Ausgabe 
23.11.1882 Erstes Blatt
 
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27^. Erstes Blatt Donnerstag den 23. November L88L.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzcigeblatt für den Kreis Gießen.

l c« = t. s. a ««X j. a Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brinqerlohn.

Bureau: Schulstraße 7. Erscheint täglich nut Ausnahme des Montags. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheit.

Bekanntmachung.

Nach einer Mittheilung der Königlich Preußischen Gesandtschaft am Großherzoglichen Hofe wurde am 12. Februar 1880 in der Gemeinde Holzhauseu,

Kreises Minden in Westfalen, eine geisteskranke Frau und in deren Begleitung ihr angeblicher, etwa 5 Jahre alter Sohn Richard im hülflosen Zustande angetroffen.

Die Geisteskranke nannte sich Marie von Hesse, wollte die Tochter eines in Apenrade wohnhaft gewesenen Majors von. Wochenfuß und tue Wrttwe

eines vor 6 Jahren in Hamburg verstorbenen Dragoner-Officiers von Hesse sein, und behauptete, längere Zeit zu Münster in Westfalen gelebt zu haben.

Diese Angaben haben sich durchweg als falsch erwiesen und die bisher angestellten umfangreichen Nachforschungen zur Feststellung der Persönlichkeit der inzwischen am 3t. März 1881 in der Provinzial-Jrrenanstalt Marsberg verstorbenen Frau und ihres noch jetzt in der Armenpflege der Gemeinde Holzhamen befindlichen angeblichen Sohnes Richard haben bisher zu einem Resultate nicht geführt.

Die Verstorbene war etwa 35 Jahre alt, von mittelgroßer, schlanker Statur, hatte blonde Haare, graue Augen, gewöhnliche Nase,, breiten Mund und ein scheues unsicheres, sie als blödsinnig kennzeichnendes Wesen. Sie war mit einem gewöhnlichen Nesselanzuge bekleidet und ihr Benehmen ließ darauf schließen, daß sie keineswegs der höheren Gesellschaftsklasse angehöre. Nach ihrer Sprache ftammte sie aus Ost- oder Westpreußen, ihre Religion war katholisch.

Wenn von Behörden oder Privaten Auskunft über die bezeichnete Person ertheilt werden kann, so wolle solche uns alsbald mitgetheilt werden. Gießen, den 21. November 1882. .Großherzogliches Kreisamt Gießen.

____________Dr. Boekmann.__________

Bekanntmachung.

Im Auftrage Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz benachrichtigen wir die Interessenten, daß die Wirkung der spanischerseits erfolgten Kündigung des Handels- und Schifffahrtsvertrags mit Spanien bis zum 15. December l. I. hinausgeschoben worden ist.

Gießen, den 20. November 1882. Großherzogliche Handelskammer.

Ed. Silbereisen.

Berlin. Die Etatsstärke des deutschen Heeres, mit Einschluß Bayerns, wird sich im nächsten Jahr belaufen aus 18,117 Osficiere, 5 t,587 Unterosficiere, 788 Zahlmeister-Aspiranten, 5325 Spielleute (Unterosficiere); 8102 Spielleute (Gemeine), 347,849 Gefreite und Gemeine, 3532 Lazarethgehilfen, 10,091 Oeco- nomiehandwerker, 1698 Militärärzte, 782 Zahlmeister, 618 Roßärzte, 656 Büch­senmacher, 99 Sattler und 81,598 Dienstpferde. Auf die Infanterie kommen davon 9529 Officiere, 28,491 Unterosficiere und 231,687 Gefreite und Gemeine, auf die Jäger 424 Officiere, 1144 Unterosficiere und 9376 Gefreite und Ge­meine, auf die Landwehr-Bezirkscommandos 326 Osficiere, 2506 Unterosficiere und 243,316 Gefreite und Gemeine, aus die Kavallerie 2358 Officiere, 7247 Unterosficiere und 53,518 Gefreite und Gemeine, auf die Artillerie 2530 Offi­ciere , 8896 Unterosficiere und 39,049 Gefreite und Gemeine, auf Pioniere rc. 406 Osficiere, 1479 Unterosficiere und 3708 Gefreite und Gemeine, und auf den Train 200 Officiere, 992 Unterosficiere, 3168 Gefreite und Gemeine. Außerdem fallen noch 313 Officiere, 831 Unterosficiere und 90 Gefreite und Gemeine auf besondere Formationen (Schloß-Gardecompagnie u. s. w.) und 2031 Officiere auf nicht regimentirte Osficiere u. s. w. (Kriegsministerium, höhere Truppen­befehlshaber, Gouverneure u. s. w.).

Mit Rücksicht auf die jüngst gebrachte Nachricht in Betreff der Landsturmpflichtigen erfahren wir nach weiter eingezogenen Informationen, daß an maßgebender Stelle von irgend welcher Absicht, statistische Erhebungen betreffs der Zahl und der Art der militärischen Ausbildung der Landsturmpflichtigen anzustellen, nichts bekannt ist.

Der Cultusminister hat von den Regierungsbehörden einen Bericht über die Zahl der Volksschulen einschließlich Mittelschulen eingefordert, in welchen die Knaben Turnunterricht und in welchen sie solchen nicht erhalten. In dem Berichte soll auch ersichtlich gemacht werden, ob der Turnunterricht nur im Som­mer oder während des ganzen Jahres ertheilt wird und welche Geräthe benutzt werden. Ferner sollen für die Schulen, wo bisher der Turnunterricht nicht ein- gesührt ist, die Gründe hierfür angegeben werden.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Eorresponderrr-Brrrearr.

Berlin, 21. Novbr. DerPost" zufolge hat der Kaiser den Kron­prinzen Rudolf von Oesterreich zur Hofjagd in Letzlingen eingeladen und würde der Kronprinz am 30. ds. in Berlin eintreffen.

DieNordd. Allg. Ztg." sagt bezüglich höherer Holzzölle: Der Raub­bau des Auslandes sucht auch bei der Forstwirthschaft die heimische Production tobt zu machen. Wir können und müssen sogar, wenn wir rationell wirth- schaften wollen, die einzelnen Zollpositionen auf Holz erhöhen, ohne zu be­fürchten, daß die Differenz ganz und gar auf die deutschen Consumenten abge­wälzt würde.,

Leipzig, 21. Novbr. Das Reichsgericht verhandelte heute die Revision der in dem Berliner Centralstraßen-Proceß wegen Untreue mit Gefängniß und Geldstrafen verurtheilten Angeklagten Prehn, Behr, Heymann, Jansen, Jäckel, Schmidt und Voldt, verwarf die Revision von Schmidt, Prehn und Heymann, hob das Urtheil gegen Jansen, Jäckel, Behr und Voldt auf und verwies die Sache zur anoerweiten Verhandlung an die erste Instanz zurück.

Kopenhagen, 21. Novbr. Im Landsthing beantragte der Kriegs­minister wie im Vorjahre für Heer und Flotte einen Credit von 72,283,000 Rdlr. auf 10 Jahre vertheilt.

Paris, 21. Novbr. Bernard, ein Mitglied der Internationale, wurve heute wegen der jüngsten Vorgänge in Lyon hier verhaftet.

London, 21. Novbr. Der Criminalgerichtshof verurtheilte William Brookshaw, welcher angeklagt war, einen Brief an den Prinzen von Wales

gerichtet zu haben, worin er dem Prinzen mit Ermorden drohte, zu 10 Jahren Zwangsarbeit.

Moskau, 21. Novbr. In dem Processe gegen den Kassirer desFin­delhauses Melnitzky wegen Veruntreuung von 307,000 Rubeln wurde derselbe für schuldig befunden und zur Aberkennung der Standesrechte und Ansiedelung in Tomsk verurtheilt.

Belgrad, 21. November. Der Sections-Chef des Finanzministeriums Wukasin Petrovic und der Zolldirector Stojanovic reisen übermorgen nach Berlin wegen des Abschlusses des serbisch-deutschen Handelsvertrages.

Gegenüber der anderweitigen Meldung auswärtiger Blätter wird ver­sichert, daß der Patriarch Joachim in Konstantinopel nicht nur den hiesigen Metropolitan-Verweser anerkannt, sondern auch die Absetzung des Metropoliten Michael für gesetzlich erklärt und den letzteren ausgefordert habe, sich in seine Absetzung zu fügen.

Alexandrien, 21. Novbr. Der internationalen Sanitäts-Commission neuerdings zugegangene Nachrichten der egyptischen Delegirten in Mekka melden im Gegensatz zu dem Berichte des türkischen Jnspecteurs, daß die Cholera noch nicht erloschen ist. 12 pCt. der britischen Truppen sind erkrankt.

D>e durch das Feuer zerstörten Gebäude des Departements der Staats­domänen und die dazu gehörigen Grundstücke sollen demnächst öffentlich verstei­gert werden.

Wie verlautet, würde Nubar Pascha gegen Ende dieses Monats nach Egypten zurückkehren.

Kairo, 21. Novbr. Nach demTemps" wird die Nachricht von der Abtretung des Hafens von Massuah an den König von Abessynien officiell dementirt.

Stockholm, 21. November. Der Grotzherzog von Baden traf heute früh 9 Uhr 35 Mm. hier ein und wurde am Bahnhofe, auf welchem eine Ehrenkompagnte des 2. Leibgarde-Regiments mit der Musik und der Fahne ausgestellt war, von dem Könige, dem Prinzen Eugen, den höheren Ofsicieren und den Spitzen der Behörden begrüßt. Die am Bahnhofe versammelte große Volksmenge empfing den Grotzherzog mit enthusiastischen Anrufen. Zur Feier des Tages hatten viele Häuser geflaggt.

Die Pathen bei der am 25. ds. Mts statlfindenden Taufe des Herzogs von Schoonen werden sein: Der König und die Königin von Schweden, der Herzog^ Os­car von Gothland, der Großherzog und die Großherzogin von Baden, Kaiser Wilhelm und Kaiserin Augusta, der Kronprinz und die Kronprinzessin des deutschen Reiches, die Königin von Sachsen, der Erbgroßherzog von Baden, bie Prinzessin Eugenik, Prinz und PUazvssin Wilhelm von Baden, die Herzogin von Sachsen-Coburg-Gotha, die Fürstin-W'Uwe von Wied, der Herzog von Rastau, die Königin von Ruman en, Großfürst Michael von Rußland, Großfürstin Olga von Rutzland, die Kronprinzessin von Dänemark und die Kaiserin Eugenik.

Petersburg, 21. November. Der Kaiser und die Kaiserin, die gestern Mittag mittelst Exlrazuges von Gatschina hier eingetroffen waren, begaben sich zunächst in einem zwe>spännigen Schlitten nach dem Anitschkoff-Palais unb später von dort nach der Michaels-Manege, um der Kirchenparade des Moskauer Leibgarde-Regiments der- ruwobnen Bei her Sofort durch die Stadt wurden der Kaper und die Karserm von er Bevölkerun mit jubelnden Hurrahrufen begrüßt Nach der Parade fand im Anstschkoff-Palats em Dejeuner non 180 Gedenken statt, °n welchem »as kaiserliche Gefolae eine Anrafol höherer Officiere und die Osficiere des Moskauer ßeibgarbe; ^^iXntT^bSmen Der Kaiser und die Kaiserin begaben sich hierauf noch zu Schloten zum Großfürsten Michael, dem sie einen Besuch abstatteten und kehrten gegen 4 Uhr nach Gatsch

Lokales.

«itfteit, 22. November. (Sterblichkeit in Gießen.) In unserer Stadt betrug die Rabl der Todesfälle während der Woche vom 12. bis 18. November im Ganzen 9 und zwar wurden 6 Kinder und 3 Erwachsene betroffen. Von Kindern im ersten 9ebensiabre starben 2 kurz nach der Geburt in Folge allgemeiner Schwäche und bei einem das nicht ärztlich beobachtet worden war, konnte eine bestimmte Todesursache nicht angegeben werden. Von älteren Kindern erlagen wieder 2 der Diphtherie, eins einer Gehnncntzündung. Bet den 3 verstorbenen erwachsenen Personen war je einmal Lungenentzündung, Blutung, Gehirnerweichung die Todesursache. G.