Nr. 122
Samstag den 27. Mai
1882.
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstrahe B. 18. Erscheint tügllch mit Ausnahme des M»ntag«. 2 db mt
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Amtlicher Htzei l.
Nr. 12 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 23. I. Mts., enthält: (Nr. 1470.) Verordnung, betreffend die Aenderung der Klasseneintheilung einzelner Orte. Vom 9. Mai 1882. Gießen, den 26. Mai 1882. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Im Auftrag Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz machen wir Nachstehendes bekannt:
Nach amtlicher Mittheilung hat die französische Regierung mit Rücksicht auf die Schädigung, welche dem Pariser Handel aus der Einfuhr fremdländischer, mit französischen Marken oder mit der Bezeichnung „Paris" versehene Maaren erwächst, die. strenge Beobachtung der Bestimmungen des Artikel 19 des französischen Gesetzes über den Markenschutz, vom 23. Juni 1857, neuerdings den französischen Zollbehörden zur besonderen Pflicht gemacht. Der Artikel lautet in deutscher Uebersetzung wie folgt:
„Alle fremdländischen Maaren, welche die Marke oder den Rainen eines in Frankreich ansässigen Fabrikanten, beziehentlich den Namen oder den Ort einer französischen Fabrik tragen, sind von der Einfuhr, von der Durchfuhr und von der Lagerung unter Zollverschluß ausgeschlossen, sie können entweder durch Verinittelung der Zollverwaltung oder auf Antrag der öffentlichen Anklage, bezw. der beschädigten Parthei mit Beschlag belegt werden, wo sie sich auch befinden mögen!"
Ferner hat die Handelskammer von Paris die Erklärung abgegeben, daß sie, indem sie die Bezeichnung „Paris" als das Eigenthuin der Industriellen und Handeltreibenden , deren Vertretung ihr obliegt, ansieht, zukünftig als klagende Parthei gegen die Importeure auftreten werde, wenn die Bezeichnung einer nach Frankreich eingeführten Maare mit dem Rainen „Paris" den Zweck hat, die Maare für etwas auszugeben, was sie nicht ist.
Großherzogliche Handelskammer.
Ed. Silbereifen.
Aentjchtand.
Berlin 24. Mai. Die „Prov.-Corresp." schreibt: Die Gotthardtbahn könne das Mittelmeer wieder zum Welthandelsmeer machen. Deutschland werde jetzt mitlweit höherem Grade als im Mittelalter in das große Verkehrscentrunt hineinwirken und die belebenden Wirkungen desselben empfangen. Bedingung sei nur, daß das deutsche Volk gedeihe. Das Gedeihen der Völker hänge von der Tüchtigkeit der staatlichen Organisation und von der Stärke des christlichen Geistes ab, um bei dein Wachsthum der inateriellen Güter ein gerechtes Verhältniß zwischen allen Volkstheilen zu bewahren. Es sei daher ein glückliches Vorzeichen, daß die Gotthardtbahn zum guten Theil das Werk des Fernblicks und der Geschichtlichkeit der deutschen Staatskunst sei. — Die „Prov.-Corresp." citirt Stellen aus dem Hirtenbrief des Osnabrücker Bischofs und sagt, die öffentliche Meinung werde darans mit Genugthuung entnehmen, daß die Bemühungen der Staatsregierung, mit der katholischen Kirche wieder in friedliche Beziehungen zu treten, nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen seien.
Berlin, 24. Mai. Der Reichstagsabgeordnete Rechtsanwalt Munckel sollte, wie man sich erinnern wird, wegen einer in Küstrin gehaltenen Rede, welche angeblich Beleidigungen des Fürsten Bismarck enthalten Hütte, strafgerichtlich verfolgt werden, der bezügliche Antrag wurde jedoch von der landgerichtlichen Strafkammer abgelehnt. Auch die von dem Staatsanwalt dagegen erhobene Beschwerde ist nunmehr, wie die „Tribüne" meldet, von dem Strafsenat des Kammergerichts zurückgewiesen worden.
— In der Diöcese Limburg, deren _ früherer Bischof Dr. Blunt am Sonntag sein 50jähriges Priester-Jubiläum feierte, war das Gerücht verbreitet und wurde in einzelnen Gemeinden anch von der Kanzel erwähnt, daß Dr. Blum, vom Kaiser begnadigt, in die Diöcese zurückgekehrt sei. Da das neue kirchen- politische Gesetz noch nicht verkündigt ist, konnte das Gerücht selbstverständlich nicht begründet sein. Auch ohne den Anspruch, die bischöflichen Obliegenheiten wieder auszuüben, hätte Dr. Blum, ohne begnadigt zu sein, schwerlich ist die Diöcese zurückkehren können, da, so viel bekannt,^ Ltrafurtheile gegen ihn ergangen sind, deren Vollziehung er durch die Entfernung in’S Ausland sich entzogen hatte.
— Von hervorragenden Persönlichkeiten, namentlich Reichstags- und Landtags-Mitgliedern, wird ein Aufruf an das deutsche Volk zur Sammlung eines Fonds vorbereitet, der dem kronprinzlichen Paare zur Feier der Silbernen Hochzeit zur Verfügung für einen geineinnützigen Zweck überreicht werden soll.
England.
London, 24. Mai. Michael Davitts unversöhnliche Rede, worin er dem irischen Gutsherrenthum den Krieg bis mtf’ä Messer erklärt, sowie der schürende Aufruf der fenischen Brüderschaft haben ihre Wirkung nicht verfehlt und zu neuen agrarischen Ausschreitungen Anlaß gegeben. „Hauptmann Mondschein" entfaltet wiederum ungewöhnliche Thätigkeit und Brandstiftungen, Mord- versuche, Einschüchterungen und Drohbriefe find an der Tagesordnung." Unter diesen Umständen darf es nicht Wunder nehmen, daß die Regierung das neue Zwangsgesetz so bald als möglich in Kraft gesetzt zu sehen wünscht und auf schleunigste Erledigung der Berathung desselben dringt.
— Dr. Lyons, einer der Vertreter Dublins int Unterhause, der sich bei den Parnelliten unbeliebt gemacht hat, ist „bedroht" worden. Vor der Thür seines Hauses in Dublin wurde ein geladenes Gewehr gefunden welche- als bedeutungsvolle Warnung dorthin gelegt worden war.
— Die Königin Victoria vollendet heute ihr 63. Lebensjahr ein Alter welches seit der normannischen Eroberung nur von 11 Herrschern ßWnnhs überschritten worden ist. Am 20. Juni wird die Königin 45 Jahre über das Bereinigte Königreich von Großbritannien und Irland regiert haben eine Lerr- schaftsdauer, die nur von drei englischen Königen überschritten worden nämlich Hemrich UL, welcher 56 Jahre regierte, Eduard III., dessen Regürung MJchre
dauerte, und Georg III., dessen Herrschaft sich über den langen Zeitraum von 60 Jahren erstreckte. .
— Aus Kairo liegen böse Nachrichten vor. Das Ministeriuin betrachtet die Angebote und den Besuch des französischen Konsuls als ein Zeichen west- mächtlicher Schwäche und verweigert seine Abdankung, ebenso Arabi Pascha, welcher die Oberhoheit des Sultans vorschiebt und keine andern Befehle anerkennt. Mittlerwelle wird der Fanatismus mächtig geschürt. Man beschuldigt England und Frankreich böswilliger Pläne, der Vernichtung des Glaubens, der AnD vion und Unterjochung des Landes mit Umgehung der Hoheitsrechte des Sultans. Die Ulemas werden unruhig, die Kammer und die Armee schwanken; Tewfik's Anhang mindert sich, obgleich die Beduinen noch treu sind. Es hilft wenig, daß man diesen Zustand auf türkische Treibereien und Ermunterungen zurückführt. Hütten die Westmächte türkische Kriegsschiffe oder eine Flottenkundgebung zugelassen, so wäre die jetzige fanatische Wühlerei unmöglich gewesen. Durch die Uebergehung des Sultans würde dessen Prestige in Egypten nur vermehrt und die türkische Einmischung inuß jetzt von den Westmächten erbeten und etwanigenfalls theuer erkauft iverden.
London, 24. Mai. Mertens, der Drucker des Journals „Die Freiheit", ist vor die Assisen verwiesen, seine Freilaffung gegen Caution ist vom Richter abgelehnt worden.
London. Trotz der auf ble Ergreifung der Mörder des Lords Frederick Cavendish und Mr. Burke ausgesetzten hohen Belohnung ist es bis jetzt noch nicht gelungen, auch nur eine Spur der Thäier zu entdecken. Zwar nimmt die Polizei rechts und links Berhastungen vor, stellt Haussuchungen an, bewacht Eisenbahnen und Häsen, kurz, thut alles Mögliche, die Schuldigen zu entdecken, muh aber immer wieder die Verhafteten entlassen, findet zwar den Eigenthümer des Wagens, aber nicht den Kutscher: entdeckt bei den Haussuchungen zwar hier und da allerlei Verdächtiges, aber nichts, was sich auf den Mord bezieht; durchsucht alle ab- und einfahrenden Züge und Schiffe, läßt sogar die Dampfer „Scythia" und „Indiana" bei deren Ankunft in New- Noik durchsuchen, — Alles vergebens; die Mörder sind und bleiben verschwunden und die Polizei stehl vor einem ungelösten Räthsel. Des Morgens heißt es, die Polizei hat jetzt eine sichere Spur; Abends wird gemeldet, daß die Spur im Sande verlaufen, heute sucht man die Mörder in Dublin, morgen in London, dann in Cork, dann wieder in Liverpool — stets mit demselben Resultat: die Mörder bleiben pnentdeckt! Alles dieses zeigt, daß man es hier mit einem wohlangelegten, weitverzweigten Complott zu thun hat, dessen Fäden so verborgen sind, daß sie auch den schärfsten Blicken des erfahrensten Dctectives entgehen, und dies erklärt auch, warum die Hohe Belohnung noch keinen Angeber herangelockt hat, denn das Leben eines solchen Angebers würde wohl kaum einen Schuß Pulver werth sein.
Italien.
Mailand, 24. Mai. Das von der Munizipalität den Festgästen in den öffentlichen Gärten gegebene Banket, an welchem gegen 700 Personen theilnahmen, nahm einen überaus glänzenden Verlauf. An der Tafel saß rechts neben dem Herzog von Aosta der Bundespräsident Bavier, links der deutsche Botschafter o. Keudell. Der Herzog von Aolla brachte den Toast aus die Vertreter Deutschlands und der Schweiz aus, Bundespräsident Bavier den Toast auf den König von Italien und der Botschafter v. Keudell den Toast auf die Stadt Mailand. Minister v. Bötticher hielt eine Rede in deutscher Sprache, in welcher er zunächst bedauerte, des Italienischen nicht mächtig zu sein und sodann eine Parallele zwischen Deutschland und Italien zog, die beide in den Einheitsbestrebungen eng verbunden seien, wobei er Cavours und des Fürsten Bismarck gedachte. Die Rede schloß mit einem Hoch auf Italien. Nach dem Banket begaben sich die Festtheilnehmer nach dem Palazzo Reale, um die prachtvolle Beleuchtung des Domplatzes in Augenschein zu nehmen, auf welchem sich eine dichtgedrängte Volksmenge bewegte, welche den Herzog von Aosta, fowie die Feftgäste mit sympathischen Kundgebungen begrüßte. Spater besuchten die Gäste das Theater della Scala, woselbst ein großes Conccrt stattfand. Am Donnerstag treten die Gäste die Rückreise an.
Türkei.
Konstantinopel, 24. Mai. Nachrichten aus Pristina signalisiren neue Einfälle bulgarischer Briganten, welche in zwei Rencontres mit türkischen Truppen 8 Tobte und 4 Verwundete verloren.
Aegypten.
Kairo, 24. Mai. Da die Unterhandlungen mit Arabi Bey kein Ergeb-


