ruder gelangen sollte. Eine gewisse Beruhigung muß daher für uns Deutsche das Ableben des Generals Skobeleff haben, des Apostels des Panslavismus, den ein jäher Tod abrief, gerade als wenn die Vorsehung selbst seinem Wirken habe ein Ziel setzen wollen. Leider wirkt aber der von Skobeleff ausgestreute Saame weiter und die fortgesetzten Verfolgungen der Deutschen in den russischen Ostsee-Provinzen zeigen, welche Früchte Vieser Saame zu tragen beginnt.

Als letzte der europäischen Großmächte bleibt noch Italien übrig, von dem jedoch im vergangenen Jahre im Ganzen wenig zu berichten war Ein hervorstechendes Ereigniß für die innere italienische Politik bildeten die Neuwahlen zur italienischen Deputirtenkammer, die zum ersten Male auf Grund des neuen und erweiterten Wahlgesetzes erfolgten; die Wahlen ergaben eine beträchtliche Mehrheit für das Ministerium de Pretis, wodurch natürlich dessen Stellung aufs Neue befestigt erscheint. Auf das Verhältniß Italiens zu Oesterreich konnten die irredentistischen Wühlereien nur vorübergehend ver­stimmend wirken, die italienische Regierung stand denselben offenbar fern und in Wien wußte man dies loyale Verhalten zu würdigen.

Gefundene Gegenstände:

1 Stück Leinen, 1 Glacehandschuh, 2 Taschentücher, 1 kupferner Ring, 1 Schleier, 1 Schürze, mehrere Schlüssel. Gießen, den 30. December 1882. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

_____________________________Fres enius. __

Abermals find wir im ewigen Kreislauf der Zeit an den Punkt gelangt, an welchem das alte Jahr hinabsinkt in das Meer der Ver­gangenheit und fein junger Nachfolger lächelnd an der Schwelle des neuen Zeit­abschnittes erscheint. Wie nun der Mensch im bürgerlichen Leben am Jahres­wechsel noch einen Blick auf das abgelaufene Jahr zurücksendet, so pflegt auch der Politiker am Jahresschlüsse noch einmal auf den vergangenen kurzen und doch auch wieder so langen Zeitraum zurückzublicken, den ein Jahr umschließt; gerade in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr fließt der politische Born in Folge der vorangegangenen Festtage mit am dürftigsten und es verliert die Politik den Charakter der Einzelheiten, so daß schon aus diesem Grunde sich eine Rückschau auf die politische Vergangenheit des Jahres rechtfertigt. Wenn wir nun zunächst auf Deutschland blicken, so gilt es vor Allem, unsers erhabenen Kaiserhauses unb hierbei in erster Linie wiederum unsers greifen Kaiseis Wilhelm zu gedenken. Noch immer hält derselbe trotz seiner 86 Jahre mit fräftiger Hand das Scepter des Reiches und auch im vergangenen Jahre kehrte er von seinen vielen Reisen neu gekräftigt nach Berlin zurück, so daß wir uns der Hoffnung hingeben dürfen, Kaiser Wilhelm auch im neuen Jahre nod) rüstig an der Spitze der Geschäfte zu sehen. Unter Den wichtigeren Ereig­nissen der innern Politik sind die Ablehnung des Tabakmonopols durch den Reichstag, sowie die Neuwahlen zum preußischen Abgeordnetenhause zu erwähnen, weiche letzteren zwar einen Sieg der conservativen Partei, trotzdem aber keine wesentliche Umgestaltung der Parteiverhältnisse im preußischen Abgeordnetenhause ergaben. Was die auswärtige Politik des deutschen Reiches anbelangt, so hat dieselbe unter der bewährten und zielbewußten Leitung des Fürsten Bismarck auch im vergangenen Jahre entschieden mit dazu beigetragen, das friedliche Ver- bältniß der europäischen Mächte zu einander zu erhalten, namentlich ist aber die Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit Kaiser Franz Josef zu Ischl als eine Bürgschaft für die Erhaltung des allgemeinen Friedens zu betrachten und diese Bürgschaft wird hoffentlich auch im neuen Jahre ihre Kraft bewähren.

Von Deutfchlanb gleitet der Blick naturgemäß zu Oesterreich- Ungarn hinüber, als dem Allürteu des deutschen Reiches. Leider ist aus dem Donaureiche nicht allzuviel Erfreuliches zu berichten; die Versöhnungspolitik des Grafen Taaffe geht noch immer auf Kosten des liberalen Deutschthums ihre eiaenthümlichen Wege und besonders den Czechen gegenüber beweist das Mini­sterium Taaffe ein Entgegenkommen, das mit der Zweitheilung der Prager Universität noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht zu haben scheint. Wäh­rend so im Innern der Nationalitätenstreit noch weiter glimmt, arbeiteten auch «nn Außen gewisse Elemente, dem österreichischen Staate Verlegenheiten zu be­reiten wobei die irredentistischen Putschversuche und Attentate wie das von Triest' gelegentlich der Eröffnung der Ausstellung vor Allem hervortraten. Mit Ausstandsversuchen hatte sich Oesterreich auch im vergangenen Jahre zu befassen unb noch heute scheint in der Herzegowina und Bosnien noch nicht ANes aam in Ordnung zu sein.

A In Frankreich muß als das wichtigste Ereigniß des Jahres die Er- i->wma des Ministeriums Freycinet durch das Cabinet Duclerc bezeichnet roercen, »üb letzteres indessen nur ein Verlegenheits-Ministerium genannt werden kann, ro ,7 §der Wahrscheinlichkeit nach das Ende des Jahres 1883 nicht erleben

Uebrigen legten die Verhandlungen der Deputirtenkammer dar, daß ü « alte Gegensatz zwischen den französischen Parteien noch in voller Schärfe ? rfheftebt' indessen sind weder die Fraktionen der Rechten, noch auch die Ultra- Gfalen 'vom Schlage der Clemencea« und Genossen stark genug, um das - «iösische Staatsschiff in das monarchistische, resp. in das radikale Fahrwasser r Imten so daß gegründete Hoffnung vorhanden ist, daß die gemäßigt-repubtt- f i lieben Elemente in Frankreich auch ferner die Oberhand behalten werden. "" Mit Genngthuung kann, was die auswärtige Politik an- . , (Snalanb auf das verflossene Jahr zurückschauen, denn daffelbe brachte W hen tunen und glücklichen egyptischen Feldzug Ruhm und Ehre für die t>uicv Mosten während zugleich die dominirende Stellung, welche das br>- bI,1, cy«Mreidi am Nil nunmehr einnimmt, die gebrachten Opfer an Geld und U' "»enleben reichlich aufwiegt. Weniger erfreulich Jft dagegen der Blick auf

Großh. Ministerium de« Innern und der Justiz hat genehmigt, daß mit dem nächstjährigen Friedberger Fruhiahrs- und Serb|tpferbemarfte je eine ?>t n loofung von Pferden und sonstigen Gegenständen verbunden wird. Bei dem Frühja hrsmarkte dürfen höchstens 8000 Loose öl 50 H ausgegeben und müssen 7200 M. zum Ankauf von Gewinn-Gegenständen verwendet werden; bei dem Herb st markte darf die Zalst von 12000 Loosen 1 oC nidjt überschritten werden und sind 10800 M. für den Ankauf von Gewinn-Gegenständen zu verausgaben. Der Verkauf der Loose un Großherzogthum ist gestattet worden.

Gießen, den 27. December 1882. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

vr. Boekmann. _______________