Einzelbild herunterladen

Dienstag den 25 Juli L88L.

Gießener Anzeiger

Amts- unb Anzngeblatt für den Kreis Gießen.

Schulstraße 8. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag-.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Iheit.

Bekanntmachung.

Das Landes-Comit6 der Bayrischen Landes-Industrie-, Gewerbe- und Kunst-Ausstellung, welche im laufenden Jahre zu Nürnberg abgehalten wird, hat die Erlaubniß erhalten, eine Berloosung von Ausstellungsgegenständen zu veranstalten. Es werden 400,000 Loose ä 1 jt. ausgegeben und 250,000 Jl. zum Ankauf von Ausstellungsgegenständen verwendet. Die Zahl der Gewinne beträgt 4000, der größte hat einen Werth von 25,000 J&, keiner aber unter 10 «X Die Gewinnziehung findet spätestens am 15. November d. I. statt.

Der Vertrieb der Loose im Großherzogthum Hessen ist von Großherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz gestattet worden.

Gießen, am 21. Juli 1882. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Aeutschland.

Berlin, 23. Juli. DieVerl. Polit. Rachr." schreiben: Das Schicksal der neuesten türkischen Note, worin die Pforte ihre Bereitwilligkeit, der Conferenz beizutreten, ausdrückt, ist anscheinend schon im Voraus besiegelt. Es handelt sich gegenwärtig gar nicht um die Fortsetzung diplomatischer Besprechungen rein akademischen Charakters der um ein theilnehmendes Mitglied vergrößerten Con­ferenz, sondern um die Feststellung der Interventions-Bedingungen, also um einen sehr concreten Gegenstand. Europa verlangt von der Pforte eine Erklärung darüber, ob sie zur militärischen Intervention am Nile die Hand bieten will, und die Pforte setzt sich über diesen Cardinalpunkt der schwebenden Constellation mit souveräner Nichtachtung hinweg. Niemandem kommt dieser Wmkelzug der ottomanischen Staatsweisheit mehr zu Passe, als dem Cabinet von St. James. Letzeres betrachtet die in Rede stehende türkische Erwiderung einfach als Maku­latur und besteht darauf, daß bei der Vereinbarung des wetteren Aktionspro­gramms in Egypten von der Pforte und ihrer Mitwirkung endgiltig abstrahirt werde. Diejenigen Mächte, welche auf Beihllfe der Türkei zur Pacificirung Egyptens nur ungern verzichten, werden Angesichts der dllatorischen Allüren der Pforte allerdings nicht umhin können, sich mit der Eventualität einer Beiseit- setzung des Sultans in den egyptischen Dingen vertrauter zu machen. Sie werden dem Drängen Englands bis zu einem gewissen Punkte entgegenkommen. England besitzt nun einmal in Egypten vitale Interessen ersten Ranges. Ver­hilft man dem britischen Volke dazu, diese Interessen im Nahmen des europäi­schen Einvernehmens gesichert zu missen, so ist damit ein Keim zu vielleicht sehr ernsten Verwickelungen aus der Welt geschafft. Freilich wird man in London nicht daran denken dürfen, Englands prävalirende Stellung am Nil in eine dominirende oder gar excludirende umzuwandeln. Das als Sprachrohr der russischen auswärtigen Politik zu betrachtendeJournal de St. Petersbourg" erläßt diesbetreffs soeben einen sehr deutlichen Wink, der in Downing-Street sicherlich verstanden, hoffentlich auch beherzigt werden wird.

In letzter Zeit haben inehrfach deutsche Handel- und Gewerbetreibende durch Creditgeben an rumänische Kaufleute empfindliche Verluste erlitten. Leider giebt es in Rumänien eine sehr große Anzahl von Firmen, denen gegenüber besondere Vorsicht beim Eingehen einer Geschäftsverbindung geboten erscheint. Wir halten es daher für unsere Pflicht, die deutschen Kaufleute und Fabrikanten, welche Geschäftsverbindungen mit Rumänien unterhalten, vor solchen Firmen, die nicht als reell und leistungsfähig bekannt sind, ernstlich zu warnen. Wie wir hören, dürfte der Centralverband deutscher Industrieller bei seinen zahl­reichen Beziehungen in der Lage sein, über einschlägige Verhältnisse Auskunft zu geben und würde der Centralverband bereit sein, den Geschäftstreibenden auf die einfache Anfrage schon an die Hand zu gehen.

Berlin, 22. Juli. DerRetchs-Anz." publicirt die internationale Reblaus - Convention und die Ernennung Aschenborn's zum Director im Reichspostamt.

Berlin, 21. Juli. Die öffentliche Meinung wird wohl daran thun, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß die gegenwärtige egyptische Frage nicht un­bedingt als eine europäische betrachtet werden muß. Deutschland hat mit derselben tatsächlich sehr wenig zu thun. Unsere Betheiligung an der Schifffahrt im Suezcanal beträgt etwa 1 pCt. der Gesammtschifffahrt, die der Engländer über 75 pCt. Für England ist die Sicherstellung des Suezcanals eine Lebensfrage; uns interessirt diesilbe nur in geringem Grade. Eine große Nation hält ihre Politik jederzeit innerhalb der Grenzen ihrer eigenen Interessen; sie wird ihren Einfluß nicht in den Dienst der Interessen anderer Nationen stellen und keine Mitverantwortlichkeit für die Mittel übernehmen, durch welche diese sich veranlaßt finden können, ihre Interessen sicher­zustellen. Die deutsche Politik vermeidet jede Parteinahme und läßt sich, wie bereits an beachtenswerter Stelle gesagt, durch das Beispiel des Napoleonischen Frankreich warnen, in Europa eine Art Sensoren- oder Schulmeisterrolle anderen Mächten gegen­über üben zu wollen. Deutschland sieht seine Interessen, sowie den europäischen Frieden durch die Vorgänge am Nil nicht gefährdet; nirgends macht sich auch nur im Ent­ferntesten die Absicht erkennbar, die deutschen Interessen zu schädigen. Jede andere Politik außer derjenigen, die ausschließlich die deutschen Interessen berücksichtigt, würde die Regierung vor dem deutschen Volke nicht vertreten können. Deßhald ist auch mit Sicherheit anzunehmen, einerseits, daß Deutschland den Westmächten kein Mandat er­teilen wird, in Egypten ohne die Türkei vorzugehcn, andererseits, daß Deutschland, Frankreich und England nicht zu verhindern suchen wird, in Egypten das zu thun, was ihnen im französischen, beziehungsweise englischem Interesse geboten erscheint. Handelte Deutschland anders, sei es, daß cs seinen Einfluß zu Gunsten der Türker oder zu Gunsten der Westmächte geltend machen wollte, so würde es damit ohne Nutzen für sich und ohne gebietende Notwendigkeit befreundete Mächte, sei es England und Frank­reich, sei es die Türkii, verletzen. England hat in Südafrika mit den Boeren, Frankreich in Nordafrika mit den Eingeborenen Krieg geführt, ohne daß Deutschland ein Wort dazu gesagt hätte und ohne daß durch sein Schweigen die deutschen Interessen verletzt wären. Deutschland kann ruhig mitansehen, was die vereinigten Westmächte

oder England und Frankreich, jedes vereinzelt in Nordostafrika zur Verteidigung ihrer Interessen vorzunehmen für gut finden. Es wäre zu wünschen, daß diese Auffassung in weiten Kreisen Verständniß finde, damit die Beunruhigung, welche sich augenblicklich ganz Europas zu bemächtigen droht, gebührendermaßen localisirt werde.

Stettin, 22. Juli. Der Oberpräsident Frhr. v. Münchhausen ist gestern Abend plötzlich gestorben.

Kassel, 22. Juli. Wie dieHess. Morgen-Ztg." vernimmt, ist Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen Karl der Drahtverband abgenommen und durch einen leichteren Verband ersetzt worden. Die Uebersiedelung Sr. Königl. Hoheit nach Wilhelmshöhe soll in den nächsten Tagen erfolgen.

Kiel, 22. Juli. Ihre Königl. Hoheit die Frau Erbprinzessin von Mei­ningen traf auf der Rückreise von Schweden heute früh hier ein und wurde von Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen Heinrich von Preußen empfangen und nach dem königlichen Schlosse geleitet.

Krankrerch.

Paris, 20. Juli. Es sind von Herrn v. Lesseps Depeschen eingelaufen, aus- welchen hervorgeht, daß der neue Aufenthalt, den er in Egypten genommen, seine ersten Eindrücke bezüglich der Zweckmäßigkeit einer europäischen Jnterven- tton im Nilthale vollständig geändert hat. Früher ein Gegner der Intervention, si.M Herr v. Lesseps sie jetzt als ganz unerläßlich dar. Die ganze Lage in Egypten scheint ihm eine äußerst gefährliche.

Toulon, 21. Juli. Die Militärbehörden erhielten diese Nacht Befehl, Caserne- ments für die Marine-Infanterie von Brest, Cherbourg und Lorient vorzubereiten, da dieselbe sich in Toulon sammeln soll. Das egyptische Expeditionscorps, welches in der Bildung begriffen, wird aus einer Brigade Marine-Infanterie und einer Brigade Zuaven und Tirailleurs bestehen und in Algier noch zwei Regimenter Infanterie aus­nehmen. General Thomassin wird daselbst befehligen; wenn die Unternehmung einen größeren Umfang annimmt, wird Marquis Gallifet das Commando übernehmen.

England.

Dublin, 20. Juli. Auf der Waterford-Limerick-Bahn wurde auf der Station Waterford ein Eisenbahnwagen erbrochen. Der Inhalt, bestehend aus Militärgewehren und Munition, wurde geraubt und ist trotz sorgfältigster Nach­forschungen spurlos verschwunden. Da es geheim gehalten worden war,, was der Wagen enthielt, so war auch kein militärischer Sicherheitsposten dabei auf­gestellt worden.

London, 22. Juli. DerTimes" wird aus Paris vom 21. ds. ge­meldet , das französische Cabinet habe sich an die englische Regierung gewendet, um deren Ansicht über die Thunlichkeit, Italien zur Theilnahme an der englisch­französischen Expedition nach Egypten einzuladen, zu ermitteln. Man glaube, England werde sich der Einladung an eine dritte Macht zur Betheiligung an der Expedition bereitwillig anschließen. Das englische Expeditions-Corps wird etwa 14,000 Mann stark sein.

Die Armee-Reserve ist theilweise einberufen worden, die Mannschaften haben sich spätestens am 2. August bei der Fahne einzufinden.

Unterhaus. Der Staatssecretär des Krieges, Childers, erklärte, der zum Zwecke der Vermehrung des Heeres um 10,000 Mann verlangte Credit betrage 1,300,000 Pfd. Sterl.

London, 21. Juli. Die Conferevz gilt hier nach engüscher Auffassung Attisch für beendigt. Man ist sonderbarerweise verstimmt über die Weigerung dec Großmacktt und besonders Deutschlands und Oesterreichs, das Vorgehen der Weltmächte bezüglich Egyptens ausdrücklich zu billigen. Doch trägt England selbst dieSchuld,.wenn es die Billigung Deutschlands erwartete, da doch Deutschland olficteU ftet§ ^tonirl

daß es weder direct noch indirect in die fernltegenden AngeleMheiten Egyptens e n- greifen werde. Bismarck gab bekanntlich den wohlgemeinten Rath,Zu -Zwern nach Egypten zu gehen, um einem orientalischen ben

aber dieser Rath durch das neueste französisch-englische Emverncymen m aen Lumo geschlagen worden zu sein scheint, so verbleibt Deutschland> die^Rolle °'N-r M°cht welche ausschließlich für ihre eigenen Interessen sorgt und bei der egyptstchen Frage nur den Zuschauer voraussichtltch morgen oder übermorgen seine Ferien-

reife fortsetzen.

Italien.

Rom 22 ^uli DerOsservatore Romano" bestreitet, daß die «er- handlnnaen zwischen dem Vatikan und der preußischen R-gierung m ^olge der übertriebenen^ Ansprüche der Kurie, die sogar die Beibehaltung der preußischen Gesandtschaft beün heiligen Stuhle unmöglich machen konnten abgebrochen seien. Das Blatt qieb zu , daß man zu einem vollständigen und dauerhafteni Frieden

* 2 ' m()tT sei aber man habe doch einen großen schritt auf

de" Wege zur Anbahnung des Friedens gethan durch die Wiederherstellung der