Nr. 76.
Zweites Blatt. Donnerstag den 30. März
1882.
iehener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des M»«tags.
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Masten Zollerhöhungen und Reichssteuern, welche dem Reiche sogar die lieber» Weisung von Summen in Höhe eines Sechstheils bis zu einem Dritttheile der direkten Steuern der Bundesstaaten an die letztern ermöglichen. Reue kostspielige Einrichtungen wünschen wir bis zur endgiltigen Feststellung des Ertrags der neu bewilligten Zölle und Steuern vertagt und auch nach diesem Zeitpunkt nur unter voller Wahrung der Gewerbefreiheit und des Budgetrechts künftiger Reichs
tage eingeführt zu sehen." .
Die Unannehmbarkeit des Monopols für bte Landnnrthschast ward ausführlich nachgewiesen, insbesondere die Zusammensetzung der einzelnen Comnnssio- nen die Art der Festsetzung der Preise, der Mangel näherer Vorschriften für Bildung der Commissionsbezirke und Vertheilung des Bedarfs in den Gemeinden, die Bestimmungen über die Haftmengen und die Ablieferungspflicht rc. bemängelt Die Gestattung des Tabakbaues zur Ausfuhr wurde als wesenlos bezeichnet und dargethan, daß die Vorschriften über die Entfchädigungspfllcht des Staats nach den Verhältnissen in dem hessischen Anbaubezirke ebenfalls gegenstandlos seien. Ein nationaler Zug ging bei aller Kritik durch die große Versammlung und als sich schließlich die anwesenden mehr als dreihundert Manner erhoben, um in das Hoch auf Kaiser Wilhelm mit urwüchsiger stürmischer Begeisterung einzustimmen, war der Beweis geführt, daß die Tabakpflanzer von Lampertheim und Umgegend mit dem demokratischen Adg. Schneider von Mann- heiin zwar in der Sache, aber nicht in allen Motiven übereinstimmten. Eine Commission von 9 Landwirthen ward unter Vorsitz des Bürgermeisters Klinger erwählt um die Unannehmbarkeit des Monopols für die Landnnrthschast an der Hand des Entwurfs ausführlich zu begründen und diese Begründung sowohl dem Reichstage wie der hessischen Regierung zu unterbreiten.
Berlin, 27. März. Der Volkswirtschaftsrath hat feine Arbeiten am Sonnabend beendet und ist dann heimgegangen. Die letzte Vorlage, welche zu berathen war, ,var die über die Unfallversicherung, deren am meisten bestnttene Bestimmung/der Staatszuschuß von ein Drittel, mit, großer Majorität ange- - nommen wurde. Ferner wurden, und das i)t sehr beifällig zu begrüßen, auch die Arbeiter der land- und sorstwirthschastlichen Betriebe unter diejenigen aus- genommen, welche die Wohlthaten des Gesetzes genießen Herr v. Bötticher hielt als Vertreter des Reichskanzlers den scheidenden Volkswirthschastsrathen die am Abend zur Soiree noch bei ihm versammelt waren, die Abschiedsrede,'
die etwa wie folgt, lautet: ,
Nahmen Sie den wärmsten Dank der königlichen Staatsregierung für die treue und eifrige Hingebung, mit welcher Sie die Berathungen m einer bei Weitem längeren Periode, als im vorigen Jahre und bei einer Menge von Material dessen Wichtigkeit in hohem Maße dargethan ist obgelegen haben. Die Tbatsache daß Sie unbeirrt lediglich nach Ihrer freien Ueberzeugung, Ihre Anschauungen ausgesprochen und die Arbeiten im Geiste des Friedens gefördert haben mebt der Staatsregierung die Gewähr dafür, daß Sie auch ferner in ber Lage sein wird, das Urtheil des Volkswirthschaftsrathes entgegennehmen ;u können Darin liegt die Kraft und das Wesen dieser Institution, daß sie, ich wiederhole es noch einmal, frei, unbeirrt und aus eigener Ueberzeugung ihre Anschauungen offenkundig dargelegt hat. Die königliche Staatsregierung wird daher auch ferner gern die Gelegenheit ergreifen, den Volkswirthfchaftsrath zusammenzuberufen und seine Ansichten zu vernehmen. Indem ich Ihnen glückliche Heimreise ivünsche, bitte ich Sie, an dieser Stelle meinen besten Dank entgegen zu nehmen." Das Resultat der Session laßt sich kurz dahm znsammen- fassen daß mit Ausnahme des Tabakmonopols, die Körperschaft den regte« rungsfeitlichen Vorlagen im Princip zugestimmt hat. Die Abänderungen ünd fast ausschließlich nur redaktioneller Natur. — Durch die Rede des Ministers erledigt sich übrigens wohl auch, wie wir gleich hier erwähnen wollen das Gerücht über eine nochmalige Einberufung des Volksnnrthschaftsraths. Fürst Bismarck hält zunächst am Monopol fest, und hat auch bereits an die Bundesregierungen die Aufforderung zur Einsendung ihrer Gutachten ergehen lassen.
9A Marr sLandsländisches.1 In brr am 11- b. M. abgehaltenen Sitzung ber 2. Hess, chen Kammer hatte Abgeordneter Haustein über den bekannten Antrag des Abgeordneten Böhm bezüglich des Tabakmonopols mündig-n Bericht erstattet worüber f. Z. in diesen Blättern schon kurz reserirt wurde. Wegen bevor, stehender Vertagung der Kammer hatte über diesen Gegenstand nur eine kurze Aus- chutzsitzuna und zwar am Tag- vor der Vertagung stattgeiund-n. Schristliche Berichterstattung war wegen der Kürz- der Zeit Nicht mehr möglich gewesen und auch der mündliche Bericht konnte wegen mangelnder Vorbereitung in Folge ber fnaypen Krist nicht ehr ausführlich ausfall-n. Dieser mündliche Bericht, der vielleicht:sür Manchen doch einiges Interesse haben dürste, lautet nach den stenographischen Auf- z-ichnu^gen W'S'nd-rmatzem^ $e(d)Iu6fQ(fung biefe§ Antrages nicht beabsichtigt, eine lang- Diskussion über das Tabakmonopol herbeizusühren; er wollte nur e,ne Resolution der Hessischen Kammer veranlassen, gerade wie dies geschehen ist in der Bayerischen Kammer wo,in ein ähnlicher Antrag mit 98 gegen 43 Stimmen angenommen worden ist Ebenso ist in der Sächsischen Kammer — ich weiß nicht mehr, m't welcher Majorität, aber so viel ich mich entsinnen kann, boch m>t großer Maioritat en äbnl'cker Antrag durchgegangen. In der Badischen Kammer liegt ein Antrag in gleichem Betreff^von 27 Abgeordneten der verschiedensten Parteien zur Berathung vor; eine Beschlußfassung hat darüber noch nicht stattgefunden, aber die Annahme des Antrags wird sicherlich mit großer Mehrheit erfolgen. Wir haben in der Einleitung und zur Begründung unseres Antrages behauptet, daß durch Einführung des Tabakmonopo s eine schwere Schädigung der Tabakfabrikation, des Tabakhandels und des Tabakbaues herbeigeführt werde. Gestatten Sie mir vorerst aus der vom deutschen Handelstag, rcjp. der Tabak-Enqu-te-Commission über Tabaksindustrie angesertigtcn Statistik nur ein paar -zahlen mitjuiheilen, woraus die eminente Bedeutung frag! Industrie hervor- g7bt Der deutsch- Handelstag hat zum letzienmal vom 9. bis l2. D-cember p. J.m Berlin getagt; es haben an dem -Iben 88 Handelskammern Th-il genommen. Die Monopoljrage wurde einer sehr ausführlichen Dechatte unterzogen. Nach den von beid n Referenten gemachien statistischen Miltheilungen sind IN Deutschland 'Nkb.voo Fqbnken 120 000 Arbeiter und 20,000 Angestellte in der Tabaksindustrie beschäftigt. Die Fabrikation trägt bei uns th-ilweise den Charocter des Kleingewerbes und werden darin 20 000 Hausarbeiter beschäftigt. Der Handel mit Rohtabak beschäftigt 12,000 Personen in 1000 Geschäften. Im Großhandel mit Tabaktavrikaten sind 17,000 Personen in 8000 Handluiigen beschäftigt. Den Verkauf im Klemverkehr betreiben SbO,000 Personen 'darunter 113,000 Materialwaarenhändler. Es sind dies IM Ganzen 800,000 B-rsonen, die ihren Erwerb in der Tabaksbranche suchen und falben. Wird bas Monopol eing-führt, so werben zwar nicht sämmtliche Arbeiter unbKaufleute erwerbslos, ober — um nur eins anzusühren — nach bem Entwurf, ben der Neichskanzler dem Volkswirthfchaftsrath zur B-rathung und Beschlußfassung vorgelegt Hai, sollen in der Ciaarrensabilkation doch nur 80,000 Arbeiter beschäftigt werden. Es würden also in der einen Branche schon 40,000 Arbeiter brodlos werden und ich meine, bei der traurigen wirthschastlichcn Lage, in der wir uns schon lange befinden und die von allen Setten tief beklagt wird, wäre dies in volkswirthschastlicher Beziehung ein ganz bedeutender Schaden, wenn 40,000 Arbeiter gewissermaßen dem Proletariat zugesuhrt würden. Man kann annehmen, daß von den bisher in der Tabaksbranche beschäftigt gewesenen 600,000 mindestens ‘/3 derselben theilwe>se ganz, theilweise zur Hälfte erwerbslos würden, lieber die Mouopolfrage haben sich seit einer Reihe von Jahren die competentesten Körperschaften ausgesprochen und zwar die meisten dagegen. So haben sich von der Enquete-Commission, die der Reichskanzler im Jahre 1879 berufen hatte und die aus 2 Mitgliedern des Reichskanzleramtes, aus 5 Beamten größerer Bundesstaaten, aus je einem Vertreter der Tabaksfabrikation, des Taboksbaues und des Tabakshandels nnb enblich aus einem Vertreter der Hansastäbte bestanb — von biefen 11 Herren haben sich 8 gegen das Tabaksmonopol ausgesprochen und nur drei, nämlich die 2 Vertreter des Reichskanzleramts und der Abgeordnete für Württemberg, Herr Obersteuerrath von Moser, haben sich dafür erklärt Weiter hat sich gegen das Tabaksmonopol erklärt der Reichstag im Jahre 1879 und zwar mit 183 gegen 69 Stimmen, ebenso der Handelstag in seiner Generalversammlung im Jahre 1878 sowohl, wie in der schon oben erwähnten Generalversammlung im Deccmber v. I. und zwar mit 80 gegen 8 Stimmen. Die Handelskammern unseres engeren Vaterlandes haben sich sämmtlich dagegen erklärt. Es würde mit Etnsührung des Monopols nach dem Urtheil dieser in ihrer Kompetenz gewiß von keiner Seite anzuzw-iselnden Körp-r- schasten eine ber blühendsten Industrien Deutschlands geradezu vernichtet werden. Nun komme ich aus den Punkt, inwiefern unser engeres Vaterland geschädigt werden würde, falls das Monopol zur Ausführung kommen sollte. Unser Land bepflanzt 950Hectar mit Tabak, wovon der Hectar 28,9Str. ausbringt. Es ist dies */25 der Fläche, bie in ganz Deutschland mit Tabak bepflanzt wird. Der in Hessen probucirte Tabak — etwas über 27,000 Str- — beträgt mehr als Vio von bem in ganz Deutschlanb gebauten, ca. 1000000 Str. betragenden Tabak.
In Bezug auf die Verhältnisse Gießens und Umgegend erlaube ich mir, einige wenige Mittheilungen zu machen, die klarlegen werden, in welch bedeutender Weise Gießen mit Umgebung geschädigt werde, falls das Monopol eing-führt würde. Herr Böhm wird Ihnen über die Tabaksindustrie in den übrigen Th-ilen des Großherzog- thums den wünsch-nswerthen Ausschluß geben. In Gießen bestehen 19 Cigarren- und Rauchtabakssabrikm und 27 Filialen in den umliegenden Dörfern, also im Ganzen 46 Arbeitsstellen. Es werden dort fabrictrt 100,000 Mille 61 girren, der sünfzigste xhejs ber G-sammtproduction Deutschlands. An Löhnen wurden verausgabt circa 1 Million JL. Es sind etwa 2500 Arbeiter in dieser Branche beschäftigt, wovon 3/, berselben in den umliegenden Ortschaften wohnen. Em großer Theil der Bewohner dieser Orte war früher, d. h. vor Einführung der Tabak- m b Cigarrenfabrikation in Gießen und Umgegend arm, ja, viele davon g-ngen betteln. Jetzt sind diese Leute durch jahrelangen reichlichen Verdienst, welcher fragt Fabrikationen ihnen bieten, wohlhabend geworden Die Leute würden aber wieder verarmen, sobald das Monopol eingeführt wird, da die Monopolverwaltung nur in größeren Städten Fabriken eiabliren will. Die Beschäftigung der Dorfbewohner in ihren Dörfern, resp. Häusern, würde also aushören und damit würde die hauptsächlichste Erwerbsquelle dieser Leute
versiegen.
Ich kann Ihnen aus den angesührten Gründen nur dringend empfehlen, den Antrag des Ausschusses anzunehmen
Lampertheim, 26. März. Heute fand dahier eine überaus zahlreich besuchte Versammlung von Landwirthen in der Tabakmonopol-Frage statt. Einstimmig verwarf die Versammlung nach vorheriger Begründung durch Landtags- Abgeordneten Metz das Tabakmonopol in folgender Resolution:
„Wir verwerfen das Tabakmonopol aus politischen, wirthschastlichen und finanziellen Gründen.
Ueberzeugt von der Nothwendigkeit der finanziellen Selbstständigkeit ves deutschen Reichs betrachten wir dieselbe als vollkommen gesichert in Folge der
Das neue Hilsskassengesetz.
Eine für Arb-iterkreise besonders wichtige Gesetzesvorlage Hfaskosten-
gesetz, das voraussichtlich schon im Monat Mm zusammen mit^dem Ufaallveistch rungs gesetz tm Reichstage zur B-rathunq gelangen wird. Bei "a""'?L^enCr B-stimm- welche auch auf diesem Gebiete herrschen und eine a*?®n^raUnRn,ereS für bie Vorlage ung-n im höchsten Grabe wünschevswerth machen, -st das IM resse für die -ös i j felbstverstänblich ein bebrütendes und geben wir deßhalb eine augememer 'td) Di- Grundbestimmungen des ®efefce§laffen tun in ^'"^“„läben’un»
fassen: Statt des bisher Mastigen, aus.Titel 8 der ®*”,errhe£noreomä1Unal=$erbon6e§ mittelbaren, durch Ortsstatut oder Beschluß eines ter n ^^bingter gesetzlicher bedingten Zwanges zur Bildung von Kra"kenkasftn wfo( be arbBejtet. Für Zwang zur Krankenversicherung etngeführt und zwar >ur^ g Gruben, auf
alle in Bergwerken, Salmen, Aufber-i ungsanstaüen, AimMmnistschiffahrts- 2Belften, in Fabriken und Hüttenwerken, beim Est-nb h SJjr r fa(Ien.
betriebe, sowie bei Bauten beschäftigten Arbeit^r. ) a(le jn anderen
den, gegen Lohn beschäftigten Hanbw-rksgesell n dL^ g ybrüber-
steheuden Gewerbebetrieben gegen Lohn und nuSt ( untcr bje
gehenden Dienstleistungen beschäftigten G-h n und^ Ottgf)atut ober An-
nachstehend aufgeführt-n 4 b'er ßiaang angeorbnet werben kann. Es
vrdnuiig einer höheren Verwaltungsbeho^b^b ^s^olx^j.fhschaftsrath als fünfte die besi-hi also für duse vier Katego , zunächst die facultatioe freiwillige Hilss- landwirthschaftlichen Arbeiter himug s igt h t. feftgeiegten obligatorischen,
kassenverstcherung im Gegensatz zu °er Die Handlungsgehilfen
USÄÄW uÄ Lehrlinge in Apotheken. 2) Die in Transportgewerben


