Gießen, 22. November. Die gestrige Generalversammlung des Frauenoereins war recht zahlreich besucht. Herr Pfarrer Schlosser eröffnete die Verhandlungen mit einem kurzen einleitenden Vortrage, in welchem er die Vorgeschichte und die Motive, welche zu dem Antrag einer Neuorganisation des Vereins geführt haben, sowie die wesentlichen Gesichtspunkte, welche ihr zu Grunde liegen, darstellte. Er hob dabet hervor, daß es sich um die Ausführung eines lange geplanten Unternehmens handele, daß er schon vor einem Jahre rm Auftrag des Vorstandes die Vorstudien dazu begonnen habe.,, Der Vorstand sei dazu bewogen worden durch die ihm sich seit einigen Jahren aufdrängende Wahrnehmung, daß die Aufgaben des Vereins, indem sie allmählich die gesammten Aufgaben der Armen- und Krankenpflege umfaßten, über den bisherigen Kreis des Vereins und überhaupt über die Grenzen eines Frauenvereins hinausgeschritten seien, und daß diesen Aufgaben in rechter Weise nur durch eine erweiterte Organisation, bei welcher auch Herren mttzuwirken hätten, genügt werden könne. Die vorzuschlagende Organisation basire in ihren Grundzügen auf dem Elberfelder System. Dieses System entspreche der Auffassung der Armenpflege, wie sie die Frauenveretne nach dem Vorbild einer Amalie Stevektng in Hamburg hege, und wie sie treffend gekennzeichnet werde durch das Wort der berühmten Elisabeth Frey: Die Seele der Armenpflege ist die Seelenpflege. Wie die Noth der Armen keineswegs nur eine materielle sei, sondern zum guten Theil eine moralische, indem die materielle Noth das Gemüth bedrücke und verbittere, den Lebensmuth raube und damit zu Trägheit, stumpfer Gleichgiltigkeit, Unreinlichkeit und sonstigem Bösen versuche, so dürfe sich auch die Hilfe nicht blos auf materielle Mittel beschränken; das Wesentliche sei vielmehr die persön- ltche^Hilfeleistung. Dadurch daß Helfer und Helferinnen aus den wohlsituirten Ständen persönlich den Armen nahe treten, soll in diesen das Gefühl geweckt werden, daß sie doch nicht verlassen sind und damit neuer Muth, durch eigene sittliche Anstrengung aus den elenden Verhältnissen herauszustreben. Die Helfer sollen durch die erwiesene Barmherzigkeit einen Einfluß auf ihre Pfleglinge gewinnen und ihn dazu benutzen, mit Rath und That ihnen aus der Noth und den damit verbundenen sittlichen Gefahren heraus zu einem menschenwürdigen Dasein zu verhelfen. Dazu gehöre möglichste Jndioidualisirung der Armenpflege und dafür wiederum sei die Voraussetzung eine große Zahl von Helfern und Helferinnen. Was die äußere Organisation anlange, so verbinde das Elberfelder System Centralisatton und Decentraltsation aufs glücklichste. Die eigentliche Armenpflege liege in den Händen der Helfer und Helferinnen. Diese werden in jedem Bezirk unter Leitung eines Bezirksvorstehers zur B'zirksversammlung zusammengefaßt, in welcher die Unterstützungsgesuche auf Grund genauer Berichte der Helfer (Helferinnen) und nach vorgängiger Befragung der städtischen Armenpflege berathen und die Anträge auf Unterstützung an den Vorstand beschlossen werden.
Die eigentliche Beschlußfassung steht dem Vorstand, welchem auch die Beztrks- vorsteher angehören, und in welchem gewissermaßen die gesammte Erfahrung des Velins concentrtrt sei, zu. Auf solche Weise sei die gründlichste Prüfung jedes Falles gesichert, ohne daß dadurch die persönliche Art der Hilfeleistung gestört würde. Natürlich müsse dabet für dringende Fälle ein beschleunigtes Verfahren ausnahmsweise ermöglicht sein. Die Eigentümlichkeiten der der Versammlung vorzulegendcn Statuten erklärten sich aus deren Vorgeschichte. Es sei darin der Thättgkeit der Frauen in besonderer Weise Rechnung getragen.
Die Versammlung genehmigte nun einstimmig den Antrag des Vorstandes auf Erweiterung des Vereins in dem dargelegten Sinne und ebenso wurden die von Herrn Pfarrer Schlosser vorgelesenen Statuten einstimmig en bloc angenommen. Diese Statuten werden jedenfalls in allernächster Zeit ihrem Wortlaute nach veröffentlicht werden.
Die hierauf vorgenommene Wahl des Vorstandes ergab folgendes Resultat: Herr Rechtsanwalt Batst. Herr Dr. Baur. Herr Direktor A. Heß. Herr Wein- handler A. Mayer. Herr Kreisassesfor Nover. Herr Pfarrer Schlosser. Heir Rentner H. Vogt. Frau Professor Milbrand. Frl. Windecker. Frau Kauf. Mau Bürgermeister Bramm. Frau Fabrikant Hanftetn. Frau Louis Homberg er. Frau Provinzialdirektor Boekmann. Frau Professor Riegel.
Zu dem Vorstände gehören auch noch die Beztrksvorsteher, welche von dem Vorstande selbst zu wählen sind. Es haben sich bereits sehr geeignete angesehene Herren zu diesem Amte bereit erklärt.
Nachdem noch Herr Dr. Baur dem seitherigen Vorstande des Frauenoereins den Dank der Versammlung ausgesprochen hatte, wurde die Generalversammlung c.e- schlossen. —r.
Vermischte Ä.
— Gottfried Kinkel ist am Donnerstag unter großer Bethetligung in Zürich beerdigt worden. Johannes Scherr hielt die Gedächtnißrede. Er schilderte den Verstorbenen im Allgemeinen und zeichnete seinen Charakter, während nach ihm Professor Meyer v. Kronau spectell die Verdienste Kinkel's um seine zweite Heimath — Zürich — hervorhob. „Der beredte Mund" — so schloß Meyer v- Kronau — „ist verstummt, die werkthätige Hand ist erstarrt, das Herz, das so warm auch für die
Schweiz schlug, ist todt, aber nicht tobt ift das Gedächtniß dieses edlen Mannes. Zürich hat sich selbst geehrt, dadurch, daß es vor wenigen Jahren Kmkel das Bürgerrecht schenkte. Und er hat — wir haben es selbst aus seinem Munde gehört — mit Stolz und Liebe sich als Züricher und als Schweizer bekannt. In Zürich wird man aber auch ehrenvoll und dankbar eingedenk bleiben des deutschen Mannes der so ganz der Unsrige geworden war". - Nach Absingung eines TrauerltedeS senkten sich die verhüllten Fahnen (etwa 20 an der Zahl) nieder auf den reichverzierten Sara und dann ging es hinaus in langem Zuge, mit über dreihundert Fackeln, nach dem Kirchhofe, um der Erde die sterbliche Hülle des unvergeßlichen Mannes zu übergeben. _ — Die CIlltsion der „Westphalia" mit einem andern, bisher unbekannten
Dampfer scheint nicht die furchtbaren Folgen gehabt zu haben, wie man glaubte annehmen zu müssen. Das „Journal du Havre" meldet nämlich: „Der französische Dampfer „Mouette", der auf unserer Rhede für die transatlantischen deutschen Dampf- schiffe den Depeschen- und Passagierdienst versieht, ist mit dem von Newyork kommenden Dampfer „Westphalia" zusammengeftoßcn und hat dabet seinen g-oßen Mast ein Boot und einen Theil seiner Schanzkletdung eingebüßt." Der Officier der ,Westphalia", der mit 6 Mann in einem Boot den fremden Dampfer aufsuchen sollte berichtet bekanntlich, er habe den Letzteren im Sinken begriffen gefunden und auf dreihundert Ellen Entfernung „die Flammen herausschlagen" und das Schiff verschwinden sehen. Die „Mouette" hat vermuthllch ihre Heizung stark geschürt, um so schnell das Land zu erreichen. Es wäre dies wenigstens die glücklichste Deutung für jenen Unfall der bereits so traurige Befürchtungen wachgerufen hatte.
— Eine Frau, die allein einen Wilddieb etnfängt, ist wohl eine neue Erscheinung unb verdient der betreffende interessante Fall eine ausführliche Erwähnung. Marte Eder, die Frau des Revterjägers Wilhelm Eder zu Höflein übernahm an Stelle ihres ^^unkten Mannes dessen Dienste, um in dem seiner Aufsicht unterstehenden Reviere Hoflein, welches von Wilddieben sehr beunruhigt wurde, den Jägerjungen zu unterstützen. In der Nacht vom 26. September war die Eder abermals auf Vorpaß nach Wilddieben in einem Weingarten versteckt, als sie, durch mehrere Schüsse aufmerksam gemacht, einen Mann mit einem Gewehre gegen den Weingarten schleichen sah. Sie ging nun diesem gänzlich unbewaffnet entgegen, und da derselbe in der Frau irgend eine Bauerm vermnthete, blieb er auch ruhig stehen. Als die Eder an der Seite des Mannes war, erfaßte sie plötzlich mit der einen Hand sein Gewehr, mit der anderen Hand den Wilddieb bet der Gurgel und verlangte dessen Ergebung. Der Wilderer ein großer, robuster 40jahriger Mann, setzte sich wohl zur Wehre, allein vergeblich' denn das Weib hatte mit solcher Kraft den Hals umkrallt, daß er gezwungen war, mtt Rücklassung seines Gewehres die Flucht zu ergreifen, woran er von Seite der Eder welche in ihm den Höflew.er Bauer Johann Hirschmann erkannt hatte, nicht weiter gehindert wurde.
— Zu Weihnachtseinkäufen bietet die Leipziger Lehrmittel-Anstalt von vr. Oskar Schneider in Leipzig in einem hübsch ausgestatteten Weihnachtskatalog, welchen dieselbe an Interessenten gratis und franco versendet, einen Rathgeber für Eltern und Erwachsene, worauf wir aufmerksam zu machen nicht unterlassen wollen. Der Katalog enthält eine Auswahl guter, nützlicher Spiele und Beschäftigungen für die Kinder von 3 Jahren an bis zum reiferen Alter.
Telegraphische Dampfernachrichten. Mitgetheilt von dem General-Agenten Max Jos. Schröder in Mainz.
New-Aork, 18. November. Angekommen von Bremen die Nordd. Lloyd- Dampfer „Oder" und „Werra" und von Hamburg der Packetfahrt-Dampfer „Silesia".
New-Pork, 19. November. Angekommen von Hamburg Dampfer „Polaria" der birecten deutschen Dampsschifffahrt-Gesellschaft.
Baltimore, 19. November. Angekommen von Bremen der Nordd. Lloyd- Dampfer „Herrmann".
Frankfurt a. M., 22. November, Nachmittags 2 Uhr — Min. (Telegraphischer Coursbericht. Mitgetheilt durch das Bankgeschäft Albert Kaufmann in Gießen.) Creditactten 244, Staatsbahnactien 291‘/2, Galizier 259^, Lombarden 116, Nord- westbahnactien —, Darmstädter-Bankactien 152l/2, Oberschlesische E.-B.-Act. 256^, Oesterr. Silberrente 655/B, 4% Ungar. Goldrente 72l/2, 4% 1880er Russen 68l/4, 5% 1877r Russen 86 Vt, 2. Orient-Anleihe 537/8, Spanier 61 5°/q Rumänische
Rente 93, 4% Unific. Egypter 67%, Disconto Comm. 195%, Gotthardbahnactien 117. Tendenz: nachgebend.
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Donnerstag den 23. November, Abends 8Uhr, im Gymnasium: Bibel- stunde, Brief Pauli an die Galater, Kapitel 4,1—11. Pfarrer Dr. Naumann.
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