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Nr. 280. Zweites Blart Donnerstag den 30. November
1882.
iehener Anzeiger
Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlshn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Ps.
Berlin, 27. November. Eine von den beteiligten Firmen Hamburgs niedergesetzte Commission hat bezüglich des intendirten Verbotes des Importes amerikanischer Schweine und amerikanischen Schweinefleisches eine Denkschrift an den Bundesrath gerichtet und unter eingehender Schilderung der einschlägigen Verhältnisse die Schädlichkeit eines derartigen Verbotes für den inländischen Consum und für den seestädtischen Handel dargelegt. Zwei Mitglieder der Commission sind behufs mündlicher Vorstellungen in Berlin gewesen und haben Unterredungen mit dem Minister v. Bötticher und dem hanseatischen Minister- residenten, Dr. Krüger, gehabt; sie haben dem Vernehmen nach den Eindruck mit nach Hause genommen, daß das Einfuhrverbot beschlossene Sache ist.
— Gerüchtweise verlautet, daß das Herrenhaus im Laufe dieses Jahres keine Plenarsitzung mehr abhalten werde. Seine Commission, welche sich mit der Vorberathung des Gesetzentwurfs, betr. die Zwangsvollstreckung in das unbewegliche Vermögen, beschäftigt, dürfte vor dem Weihnachtsfeste ihre Arbeiten kaum beendet haben.
— Neueren Nachrichten zufolge schreitet die antideutsche Strömung in Rußland, welche sich namentlich in der Entfernung der Männer deutscher Abstammung aus den wichtigeren Posten im Kriegs- und Friedensdienste äußert, immer stärker vorwärts. Selbst vor dem Sieger von Plewna, dem Vertheidiger von Sebastopol, Todtleben, steht sie nicht still; seine Verabschiedung ist ebenso, wie die des Generals Medinsky, sicherem Vernehmen nach in naher Zeit zu erwarten.
Berlin. Bezugnehmend auf den in Nr. 275 unseres Blattes unter Berlin, 21. November, gebrachten Artikel bringen wir nachstehend eine Erklärung der „Germania", Hauptorgan der Katholiken Deutschlands, in welchem die Angriffe des „Evang.-kirchl. Anz." zurückgewiesen werden. Die „Germania" schreibt:
Aus der „Tribüne" erfahren wir, daß der uns nicht zugehende „Evang.- kirchl. Anz." eine „Blüthenlese" aus unserem letzten Hamburger Brief gebracht hat. Nach dem Auszuge der „Tribüne" zu urtheilen, hat das protestantische Blatt sich die Sache recht bequem gemacht. Es werden abgerissene Sätze wiedergegeben, welche die Resultate der angeführten geschichtlichen Beweise, insbesondere der Auslassungen Luther's selbst zusammenfassen. Letztere unterschlägt man vorsorglicher Weise dem Leser, um ihn nicht in der Entrüstung über die vermeintlich unmotioirten Ausfälle zu stören. Wir würden über diese nicht mehr ungewöhnliche Kampfesart kein Wort verlieren, wenn nicht die „Tribüne", welche doch als ernsthaftes politisches Blatt gelten will, sich durch diese Taktik des „Evangelisch-kirchlichen Anzeigers" thatsächlrch hätte dupiren lassen. Die „Tribüne" giebt ihren „gerechten Unwillen" über unser angeblich friedensstörerisches, gegen die Säcularfeier des nächsten Jahres gerichtetes Auftreten kund. Sie glaubt allem Anscheine.nach, daß wir ohne besondere Veranlassung eines schönen Tages angefangen hätten, über Luther herzuziehen. Von dem Vortrage des Herrn Lüdemann in Hamburg, von dem Cyclus von weiteren Philippiken gegen den Katholicismus, welchen die Hamburger Romhasser angekündigt haben, von dem allgemeinen Redesturm, der sich gegen die Katholiken und ihre Heiligthümer erhoben hat, angefangen auf der Camminer Conferenz, fortgeführt von Baur und Beyschlag, aushallend auf zahllosen Versammlungen in der Provinz — von alledem weiß die „Tribüne" nichts oder will nichts davon wiffen! Sollen wir bei diesen wilden Angriffen auf den „Vicegott", die „Kirche der Maria" und den „Antichrist" uns nicht wehren dürfen? Sollen wir unfern Freunden in Hamburg, welche von einer übermächtigen Mehrheit muthwilliger Weise angegriffen werden, nicht unsere Spalten zur Widerlegung der romhassenden Fanatiker öffnen? Wir nehmen an, daß die „Tribüne" nicht unsere „Hamburger Briefe" selbst, sondern nur das tendenziöse Excerpt des „Evang.-kirchl. Anz." gelesen hat und nach näherer Kenntnißnahme ihr Urtheil berichtigen wird. Aus den Hamburger Blättern kann sie inzwischen ersehen, daß der zweite Vortragende, Dr. Hanne, in seinen Ausfällen auf die katholische Lehre so weit gegangen war, daß selbst die nichtkatholische Presse sich zu rügenden Bemerkungen veranlaßt fühlte. Die „Tribüne" weiß dann, wohin sie ihren „gerechten Unwillen" zu richten hat.___________________
Jahresbericht des Fabrikinspektors für das Großherwathuin Reffen für das Jahr 1881
Der Jahresbericht des Fabrikinspektois für 1881 ist auszugsweise in den kürzlich bei Kortkampf erschienenen „Amtlichen Mittheilungen aus den Jahresberichten der mit Beaufsichtigung der Fabriken betrauten Beamt.n, 1881", mitgetheilt. Wir entnehmen demselben Folgendes, was von allgemeinem Interesse ist:
Der Bericht beginnt mit der Msttheilung, daß die Lage der Industrie sich im Allgemeinen im Laufe des vergangenen Jahres, ebensowohl durch verstmkte Nachfrage, Vie auch meist durch bessere Pre.se wesentlich gebessert habe. Als Belege dafür werden angeführt: vielfach verstärkter Betrieb, Erweiterung^, sowie eine größere Anzahl neuer Genehmigungsantrage. a M
Der Fabrikinspektor der im Jahre 1881 an 90 Reisetagen 198 Gewerbebetriebe der verschiedensten Art mit zusammen ungefähr 8550 Arbeitern besucht und revtdirt hat, klagt sodunn darüber, daß bte Ortspolizeibehörden ihm nicht immer in wünschens- werther Weise entgegengekommen seien und daß die diesen Behörden neben der Thätig- keit des Fabrik,nspektors regelmäßig obliegende Aufsicht Über die gewerblichen Anlagen noch immer Vieles zu wünschen übrig lasse. Namentlich sei dies der Fall hinsichtlich der Aufsicht über die genaue Innehaltung der vorschriftsmäßigen Bestimmungen bei genehmigungspflichtigen Anlagen und über das Vorhandensein ordnungsmäßiger Genehmigungsurkunden.
Die Beziehungen des Beamten, sowohl zu den Arbeitgebern wie zu den Arbeitern werden als dauernd gut bezeichnet. Sowohl von Verwaltungsbehörden, besonders in
Genehmtgungs-, Beschwerde und sonstigen gewerbe- und gesundheitspolizeilichen An- gelezenhetten, nicht minder auch bet Fragen volkswirthschaftl'cher Natur, wie auch von richterlichen Behörden in Straf- und Civ'lprozeß-, namentlich in Haftpflichts- unl ^"^rsuchungssachen, Localbesichtigungen bei Gelegenheit von Unfällen und derglei. wurde seine Thatigkcit vielfach in Ansp. uch genommen. Ebenso wurde, wie in früh Jahren, mehrfach sein persönlicher Rath sowohl von Gewerbtrerbenden als rotd Arbeitern erbeten und empfangen. I
, . . Die Zahl der in den besuchten Fabriken vorgefundenen Kinder unter 14 Ja m Vergleich zu dem vorhergehenden Jahre um 7 abgenommen und beträgt«. Verhaltniß zu der Gesammtzahl der Arbeiter nur noch </3 pCt. Dieselbe scheint — so meint der Bericht - in stetiger Abnahme begriffen zu sein, da sie rm vorigen Jahre "och 0.49 = 1/2 pCt- der GesammUArbeiterzahl betrug. Die Zahl der übrigen jugend- l'$fn^rbelter ^°rn 14—16 Jahren ist dagegen um 130 gewachsen und beträgt im Ver- hauniß zu der Gesarnrnt-Ai beiterzahl annähernd 7 pCt., ist also bei absoluter Zunahme relativ annähernd in demselben Verhältniß zur Grsammt-Arbeiterzahl geblieben wie im vorigen Jahre, wo sich dieselbe auf 681 pCt. derselben berechnete. Die Zahl der auf den revidirten Werken beschäftigten sämmtlichen Arbeiter ist nämlich ebenfalls und zwar in annähernd gleichem Verhältniß wie die der jugendlichen, im Ganzen um 1500, gestiegen. Verbaltnißmäßig die meisten jugendlichen Arbeiter sanden sich in Tabaks,- Cigarren- und Lederfabriken, Webereien und Spinnereien. Auch in Zündholz- und Holzdraht-, Schachtel- nnd Cartonfabriken, sowie in Strohflechtereien und Hafin- haarschneidereün finden deren viele, und zwar meistens nur bei leichten Arbeit-n Verwendung. '
Ueberschreitungen der gesetzlichen Arbeitsstunden jugendlicher Arbeiter wurden nur in verhältnißmüßig unbedeutendem Maße vorgefunden, gerügt und abgestellt ».In Bezug auf die Einhaltung der Vorschriften der Gewerbeordnung über Arbeitsbücher Arbeitskarten, Placate und dergleichen kann zwar eine Besserung in der Durchführung oder Beachtung derselben gemeldet werden. Dennoch fanden sich auch im vergangenen Jahre noch mehrfache Unregelmäß gteten in dieser Beziehung vor, und glaubt der Bericht, daß hier eine größere Thätigkeit der Ortspolizeibehörden nur günstig wirken könne. ö
Eine scharfe Trennung der Altersklassen und der Geschlechter ist leider so wünschenswerth dieselbe auch ist, nicht Überall thunlich, theils wegen beschränkten Raumes, theils wegen der gemeinsam zu verrichtenden Arbeit und gegenseitigen Hülse- leistung hierbei. Gleichwohl suchte der Fsbrikinspektor allenthalben so viel al? möglich und, wo der Raum es gestattete, namentlich in Cigarrenfabriken und bei neuen Anlagen, zum Mindesten auf möglichste Trennung nach Arbeitsplätzen hlnzuwirken
Besondere Ausschreitungen in Fabriken mit männlichem und weiblichem Personal find dem Beamten zwar nicht zu Gehör gekommen, doch spricht er den Wunsch aus nach einer bisher vielfach vermißten positiveren und allgemein gültigen gesetzlichen Hand- habe. um an geeigneten Stellen die Trennung der jugendlichen Arbeiter von erwachsenen Arbeitern anderen Geschlechts, ebenso wie die Trennung der Aborte und bergt unter Umständen mit Energie durchführen zu können.
Klagen Gewerbtreibender über „Verlassen der Arbeit ohne vorherige Kündigung" kamen nur in vereinzelten Fällen vor.
Der Abschnitt 3 des Berichis, „Schutz der Arbeiter vor Gefahren", wird mit dem Ausdruck des Bedauerns darüber eing leitet, daß die längst geplante, aber noch nicht zur Ausführung gekommene allgemeine Anzeigepfl'cht betreffs der in Fabriken vorkommenden Unfälle noch nicht durch Gesetz geregelt ist. Ohne diese amtliche Grundlage^ hätten alle Mstth.ilungen über mehr oder weniger zufällig bekannt gewordene Unfälle einen sehr beschränkten und absolut keinen statistischen Werth.
Dampskess l-Explosionen sind im Jahre 1881 nicht zur Kenntniß des Fabrikinspektors gelangt, dagegen mehrfach sonstige Unfälle.
Behufs größerer Sicherung der Arbeiter vor Gefahren hatten die Beamten Gelegenheit, zahlreiche Ausstellungen und Vorschläge zu machen, theilweise auch direkte Anordnungen allgemeiner Sicherheits-Maßregeln und besonderer Schutzvorrtchtunaen zu treffen. Der Bericht zählt einen großen Theil dieser Maßnahmen auf. Wir glauben diesen Theil hier nicht mittyetlen zu sollen, da derselbe weniger für weitere Kreise als vielmehr nur für die betreffenden Gewerbtreibenden von Interesse sein dürfte
Unter dem Abschnitte 5, „Wirthschaftliche und sittliche Zustände der Arbeiter- bevolkerung, Wohlfahrts-Einrichtungen", zählt der Bericht folgende neue Vereine und E nr chiungen auf, die zum Wohle der arbeitenden Klassen, insbesondere zur Ver- besserung der ökonomischen Lage derselben, zur Anregung des Sparsinns ic. im J°bre 1881 hinzugetreten sind: 1) der Verein „Feierabend" in Darmstadt für jüngere und altere Arbeiter in Gesellschafts-Räumen, Bibliothek, Spiel- und Schreib-Gelegenheit Auskunftsbureau 2c; 2) der Frauenverein „Sonntagsruhe" zur bildenden und nutzbringenden Unterhaltung und zur Unterweisung für Mädchen aus den geringen Standen; 3) der wohlfundirte und äußerst segensreich wirkende „Alice-Verein für o^^^tldung und Erwerb", der sowohl Jndustrie-Lehrerinnm ausbildet, wie auch weibliche Kräfte vom Lande und der Stadt in Kleidermachen und anderen weiblichen Handarbeiten und Fertigkeiten praktisch und theoretisch unterweist; 4) die Korbflechter- Schule zu Rhein-Dürkheim im Kreise Worms; 5) Arbeiter- und sogenannte Pfennig- Sparkassen in Darmstadt und anderen Orten des Großherzogthums; 6) die Knaben- Arbeits-Anstalt zu Darmstadt; 7) der Verein „Concordia" zu Mainz zur Förderung des Wohles der Arbeiter. (D. Z.)
Vermischter.
Halle, 22. November. Der Deutsche Verein zum Schutz der Vogelwelt, zu dessen Ehrenmitgliedern der Kronprinz des deutschen Reiches, sowie der Kronprinz von Oesterreich-Ungarn und der regierende Fürst von Reuß-Gera gehören 'und dem vor vierzehn Tagen auch Fürst Bismarck als ordentliches Mitglied beigetreten ist, hielt heute Abend im Hotel Stadt Hamburg unter dem Vorfitz deS Herrn Pastors W. Thienemann aus Zangenberg bei Zeitz eine Versammlung. Der Vorsitzende erklärt, die Liebe zur Vogelwelt habe zugenommen, die Massenvertilgung der Vögel habe in Deutschland abgenommen und komme saft nur noch im Geheimen vor- Auch im Auslande bereite sich eine Wendung zum Besseren vor, so sei ein Italiener ein sehr eifriger Leser und Mitarbeiter des Vereinsblattes geworden. Das Fangen der Vögel für den Käfig fei nicht gegen die Bestrebungen des Vogelschutzvereins, wohl aber das massenhafte Fangm derselben für die Küche. Zwanzig Finkenesser vertilgen in fünf Jahren gegen 15,000 Finken, während Vogelliebhaber für den Käfig im Vergleich dazu eine verschwindend kleine Zahl fangen. — Zuletzt erwähnt der Vorsitzende noch die verschiedenen Petitionen in Betreff des Dogelschutzes, die an den Reichstag gerichtet, aber nicht zur Verhandlung gekommen sind. Sodann liest er einen Artikel des Arnstadter Tageblatts vor, nach welchem in gewissen Gegenden Thüringens der Massenfang der Vögel noch lebhaft im Schwünge geht. Es ist dies zwar bestritten worden, die Sache wird auch von Seiten der Regierungen bekämpft, doch ist an der Thaisache des Massenfanges wohl nicht zu zweifeln.


