Nr 3V2. Donnerstag den 28. December 1882.
Gießener Anzeiger
Arnis- und Anzcigeblatt für dm Kreis Gießen.
Bureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hßeil.
Betreffend: Collecten und Gaben für kirchliche Armenpflege. Lang-Göns, den 26. December 1882.
Das Großherzogliche evangelische Dekanat Gießen
an sämmtliche Pfarrämter de- Dekanat-.
Sie wollen sich einrichten, daß Sie beim Rundgang des Dekanatsboten in die mitgegebene Tabelle eintragen können, wieviel in 1882 für kirchliche Armenpflege eingegangen sind:
a. durch die Neujahrs-Collecte,
b. durch Opfer bei Taufen u. f. w.
c. durch den Klingelbeutel oder sonstige Kirchenopfer, wenn solche für die Armen bestimmt sind. Haben solche eine andere Bestimmung, so wollen Sie das bemerken,
d. durch andere Gaben. Strack.
Politische Ueberstcht.
Gießen, 27. December.
Von allen Seiten hat sich der politische Horizont wieder geklärt, aber noch umlagern denselben dunkele Streifen und eine gewisse Verstimmung ist nicht nur in den leitenden Regionen, sondern auch in der öffentlichen Meinung zurückgeblieben. Man fragt sich erstaunt, zu welchem Zwecke denn der ganze Sturm, welcher in den letzten Wochen die Spalten der deutschen, österreichischen und russischen Blätter durchtobte, entfesselt mar, auf welcher Basis eigentlich jene sensationelle Artikel: „Krieg in Sicht", „Russische Rüstungen", „Kriegerische Aussichten" u. s. w. wurzelten? Unzweifelhaft sind die ersten kriegerischen Posaunen- stöße von der „Rordd. Allg. Ztg." ausgegangen und ihr secundirte dann die „Köln. Ztg.", nachdem vorher das rheinische Blatt die merkwürdigen Enthüllungen über das deutsch-österrerchische Bündniß gebracht hatte; die genannten Blätter haben hierbei, wenigstens bei dem Charakter der „Rordd. Allg. Ztg." kann man dies als ganz sicher bei diesem Blatte annehmen, officio)en Winken und Andeutungen gefolgt. Ueber die eigentlichen Ursachen dieses Zeitungssturmes wird man einstweilen wohl noch im Unklaren bleiben, jedenfalls aber kann man aus der ganzen deutsch-österreichisch-russischen Affäre entnehmen, daß indem gegenseitigen Verhältniß der betheiligten Dichte nicht Alles den bisherigen Darstellungen der osficiösen Organe entspricht, daß aber dieses Verhältniß noch weit entfernt ist, sich zu einem gespannten zu gestalten, erscheint sicher und so wird sich hoffentlich auch die nicht wenig erregte öffentliche Meinung wieder beruhigen.
Die am 20. December stattgefundenen Neuwahlen zur württembergischen Abgeordnetenkammer haben im Allgemeinen eine Niederlage des württembergischen Flügels der süddeutschen Volkspartei gegenüber der deutschen Reichspartei ergeben. In Stuttgart-Stadt, Eßlingen, Göppingen, Tübingen Krailsheim, Heidesheim und auch wahrscheinlich in manchen ländlichen Wahlbezirken siegten die Candivaten der Reichspartei gegenüber den bisherigen demokratischen Vertretern. Bekanntlich verlor die deutsche Reichspartei bei Den letzten Reichstagswahlen gerade in Württemberg eine große Anzahl ihrer Sitze an die Volkspartei, sie hat demnach diese Niederlage durch ihren Sieg bei den Landtagswahlen einigermaßen wieder wett gemacht. Freilich ist hiermit noch nicht gesagt, daß die deutsche Reichspartei auch bei den nächsten Reichstagswahlen im Jahre 1884 ihre württembergischen Sitze zurückerobern wird, da ja hier noch andere Faktoren mitspielen, als bei den Landtagsmahlen.
Die Wiener Osficiösen athmen von dem Drucke, den die schroffen Erklärungen der „Rordd. Allg. Ztg." über das deutsch-österreichische Bündniß auf sie unverkennbar ausübten, allmälig wieder auf. Die „Wiener Abendpost" wie das „Fremdenbl." nehmen von den jüngsten beruhigenden Versicherungen des genannten Blattes über die deutsch-österreichischen Beziehungen Kenntniß und die „Wiener Abendpost" meint, daß hierdurch die leidenschaftliche Discussion eines Themas, das für jeden ernsten Politiker außerhalb aller Controverfe stehe, einen nach allen Richtungen beruhigenden und befriedigenden Abschluß gefunden haben dürfte. Wir wollen es hoffen!
Die französische Expedition nach Tonking wird nun doch in's Leben treten. In einer vergangene Woche abgehaltenen Sitzung hat das französische Ministerium die Expedition im Princip definitiv angenommen und bereits die einleitenden Schritte zur Ausführung dieses Unternehmens gethan. Ruch Toulon ist der Befehl zur Ausrüstung eines Transportschiffes abgegangen, das die nothwendigen Verstärkungen nach Tonking überführen soll. Ueber die Ursachen der Expedition nach Tonking sei kurz Folgendes bemerkt: Das Reich Tonking in Hinter-Jndien stand bisher in einem Schutzverhältnisse zu China, das allerdings nur sehr locker war. Neuerdings besetzten nun die chinesischen Truppen Tonking, um den von hier ausgehenden Räubereien ein Ende zu machen, da erinnert sich plötzlich Frankreich, daß es das Protektorat über das Kaiserthum Anam und mithin auch über Tonking, welches wiederum einen Theil von Anam bildet, besitzt und da Frankreich in Hinter-Jndien bereits Cochin- China besitzt, so wird es ihm nicht schwer fallen, dieses „Protectorat" geltend zu machen. Die chinesischen Truppen haben sich nun zwar aus Tonking wieder zurückgezogen, nichtsdestoweniger will aber die französische Regierung die Expedition nach Tonking in Scene setzen, um allen weiteren Ansprüchen Chinas auf dieses Land ein Ende zu machen. Es ist darum die Befürchtung nicht ausgeschlossen, daß die Tonking-Affäre noch zu kriegerischen Verwickelungen zwischen Frankreich und dem „Reiche der Mitte" führen kann.
Deutschland.
Darmstadt, 24 December. Der GrMerzog hat folgenden Erlaß an den Provinzlaldirtktor Küchler zu Mainz gerichtet:
„Aus dem, was ich bet meiner persönlichen Anwesenheit in den am Ende vorigen Monats von dem Hochwcsser des Rheins besonders schwer betroffenen Gemeinden erfahren und aus Ihren Berichten habe ich mit lebhafter Genugthuung entnommen, wie die Bewohner von Laubenheim, Bodenheim und Nackenheim in opferwilliger Nächstenliebe und Ihatkräfliger Besonnenheit gewetteifert haben, ihren bedrängten Mitbürgern zur Rettung von Leben und Eigenthum beizustehen. Es ist mir ein Bedürs- niß, diese Thann bürgerlichen Muthes und selbstvergessender Hingabe für andere ausdrücklich anzuerkennen. Da aber die Zahl derer, die sich in solcher Weise verdient gemacht, zu groß ift, daß bei jeder Auswahl die Gefahr nicht ausgeschlossen werden könnte, gleiche Verdunste unabsichtlich zu übergehen, so habe ich beschlost'en, den brd Bürgermeistern: Möhn zu Laubenheim, Schöll er zu Bodenheim und Mann zu Nackenheim, welche an Umsicht und Thatkraft ihren Ortsangehörigen vorangel-uchtet haben als Vertreter ihrer Gemeinden das Ritterkreuz zweiter Klasse meines Verdienstordens Philipps des Großmüthigen zu verleihen."
m. Darmstadt, 26. November. Der Abgeordnete Metz hat bei dem Bureau der zweiten Kammer einen Antrag folgenden Wortl-uts übergeben:
„Zu Anfang Januar 1880 Hube ich bereits Großh. Regierung wegen unverzüglicher Wiederherstellung des Rhein-Landdammes interpellirt und nach Beantwortung dieser Interpellation gleichzeitig mit den Gemeindevorständen von Groß-Rohrhetm und Biblis einen Antrag wegen Verstärkung des Rhein- und Weschnitzdommes eingebrachl. Eine Anzahl hessischer Gemeinden und Grundbesitzer füh'te im März 1880 bei hoher zweiter Kammer Beschwerde wegen der durch die Hochwasser des Rheines hervorgerufenen Eigenthumsbeschädtgungen. Diese Anträge führten am 25. und 26. November 1880 zu einer zweitäg'gen Debatte dieses Hauses und zu dem nahezu einstimmigen Beschluß eines Ersuchens an die Regierung um Untersuchung der Strombauverhältnisse des Rheines und Aufstellung eines einheitlichen Planes für die Stromregulirung von der Landesgrenze bis Bingen. In der Diskussion halte sich der Regierungscommissär den Wünschen der Beschwerdeführer entgegenkommend bewiesen. Am 15. März 1881 kam diese Angelegenheit in der zweiten Kammer wiederholt zur Verhandlung und Ad- ft'.mmung, die Kammer beharrte einstimmig auf dem Ersuchen um Aufstellung eines Planes über die Regulirung des Nheinstromes von Worms bis Bingen. Auch hier erklärte wiederum die Regierung ihre Absicht, die Sache gründlich zu untersuchen und den Beschwerden, soweit thunlich, Rechnung zu tragen; „die Vorarbeiten" (bemerkte der Regierungscommissär) „sind in Betrieb und werden emsig fortgesetzt." Obwohl damals die Vorarbeiten in Betrieb waren und emsig fortgesetzt wurden, dauerte es über 13 Monate, bis endlich am 22. und 24. April 1882 die Landescommission zu Mainz zusammentrat. Die vrelfoch zahlreichere Reichscommission in Biebrich war seiner Zeit binnen 6V2 Monaten nach dem Beschluß des Reichstags von dem Reichskanzler eins berufen worden. Seit April d. I. sind wiederum nahezu 3/4 Jahre verflossen, ohne daß über die Beschlüsse der Comm'ssion officiell etwas bekannt geworden wäre. Privaten M'ttheilungen zufolge hat die Commission ihr Gutachten seit Juli l. I. Großh. Regierung eingereicht und darin wichtige Regulirungsarbeiten in Vorschlag gebracht. Bis jetzt ist aber weder die Denkschrift der Commission noch ein Regulirungsplan Seitens der Regierung den Kammern mitgetheilt worden. Gleichwohl hatte der Vertreter der Regierung in der Sitzung der Commission vom 22. April die Erklärung abgegeben, daß die Vorschläge der Commission demnächst zur Ausführung gelangen sollten. Die Verzögerung ist um so bedauerlicher, als die fast alljährlich wiederkehrenden Uebcr- schwemrnungen einen dauernden Nothstand in den betreffenden Gemeinden Hervorrufen müssen, wenn nicht endlich Abhilfe geschaffen wird. Auch eine nur geringe Verzögerung begründet große Verantwortung.
Ich beantrage:
„Hohe Kammer wolle Großh. Regierung dringend um schleunige Vorlage des Planes über bi? Regulirung des Rheinstromcs von Worms bis Bingen (eventuell Worms bis Mainz» unter Berücksichtigung der alsbald zu veröffeut- Uchenden Denkschrift der erwähnten Landescommission, sowie um unverzügliche Einbringung der zur Ansführang dieses Planes erforderlichen Präpositionen ersuchen"
Ich werde demnächst die Dringlichkeit für diesen Antrag beanivruchen und ihn eintretenden Falles auf Entschädigung der von Wasserschäden betroffenen Gemeinden, insbesondere auch durch Erlaß der Steuer auf den überschwemmten, ertragsunfähigen Liegenschaften ausdehnen."
Berlin, 24. December. Die „Nordd. Allg. Zig." bringt einen Weihnachtsartikel, in welchem zur Einkehr in den Frieden aufgefordert wird. „Es fei der Leitung der deutschen Politik zu danken, daß sie durch ihre Standhaftigkeit im Wollen und Verzichten volles Vertrauen zu ihrer Friedensliebe erworben und durch weise Vorsicht dafür gesorgt habe, daß auch der üble Wille vor der Unnahbarkeit des mit OesUrreich- Ungarn aufgerichteten Bündnisses zurückschrecken muß. Deutschland ist der Friede!! Aber Deutschland wäre nicht der Friede, wenn es nicht im Besitze der Mittel wäre, jeden Angriff wirksam zurückzuweisen und allezeit auf der Wacht zu sein, um eine drohende Gefahr rechtzeitig zu signalisiren und durch Anruf zurückzuscheuchen. Die Beunruhigungen der letzten Tage haben uns gerade den Werth der Garantie schätzen gelehrt, auf welche Deutschland seine Friedenspolitik sichergestellt hat.
Hesterreich.
Wien, 23. Decbr. Gegenüber der Unterstellnüg italienischer Zeitungen, daß mein in Berlin und Wien dem italienischen Cabinete gegenüber eine küble


