Ar. 222. Samstag den 23. September 1882.
Meßmer Anzeiger
Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.
Bureau: Schulst.crße 7.
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Deutschland.
Berlin, 20. Septbr. Die „Prvv.-Corresp." schreibt in einem „Zwanzig Jahre" überschriebenen Artikel:
Am 23. September kehrt der Tag wieder, an wckchem Komg Wühelm vor zwanzig Jahren den damaligen Gesandten v. Bismarck-Schönhausen zur Leitung der preußischen Politik an die Spitze des Staatsministeriums berief. Aus welche lange Reihe großer Erfolge darf Fürst Bismarck heute zllrückschauen, und mit welcher Fülle ruhmreicher Erinnerungen sind diese Erfolge für das ganze preußische und deutsche Volk verbunden!
Wendet sich der Blick zwanzig Jahre zurück, so scheint sich eine völlig andere Welt aufzuthun. Wie verschieden das Einst und Jetzt, — und doch wieder in mancher Beziehung wie ähnlich!
Damals Preußen als Großmacht kaum beachtet, unter dem Eindruck diplomatischer und militärischer Mißerfolge stehend, welche Vielen den Glauben an Preußens Beruf und Zukunft genommen und dem politischen Pessimismus und Radikalismus Thür und Thor geöffnet hatten. Im deutschen Bunde machtlos, und dieser selbst eine Scheinexistenz führend, ohne einheitliches politisches Leben, weil durch "ben inneren Widerstreit zweier ebenbürtiger Glieder in seiner Entwickelung ausgehalten und durch die Macht des Partikularismus gehemmt. Heute ein mächtiges Preußen an der Spitze des geeinten Reichs, regiert von der milden Hand eines geliebten und gerechten Kaisers, dessen Fürstliche Bundesgenossen in Reichstreue mit einander wetteifern und die festesten Stützen der nationalen Einheit bilden. Das Reich selbst als starker Friedenshort anerkannt und von allen Rationen hoch geachtet; ihm treu verbunden der Kaiserstaat an der Donau, beide ihrem besonderen Berufe nachgehend, sich in ihren Cultur- und Friedens- Zwecken unterstützend, ohne einander zu hindern. Wofür Jahrzehnte lang geredet, gedichtet und gesungen worden, das ist zur Wirklichkeit geworden, durch die That unseres Kaisers und seines treuen Kanzlers, der, jeder Zeit bereit, den Befehlen seines Königlichen Herrn mit Hingebung und Aufopferung nachzukommen, seine gewaltige schöpferische Kraft und seinen eisernen Willen an die Verwirklichung der Königlichen Politik setzte.
So verschieden das Einst und Jetzt, so ähnlich doch wieder die Strömungen von heute und damals.
Dem nationalen Werk der wirthschaftlichen und socialen Reformen stellen sich heute dieselben Gegner in den Weg, welche vor zwanzig Jahren den Vorbereitungen zur Einigung Deutschlands entgegengetreten waren. Mit denselben Mitteln wie damals sucht man heute den leitenden Staatsmann zu bekämpfen und in der Fortsetzung seines Weges zu hindern. Die Beschuldigungen und Anklagen jener Zeit kehren heute vielfach wieder. Auch heute werden die Freiheiten und Rechte des Volkes als bedroht hingestellt. Auch heute treten Bestrebungen heran, welche geeignet sind, die Vertretung des Volkes in einen Gegensatz zur Krone zu bringen. Wie damals hat vielfach Mißstimmung Platz gegriffen, und die Freude an den Erfolgen jener großen Zeit ist einer gewissen Entmuthigung gewichen. Dieser Mißklang, welcher gegenwärtig unser politisches Leben durchzieht, ist um so schärfer, als er seine Erklärung nicht mehr in dem Unbefriedigtsein der nationalen Sehnsucht findet. Aber in dem Besitz der wiedergewonnenen nationalen Einheit ist auch zugleich das beste Mittel und die Gewähr gegeben, der Mißstimmung Herr zu werden und die Gegensätze zu versöhnen.
Ueber den Kämpfen und Parteiungen des Tages erhebt sich der nationale Gedanke. Möge Jeder diesen Gedanken in sich leuchten lassen und Hochhalten, — mit ihm und durch ihn werden auch die Kämpfe dieser Zeit überwunden werden. r _ Ä
Dresden, 20. September. Se. Maiestat Kaiser Wilhelm hat an den König folgendes Handschreiben gerichtet:
„Durchlauchtigster, Großmächtigfter Fürst, freundlich lieber Vetter und Bruder! Die am heutigen Tage beendigten diesjährigen großen Herbstübungen des 12. (Königlich sächsischen) Armeecorps haben ein in jeder Beziehung so sehr erfreuliches Resultat ergeben daß Ich Ew- Majestät Land und Truppen nicht verlassen kann, ohne Meiner schon nach den einzelnen Uebungstagen ausgesprochenen lebhaften Befriedigung und Anerkennung nochmals gegen Ew. Majestät den wärmsten Ausdruck zu geben- Ew. Majestät Armeecorps befindet sich in der That nach jeder Richtung in einem besonders guten Ausbtldungszustan'oe und laßt erkennen, daß das im Kriege und Brieden bewährte Soldatenauge seines Königs diese Ausbildung auf das sorgfältigste überwacht und datz an derselben an allen Eommandostellen mit großer Sachkenntniß und Lnnaabe gearbeitet wird. Ich spreche Ew- Majestät Meinen herzlichen Glückwunsch »u solchem Resultat aus und empfinde eine aufrichtige Freude darüber, Mich immer wieder zu überzeugen, wie sehr Unsere Ansichten über die hohe und weitgreifcnde Wichtigkeit des kriegstüchtigen Zustandes der Truppen übereinstimmen. Ew- Majestät bitte Ich, auch Ihren Truppen und insbesondere auch ihren Führern, vor Allem aber dem commandirenden General, Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen Georg, Herzog zu Sachsen, Kenntniß von Meiner lebhaften Anerkennung ihrer Leistungen geben zu wollen und bitte Ich zugleich auch meinen wärmsten Dank für die überaus freundliche und Meinem Herzen sehr wohlthuende Ausnahme entgegen zu nehmen, die Mir in Ew- Majestät Hause und in Ihrem Lande zu Theil geworden ist. Mit der Versicherung der vollkommensten Hochachtung und wahren Freundschaft verbleibe Ich Ew. Majestät freundwilliger Vetter und Bruder." gez. Wilhelm.
Freiburg, 20. Septbr. Die Zahl der bei dem Hugstetter Eifenbahn- Unfall Verunglückten steht nunmehr fest. Es sind sofort getödtet worden und bisher an ihren Verletzungen gestorben im Ganzen 75 Personen: schwer und mittelschwer verletzt sind 95 Personen und leichtere Verletzungen haben gegen 100 Personen davongetragen. Die Gesammtzahl aller Verunglückten beläuft sich hiernach auf die furchtbar hohe Ziffer von 270. Von den Schwerverwundeten schweben noch vier in Lebensgefahr, so daß die Zahl der Todten sich noch
vermehren kann. Uebrigens befinden sich auch viele weniger schwer Verletzte nicht außer aller Gefahr, da Mancher innere Verletzungen davongetragen haben dürfte, wie ein Vorfall in Colmar beweist. Ein Colmarer Bürger hatte sich auf dem verunglückten Zuge befunden und war anscheinend mit heiler Haut davongekommen, obgleich er eine heftige Erschütterung erhalten hatte. Vor einigen Tagen beteiligte er sich am Tanze; kaum hatte er aber einige Umdrehungen gemacht, als der bis dahin gesund gewesene Mann tobt zusammen- stürzte. — Die von der Kaiserlichen und Großherzoglich Badischen Familie, sowie aus vielen Thellen Deutschlands den Verunglückten und ihren Angehörigen zu Theil gewordene warme Theilnahme und kräftige Unterstützung hat manche Wunden geheilt. Die Roth ist freilich auch groß, und wenngleich schließlich die Eisenbahnverwaltung nach Lage der Sache für allen Schaden wird aufkommen müssen, so wird dahin noch geraume Zeit verfließen. Inzwischen wird aber die öffentliche Mildtätigkeit einzugreifen haben, um die augenblickliche Roth zu lindern. Die Regierung nimmt sich der Beschädigten kräftig an und hat bereits die nöthigen Schritte gethan, um den Umfang des Schadenersatzes bei jedem Einzelnen festzustellen.
Straßburg- 20. Septbr. Der Procch gegen Streckert, dem Redanten der Tabakmanufaktur, wegen Unterschlagung, begann heute vor der hiesigen Strafkammer um 9 und dauerte bis 1 Uhr. Die Mitglieder der Sachverstän- digen-Commission motivirten ihr Gutachten in längeren Reden. Diese fachmännischen Klarlegungen über Betrieb, Geschäftsleitung und Bücher lassen durch ihr vernichtendes Urtheil über die haarsträubendste Mißwirtschaft alle bisherigen „Enthüllungen" weit hinter sich. Rach dem Verhör von über 20 Zeugen wurde die weitere Verhandlung auf morgen vertagt. Der Proceß gegen den 11 Monate in Untersuchungshaft gehaltenen Streckert ist zur furchtbarsten Anklage der Aera Roller geworden. — Rach einem Telegramm der „Franks. Ztg." vom Gestrigen ist Streckert freigesprochen worden.
Schweiz.
Vern, 20. Septbr. Der starke Schneefall im Hochgebirge und der anhaltende Regen in den Thälern haben zahlreiche Verkehrsstörungen im Gefolge. So hat die eidgenössische Postverwaltung die Fahrten über die Gebirgspässe Furka, Lukmanier und Oberalp wegen gewaltigem Schneefall provisorisch eingestellt; Simplon und Splügen sind ebenfalls unterbrochen. Die Gotthard- bahn hatte wiederholt mehrstündige Verspätung in Folge Erdrutschen und Wildwasser.
Kesternich.
Wien, 20. Septbr. Die Nachrichten aus Tprol sind andauernd düster; selbst Fußgängern ist das Vordringen über Brixen unmöglich. Das Etschthal von Gargazon bis Salurn ist ein See. Die Meraner Bahn ist zerstört. Die Eisenbahndämme südlich von Waidbruck sind bis auf zwei Strecken, 300 Meter breit, weggerissen. Die Ingenieure sind noch ganz im Ungewissen, wann die Bahn wieder fahrbar sein wird. Toblach und Niederdorf sind halb zerstört. Die Regen sind neuerdings stark. Der Bahndamm der Bahn von Bozen nach Branzoll ist total zerstört. Einzelne Stationen sind vom Hochwasser eingeschlossen. Da der Telegraph, die Bahn und die Poststraße bei Linz zerstört sind, so ist jeder Verkehr abgeschnitten und nur über die Gebirge die Rettung mit Lebensgefahr möglich. Die Situation ist trostlos.
Wien, 21. September. Bei Moscou entgleiste heute ein Eisenbahnzug, welcher von Militär besetzt war; mehrere Soldaten wurden getödtet.
— In Cattaro fanden in Folge der Gerüchte über bevorstehende Massacres christlicher Familien in Scutari Ansammlungen der bewaffneten Bergstamme statt, welche ihren Glaubensgenossen zu Hilfe eilen wollten. Die Consuln in Scutari verlangten von dem Gouverneur eine Verstärkung der Garnison. (ur-
Trieft, 21. September. Oberdank machte vorgestern Anstalten, üch durch Erhängen zu entleiben. Sein Zellengenosse entdeckte das Vorhaben und seitdem ist der Attentäter unausgesetzt von Wächtern bewacht. Oberdank wünscht. ^ugZonge z sprechen, die Eltern aber weigerten sich und schickten den Onkel. An der Unterredung mit diesem sagte er: was ich that, habe ich thun müssen. Es ist nachErh 0, welche von Italienischer Seite in Udine und m Grenzorten S°^°L"^rd-n, erwi« daß eine Schaar von etwa zwanzig Trieftiner Jünglingen, zumeist De erteure der eye maligen einjährig Freiwilligen vom 17. und YL Wment, nor mengen SBoä^tn Udine sich zusammengesunden und beschlossen habe, die Kaisertrm n-ituna Bomben verruchten Anschlag zu stören. Der Mann, unter d-N-n Aussicht und Leitung Bomben hergestellt wurdm. soll ein Russe fein, der einem Vdj£?ieft
und in den letzten Tagen in Undme gesehen wurde. E «U$ gehen und den Plan zur That werden lassen soll. Oberdanr s ^came g,n» Urne hervor und fein Begleiter weidete sich fteiwillig. ^st kürzlich bei Gelegenheit Gefahr, aus dem Kreise ausgewmeu zu-werden,, eii h er,t ru z meId)c gr0ßeg der Enthüllung des Mazzini-Monumente-i republkA^^ l durch die Flucht nach A-rg-rniß erregten; er entzog ftd) ber Slusmetiu B \ » worin gedroht wird, Udine An die Polizei soll ein im$ °«>‘ len be|geUgt.
Ler"MftNdkge'OZe?dani's solltest,? Fsich-barke nach Chioggia entkommen sein.
England.
en„hn„ nn Seotbr Alle englischen Blätter preisen General Wol- . , Die' Daily News" vergleichen ihn mit Carnot und
Moltke^An Ovattonen und Ehrenbezeigungen wird es nicht mangeln, wenn der conauerine hero“ nach England zurückkehrt. Der Krtegsmmtster hat em böckst sckrneichelbaftes Telegramm an den General gerichtet, worm er m $u§; hrürfpn Tr Xrounberunq von den von ihm geleisteten Diensten und dem Ver- halten" der Osficiere und Mannschaften der unter seinen Befehl gestellten Trup-


