Nr. 278. Dienstag den 28 November 1882.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheit.
Betreffend: Generalversammlung des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen.
Bekanntmachung.
Mittwoch den 6. December, Vormittags iO Uhr, findet eine Generalversammlung des landwirtb- schaftlichen Vezirksvereins zu Gießen im Gasthause „Zum Einhorn" statt, wozu alle Mitglieder des Vereins und Freunde der Landwirtschaft freundlichst eingeladen werden.
Tages-Ordnung:
1) Vortrag des Herrn Professors Dr. Pflug dahier über das Wesen und die Ursachen das Milzbrandes;
2) Vortrag des Herrn Hofgärtners N o a ck von Darmstadt über Obstbaumzuchl;
3) Geschäftliche Mittheilungen
Die Herren Bürgermeister werden ersucht, Vorstehendes in den Gemeinden auf geeignete Weise bekannt zu machen.
Gießen, den 27. November 1882. Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen.
Dr. Boekmann.
Deutschland.
Darmstadt, 25. Novbr. Se. König!. Hoheit der Großherzog nahmen heute militärische Meldungen entgegen und empfingen den General der Infanterie v. Schkopp, den Oberstlieutenant Bertram, den Major Mache, den Major« v. Marklowski von Gießen, den Gymnasiallehrer Schmitz, den Prof. Dr. Kittler, die Neallehrer Glaser, Vogler und Stork von Groß-Umstadt, den Divisionspfarrer Strack, den Professor Dr. Nell; den Baron Alexander v. Bethmann aus Frankfurt a. M.; zum Vortrag den Ordenskanzler Generallieutenant v. Grolman, den Staatsminister Frhrn. v. Starck, den Hofceremonienmeister v. Werner, den Hofjägermeister v. Werner.
— Seit 4 Jahren haben bekanntlich in den höheren Schulen von Darmstadt, Mainz und Gießen eingehende Untersuchungen der Sehkraft der Schüler und Schülerinnen stattgefunden. Sie sind durch die tüchtigsten ophthalmologi- schen Fachgelehrten unseres Landes, die Herren Geh. Medicmalrath Dr. Weber hier, Prof. Dr. v. Hippel in Gießen und Medicinalrath Dr. Heß in Mainz, ausgeführt morden. Nachdem nunmehr die Ergebnisse dieser, zum Theil bereits wiederholten, Augenprüfungen, welche sich auf 2764 Schüler und Schülerinnen erstreckt haben, vollständig zusammengestellt und gedruckt sind, hat zu Anfang dieser Woche der ärztliche Centralausschuß des Großherzogthums (die erweiterte Ministerialabtheilung für öffentliche Gesundheitspflege) dahier getagt und unter dem Vorsitz des Herrn Ministerialraths Weber die aus jenen umfassenden Beobachtungen sich ergebenden Forderungen an die Einrichtungen für den Augew- schutz der Schuljugend in eingehender Berathung festgestellt. Außer den vorgenannten fachmännischen Autoritäten und den Mitgliedern der Ministerialabtheilung waren noch die Kreisärzte der drei Provinzial-Hauptstädte, sowie die sechs Telegirten der ärztlichen Provinzialvereine erschienen. An den Berathungen haben weiter auch der Vorsitzende und die Mitgleder der Ministerialabtheilung für Schulangelegenheiten theilgenommen. Ueber die fast ausnahmslos mit erfreulichster Einmüthigkeit festgestellten Sätze werden wir weiter Mittheilung bringen.
— Der Verkehr auf der Odenwaldbahn ist in Folge der durch die Regengüsse verursachten Zerstörung des Dammes zwischen Erbach und Eberbach unterbrochen.
Berlin, 24. Novbr. Laut einer heute erschienenen, vom 17. v. Mts. datirten Verfügung des Staatssecretärs des Reichspostamts sollen Postkarten, auf deren Rückseite neben der Schrift verwendete Reichsstempelmarren geklebt sind, fortan zur Postbeförderung zugelaffen werden. — Äner Benachrichtigung des Reichspostamts zufolge ist die an Bord des in Plymouth ausgebesserten Postdampfschiffes „Gellert" befindliche Post anr 14. d. Mts. über Liverpool zum Anschlüsse an den Tags darauf von Queenstown nach New-Iork abgegangenen englischen Postdampfer weiterbesördert worden. Die Ankunft in New- Aork wird demzufolge gegen den 24. ds. mit einer Verspätung von etwa 9 Tagen stattfinden. Das auf der Fahrt von New-Iork nach Hamburg begriffene Postdampfschiff „Westsalia", das wegen der erlittenen Beschädigungen in Portsmouth anlegen mußte, hat die zur Landung in Hamburg bestimmte Post für Deutschland von Portsmouth über London - Ostende weitergesandt; dieselbe ist der Bahnpost Verviers-Köln am 15. d. Mts. früh zugegangen. Eine Verfpätung in der Ankunft der betr. Briefsendungen ist hierdurch nicht eingetreten.
— Der gestrige Beschluß des Bundesrathes bezüglich der Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes für Berlin und Umgegend hat schnell gezeigt, wie wenig haltbar die Angaben waren, wonach einige süddeutsche Regierungen für Aufhebung des Socialistengesetzes eingetreten sein sollten. — In den Kreisen der hiesigen Reichstags-Abgeordneten ist man nicht ohne Besorgniß über die mögliche Beschlußunfähigkeit des Reichstages nach den fünfmonatlichen Ferien, wenigstens für die ersten Sitzungen. — Baurath Wallot hat jetzt Seitens der Reichsregierung den Auftrag erhalten und übernommen, den Bau des Reichstagsgebäudes auszuführen. — Das amtliche Fraktions-Verzeichniß des Abgeordnetenhauses ergiebt endlich verlässige Zahlen über die Stärke der Fraktionen. Danach zählen die Conservativen 117, das Centum 98, die Nationalliberalen 67, die Freiconservativen 59, die Fortschrittspartei 37, die polnische Fraktion 18 Mitglieder, 36 Mitglieder bekennen sich zu keiner Fraktion, erledigt ist 1 Mandat (Richter-Berlin). Die ungewöhnlich große Zahl der „Wilden" rührt
daher, daß die Mitglieder der liberalen Vereinigung (Secessionisten) sich unter diese Gruppe haben eintragen lassen. Außer ihnen gehören dazu die Minister v. Bötticher, v. Kameke, Maybach, v. Puttkamer, Dr. Lucius, der Präsident v. Köller, die Abgeordneten Berger (Wittens, Löwe (Bochum) und Herr v. Böckum-Dolffs.
— Die Bundesraths-Ausschüsse haben betreffs der Ausfuhr-Vergütung von Tabak und Tabaksfabrikaten folgende Anträge bei dem Plenum gestellt:
I. Vom 1. December 1882 ab treten an die Stelle der bisherigen Steuervergütungssätze für Rohtabak, entrippte Blätter und fabricirten inländischen Tabake folgende Sätze für 100 Kilogr. netto: 1) Rohtabake, a. unfermentirt 14 JL, b. fermentirt 17 ; 2) entrippte Blätter 29 eX.; 3) Fabrikate aus
inländischen Blättern: Schnupf- und Kautabak 14 «X, Rauchtabak 19 M., Cigarren 22 Cigaretten 15 II. Auf Schnupf-, Kau-, Rauchtabak und Cigaretten, welche in den bereits unter Controls stehenden Fabriken vor dem 1. December 1882 angefertigt sind, sowie auf denjenigen Schnupftabak, welcher aus den an diesem Tage selbst vorhandenen Halbfabrikaten hergestellt wird, finden noch die bisherigen Vergütungsfätze Anwendung.
Berlin, 25. Novbr. Dem Vernehmen nach tritt Prinz Friedrich Karl gegen Neujahr eine mehrmonatliche Reise in's Ausland an. Er begieöt sich zunächst nach Egypten, um die dortigen Schlachtfelder zu besichtigen.
— Der „Neichs-Anz." publicirt die Bekanntmachung des Staatsministeriums vom 25. d. Vits., welche den kleinen Belagerungszustand für Berlin und Umgegend vom 29. November ab auf ein Jahr verlängert.
Kassel, 25. Novbr. Die Fulda ist aus ihren Ufern getreten, die Com- municationen sind unterbrochen; die Fulda hat einen seit dem Jahre 1841 nicht dagewesenen Wasserstand erreicht.
Nüdesheim, -25. Novbr Der Rhein ist seit gestern von 4,67 auf 5,24 Ctm. gestiegen. Auch die Lahn ist über die Ufer getreten, Diez und Lim- burg stehen theilweise unter Wasser. Der Main und Neckar sind gleichfalls noch immer im Steigen.
Mannheim, 25. Novbr. Der Rhein war heute früh bis 765, Ctm. gestiegen; der Bahnverkehr nach dem Rheinvorland und dem Neckarhafen ist seit gestern eingestellt.
Bremen, 25. Novbr. Die Rettungsstation Neuharlingsiel der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger telegraphirt: Am 15. November sind von der deutschen Brigg „Königin Elisabeth", Kapitän Rieck, gestrandet in den Nordergründen von Spiekeroog, mit Holz von Pillau nach Wilhelmshaven bestimmt, 8 Personen durch das Rettungsboot „Frauenlob" der Station Neuharlingsiel gerettet worden. Das Boot war 5 Stunden unterwegs.
Schweiz.
Bern, 24. Novbr. Der schweizerische Gesandte in Paris,, Dr. Kern, der seit 1857 ununterbrochen die Eidgenossenschaft bei der französischen Regierung durch alle Wechsel vertreten hat, ist nach 25jähriger Dienstzeit um seine Entlassung eingekommen und wird, wenn es dem Bundesrath nicht gelingt, ihn zur Zurücknahme seines Gesuchs zu bewegen, am 1. März k. Is. sein Amt niederlegen.
— In den Urkantonen Uri, Schwyz und Unterwalden steht die Schule unter der ausschließlischen Leitung der Geistlichkeit und der religiösen Orden, was zu dem Art. 27 der Bundesverfassung in schroffstem Widerspruch sehr. In Luzern hat die Geistlichkeit eine öffentliche Vermahnung an das gläubige Volk gerichtet, daß es ja am nächsten Sonntag bei der Volksabstimmung den Bundesbeschluß vom 14. Juni, der den Art. 27 der Verfassung ausführen und die Schule unter staatliche Leitung stellen will, verwerfe.
Arankreich.
Paris, 24. Novbr. Gestern Abend 6 Uhr wurde der „königliche Schätzt in der Kathedrale von Saint Denis während der Abwesenheit des Wächters gestohlen. Die Diebe haben an 60 Schlösser aufgebrochen und 35 Gegenstände von unschätzbärem Werthe, darunter 6 Kronen, mitgenommen. Die Diebe verließen um 8 Uhr die Kirche. Bis jetzt ist es nicht gelungen, den Dieben aus die Spur zu kommen.
Paris, 25. November. Die Kammer nahm die 17 Artikel des Kriegsbubgets an. Der Kriegsminister antwortete Laisant, die Kosten der Okkupation tn Tunis,


