Nr. 4S
Mittwoch den 22. Februar
1882
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
VirveMt r Schulstraße B. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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Politische Ueberfkcht.
Gießen, 21. Februar.
Die so lebhaft ventilirte Frage einer Frühjahrs-Session des Reichstages scheint nun an maßgebender Stelle doch in bejahendem Sinne entschieden worden zu sein. Wenigstens spricht für diese Annahme der Umstand, daß der preußische Volkswirthschaftsrath bereits auf den 28. Februar einberufen worden ist, in welchem jedenfalls die meisten der für die nächste Reichstags-Session bestimmten Materien zur Vorberathung gelangen und da die Einberufung des Volkswirthschaftsrathes schon so zeitig erfolgt, so schließt man hieraus nicht mit Unrecht auf die Möglichkeit oder sogar Wahrscheinlichkeit einer Frühjahrs-Session des Parlamentes. Außerdem glaubt man auch in Regierungskreisen, die dringendsten Arbeiten des preußischen Landtages etwa bis Ostern erledigen zu können, so daß ein Rebeneinandertagen zwischen Reichstag und Landtag ausgeschlossen wäre.
Der Probst zu St. Hedwig in Berlin, Herr Herzog, ist zum Fürstbischof von Breslau designirt und dürfte, wie die „Nat.-Ztg." vernimmt, die Entscheidung so nahe bevorstehen, daß die Präconisation noch im Laufe dieses oder Anfang des nächsten Monats zu erwarten ist.
In Oesterreich nahm in vergangener Woche die Generaldebatte des Abgeordnetenhauses über das Budget das politische Interesse im höchsten Maße in Anspruch. Der Kernpunkt dieser mehrtägigen Verhandlungen lag in der Debatte vom 15. d. Mts., in welcher aus den Reihen der Linken der Abg. v. Plener in der schneidigsten Weise das ganze Regime des Ministeriums Taaffe angriff. Er charakterisirte in treffendster Weise die Begünstigung der slavischen Bestrebungen durch die österreichische Regierung gegenüber dem Deutschthum, welche nothgedrungen zur Slavisirung Oesterreichs führen müßten; auch beklagte es der Redner, daß es auf der rechten Seite des Hauses so viele Deutsche gäbe, welche blind gegen dix ihrem eigenen Staate drohende Gefahr seien; außerdem geißelte Abg. v. Plener noch in scharfen Worten die Finanzpolitik des Finanznnnisters Dr. Dunajewski. Die Rede Plener's wurde von ver Linken und selbst von den Galerien mit brausendem Beifall begrüßt und die Erwiderung des Ministerpräsidenten Grafen Taaffe wird nicht int Stande sein, den gewaltigen Eindruck zu verwischen, den die mannhaften Worte Plener's auf jedes deutschfühlende Herz in- und außerhalb der schwarzgelben Grenzpfähle machen müssen.
Gambetta ist von seiner italienischen Reise in vergangener Woche unerwartet rasch nach Paris zurückgekehrt. Man ist natürlich allgemein gespannt, welche Taktik er dem Cabinet de Freycinet gegenüber beobachten wird. Wenn man nach dem Verhalten der von Gambetta inspirirten Presse urtheilen soll, _ welches dieselbe in der letzten Zeit gegen die jetzige französische Regierung eingeschlagen hat, so wäre der Ex-Ministerpräsident von wohlwollenden Gefühlen für das Cabinet de Freycinet beseelt, denn die Gambettistische Presse äußerl sich jetzt in freundschaftlichster Weise gegenüber dem Cabinet. Trotzdem wird sich Herr de Freycinet und sein Ministerium sehr vorsichtig zu dieser wohlwollenden Haltung Gambetta's stellen müssen, welcher nur zu sehr an den Wolf in Schafskleidern mahnt.
Die irischen Zu stände haben sich, trotzdem die englische Thronrede die Verhältnisse in Irland ziemlich optimistisch auffaßte, gerade nicht gebessert. In der Grafschaft Clare, sowie in der Grafschaft King wurden wiederum agrarische Mordanfälle verübt, in Millstreet werden noch immer Mitglieder der berüchtigten „Mondschein"- Bande verhaftet und in der Umgegend von Dublin treiben neuerdings sog. „Garotters", jedenfalls eine neue agrarische Bande, des Nachts ihr Unwesen. Von Gegenmaßregeln der englischen Regierung verlautet noch nichts. — In einer Kohlengrube bei Hartlepool ereignete sich am Donnerstag ein großes Unglück, indem dort eine Explosion schlagender Wetter stattfand, wobei, wie man befürchtet, gegen 100 Arbeiter getödtet wurden.
Das osficielle und officiöse Rußland hat den General Skobeleff wegen seiner Petersburger Rede zwar desavouirt, und der General mußte in Folge dessen auch auf Urlaub gehen, den er in Paris, für jetzt wenigstens, verbringt, aber dieser Nasenstüber hat auf den heißblütigen Helden von Geok- Tepe offenbar keinen Eindruck gemacht. General Skobeleff hat nämlich in Paris vor den dort studirenden^Serben eine neue säbelrasselnde Rede gegen die Deutschen gehalten, wie die „France" meldet. Der General sagte, daß der Einfluß der Fremden Rußland hindere, seine slavische Mffsion ganz zu erfüllen, von diesem (deutschen) Einflüsse werde man sich eines Tages nur mit dem Säbel in der Faust befreien können. Ein Kampf zwischen Slaven und Teutonen sei unvermeidlich, aber der Slave werde triumphiren. „Wenn das Schicksal will", schloß General Skobeleff, „auf Wiedersehen auf dem Schlachtfeld , Seite an Seite gegen den gemeinsamen Feind!" Was wird die russische Regierung zu dieser anerkennenswerthen Offenherzigkeit eines ihrer höchsten activen Militärs sagen?
Das egyptische Ministerium Mahmud Baroudi Pascha hat den bemerkenswerthen Entschluß gefaßt, die Sclaverei im Ostsudan im Principe aufzuheben. Abdel-Kader Pascha soll zu diesem Behufe zum Gouverneur im Sudan ernannt werden, auch wird ein Special-Departement in Kairo für den Sudan eingerichtet und ein Gesetz über die Freilassung der Sclaven vorbereitet.
Deutschland.
Darmstadt, 20. Februar. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 10. Februar den Großherzoglichen außerordentlichen Professor an der Großherzoglichen Landes-Universität und Lehrer am Grobherzoglichen Gymnasium zu Gießen Dr. Fritz Schulteß auf sein Nachsuchen behufs Uebertritts in den Schuldienst des Reichslandes Elsaß-Lothringen, mit Wirkung vom 16. April d. Js. an, aus dem Schuldienste zu entlassen.
m. Darmstadt, 20. Februar. Die von dem Herrn Mmisterialpläsidenttn Schletermacher, Exc, in der letzten Sitzung der zweiten Kammer gegebene Antwort auf die Interpellation des Abg. Metz in Bezug auf die Commission zur Untersuchung unserer Strombauverhältnisse lautet wörtlich: „Schon bevor die Verhandlungen der beiden Kammern der Stände über die Beschwerde hessischer Gemeinden und Gutsbesitzer wegen der durch Hochwasser des Rheines hervorgerufenen Eigenihumsbeschädigungen und den Antrag des Abgeordneten Metz, sowie die Vorstellung der Gemeindeoorstände von Groß-Rohrheim und Biblis, die Verstärkung des Rheindammes und des Weschnitzdammes bei Groß Rohrheim und Biblis betreffend, beendigt und die von beiden Kammern gefaßten Beschlüsse in der gemeinschaftlichen Adresse vom 18. März 1881 der Großh. Regierung zugegangen waren, wurde mit den Vorarbeiten zur Berufung einer Commission wegen Untersuchung der diesseitigen Strombauverhältnisse des Rheines begonnen. — Bereits am 20. Januar und 3. Februar 1881 waren, unter Zuziehung dis Großh. Landes - Cultur - Jnspector s Dr. Klaas, Con- ferenzen der Referenten der Bau-Abtheilung und der Großh. Kreisbaumeister der Bau- beziike Worms, Mainz, Bingen, Bensheim unh Groß-Gerau abgehalten worden, in welchen erwogen wurde, welche Materialien zur genauen Prüfung der erhobenen Beschwerden vorhanden und welche Materialien noch weiter zu beschaffen wären, um solche
der demnächst zusammentretenden Commission als Unterlage für deren Untersuchungen und Begutachtungen vorlegen zu können. Sofort ergingen sodann an die bei dem Rhein-Strowbauwesen beteiligten 5 Großh. Kreisbauämter die erforderlichen Weisungen wegen Ausführung der notwendig erachteten Voruntersuchungen. Die von den Kreis- bauämtern gelieferten Materialien wurden sodann bei der Ablheilung für Bauwesen in Uebersichiskarten zusammengestettt. — Es sind bearbeitet, resp. fertiggestellt worden: 1) eine Stromkmte des Rheines innerhalb des Gioßh. Hessischen Gebietes mit den Vorschlägen zur Ve:legrng einzelner Landdammstrecken wegen Erweiterung des Hoch- fluth-Profils; 2) Kosienveranschlagungen für diese Dammverlegungen; 3) eine Stromkarte des Rheines mit der Darstellung der Eigenthumsverhältn'sse an dem Land- und Sommerdämmen; 4) eine Stromkarte des Rheines mit Angabe der Stärkenverhättnisse der Landdämme, deren Höh»n, Kronenbreiten, Böschungsverhältnisse und Verstärkungen durch Stein-Abiollungen; 5) eine Kostenberechnung für die Erhöhung und Verstärkung der Landdämme nach einem Rormalvrofil; 6) eine Stromkarte des Ryetnes mit genauer Darstellung sämmtlicher Weidenpflanzunger! und der Eigenthnmsverhältnisse dieser Pflanzungen; 7) Darstellung der Schifffahrtswege auf den Stromkarten; 8) Aufnahme von ca. 150 Querprofilkn des Rheines bis zu den Landdämmen oder bis zum hohen Land. Diese Querprofile sind sodann sämmtlich für Ueberdruck gezeichnet und vervielfältigt worden; 9) aetenmäßige Darstellung, betreffend die Err chtung und Unter; Haltung der Landdämme auf Großh. Gebiet; 10) die Aufnahme der Sandbänke und Schifffahrts-Hindernisse bei dem gegenwärtigen sehr niedrigen Wasserstande ist nachträglich angeordnet worden, aber noch nicht vollendet; 11) durch dir Großh. Kreis- ämrer sind die beiheiligten Gemeinden und Gutsbesitzer veranlaßt worden, ihre speciellen Beschwerden zu bezeichnen, so daß eine eingehende Prüfung derselben erfolgen kann. — Ohne diese Matertalien wäre eine vorzeitige Berufung der Untersuchungs-Commission zwecklos gewesen, weil derselben die Unterlagen für die Verhandlungen und Begutachtungen gefehlt haben würden. Die Vorarbeiten bei den Großh. Kreisbauämtern nahmen viel Zeit in Anspruch, weil dieselben von dem vorhandenen Personal, neben den vielfältig-n anderen Geschäften desselben, bewältigt werden mußtin. Mit der Einstellung von ungeübtem und mit den speciellen Verhältnissen des Strombaues, der Dämme und Schutzpflanzungen nicht vertrautem Aushülfe - Personal würden die Arbeiten wenig gefördert worden sein. Erst im Herbste 1881 waren die Materialien soweit bei der Bau-Abtheilung etngelaufen, daß mit der Vervielfältigung der Strom- prosile und Fertigstellung der Karten begonnen werden konnte. Mittlerweile waren aber die Tage zu kurz und die Wckterung zu unbeständig geworden, um noch im laufenden Winter die Commission berufen zu können, da die Commission zahlreiche Localbesichtigungen vorzunehmen haben wird. — Die Vorbereitungen sind nun soweit getroffen, daß die Untersuchungs-Commission in der zweiten Hälfte des Monats März
zusammentreten kann.
Für die Zusammensetzung der Commission sind folgende Anordnungen getroffen worden: Es sollen drei auswärtige hervorragende Strombautechniker als Mitglieder der Commission berufen werden. Die betreffenden Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen. — Von diesseitigen Beamten und Sachverständigen sind als Mitglieder der Commission ernannt worden die Herren: 1) Küchler, Großh. Provinzialdirector in Mainz; 2) von Werner, Großh. Ministerialrath in Darmstadt; 3) vr. Schaffer, Großh. Oberbauratb von Darmstadt; 4) Sonne, Baurath und Professor an der technischen Hochschule zu Darmstadt; 5) Dr. Klaas. Großh. Cultur-Jnspeclor in Darmstadt; 6) I. Möllin ger, Landtags-Abgeordneter und Präsident des landwirty- schaftli chev Vereins für die Provinz Rhein Hessen. Mit den drei auswärtigen ^rom- bautechnikern wird die Commission hiernach aus 9 Mitgliedern bestehen- Den Borsttz führt der Großh. Provinzial-Director Kück l er in Mainz und die Sitzungen der Kommission sollen in der Regel in Mainz abgehalten werden. — Zu den Verhandlungen, bett, die Untersuchung der Beschwerden sollen eingeladen werden die Herren, merzienrath H-yl von Worms, Gutsbesitzer Touchon von d-rHohenau-Gutsvesitzer Baron von Molsberg von der Langenaue, die sämmtlichen Groß Herzog. 6 meister und Beigeordneten der interessirten Gemeinden, ooer an deren L>reue ;e zwei von den bett. Gemeindevorständen zu wählende Gemeindevertt , ■
meyer, Director der Bayer.-Pfälz. Damvfsch'stfahrt aus Ludwigshafen, Keßler Director der Mannheimer Dampfschifffahrts-Gesellschaft, W- L y. Rettich Preuß.-Rhein. (Cöln-Düsseldorfer) Dampfschffffahrts-Gesellschaft aus Coln FetNch
fahrts-Jnteressenten zu den Verhandlungen $ vorgebrachten Be-
’ In bei fragen
der Großh. Oberbaurath Horst und die Gr. Kreis- Großh. Ministerialrath ? " ' Mm»,, Btng-n. Bensheim und Groß-Gerau.
b°uw°'st-r der Baub^k Mitgliedern bestehende Commission hört und untersucht - Die °us d-n bAichneten v -^8 Verhandlungen hierbei können sich die ein: a lodemn^^nteress^nten Gutsbesitzer, Landwiithe, Schiffahrts Unternehmer, sowi« die Krokb Bedmt.n welche seither bet den Strombauten mitgewirkt haben, beth«li,en. De ComEon'wwduber ihr Gutachten demnächst ohne die Betheiligung der Jv- terfHfnten und der Baubeamten, welche seither bei den Strombauten mitgewirkt haben, iu besonderen Sitzungen berathen und seststellen. — Die Arbeiten der Kommission


