Mittwoch den 30. August
1882
srr. 201.
nzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur Schulstraße B. 18.
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Politiscke Ueberficbt.
Gießen, 29. August.
Der Streit wegen der Misch-Ehen in Preußen hat durch einen Artikel der „Nordd. Allg. Ztg." bezüglich des in den Kirchen der Breslauer Diöcese ausgehängten fürstbischöflichen Proklamas in Sachen der Misch-Ehe ein allgemeineres Interesse erlangt. Aus den Auslassungen des officiissen Blattes geht hervor, daß man sich an leitender Stelle in Berlin durch das provocirende Borgehen des Fürstbischoss in Sachen der gemischten Ehen unangenehm berührt fühlt, daß man aber eine Auseinandersetzung mit dem genannten Kirchenfürsten möglichst zu vermeiden sucht. Das leitende Blatt der Centrumspartei, die „Germania", bemüht sich natürlich, die Bedeutung des Proklamas abzuschwächen; den Schwerpunkt legt die „Germania" darauf, daß eine Entscheidung gegen die evangelisch-kirchliche Trauung gemischter Ehen schon vor sehr geraumer Zeit ergangen sei und daß die hierüber publicirten Proklamen deshalb nicht erst vom Breslauer Fürstbischof angeordnet sein könnten; im Uebrigen laufen die Ausführungen des ultramontanen Blattes darauf hinaus, daß weder der Civilakt, noch der Segen des evangelischen Predigers eine katholisch giltige Ehe begründen könne. Es mag dies eine specifisch katholische Auffassung sein, aber wenn z. B. Ehen gemischter Confession, die außer vom katholischen Geistlichen auch noch vom protestantischen Prediger eingesegnet worden sind, von der katholischen Kirche als ungültig erklärt werden, so entspricht dies dem bürgerlichen Nechts- bewußtsein durchaus nicht.
In Wien macht ein polizeiliches Communique, welchem zufolge der am Schuhmacher Merstallinger am 4. Juli d. Js. verübte Naubmord- Versuch von Mitgliedern der Wiener radikalen Arbeiterpartei begangen worden ist, großes Aussehen. Nach den Anschauungen der Polizeibehörden ist das Attentat begangen worden, um Gelder für die Verbreitung der anarchistischen Theorien zu erhalten. Zehn Individuen, darunter der auch in Deutschland bekannte Parteigänger Most's, Pruckert, sind verhaftet morden und zwei derselben sollen bereits geständig sein. Ein Theil des bei Merstallinger geraubten Gutes soll in der Wohnung eines gegenwärtig flüchtigen Führers der Umsturzpartei gefunden worden sein. Nach den amtlichen Feststellungen wirst die verbrecherische That ihre Schatten bis in die Nedactionsstube eines Wiener socialdemokratischen Blattes. Der ganze Vorfall ist so sensationell, daß man vor seiner Beurthellung erst näheren Aufklärungen entgegensetzen muß.
In Frankreich findet man sich mit der Besetzung des Suezkanals durch die Engländer ab, so gut es eben geht. Die französischen Blätter, namentlich die der Negierung nahestehenden, predigen jetzt eine vollständige Ent- baltungspolitik in Egypten, da es für Frankreich am besten sei, wenn es sich selbst zurückziehe und jeder Colonialpolitik entsage. Auch die Gambettistischen Organe sprechen sich bezüglich der künftigen Politik Frankreichs in Egypten ziemlich kleinlaut aus und entschuldigen das Auftreten Englands in Egypten. Ob Frankreich gesonnen ist, zu Gunsten Englands auf seine historische Stellung in Egypten für immer zu verzichten, bleibt freilich abzuwarten.
In der schon so lange anhaltenden holländischen Ministerkrisis ist insofern eine kleine Veränderung erfolgt, als der König das Demissionsgesuch des Colonialministers van Goltstein genehmigt und de Vrauw, Mitglied des Staatsrathes, zu dessen Nachfolger ernannt hat. Die Demissionsgesuche der übrigen Minister wurden vom Könige nicht angenommen.
Die Verhandlungen zwischen England und der Pforte jcheinen endlich ihrem Abschlüsse nahe zu sein. Lord Dufferin erklärte Said Pascha und Assym Pascha, er sei bereit, die Forderung zurückzuziehen, daß jede Bewegung durch den englischen Commandanten gutgeheißen werde, vielmehr sollen der englische und der türkische Commandant miteinander berathen. Said Pascha besteht übrigens daraus, daß die Landung der türkischen Truppen in Alexandrien zur Combinirung der auszuführenden Operationen unerläßlich sei. — Zufolge einer Enquete der Pforte bezüglich der Unruhen in Syrien (Beirut) sind sechs bereits gerichtlich bestrafte Individuen als Anstifter überführt und zur Verbannung verurtheilt worden. Drei wurden nach Rhodus, drei nach Marasch (Arabien) und fünf mitschuldige Soldaten nach Demen transportirt. Das Gerücht , wonach der Gouverneur von Damaskus dringend um Verstärkungen gebeten habe, da er sonst für Nichts stehe, wird von der Pforte für unbegründet erklärt, der Gouverneur habe kein derartiges Ansuchen gestellt, auch sei die Ruhe in Syrien bisher noch nicht in beängstigender Weise gestört worden. Auch die Gerüchte von einer die Christen bedrohenden Stimmung in Kleinasien scheinen stark übertrieben zu sein.
Das Interesse an der egyptischen Frage concentrirt sich jetzt vorwiegend auf die militärische Seite derselben. Von dem Ausgange der Operationen des Generals Wolseley, deren Basis der Suezkanal ist, gegen Kairo hängt es ab, ob der egyptische Feldzug ein rasches Ende nimmt oder sich zu einem langwierigen Guerillakrieg gestaltet. Die Meldung von der Einnahme Tel-efi Kebirs durch die Engländer hat sich als eine „Tartaren-Nachricht" erwiesen und natürlicherwesse ebenso die Mittheilung, daß hierbei die Engländer 2000 Gefangene gemacht hätten. In der vergangenen Woche haben überhaupt keine ernsteren Zusammenstöße zwischen den Engländern und den Truppen Arabi Paschas stattgefunden, sondern nur kleinere Gefechte. In einer Depesche aus Jsmallia vom 25. August theilt General Wolseley mit, daß er am genannten Tage mit der ersten Division, der ganzen Kavallerie-Brigade und 16 Kanonen gegen Mahuta ausgebrochen sei, wo sich die Egypter stark verschanzt hätten, und daß er beim Bahnhofe Mahsamet ein großes egyptisches Lager erbeutet habe.
Deutschland.
Darmstadt, 28. August. Auf das beim Festessen am 26. d. Mts. von den Vertretern der deutschen Genossenschaften an Se. Königl. Hoheit den Großherzog gerichtete Telegramm langte an demselben Abend folgende Antwort ein:
„Von Herzen dankend wünsche fortdauernd besten Erfolg Ihrer segensreichen Thätigkeit, der Ich stets mit Interesse folge.
L u d w i g."
Diese Antwort wurde bei dem gestrigen Mittagessen der Festthellnehmer zu Bensheim verlesen und rief ein wiederholtes begeistertes Lebehoch auf Se. Königl. Hoheit hervor.
Berlin, 27. August. An das königliche Staatsministerium zu Berlin richtet der schleswiger Handwerkerverein eine Petition, eine Aenderung der Gesetzgebung dahin herbeiführen zu wollen, daß künftig bei Concursen die Guthaben der Bauhandwerker an Neu- und Umbauten innerhalb der gesetzlichen zweijäh- ,rigen Verjährungsfrist das Vorzugsrecht vor den protokollirten Gläubigern ein- ,geräumt werde; es wird darauf hingewiesen, daß diese Angelegenheit bereits im Volkswirthschaftsrath zur Erörterung gelangt sei und betont, daß das Bedürfnis; für eine Bestimmung, welche die Arbeit der Handwerker davor schützt, „mir -nichts, dir nichts" sremdes Eigenthum zu werden, nicht nur in den großen Städten, sondern auch in den Provinzial-^tädten vielfach empfunden wird.
— Die Warnungsrufe an Auswanderungslustige mehren sich; ini „Gewerkverein" schreibt ein etwa vor Jahresfrist ausgewanderter Modelljchreiner u. A.: Tausende von Menschen laufen arbeitslos umher; namentlich unter den Neueingewanderten ist das Elend grenzenlos, viele Hunderte liegen im Hasen, ohne Geld, ohne Heimath, arbeitslos. Der Hunger und Kummer ist den Meisten am Gesicht abzulesen. Auch den Landwirthen geht es nicht zum Besteu, sowohl beim Landankauf, wie beim Einkauf ihrer Bedürfnisse, und die Fälle sind unzählig, daß Einer ein Stück Land urbar machte und dann später, wenn er die Zinsen nicht aufzubringen vermochte, ärmer wieder abzog, als er seine Farm antrat.
Berlin, 27. August. Welche ganz enorme Entwicklung unser großer Genera! stab unter der Leitung seines berühmten Strategen, des Feldmarschalls Grafen v. Moltke, genommen hat, kann man am besten daraus erkennen, wmn man erwägt, daß bis zu dem deutsch-österreichischen Kriege das kleine Haus in der Behrenftraße Nr. 66, in welchem jetzt sich die Bureaus der Abtheilung des Kriegsminifteriums für die persönlichen Angelegenheiten des preußischen Officiercorps befinden, zur Unterbringung von Allem genügte, was damals mit dem großen Generalstab in Verbindung stand, während jetzt die großen umfangreichen Räumlichkeiten, welche am Königsplatz für diese Zwecke aufgeführt sind, kaum noch genügen, um die Bureaus und die reichhaltigen Materialen dieser Behörde unterbringen zu können. Und das alles steht unter der alleinigen Leitung dieses großen Mannes, des größten Strategen seiner Zeit, der trotz seiner 82 Jahre mit seltener geistiger Frische in seiner stillen, fast möchte man sagen Bescheidenheit, in allen hauptsächlichsten Bestimmungen Alles selbst leitet und bestimmt, und nur in den unwesentlichen Dingen die Ausführung dem ihm zur Unterstützung beigegebenen Generalquartiermeister Graf v. Waldersee überläßt, den man wohl als den zukünftigen Nachfolger des Feldmarschalls schon jetzt bezeichnen kann. Der Zweck des großen Generalstabs ist ein dreifacher: 1) soll er zur Kenntniß des eigenen und der fremden Heere und Kriegsschauplätze die erforderlichen Materien sammeln, um danach für bestimmte Kriegsfälle die Aufmärsche zu entwerfen; 2) soll er die Oificiere der Armee, welche sich durch besondere Fähigkeiten auszeichnen, dahin ausbilden, daß sie bei höheren Stäben zur Entlastung der betreffenden Commandeure rc. in geeigneten Fällen Verwendung finden können; 3) ist es die Aufgabe des großen Generalstabs, die trigonometrischen Vermessungen und topographischen Aufnahmen des Inlandes zu bewerkstelligen, sowie das inländische und das ausländische Kartenmaterial für den Kriegsfall current zu erhalten. Der Zweck des ersten Punktes wird durch drei von einander getrennt bestehende Abtheilungen erreicht, von denen die erste die Materialien über Rußland, Oesterreich, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland. Schweden und Norwegen bearbeitet; der zweiten Abtheilung fällt dieselbe Aufgabe für Deutschland, die Schweiz und Italien zu, und der dritten Abtheilung sind alle übrigen Länder Europas und Amerikas überwiesen. Außerdem wirken bei der Aufgabe mit: die Eisenbahn-, die kriegsgeschichtliche und die geographisch-statistische Abtheilung Die Eisenbahnabthellung hat die Eisenbahntransporte für den Fall eines Auttnarsches bis in die kleinsten Details hinein zu bearbeiten, zu bestimmen, um welche Zeit ;ebej einzelne Mann, jedes Pferd, jedes Fahrzeug einzuschiffen und wann und wo zum Aufmarsch an der Grenze auszuschiffen ist. Diese Arbeiten werden im Voraus festgestellt und alle Jahre mit Rücksicht auf die entstehenden neuen Eisenbahnen, di- Dislocations- Veränderungen der Truppen rc. auf's Neue festgestellt, so daß für den Fall deS Ausbruchs eines Krieges sofort die Marschpläne zur Versendung gelangen können. Dre kriegsgeschichtliche Abtheilung stellt die Erfahrungen verflossener Kriege fist, um dre- filben zur Belehrung dienen zu lassen. Die Ausgabe der geographischfftatifiischcn Abtheilung ist die Feststellung, Erweiterung und Vervollkommnung der Enegskarten des In- und Auslandes, sowie das Ansammeln der hieraus be.ügl<ch-n Nachrichten und die Anfertigung der bekannten, für die weitesten Kreise wissenschaftlich so wcrthvollen „R-gistrande" des Generalstabs, welche alljährlich herausgegeben wird. Die Landes aufnahm- erfolgt wiederum in drei Abtheilungen. non denen die trigonometrische die genaue Höh- gewisser markirter Punkte (K^rchlburmknöp -, Kupp-n von Hohen Ränder von Fabrikschornsteinen -cs über der Me-r-shoh- -rmsttt-lt die topographisch- nach diesen Ermittelungen die Vermessungen von lahrlich üoer 200 Ouadratmell-n des inländischen Terrains vornimmt, besonders Preußens, welche in e'«-m regelmäßigen Turnus von 25 bis 30 Jahren für jedes Terra,n dadurch w>-d-rh°It wird. Die karto- graph sche Abtheilung endlich b-forgt die Herstellung und Vervielfältigung des dadurcb gewonnenen Kartenmaieriais. Alle diese einzelnen Ünter-Abtheilungen wirken nach aememiamem Vlane für die Verwirklichung der bedeutenden und für das Land so 'nichtigen Aufgaben des Großen Gen ralstabes, dessen Thätigkeit zu einem ganz erheb- ichen Th eile die Erfolge des letzten Krieges zugefchrieben werden können.
AranLreich.
Paris, 27. August. Der Präsident des deutschen Turnvereins erklärt, das Comite der Gesellschaft stehe der Zusendung des Einladungsbriefes an die


