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Nr. 49. Erstes Blatt. Sonntag den 26. Februar 1882.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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: Schul st raße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Amtlicher Hheil.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Bekanntmachung.

Gefunden: 1 Schleier, 1 Pack Säcke, 1 Serviette, 1 Notizbuch, 1 Handschuh, 1 goldene Brache, 1 Scheere, mehrere Schlüssel.

Zugelaufen: 1 kleiner gelber Pinscherhund.

Gießen, am 24. Februar 1882. Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.

Fresenius.

An die Großherzoglichen Ortsgerichtsvorsteher des Bezirks (frei. Gießen).

Wir ersuchen Sie schon jetzt dafür Sorge zu tragen, daß über alle im Laufe dieses Jahres neu entstehenden, oder doch wesentlich veränderten Hofraithen die vorgeschriebenen Meßbriefe rechtzeitig gefertigt werden.

Insbesondere aber wollen diejenigen von Ihnen, welchen wir dieser Tage k. H. bic erforderlichen Notizen werden zugehen lassen, darauf bedacht sein, daß die aus früheren Jahren noch rückständigen Meßbriefe entweder durch directen Auftrag Ihrerseits au einen Geometer oder nothigensalls mit Beihülse des Großh. Amtsgerichts Gießen, bei dem von Ihnen die deßfallsigen Anzeigen zu machen wären, endlich beigebracht iverden, indem sonst wtr genöthigt sein würden, weitere Schritte zu thun. ... . . ra. -

Gießen, den 24. Februar 1882. Großh. Steuer-Commissariat Gießen.

Süffert.-

Deutschland.

m. Darmstadt, 24. Februar. (Zweite Kammer der Stände. 9. Sitzung.) Die Debatte über den Etat derTechnischen Hochschule" wird fortgesetzt. Der Präsident verkündigt folgenden Antrag des Abg. Dtttmar: Die Kammer wolle beschließen: 1. die Großh. Regierung zu ermächtigen, mit der Stadt Darmstadt einen Vertrag dahin abzuschließen, daß die,elve die Verpflichtung übernimmt, die Ein­nahme ber technischen Hochschule aus Eintritts- und Unterrichtsgeld bis zu dem Betrag von 22 000 <X im Falle einer Mindereinnahme zu ergänzen, wogegen der Staat sich verpflichtet, die Summe von 134,800 für die Bedürfnisse der technischen Hochschule zu übernehmen; 2. unter dem Vorbehalt, daß dieser Vertrag perfekt wird, zu Cap. 36 des Hauplvoranschlags pro 188285 die Summe von 134,800 <X zu venvilligen. Nach kurzer Begründung dieses Antrags, beantragt Abg. Dittmar in Verbindung mit dem Abg. Böhm weiter: Die Kammer möge ui Erwägw g, daß nach der gestrigen Erklärung des Herrn Staatsministers die Großh. Regierung geneigt fit, mit der Stadl Darmstadt m Verhandlung zu treten, um eine Vereinbarung mit derselben dehuss stärkerer Heibeiziehung bei Beschaffung der Mittel zur Erhaltung ber techn scheu Hochschule zu erzielen, belchließen, Cap. 36 des Hauptooranschlags von ber heutigen Tagesordnung abzusetzen und an den Ausschuß zurück zu verweisen. Dieser präjud cielle Antrag wirb mit 29 Stimmen angenommen.

Zu Cap. 37,Gymnasien", bringt m der Generaldebatte der Abg. Rein hart die vielfachen Klagen über die lieberloftutig b<r Jugend auf btn höheren Lehr­anstal'en zur Sprache, indem er ausführt, daß das heute gültige Pensum bei Weitem die Durchschniltsleistungsfähigkeit der Schüler überschrntet- Es sei dns ein Nothstand im ganzen deutschen Reiche, ber traurige Folgen Haden könne, bimi gerade unsere jetzige Jugend werbevielleicht bereinst berufen sein, Das zu erhalten, was wir erkämpft hablN, unb bürfe barum nicht durch geistige Ueberanstrengung körperlich zurück- gehallen werden. Abg. Maurer führt aus, wie mit allgemeinen Einrichtungen bes Reiches eine strammere Leitung des Schulwesens und eme Steigerung der Anforderungen in Bezug auf das Maß der Leistungen des Einzelnen Zusammenhänge. Ueberall, auch in Preußen, herrsche jedoch Unzufriedenheit mit dem System, seit Jahrzehnten werde diese Frage auch dort venlilnt. E n Mann ersten Ranges als Gelehiter und Patriot, Josias Bunsey, habe in einem Briefe an seinen Sohn ausgesprochen: Die ganze deutsche Unterrichtsmethode sei unvernünftig, da das allgemein Menschliche ersetzt werden solle durch antiquarisches Fachwlss.n. Auch der Lehrerverein für die Rhein­lande und Westfalen, der im Mai d. I. in Bonn tagen werde, habe diese Frage auf die Tagesordnung geschrieben Wie sihe es bei uns aus? Sachverständige und gewissenhafte Lehrer bestätigen, daß die Forderungen, welche von der Schule gestellt werden, nicht erfüllbar feien. Die Folge davon fei, daß die Schule ihrer Aufgabe als Erziehungsanstalt entkleidet fei; wie in emc Fabrik gehen die Kinder zur Schule und dort nnröe ihnen um ein Bild zu gebrauchen wie dem Federvieh das Futter, der Lehrstoff eingestopst, ohne Rücksicht, ob sie denselben verdauen können. Der Geist Pest all ozzi's sei in unseren Lehranstalten nicht mehr zu finden. Er wolle auch einen Süddeutschen citiren, dessen Autorität als Gelehrter und Kenner der Bedürfnisse des Volkes anerkannt werden müsse. Riehl in Müncben habe in einer seiner Erzählungen einem alten Lehrer auf die Frage, warum er kein öffentliches Lehramt annehmen wolle, die Worte in den Mund gelegt:Meine Methode würde höheren Ortes nicht ge­nehmigt werden; ich locke meine Schüler zu den Sprachen und lehre sie, die großen Alten lieben und suche sie zu Menschen zu erziehen. In unfern Gymnasien erschreckt man sie mit Sprachen und drillt sie in der Furcht der Grammatik zu künftigen Bureau- kraten " Was er in dieser ethischen Beziehung hier gesagt, sei aus dem Herzen von Tausinden bekümmerter Eltern gesprochen. Die so vielfach betonte Culturaufgabe Hessens werde aus diesem Wege niemals gelöst werden. Abg. Schröder: Nicht das Reich, sondern die Einzelregieiung^n seien für die factisch bestehenden Zustände verantwortlich zu machen- Die Art. wie an den Gymnasien die Dinge getrieben werden, entbehre aller unb jeder Humanität, welche vor Allem als Firma an die Gymnasien zu schreiben wäre. Es werde vorwärts gestürmt und nach Denen, die unterwegs halb zu Grunde gehen, werde nicht gefragt, wenn nur für eine gewisse Zahl ein glänzendes Maturitus herauskomme. In Folge hiervon fei die Pietät der Schüler gegen die Lehrer lange nicht mehr btcfelbe wie früher Geh. Ober-Sckmlrath Becker bemerkt, die Schulabtheilung des Ministeriums sei längst bemüht, der drohenden Gefahr ent­gegenzuarbeiten. Eine größere Anftrenqurg der Schüler refultire namentlich daraus, daß die Leistungen ber Lehrer burchfchnittlich viel besser geworben seien, baß bte Zahl ber Schüler gegen früher sich beinahe verdoppelt habe und in Folge davon vielfach ganz junge Leute ohne praktische Erfahrung von der Hochschule weg als Lehrer ge­nommen werden mutzten. Es müsse dafür gesorgt werden, daß solche Leute auch für das Lehrfach ausgebildet werden. Ein wesentliches Mittel zur Entlastung ber Schüler von 69 Jahren biete bte Vorschule, auch habe sich bie Verlegung bes gesammten Unterrichts auf ben Vormittag bewährt. Die Regierung werbe bestrebt sein, nach Kräften bie lieberbürbung der Schüler zu beseitigen, müsse aber den Vorwurf zurück- weisen, unsere heutige Schule fei keine Schule der Erziehung. Abg. Rack6 bean­tragt zu diesem Capit l, die Regierung zu ersuchen, über die Verwendung der Revenuen des Mainzer Universitätssonds der Kammer in jeder Finanzperiode Rechenschaft zu geben, resp. die aus den Revenuen zu bestreitenden Staatsausgaben, sowie die sich ergebenden Einnahmen in den Hauptvoranschlag aufzunehmen. Der Antrag wird an

den Finanzausschuß verwiesen. Abg. O.sann: Die Gymnasien seien nicht dazu da, daß einige besonders philologisch ober mathematisch gebildete Köpfe hervorleuchten, sie sollen vielmehr eine allgemeine Durchbildung gewähren. Nicht Griechen und Römer, sondern Deutsche sollen aus unserer Heranwachsenden Jugend gemacht werden. Das mens sana in corpore, sano werde nicht IN die Praxis Übersetzt.

Geh. Staatsrath Knorr erklärt, die Regierung erkenne bie Berechtigung ber vorgebrachten Klagen in gewissem Sinne an und es liege in ihrer Absicht, noch im Laufe dieses Jahres eine Conferenz der Directoren zu berufen, um mit diesen über die vorliegende Frage zu verhandeln, lieber gewisse Grenzen könne aber die Regierung nickt hinausgehen, wenn sie nicht ihre Gymnasien als minderwerthig wolle in Deutsch­land hingestellt sehen. Abg Franck beklagt die nachtheilige Einwirkung des gegen­wärtigen Systems auf bie Gesundheit der Schüler und Abg. Freiherr v. Nord eck zur Rabenau bemerkt, mit der jetzigen Art der Behandlung der höheren Bildungs­anstalten stehe man vollständig im Gegensatz zur öffentlichen Meinung. Abg. Racks wendet sich gegen den ausschließlichen Vormittagsunterricht, während Abg. Heinzer- li-'g diese Einrichtung veitheidigt, jedoch eine Beschränkung der Pensa in der grie­chischen'und lateinischen Grammatik befürwortet. Schließlich macht Redner auf die Ueberbürburg der Schülerinnen des hiesigen Lehrerinnenfeminars aufmerksam. Geh. Oberschulrath Grimm widerlegt verschiedene Bemerkungen wegen mangelnder Pietät ber heutigen Schüler gegen bie Lehrer. Abg. Diehl constatirt ebenfalls bie vor- hanbene Ueberbürbung ber Schüler unb Abg. Wolz will ber Jugrnb nicht burch reglementmäßiges Exercieren ihre Zett verkümmert haben. Abg Metz empfiehlt, bet gerinaeren Vergehen ber Schüler, wie bei geheimem Genuß eines Glases Bier oder einer ^Cigarre, nicht sofort das die Eltern schwer treffende höchste Strafmaß der Aus­weisung anzuwenden. Abg. Muhl hält den Vormittagsunterricht für jüngere Schüler nicht für zweckmäßig. Nach einigen Bemerkungen bes Berichterstatters Ellen­berger wirb die Generaldebatte geschlossen und in bie Berathung von Tit. 1Gym- nasium zu Darm stabt" eingetreten. Es kommt hier zunächst die Frage der or­ganischen Verbindung der Vorschulen mit den Gymnasien zu eingehender Verhandlung. Die Majorität des Ausschusses ist für eine solche Verbindung, wo es die Verhältnisse als noihwenv'g erscheinen lassen; die Minorität ist der Auffassung, daß die für Hebers nähme und Errichtung von den mit den Gymnasiien zu verbindenden Vorschulen er­forderlichen Mittel von dem Staate nicht zu tragen sind. Grh. Oberschulrath Becker führt aus, daß weder jetzt noch in Zukunft mit einer Vereinigung der Vorschulen mit den Gymnasien in Darmstadt, Worms und Gießen ein finanzielles Opfer für den Staat verbunden fein werde. Schröder bestreitet die Nützlichkeit und Nothwendig- feit der Vorschulen für die Gymnasien und wird von Geh. Oberfchulrath Grein zu widerlegen versucht. Diehl ist für die Vorschulen und betont namentlich für Darm­stadt die absolute Nothwendigkeit des Neubaus eines Gymnasiums, in welch letzterer Beziehung Abg Böhm seine gegentheilige Ansicht äußert. , Abg. WolfS ke hl steht auf dem Standpunkte Diehl's, während Rack 6 nicht Zustände will, welche die Eltern factisch zwingen, ihre Kinder in einer bestimmten Richtung drillen zu lassen. Fort­setzung der Berathung morgen ,pr

Berlin, 23. Februar. Neuerdings ist die focialdemokratrsche Agitation in Berlin wieder derart hervorgetreten, daß die ärgsten und rührigsten Agita­toren mit Rücksicht auf die Aufrechterhaltung der Ordnung ausgewiesen werden mußten. Es sind dem Vernehmen nach am Mittwoch 14 der am stärksten be­lasteten Individuen mit Ausweisungs-Ordres bedacht worden; sie haben inner­halb 24 bis 48 Stunden- Berlin zu verlassen. Mehrere der von der Auswer­fung Betroffenen waren schon seit längerer Zeit durch ihre agitatorische ^Ya i(p feit compromrttirt; das königliche Polizei-Präsidium hatte mrt Rucksrch T Familien der Agitatoren aber lange genug Milde obwalten wssen.

- ©ie WienerMontagsrevue" bringt über dre s°c.a p°wschm Plane des Reichskanzlers folgende Mittheilungen:Die Mmüter-Sitzungen des Bundesrathes, welche durch die neue Geschäftsordnung des L tz 3 worben sind, werden in der letzten Woche des Marzst°ttst^enundmtt dem Tabaksmonopol und dem Unfallversicherungs-Oesetz' ^ch f 9

Vorlaaen sind fertia Mr das Unfallverstcherungs-Gesetz werden aller 4dayr scheinlichkeit zufolge ^alle Regierungen stimmen. Dagegen Men Sachsen, Bayern und Baden nach Einiqen auck Württemberg gegen das Monopol lem. trotz­dem wäre es sehr möglich, daß Preußen bei ber großen Anzahl von Stnnmen über dk es s bst mrfügt (es bedarf nur 11 Stimmen um die Mehrheit zu hnhen I,nh diese 11 werden bei den kleinen Staaten leicht zu haben sem) UN Bundesrath die Vo!lage ourchsetzt. Im Reichstage dagegen ist eine Mehrheit für Se bei dessen gegenwärtiger Zusammensetzung kaum zu erwarten. Das Meßt indessen nicht aus, daß der Reichskanzler mit feinem Plane möglichst bald vor denselben treten wirb, und daß er ihn wenn nicht fetzt, fo doch spater verwirklichen wird, ist wenn nichts Ungewöhnliches dazwischen tritt als vollkommen sicher zu betrachten."