Ausgabe 
23.4.1882 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 23. April

Zweites Blatt

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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Nursan r Schulstraße B. 18.

Preis viertAjährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

ießenet Anzeiger

Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gieße».

Giesßen, 22. April. !

Der Kaiser ist am Mittwoch Vormittag in bestem Wohlsein 1 in Wiesbaden eingetroffen. Ueberall in den Straßen, welche der Dconarch ' durchfuhr wurde er von der zahlreich herbeigeströmten Volksmenge mit flibeln- den Zurufen begrüßt. An genanntem Tage verließ auch die Kaiserin Berlin, um zunächst einen 24stündigen Aufenthalt in Weimar zu nehmen und dann am , Donnerstag nach Wiesbaden weiter zu reifen, wo sich die Kaiserin bei ihrem - hohen Gemahl acht Tage aufzuhalten gedenkt. .

Wenn wir einen kurzen Blick auf die allgemeine politische Weltlage werfen, so müssen wir gestehen, daß gegenwärtig am europäischen Staaten- Himmel fast nirgends dunkele Punkte zu entdecken find, aus denen sich ern drohendes Wetter entwickeln könnte. Besonders reinigend auf die politische Schwüle welche immerhin seit den aufrührerischen Reden Skobeless's und seiner vrnslavistischen Frennde herrschte, hat die Ernennung des Herrn v Giers zum Leiter der auswärttigen Politik Rußlands gewirkt; denn die maßvollen An­schauungen Herrn v. Giers sind bekannt und seine Ernennung ist daher als eine neue Bürgschaft für die Erhaltung des europäischen Friedens zu betrachten. Der einzige Gegenstand, welcher vielleicht Anlaß zu Besorgnissen bieten könnte, ist die eayptische Frage, doch auch hier überwiegt die zuversichtliche Erwartimg, daß es gelingen werde, auch bezüglich dieser Frage das Einvernehmen zwischen den Mächten zu erhalten. Wenn wir uns nun aber zu unfern inneren Ange- leqenheiten wenden, so können wir uns leider nicht verhehlen,^daß dieselbe mancherlei Schwierigkeiten bieten. Vor Allem ist es die vor der Thür flehende Mhjahrssession des Reichstages mit den in ihr zur Erörterung kommenden großen wirthschaftlichen Fragen, ivelche unserer inneren Politik Mit schweren Stürmen droht, denn die Rieinungen und Anfichten der einzelneii Parteien stehen sich in diesen Fragen zu schroff gegenüber, als daß man eine Vermitte­lung der feindlichen Gegensätze erwarten könnte. Doch sind mir, der festen Zu­versicht , daß es auch diesmal gelingen werde, das Reichsschiff^ aus den drohenden Stürmen heraus unbeschädigt wieder in ruhigeres Fahrwasser zu lenken. , . . . . ,

Das preußische Abgeordnetenhaus verhandelte m femer ersten Sitzung nach den Osterferien, am 18. April, nur über Vorlagen von keinem allgemeinen Interesse. Auch die nächste Sitzung am Mittwoch, den 19. April, in welcher nur Petitionen erledigt wurden, bot keine hervorzuhebenden Punkte dar.' In der Sitzung vom 20. April beschäftigte sich das Abgeordnetenhaus mit dem Nachtragsetat für die Eisenbahnverwaltung und mit Vorlagen, betr. den Bau neuer Seeundärbahnen.

Bezüglich der Aussichten des Tabakmonopols im Bundes- rathe macht sich jetzt die Ansicht geltend, daß dasselbe doch, wenn auch nur mit geringer Majorität, angenommen werden wird. Auch von Bayern heißt es, daß es seine Bedenken gegen das Monopol zwar nicht aufgegeben habe, daß tiefer Staat aber trotzdem für das Monopol stimmen werde, angeblich aus Courtoisie" gegen den Kaiser! Jedenfalls rechnet man in München darauf, daß der Reichstag schon die immerhin unangenehme Aufgabe übernehmen werde, das Tabakmonopol abzulehnen, so daß man nicht nöthig hat, im Bundesrathe zu opponiren.

König Albert von Sachsen, erst vor wenigen Tagen von einem mehrwöchentlichen Aufenthalte int Süden nach seiner Residenz zurückgekehrt, vollendet am 23. April sein 54. Lebensjahr. Wie in früheren Jahren, io sind auch diesmal im ganzen Lande die umfassendsten Vorbereitungen getroffen, um diesen Tag würdig und glänzend zu begehen und hierdurch von Neuern die alte Anhänglichkeit des sächsischen Volkes an sein Herrscherhaus zu bethätigen, wie man auch im übrigen Deutschland Antheil an dem Ehrentage König Alberts nimmt, welcher als Regent wie als Feldherr ja im Rathe der deutschen Fürsten hoch angesehen ist. .

In dem Vierer-Ausf ch der ungarischen Delegation hat am Dienstag Graf Kalnoky, der österreichische Minister des Auswärtigen, aits- führliche Erklärungen über das Verhalten Rußlands, Serbiens und Monte- negros gegenüber dem südslavischen Aufstande gegeben. Der Minister erkannte die correcte Haltung der Regierungen dieser Länder an und stellte namentlich dem Fürsten von Montenegro das günstigste Zeugniß aus. Auch der Reichs- ftnanzminister v. Szlavy constatirte, daß der Ausstand nicht von auswärtigen Regierungen geschürt worden sei, wohl aber von den panslavistischen Agitations- Comitös. Im Uebrigen hat die Regierung bezüglich der künftigen staatsrecht­lichen Stellung Bosniens und der Herzegowina nur sehr vorsichtige Erklärungen abgegeben, so daß diese Frage nach wie vor eine offene bleibt. Sowohl im Ausschuß der österreichischen wie in dem der ungarischen Delegation wurde die Kreditvorlage angenommen, in letzterem jedoch unter Streichung eines Betrages von 2,033,000 Gulden.

In Frankreich ist im Laufe der vergangenen Wache die Eröffnung der Session der Generalräthe erfolgt, wobei in verschiedenen Departements politisch gefärbte Ansprachen gehalten wurden, bei denen regelmäßig der An- llzänglichkeit für die bestehenden Einrichtungen Ausdruck gegeben wurde. Sonst Wird die Sefsion der Generalräthe allem Anscheine nach ohne besondere politische Zwischenfälle verlaufen. Der neue französische Botschafter in Petersburg, 'Adm. Jaures, hat seinen Posten angetreten.

Die jüngsten Au sschreitungen gegen die Inden, welche sich m uiner Anzahl südrussischer Ortschaften ereignet haben, sind für die russische Re­

gierung der Anlaß geworden, diesen immer wiederkehrenden Unruhen endlich energisch entgegenpitreten. Aus Balta wird gemeldet, daß wegen der dortigen Unruhen gegen 50 Protokolle ausgenommen und dem Friedensrichter bereits zu­gestellt worden seien. Die Mörder der Juden in Cherson, ein Jude, em Türke und ein Pole, sind auf Befehl des Grafen Jgnatieff fofort vor em Kriegsgericht gestellt worden; im Reichsrathe soll die Judenfrage durch ein be­sonderes Gesetz zeitgemäß geregelt werden. Wegen der Unruhen in Dubaffary, Letitschewo, Prossomikoff, Karpowitsch u. s. w. sind schon zahlreiche Verhaftun­gen erfolgt und werden die Untersuchungen energisch betrieben.

Die englische Regierung verfährt neuerdings gegen die verhafteten irischen Agitatoren mit überraschender Milde. Der eigentliche Agitator der irischen Landliga, M'Ginn, ist aus dem Kilmainham-Gefängnisse wieder entlassen worden, ohne daß er sich zu irgend etwas verpflichtet hätte. Desgleichen jmd vier andere, im Naas-Gefängnisse inhaftirt gewesene, Verdächtige bedingungslos in Freiheit gesetzt worden. Wenn Herr Gladstone jedoch glaubt, sich hierdurch die Leiter der irischen Bewegung verbindlich zu machen, so dürfte er bald ein­sehen, daß er durch diese Begnadigungen nicht im Äeindesten auf die Land- liga einwirkt. r , , ..

DieSchwedisch-Norwegische Correspondenz" bezeichnet die durch die Zeitungen gehenden Gerüchte von einer deutsch-schwedischen Allianz ale> eine Ersindung, die jeder Begründung entbehre. Die offieiellePost-och-innkes Tidningar" reprodueirt diese Aeußerungen der Correspondenz.

Die rumänische Regierungspresse kann sich bezüglich der Donau­frage noch immer nicht beruhigen. In einer Polemik gegen dieNeue Freie Presse" betont der BukaresterRomantik", daß die Donauschifffahrt weder durch Festungen bedroht, noch von einem einzelnen Staate manopollsirt werden dürfe Die Coneessionen, welche Rumänien in der Donaufrage habe machen können seien durch die Thronrede präcisirt worden, weitere Coneesfionen wurde die rumänische Regierung nur noch auf Kosten der Souveränetät der Krone machen können. . . ,.

Präsident Arthur hat dem amerikanischen Congrefse eme Botschaft zugehen lassen, in welcher er demselben dje Frage der Zusanmienbe- rufunq ' ernes Congresses der amerikanischen Staat i unterbreitet , welcher m Gemäßheit der im vorigen Jahre von dem Staatssekretär Blame erlaßenen Einladung den Zweck verfolge, Kriege zu verhindern. (Wie man sich erinnern roiro, roaf die erwähnte Einladung von den südamerikanizchen Staaten damals abgelehnt worben). _

Jnlriguen am Nil.

Gambetta hat bekanntlich in den Tagen seines höchsten Glanzes wiederholt die Ansicht xu erkennen gegeben, daß es ihn gelüste, Aegypten zu seinem ^Schleswig- Holstein ""zu machen und vielleicht nur sein allzu ftühzeiüger Sturz vom Mimsterseyel bat ihn verhindert, dieses für Europas Ruhe nicht gerade obl.che Bestreben zur Aus- sührüng zu bringen. Daß die äßpptitoe 2In0de8enbe1t ftd) 3u einem ganz hervor- raaenden^Gegenstand der orientalischen Frage ausgebildet hat, wird ledoch von allen Mächten anerkannt, aber doch scheut man sich allerseits, hier einzugre.sen wie man wohl möchte, in der Erkenntniß, daß die Folge ein europäischer Krieg sein wurde. Gambetta hätte vielleicht die bewaffnete Intervention, die er plante um das Ansehen des französischen und englischen Finanz-Controleurs und die Aufrechterhaltung der ihnen übertragenen Rechte zu wahren, ausgesührt, um zum Schluß Aegypten möglichst für Frankreich zu erhalten, was ihn natürlich in den Augen seiner Landsleute mit neuein Nimbus umgeben haben würde; aber Tollkühnheit und Extravaganzen waren trotz seiner Jahre auch nur dem ehemaligen Dictator so ctgenthümlich, wie keinem andern Staatsmann heutzutage. . . . .. = » i.

Doch Gambetta fiel; Freycinet hütete sich wob', in lernet

tapsen zu treten, und England, das Arm in Arm mir Gambetta vielleicht nach Aegypten gegangen wäre, um hinterher von dem schlauen Franzosen dupirt zu werden, ist n ch

Stande, eine solche Waghalsigkeit allein durchzuführen. Aegypten ist also trotz der Ereignisse, welche die Anstifter der Militar-Emeute vom vorigen Herbst zu Ministern machte, tioh des Beschlusses der Deputirtenkammer, welcher das Land von dem franzö­sisch-englischen Einfluß in Finanzsachen unabhängig zu machen befirebtebisher un- behelliat geblieben und die Herren am grünen Tisch haben sich, gerade wie s. Z. m Sachen Dulcigno, die Köpfe darüber zerbrochen, wie hier ein,-Regelungherbe Zufuhren wäre. Die l-tztesi Nachrichten, welche von den Usern des N.l kamen sind höchst ückem hast und unvollständig und in keinem Fall geeignet, ein deutliches Bild von den dortigen Verhältnis en zu geben. So viel laßt sich allerdings ersehen, daß von Y und Frieden nur wenig mehr als nichts vorhanden ist, daß oielmehr (grfßebtce Machthaber, in denen als auswärtige Aspiranten noch der Sultan und derExthed-ve Ismail kommen, eifrig bemüht sind, durch Jntriguen ihre Nebenbuhler zu verdrängen und sich selbst den höchsten Einfluß im Lande zu sichern- ^i seinen aller-

Rechtmäßiger Oberherr Aegyptens ist der Sultan, 1 islamitischen

dings niemals zu verwirklichenden Ideen °°n der Wiederaufruht^^g^^^ $1^ Reiches jede Art von selbr. ständigem und eigenma g - . , te s^icefönifl, dem es ist. Ganz besonders verhaßt ist ihm deßhalb ^smi , Mdul Aziz überhaupt

durch die Bestechungen der Umgebung. des dort b°-

erst gelungen ist, In Aegypten eine solche Autok at @Lattt,a^jIbe .u machen. Ismail, stehtz und die Souveränität des! Su.tans ,zueine bekanntlich verboten ist, hegt der in Italien weilt, und dem die Rückkehr s^rstuhl von Aegypten einzunehmen, fern lebhafteres Verlangen, als wieder den HerrfS-rim^ ^ice-

wovon nun freilich ebenso wenig wie C f Regent tausendmal vor-

könig. etwas wissen will. Der l^ere 'st semem ^ater bie für einen

zuziehen, aber es fehlt ihm, J[enLtroenbi0eEnergie. Abdul Hamid möchte auch morgenlandischen Fürsten unbedingt gj »nen ibm völlig willfährigen Pascha ge- ihn aus Kairo entfernen und an , em ö1 fragt und dann die Wünsche der

setzt wissen, der erst nach dem W llen Frage ,st nun, ob der vierte in der Reihe

europafichen Großmächte berücksicht g . JU Rang und Ansehen gelangte Arabi-

dreser Bewerber um Aegypten, c j steht und von dem einem gegen die

$-14«. in dem Drmst -M-- ')el,in W-,r,<u« beS Sultans, bann

ro" rrau efnma! SSmall fein Patron, und ,nicht würbe wieder bie Version laut, allein