Einzelbild herunterladen

Nr. 195. Mittwoch den 23. August 1882.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

~ * *** ,, . v «rx A - Preis vierteljährlich 2 M»rk 20 Pf. mit Brin-erlohrr

Bureau r Schulftraße B. 18. Erscheint tätlich mit Ausnahme deö Montag». Lurch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hhcil.

Betreffend: Die Anlage von Feldwegen und Entwässerungsgräben rc. in der Gemarkung Gießen, hier: die Gradlegung des Krofdorfer Weges.

Bekanntmachung.

Die im Anschlüße an die dermalen im Gange befindliche Consolidation nachträglich noch geplante Gradlegung des Krofdorfer Weges ist bei der Abstimmung vom 15. l. M. mit Stimmenmehrheit abgelehnt worden. . r , . .

Das bezügliche Protokoll mit Anlage wird 14 Tage lang auf der Großherzogltchen Burgermetsteret Greßen unter dem Anfugen offen ge egt, daß eme Anfechtung der Zulässigkeit, oder Rechtsbeständigkeit der Abstimmung oder des vorbemerkten Resultates derselben, nur binnen der angegebenen Frrst bet Meldung des Ausschluffes'mittelst Recurses an den Kreis-Ausschuß zulässig ist.

Gießen, am 21. August 1882. Großherzogltches Kretsamt Gteßen.

g. $.: vr. Hoffmann, Regterungsrath. _____

mm------------

Politische Ueberfkcht.

Gießen, 22. August.

Die Vorbereitungen zu den preußischen Landtagswahlen sind zwar in erster Linie für Preußen von Interesse, aber bei der führenden Rolle Preußens im deutschen Reiche kann der Ausfall dieser Wahlen auch für die andern deut­schen Bundesstaaten nicht gleichgiltig sein, denn der Stand der inneren politi­schen Verhältnisse des leitenden Bundesstaates ist erklärlicher Weise auch auf diejenigen des ganzen Reiches von Einfluß. Indessen ist die Wahlbewegung zur Zeit noch nicht derartig entwickelt und geklärt, um sich ein übersichtliches Bild von derselben verschaffen zu können; im Allgemeinen läßt sich nur erkennen, daß es sich darum handelt, ob die im preußischen Abgeordnetenhaus feit.1879 be- stehende conservativ-klerikale Mehrheit sich behaupten oder einer liberalen Majo- rität Platz machen wird; die Möglichkeiten einer liberal-conservativen oder gar klerikal-fortschrittlichen Mehrheit stehen zu sehr im Hintergründe, als daß man sich mit ihnen ernstlich beschäftigen könnte. Es zieht deshalb vor Allem die Wahlbewegung lm liberalen und im conservativen Lager die Aufmerksamkeit auf sich, daneben sind aber auch die Agitationen der Ultramontanen bemerkenswerth, denn wie bei den Reichstagswahlen, so werden auch bei den preußischen Landtagswahlen die ultra- montanen Wähler in vielen Kreisen den Ausschlag zu geben haben. Man muß hierbei an den Beschluß der schlesischen Centrumspartei erinnern, unter keinen Umständen für einen Nationalliberalen oder Freiconservativen einzutreten und da auch für die klerikalen Wähler in den westlichen Provinzen Preußens eine ähnliche Parole ausgegeben werden dürfte, so werden die gemäßigten Elemente ihre Reihen eng zusammenschließen müssen, wenn sie mit Erfolgs aus der gegenwärtigen Wahlbewegung hervorgehen wollen.

lieber die Haltung der preußischen Regierung in der Staatspfarrerfrage" liegen noch immer keine bestimmten Nachrichten vor. Das Vorgehen des Breslauer Fürstbischofs gegen die Staatspfarrer hat allerdings in den leitenden Berliner Kreisen peinlich berührt, doch deutet einstweilen nichts darauf hin, daß die Regierung in dieser Angelegenheit irgendwelche Schritte gegen den Fürstbischof thun wolle, dagegen soll man in Berlin über das Auf­treten des genannten Kirchenfürsten in Sachen der gemischten Ehen viel ver­stimmter sein, welches mit dem Stocken der Verhandlungen mit der Kurie in Verbindung gebracht wird. Entscheidende Schritte in den kirchenpolitischen Ange­legenheiten werden vor den allgemeinen Wahlen dieses Herbstes jedenfalls Seitens der preußischen Regierung nicht erfolgen.

In der Vertretung Deutschlands im Auslande herrschen jetzt ver­schiedene Vacanzen, zum Theil sogar an wichtigen Punkten. Die deutschen Gesandtschastsposten in Washington und im Haag sind schon seit längerer Zeit verwaist, aber bestimmte Persönlichkeiten für dieselben scheinen von der Reichs- regierung noch nicht in's Auge gefaßt worden zu sein. Außerdem sind drei wichtige deutsche Consulate, die zu Syra, Piräus und Athen, durch den Tod der bisherigen Inhaber dieser Posten, erledigt, lieber die Neubesetzung der Consulate in Syra und Piräus verlautet ebenfalls noch nichts, dagegen soll zum deutschen Generalconsul Dr. Oberg, Dolmetscher bei der deutschen Gesandt­schaft in Athen, ernannt werden.

In den österreichischen Nationalitätenstreit klingt als neue Dissonanz die zwischen Alt- und Jung-Czechen entstandene Fehde hinein. Den Anlaß zu derselben gab der Prüfungs-Erlaß, welcher von den czechischen Can- didaten der Prager Universität die Kenntniß der deutschen Sprache verlangt. In einem Briefe Dr. Riegers, des Führers der Alt-Czechen, anNarodni Listy", des Organs der Jung-Czechen, hatte derselbe seiner Meinung unverblümt Aus­druck gegeben, daß für jeden Gebildeten der czechischen Nation die Kenntniß des Deutschen unerläßlich sei, was im Lager der radckalen Jung-Czechen einen Sturm der Entrüstung gegen Dr. Rieger und dessen Gesinnungsgenossen ent­fesselte. Zwischen Alt- und Jung-Czechen ist in Folge dessen eine merkbare Verstimmung eingetreten, die möglicher Weise zu einem Bruche zwischen beiden Parteien führen kann. Der ungarische Minister für Landesvertheidigung, Oberst Szende von Keresztes, ist am 18. August gestorben.

In Frankreich ist mit dem Schlüsse der Kammersefsion politische Windstille eingetreten, die bis jetzt nur durch unbedeutende Ereignisse unter­brochen worden ist. Eine derartige Unterbrechung bildete die Feier des Napo­leonstages am 15. August, welche von den Bonapartisten durch Abhaltung von Messen und Banketen in Scene gesetzt wurde. Die Betheiligung an diesen Demonstrationen war Heuer viel zahlreicher, als in den früheren Jahren, was von den Bonapartisten natürlich als ein Anwachsen ihrer Sache ausgelegt wird-

Die bonapartistischen Organe haben denn auch bereits einen recht zuversichtlichen Ton angeschlagen, aber vor der von ihnen geträumten Wiederherstellung des Kaiserreichs in Frankreich dürfte noch viel Wasser die Seine hinunterfließen. Die Arbeiter-Unruhen in Monceau les Mines sind rasch wieder unterdrückt worden; 20 Personen, meist Fremde, wurden verhaftet.

Das englische Parlament hat sich am vergangenen Freitag nach kurzer Sitzung bis zum 24. October vertagt. Die englischen Volksvertreter werden gerade nicht mit sehr angenehmen Gefühlen in die parlamentarische Pause eintreten, denn in Egypten geht England anscheinend einem schweren Kampfe entgegen und die irische Frage steht nicht nur ungelöst da, sondern sie ist durch zwei aufregende Vorfälle der letzten Tage nur noch ernster geworden. Der eine dieser Vorfälle bezieht sich auf die, wegen eines Preßvergehens erfolgte, Verurthellung Gray's, des Parlaments-Deputirten und Hochscheriffs (Ober­landesrichter) für Dublin uno außerdem Herausgebers vonFreeman's Journal" zu dreimonatlichem Gesängniß. Mr. Gray ist bereits verhaftet worden und seine Verurthellung und Verhaftung hatten in Dublin eine ungeheure Aufregung erzeugt und nur einem beschwichtigenden Ausrufe des Dubliner Oberbürger- meisters, Parnell's und anderer irischen Deputirten ist zu danken, daß die aufgeregten Volksmaffen nicht mit dem Militär in Conflict gerieten. Dann aber lenkt ein neues Agrarverbrechen wiederum die Aufmerksamkeit auf das empörende Treiben der Landliga. Am Abend des 17. August wurde in Mullaghadruma (Grafschaft Mayo) eine Familie von einer aus Mitgliedern der Agrarliga bestehenden Bande überfallen; der Mann, dessen Mutter, Frau und Tochter wurden durch Schüsse getödtet, zwei Knaben liegen verwundet darnieder. Hoffentlich wird dieses entsetzliche Verbrechen die englische Regierung endlich über­zeugen, daß die bisherigen Mittel völlig ungenügend zur Verhinderung der Frevelthaten der irischenMondscheinler" und anderer Mordbanden sind.

Die Schweizer Industriellen wollen sich bei dem Resultate der jüngsten Volksabstimmung in der Schweiz, wonach der Antrag des Bundesraths auf gesetzlichen Schutz für industrielle und gewerbliche Erfindungen mit 150,000 gegen 139,000 Stimmen abgelehnt wurde, nicht beruhigen. Die Schweizer Handels- und Gewerbekammern werden gemeinsam diese Frage noch einmal vor den Bundesrath bringen, der darüber in seiner nächsten December-Session Be­schluß zu fassen haben wird.

Die Konstantinopeler Conferenz wird ihre mehr als zweifelhafte Rolle in nächster Zeit ausgespielt haben. Die Conferenz-Delegirten sind bereits dahin instruirt worden, gegenüber dem Wunsche der Türkei, auf Fortsetzung der Verhandlungen an der Vertagung der Conferenz festzuhalten, und so wird die letztere vielleicht auseinandergehen, ohne daß die Mllitär-Convention zwischen England und der Pforte abgeschlossen worden ist, welche der Conferenz unter­breitet werden sollte. Lord Dufferin, der englische Botschafter in Konstantinopel, hat zwar Vollmacht erhalten, bezüglich der Convention die eine ober andere Concession zu machen, wenn er dies für nöthig halten sollte; da aber an dem Princip der englischen Vorschläge nichts geändert werden darf, so erscheint der Abschluß der anglo-türkischen Convention noch sehr fraglich. D:e Psorte hat sich mit Rußland nunmehr dahin geeinigt, daß die Zahlung der an Rußland zu leistenden Kriegsentschädigung von 802V2 Mill. Frcs. in Jahresraten von 350,000 türkischen Pfund geschehen foll, welche Summe durch 75 pCt. vom Ertrage der Schafsteuer und des Zehnten in verschiedenen asiatischen Zülajetö

^Auf bem egyptischen Kriegsschauplatz scheint es bei Port Said zu den ersten ernsten Kämpfen kommen zu wollem (Wettere Nachrichten aus Egypten bringen wir an anderer Stelle unseres Blattes).

Deutschland.

Darmstadt, 21. August. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben

Allergnädigst ^geniht - Aspiranten Philipp Adolph Kratz aus

Dudenhofen zum Districtseinnehmer der Dfftnctsemnehmerer Grebenham zu

ernennen.

England.

GVr Times" ist von ihrem Konstantinopeler Correspondenten unterm 15 6 Wortlaut her ="m Sultan gegen Arabi zu erlassenden Proklamation über-

mlttelt morden Das Schriftstück lautet tm Wesentlichen:

mlttelt wordem >a s aty Äaiferli$en Majestät dem Sultan gesallen hat, das Vicekön'igthum von Egypten Seiner Hoheit M-h-med Tewfik Pascha gemäß der durch