Einzelbild herunterladen

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

1882

Nr. 22 L

1 nr = L L, = an 1 a I'VVIV « -Vfun «v iirv* «wmyvnvyn.

Bureau: Schuistrasi- 7. Erscheint täglich imt Ausnahme des Stotttag#. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Betreffend: Einsendung der Sterbfallszählkarten. Gießen, am 20. September 1882.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des ÄreikeS.

Nach Mittheilung des Großherzoglichen Kreisgesundheitsamts Gießen sind stets mehrere Bürgermeistereien mit der Einsendung der Sterbfallszähltärten und Todeszeugnisse, ivelche längstens bis zum zehnten Tage jedes zweiten Monats zu geschehen hat, im Rückstände.

Wir nehmen daraus Veranlassung, die pünktliche Einsendung einzuschärfen.

Dr. Boekmann._____

Betreffend: Gesuch des Vorstandes der Gewerbehalle zu Darmstadt um Erlaubniß zur Abhaltung einer Verloosung von Jndustriegegenständen.

Bekanntmachung.

Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat dem Vorstand des Gewerbehalle-Vereins in Darmstadt die Erlaubniß zur Abhaltung einer Verloofuna von Jndustriegegenständen im Monat December l. I. und den Vertrieb der Loose im Großherzogthum Hessen unter den Bedingungen ertheilt, daß höchstens 12 000 Loose a 1 jt. ausgegeben und mindestens 65% des Brutto-Erlöses hieraus zum Ankauf von Gewinngegenständen verwendet werden.

Gießen, am 20. September 1882. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Or. Boekmann.___

Edietalladung.

Nachdem wider den Musketier Wilhelm Rühl der 8. Compagnie 2. Großh. Hess. Infanterie-Regiments (Großherzog) Nr 116, geboren am 15. Juli 1860 zu Villingen, Kreis Gießen, der förmliche Desertionsprozeß eröffnet worden ist, wird derselbe hiermit ausgefordert, zu fernem ^ruppenthert zurucl- zukehren, spätestens aber in dem auf

Samstag den 30. Dezember 1882, Vormittags 10 Uhr, vor dem unterzeichneten Gericht anberaumten Termin zu erscheinen, widrigenfalls die wider ihn eingeleitete Untersuchung geschlossen, er m contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und in eine Geldstrafe von 150 bis 3000 «X verurtheilt werden wird. , m r ...

Darmstadt, den 16. Sevtember 1882.Großherzogliches Gericht der Großh. Hess. (2o.) Dwrston.

Politische Ueberficht.

GieHen, 21. September.

Die Kaiser-Manöver in Sachsen, die ihren Anfang mit dem Corps-Manöver des 12. Armee-Corps am vergangenen Sonnabend in dem Terrain südlich von Riesa nahmen, fanden am Montag und den beiden folgen­den Tagen ihre Fortsetzung durch die Feld-Manöver beider Divisionen gegen­einander, und zwar in derselben Gegend. Kaiser Wilhelm, welcher den Truppen- Uebungen in deren vollem Umfange beiwohnte, sprach wiederholt seine hohe Anerkennung über -die vorzügliche Haltung und die Leistungsfähigkeit der sächsischen Truppen aus. Dazwischen besichtigte der Kaiser am Sonntag Vor­mittag die militärischen Etablissements der Albertstadt, nahm sodann die Parade über die Kriegervereine Sachsens ab, welche sich in der Stärke von ca. 20,000 Mann aus dem Alaunplatze aufgestellt hatten. Nach den neuerlichen Dispositionen beabsichtigte sich der Kaiser nach Beendigung der Feld-Manöver des 12. Armee-Corps am Mittwoch, den 20. d. Mts., von Röderau aus nach Schloß Babelsberg zurückzubegeben.

Die eigentliche Wahl-Campagne in Preußen ist nunmehr durch die Wahlaufrufe eröffnet worden, welche die beiden conservativen Parteien in diesen Tagen erlaffen haben. Beide Aufrufe enthalten das bekannte Pro­gramm der betr. Fractionen und sprechen sich gemeinsam sür die Wiederher­stellung des kirchlichen Friedens, für Erhaltung des confessionellen Charakters der Volksschule, für Erleichterung der Steuerlasten der ärmeren Volksklassen und der Communen u. s. w. aus. Während aber im Allgemeinen der Wahl­aufruf der Deutsch-Conservativen einen sehr scharfen Ton gegen die Liberalen einschlägt, erklärt der Aufrus der Freiconservativen, daß diese Partei es nach wie vor als ihre Aufgabe betrachte, nach einer Ausgleichung der in unserm politischen Leben streitenden Gegensätze zu streben und nach rechts und links vermittelnd zu wirken. Die Kundgebung der Deutschconservativen trägt keinerlei Unterschriften, während der freiconservative Wahlaufruf die Unterschriften der Führer der freiconservativen Partei im Reichstage und im preußischen Land­tage trägt.

DerReichs-Anzeiger" veröffentlicht ein Schreiben der Generaldirection der reichsländischen Eisenbahnen, welches die Meldung der Blätter über Verhandlungen zwischen den Generaldirectionen der badischen und der Reichsbahnen bezüglich der Ersatzpflicht sür das Eisenbahn-Unglück bei Hug­stetten für unrichtig erklärt. Der verunglückte Zug wurde von beiden Verwal­tungen gemeinschaftlich arrangirt. Die badische Verwaltung suhr denselben mit ihrer Maschine und ihrem Personal und die Reichseisenbahn-Verwaltung stellte dazu nur die Wagen zur Naturalausgleichung gegen den früher von Freiburg mit badischen Wagen nach Straßburg gefahrenen Extrazug. Außerdem gab der Stationsvorsteher in Colmar zwei Bremser zur Verstärkung des badischen Per­sonals mit. Die badische Verwaltung machte in keiner Weise die Reichsbahnen für die aus dem Unglück entspringenden Entschädigungen verantwortlich. ' Es schweben folglich auch keinerlei Verhandlungen darüber zwischen den beiden Verwaltungen.

Das Reichsgericht hat unter Verwerfung der Revision das Urtheil des Münchener Landgerichtes bestätigt, durch welches 18 dortige Socialdemo- kraten wegen Theilnahme an einer geheimen Verbindung zu 5 resp. 6 Monaten Gesängniß verurtheilt worden waren.

Auf die glänzenden Ovationen, welche die Triestiner Kaiser

Franz Josef bei seinem am Sonntage erfolgten Einzuge in Triest bereitet, wirst die Nachricht von einem noch zur rechten Zeit entdeckten irredentistischen Atten­tate einen häßlichen Schatten. Die Versionen über diesen Vorfall lauten ver­schieden ; nur so viel ist festgestellt, daß am Sonnabend Abend in Runchi, einer zwischen Gradisca und Monfalcom gelegenen Eisenbahn-Station, mehrere Indi­viduen verhaftet wurden, in deren Besitz man zwei Bomben fand. Die Nach- richten über die Einzelheiten dieses Vorganges lauten noch sehr widersprechend, wenn man aber erwägt, daß die Verhaftung der Verdächtigen so kurz vor der Ankunft des Monarchen in Triest erfolgte, so läßt sich ein Zusammenhang zwischen der Anwesenheit des Kaisers in Triest und dem ermittelten Verbrechen unschwer erkennen. In Tyrol und einem Theil von Kärnthen haben große Ueberschwemmungen stattgefunden; der angerichtete Schaden wird auf über zwei Millionen Gulden geschätzt.

Die französische Presse beschäftigt sich noch immer in erster Linie mit den überraschenden Erfolgen der Engländer in Egypten. Die Gambettisti- schen Organe machen aus ihrer Bewunderung für die englische Politik der vollendeten Thatsachen" im Orient gar kein Hehl, daneben fehlt es aber auch nicht an Stimmen, welche nicht mit in den Jubelchor derRöpubl. frmicaife" und anderer Organe einstimmen und England zur Mäßigung rathen. Sa macht z. B. derSiede" England darauf aufmerksam, daß seit 6 Monaten Fürst Bismarck daraus hinarbeite, Deutschland in Klein-Asien eine herrschende Stellung zu verschaffen, womit offenbar gesagt sein soll, England möge sich nicht zu sehr'in Egypten festbeißen, damit es noch hinreichend Kräfte zur Wahrung seines Einflusses in Klein-Asien zur Verfügung habe. Wir zweifeln aber sehr, daß England durch die Vorführung desdeutschen Gespenstes" sich bewegen lassen werde, auf seine Pläne in Egypten zu verzichten.

Von der italienischen Regierung ist angeblich die Initiative zu einem Vorschläge behufs Regelung der Neutralitäts-Frage des Suezkanals aus­gegangen. Der Vorschlag gipfelt in der Einberufung eines Congresses, welchem diese Angelegenheit zur endgültigen Entscheidung unterbreitet werden soll. Es wird versichert, daß sämmtliche Mächte, also auch das hierbei am Meisten interessirte England, sich mit diesem Vorschlag bereits einverstanden erklärt hätten. In Berliner und Wiener diplomatischen Kreisen ist das Vertrauen in Englands Loyalität betreffs der Zukunft Egyptens angeblich em unerschütter- tjch festes

Die holländischen Kammern wurden am Montag mit einer Thron­rede des Königs eröffnet. Die Thronrede kündigt bie verschiedenen Gesttze an, welche den Kammern in der neuen Session zugehen werden und b^nchnet die auswärtigen Beziehungen Hollands als die sreundschastlichsten, Auch die L.age der Colonien sei im Allgemeinen eine befrtebigenbe, obschon der Zustand der Dinge in Atschin noch zu wünschen übrig lasse. Cs ist dies sehr vorsichtig aus- gedrückt, denn nach den neuerdings aus Atsch,n ewgetroffenen Mittheüungen ist die dortige Lage eine ziemlich ernste; im vorigen Monate wurden die holländi­schen Transporte und Patrouillen zweimal von den Atschinesen aiigegnsten, wobei die Holländer 46 Mann an Tobten unb Verwundeten verloren.

Der griechisch-türkische Grenzconslict scheint unter den Mächten doch mehr Beunruhigung hervormrusen, als man osfieiöserseits zugeben ivill. Es geht dies daraus hervor, daß inan sich mit dem Gedanken an eine Conserenz trägt, durch welche die griechisch-türkische Grenzangelegenheit geregelt werden soll. Der Gedanke ist von Rußland ausgegangen; doch sollen weder Griechenland