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Samstag den 30. December
1882.
Nr. 3OK
icßcitcr Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
BNrcuu: Lchuistraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
gesetzten Einblicks in den gestimmten Geschäftsbetrieb der Manufaktur wird endlich Seitens des Ministeriums in gleicher Weise, wie vor der Betriebserweiterung, ein RegieruNgs-Commissar zu bestellen sein, für welchen jedoch im Etat der Manufaktur besondere Mittel nicht vorzusehen sind."
Ob es möglich sein wird, den Etat inne zu halten, läßt sich natürlich nicht übersehen, bevor der Commissarius der Oberrechnungskammer seine Ausgabe beendigt Hot, die beispiellos verfahrenen Verhältnisse des Muster-Instituts durch seinen Bericht klarzustellen. Der Ueberschuß des laufenden Jahres war mit 800,000 «X *in Rechnung gestellt; auf das Jst-Ergebniß darf man wohl gespannt sein. Im Reichstage hat Herr Unterstaatssecretär v. Mayr geäußert, die Manufaktur habe den Versuch machen müssen, ihren Absatz über die Grenzen des Reichslandes auszudehnen, weil sie sonst zu einer genügenden Rentabilität nicht habe gelangen können. Dies Wort wird bei der jetzt zu treffenden Entscheidung schwer in das Gewicht fallen. Es wird sich nur fragen, ob der Lan- desausschuß der Aufgabe, die jetzt an ihn herantritt, gewachsen sein wird.
Berlin, 28. December. Wie die „Börsen-Ztg." mittheilt, ist die Denkschrift des Aeltesten-Collegiums der Kaufmannschaft gegen den Wedell'schen Börsensteuer-Antrag nunmehr fertig gestellt und wird wahrscheinlich schon inorgen in Druck gegeben, Die Denkschrift soll bis zur Vertheilung im Reichstag streng geheim gehalten werden.
Greiz. Der Landtag hat ein Gesetz angenommen über die Einführung einer Abgabe für gemeinnützige Zwecke im Interesse des Feuerlöschwesens und der Feuersicherheit. Danach haben die im Fürstenthum zugelassenen Feuerversicherungs-Anstalten alljährlich für je volle 1000 «X des versicherten Kapitals eine Abgabe von 6 on die Landeskasse zu entrichten. Diese Beträge dürfen die Feuerversicherungs-Anstalten sich von den einzelnen Versicherten nicht erstatten lassen, etwaige Verträge in dieser Richtung hin sind nichtig. -Das Geld, das der Staat dadurch gewinnt, soll zu gemeinnützigen Zwecken für Feuerlöschwesen, für im Dienste verunglückte Lösch- und Feuerwehr-Mannschaften, sowie für ihre Hinterbliebenen, zu Unterstützungen von Gemeinden, zu Prämien an Lösch- und Rettungs-Maschinen 2c. verwendet werden.
Italien.
Nom, 27. Decbr. Die „Agenzia Stefani" bringt folgendes Telegramm aus Palermo: Der Minister v. Giers empfing den Journalisten aus Neapel, Lazzaro, welcher den Wunsch ausgedrückt hatte, sich ihm als ein von der russischen Negierung wegen Theilnahme an dem letzten Feldzug decorirter Offtcier vorzustellen. Lazzaro erhielt die von dem Minister erbetene Ermächtigung, das Gerücht zu dementiren, welches dem Minister eine besondere Mission bei einigen Regierungen zuschrieb. Der übrige Theil seiner Erzählung über die Unterredung mit Herrn v. Giers giebt die Ideen des russischen Ministers nicht wieder.
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Hochwasser.
Mainz, 28. December. Der Stand des Rhens beträgt gegenwärtig 4,50, der Rheinquat ist bereits überschwemmt. Die Bürgermeisterei fordert zur Räumung aller von der Uederschwemmung bedrohten Lokalitäten auf, damit einer Ueb^rraschuna wie bei der letzten Ueberschwemmung vorgebeugt werde. Auch alle sonst erforderlichen Vorsichtsmaßregeln werden getroffen.
Kassel, 28. Decembcr. Eine neue Ueberschwemmung ist hier eingetreten, das Wasser der Fulda ist fortdauernd im Steigen.
Köln, 28. December. ES herrscht noch ununterbrochenes Regenwetter bei 10 Grad Wärme Reaumur und Sturm aus Westen. Der Rheinpegel, welcher gestern Abend 6,03 betrug, zeigt heute einen Wasserstand von 6.90. Ber Koblenz beträgt der Wasserstand 6,35 Meter und steigt stündlich um 9 Ctm., bei Bingerbrück ist der Stand des Rheins 4,26 Mtr. In Köln ist der Rhein bereits über die Ufer getreten und hat die niedriger gelegenen Stadtthetle überschwemmt. Die Schiffbrücke soll heute Nachmittag abgefahren werden. . r _
Mainz, 28. December. Seit heute Abend steigt der Rhein wieder stark. Stand 470 M. Der Verkehr zwischen Rosengarten und Worms ist emgestellt.
— Die Bewohner von Laubenheim, Bodenheim und Nackenheim, die beim letzten Male von Hochwasser heimgesuchl waren, räumen bereits wieder ihre Wohnungen, um im Nothfalle rasch flüchten zu können- Der bei Laubenheim durchstochene Damm ist seit gestern Mittag überfluthet, so daß die Arbeiten an demselben eingestellt werden mußten; an dem durchbrochenen Damm bei Bodenheim arbeiten über 250 Mann Dag und Nacht um die Fertigstellung zu beschleunigen; gestern Nachmittag wurden alle arbeitsfähigen Männer in Bodenheim aufgedoten, nach dem Damm zu eilen und cs ist bis jetzt auch glücklicherweise gelungen, einen zweiten Durchbruch zu vermeiden, geklagt wurde aber darüber, daß noch heute Morgen mehrere Schleppdampfer die Bruchstelle passirten so daß durch den Wellenschlag merkliche Schwankungen am Damm beobachtet wurden- Die Brückenarbe'ten mußten hier gestern, schon zum vierten Male in diesem Jahre, wieder eingestellt werden-
Kastel 28. December- Auch hier steht das Wasser schon wieder auf Den Straßen und sind unsere Bewohner allenthalben mit dem Ausräumen beschäftigt-
Bingen, 28 December- Der Rhein ist heute nahezu einen Meter gewachsen. Einige Straßen sind schon überschwemmt. Der Güterverkehr auf der Ludwigsbahn ist ^^^onnheim, 28. December. Heute früh 4 Uhr wurden wir durch Alarmsignale der Wasserwehr aus dem Schlafe geweckt. Der Neckardamm zwischen Flutz und Schlachthaus wurde zwei Mal von dcn tosenden Wassermassen durchbrochen. Schon gestern Abend wurden wirksame Maßregeln getroffen, um ein Unglück zu verhüten und wirklich, Dank der energischen Hilfe der Feuerwehr, Pronicre rc-, wird d.cse Calamität für die Stadt Mannheim soweit glücklich vorübergehen. Ich begab mich heute srüh selbst an den Ort des Unglückes, um Ihnen Näheres berichten zu können. Das Wasser steht höher als tm Jahre 1845 und steigt rapid. Solche Wassermassen habe ich noch nie gesehen. Das städtische Schlachthaus. Schießhaus, Fettv.eh-Halle, Turnhalle, das neue Schulhaus (Schwetzingergärten), alle diese Gebäude stehen vollständig unter Wasser. Der ganze Holzhof ist weggeschwemmt. Tausende von Scheite fj eßen in dem großen See herum, der sich vom Neckar über die ganze Ebene nach der
Deutschland.
Berlin, 27. December. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat gestattet, Kartoffeltransporte nach solchen Kreisen der Rheinprovinz, welche in Folge der diesjährigen Kartoffel-Mißernte ihren Bedarf an Kartoffeln und Saatgut von auswärts beziehen müssen, eine Frachtermäßigung bis zu 50 pCt. ein- treten zu lassen, wenn der Kreis-Landrath bescheinigt, daß solche Transporte auf seine Veranlassung stattfinden und zur Versorgung hülfsbedürftizer Kreiseingesessener bestimmt sind.
— Dem Vernehmen nach wird in Düsseldorf eine Petition an den Landtag vorbereitet, welche dort die Erbauung einer festen Rheinbrücke zum Zwecke hat.
— Es verlautet, daß den Franziskanerinnen zu Gladbach die Eröffnung einer Kleinkinder - Bewahranstalt gestattet worden ist und wird dieselbe bereits in den ersten Tagen des neuen Jahres ihre Thätigkeit beginnen.
— Die Gegner des Impfzwangs, welche sich mit Petitionen an den Reichstag gewandt haben, werden auch diesmal ihr Ziel verfehlen, da die Petitions-Commission mit weit überwiegender (Zweidrittel-) Wahrheit beschlossen hat, dem Reichstag den Uebergang zur Tagesordnung zu empfehlen. In der Commission hat sowohl der Director des Reichsgesundheitsamtes, Geh. Ober- regierungsrath Dr. Struck, als der Geh. Regierungsrath Dr. Koch, der Auffinder der Tuberkulose-Bakterie, sich gegen Aufhebung des Impfzwangs ausgesprochen, und die Autorität des letztgenannten Gelehrten dürste wohl von Entscheidung gewesen sein.
— Behufs einheitlicher Bezeichnung der Einschreib-Sendungen im Weltpostverkehr sind die Vereinsverwaltungen übereingekommen, in den Aufgabe- zettel, beziehentlich den besonderen Stempel, durch welchen die Einschreib-Sendungen als solche kenntlich gemacht werden, den Buchstaben R (Recommandirt) in lateinischer Schrift aufzunehmen. Diese Maßregel komnit im Reichspostgebiete vom 1. k. Mts. ab allgemein zur Anwendung. Die aus andern Ländern des Weltpostvereins eingehenden Einschreib-Sendungen bleiben in der angegebenen Bezeichnung, werden also von den Gienzpostsendungen nicht mehr neu bezettelt.
— Ueber das Befinden des Fürsten Bismarck meldet die „Post" : Der Kreis der Thätigkeit des Reichskanzlers ist geschäftlich nicht beschränkter, als er seit Jahren bei seiner Anwesenheit zu sein pflegte, eher umfänglicher. Amtücye Besuche haben schon seit Jahren von ihm weder gemacht noch empfangen werden können. Der geschäftliche Verkehr mit den Ministern und Vorständen der inländischen Centralstellen geht seinen regelmäßigen Gang wie immer, nur etwas erschwert durch Verminderung des mündlichen Verkehrs, da die Gesichtsschmerzen, an denen der Fürst leidet, hauptsächlich durch lautes und anhaltendes Sprechen hervorgerufen werden. Dies allein wird auch den Grund bilden, warum der Kanzler darauf verzichtet hat, den Sitzungen des Reichs- und Landtages beizuwohnen, wie es bei der Ankunft in Berlin seine Absicht war.
— In einer Eingabe an den Minister der öffentlichen Arbeiten hat die Handelskammer von Frankfurt a. M. im Anschluß an eine Vorlage der Mainzer Handelskammer den Bau einer directen Eisenbahnverbindung von Brüssel durch die Eifel nach Mainz und Frankfurt begründet und dringend befürwortet.
— Mit dem Landeshaushalte der Reichslande für das bevorstehende Etatsjahr ist auch eine Denkschrift, betr. den Voranschlag der Einnahmen und Ausgaben der Tabakmanufaktur zu Straßburg, für denselben Zeitraum veröffentlicht worden. Die Einnahmen für Tabakfabrikate sind auf 2,616,000 ^X veranschlagt, während sie für das lausende Jahr mit 5,688,000 «X in Rechnung gestellt waren. Die Ausgaben, die für das lausende Jahr auf 4,855,000 -X. veranschlagt waren, werden in Folge der bedeutenden Einschränkungen des Betriebs nur mit 2,000,800 -X. in Aussicht genommen. Der Ueberschuß, der für den Landeshaushalt flüssig gemacht werden kann, wird auf 615,200 «X. veranschlagt. Dabei ist aber eine Besteuerung des zu verwendenden Rohmaterials nicht in Rechnung gestellt, weil die Manufaktur beabsichtigt, dasselbe in einer steuerfreien Niederlage aufzubewahren, so daß sie für ein Etatsjahr diese Kosten erspart, die selbstverständlich in späteren Etatsjahren wieder erscheinen werden. Betreffend Die Organisation der Leitung der Manufaktur wird Fol- aendes bemerkt:
„Es lag die Erwägung nahe, ob die Stelle des administrativen Directors, für deren Creirung insbesondere die vielfachen Beziehungen mit den auswärtigen Fabrik-Filialen, sowie die Bedeutung des Geschäfts überhaupt maßgebend war, fernerhin noch nothwendig sein möchte, sowie ob es überhaupt der jetzigen Sach- laae noch entspreche, die Oberleitung der Manufaktur ausschließlich in den Händen eines Verwaltungsbeamten zu concentriren. Die Entwickelung des Geschäfts in der letzten Zeit weist vielmehr darauf hin, der kaufmännischen Seite des Betriebs hervorragende Berücksichtigung zuzuwenden und dabei zugleich auf tbunlichste Befreiung des technischen Directors von allen kaufmännischen Ge- fckästen Bedacht zu nehmen, um dessen volle Krast der technischen Leitung und Ueberwachung des Betriebs zuzuwenden. Es erschien hiernach zweckmäßig, auf die Stelle eines administrativen Directors für die Folge zu verzichten, dagegen die Ausstellung eines kaufmännischen Directors in Aussicht zu nehmen und hierfür 'eine entsprechende Position aufzunehmen, ohne jedoch eine etatsmäßige stelle zu schaffen. Dem kaufmännischen Director würde, unbeschadet der Leitung rT ^abrikbetriebes durch den technischen Director, die Leitung des gesammten ^-fckiäftsbetriebes des Etablissements zusallen. Zur Sicherung der n)ünic^en^ JÄÄnfHmmunB fischen dem Betriebe der Manufaktur und den allgemeinen Grundsätzen der Staatsverwaltung, sowie zur Gewährung eines fort


