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21.6.1882
 
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Nr. 111. Mittwoch den 21. Juni 1882.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau: Schukftraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MoutagS.

Preig vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pf.

Amtlicher H h ei l.

Betreffend: Maßregeln zur Verhütung der Weiterverbreitung von Scharlach und Diphtherie im Kreise Gießen.

Nachdem bereits vor einigen Wochen durch eine in den hiesigen Localblättern erschienene Mittheilung die Gefahr der Ansteckung von Scharlach und Diphtherie dargelegt und auf die Wege aufmerksam gemacht morden war, auf denen die Weiterverbreitung leicht erfolgen könne, hat Großherzogliches Kreisamt Gießen nun am 10. Juni die Bestimmungen, welche nach Verfügung Großherzogkichen Ministeriums des Innern und der Justiz, Abtheilung für öffentliche Gesundheitspflege, bei Ausführung des Polizeireglements vom 1. Juni l. I. beobachtet werden sollen, bekannt gegeben. Es dürfte zweckmäßig erscheinen, auf die Punkte, welche die Desinfection der Zimmer, der von den Kranken getragenen Kleidungsstücke, der Bett- und Leibwäsche betreffen, nochmals hinzuweisen.

Schon in der ersten Veröffentlichung war es ausgesprochen, daß die Desinfection der beweglichen Gegenstände des Krankenzimmers am wirksamsten in einer eigentlichen DeSinfectionsanstalt geschehen würde. Eine solche Anstalt müßte Vorrichtungen zur Desinfection mittelst heißer Luft, heißer Dämpfe und chemischer Mittel habeü. Nun besitzen wir aber leider keine derartige Einrichtung und müssen uns deshalb damit begnügen, in anderer Werse die Zerstörung des Krank- hcitsstoffs, soweit dessen Uebertragung durch Kleidungsstücke, Möbel und dergl. zu fürchten ist, anzustreben. Die oben erwähnten Vorschriften dürften wohl in folgender Weise zu handhaben sein.

Man suche es möglichst zu vermeiden, daß die von den Kranken ausgeräusperten Stoffe oder der Hustenauswurs an die Stubenwände, an Bettwäsche oder an die Kleider der die Kranken pflegenden Personen komme, halte vielmehr ein zur Hälfte mit Carbollösung (2 %) gefülltes Glas mit weiter Oeffnung zur Hand. Nach der öfters vorzunehmenden Entleerung wäre das Glas jedesmal noch mit Carbolwasser auszuspülen. Sollte statt des Glases ein Tuch benutzt werden zum Abwischen des Mundes und der Nase, so sollte man dieses sofort in ein Gesäß mit kochendem Wasser oder heißer Lauge werfen oder man sollte es verbrennen.

Die von den Kranken gewechselten Hemden, Unter- oder Nachtkleider, Kissenüberzüge, Betttücher u. s. w. werden am besten sogleich im Krankenzimmer in kochendes Wasser oder heiße Vauge eingeweicht und erst weggebracht, wenn sie völlig durchweicht sind. Hieraus sind sie gründlich und für sich allein zu waschen.

Als naturgemäße Mittel gegen Anhäufung von Krankheitsstoffen sind die Erneuerung der Luft in den Zimmern und strenge Reinlichkeit anzusehen, häufig wird aber zu wenig Werth auf dieselben gelegt. Wenn es schon durchaus nöthig ist, unsere Schlafstuben täglich zu lüften und zu scheuern, um wie viel mehr sollte das geschehen in Stuben, in denen vielleicht Wochen lang ein an ansteckender Krankheit Leidender gelegen und wohin aus falscher Besorgniß nicht hinreichend frische Luft eingelassen worden ist. Ist die Krankheit beendet, so sollen nach der oben erwähnten Verfügung in der vorgeschriebenen Weise Fußboden, Thüren, Fensterbekleidungen mit Chlorkalkwasser oder mit heißer Lauge, sowie Möbes oder andere Stücke mit heißem Wasser abgewaschen werden, so weit dieß ohne Beschädigung geschehen kann. Ist dieß vorgenommen worden, so schließe man Fenster und Thüren, heize mehrere Stunden lang recht stark ein und ver­brenne dann in einem flachen, irdenen Gefäße (Schüssel oder dergleichen), welches niedrig' und nicht zu nahe an leicht feuerfangende Gegenstände gestellt werden muß, Stangenschwefel. Auf ein Zimmer mittlerer Größe kann man ein Kilogramm Schwefel rechnen. Es empfiehlt sich, hierbei gleichzeitig Federdecken, Matrazen und andere Stücke, die nicht wohl gewaschen werden können, auf Stangen auszubreiten, welche mit beiden Enden auf erhöhten Gegenständen im Zimmer liegen, damit die Schweseldämpfe auch diese Stücke von unten herauf durchdringen. So lange der Schwefel brennt, soll sich Niemand im Zimmer aufhalten, erst nach Verlaus von etwa 5 Stunden lasse man Jemanden, der einen nassen Schwamm oder durchfeuchtetes Tuch vor den Mund hält, rasch em Fenster öffnen und sich

bann sofort aus dem Zimmer entfernen, Nach einigen weiteren Stunden kann man dann ohne Bedenken wieder eintreten, man öffne Thüre und Fenster nun

vollständig und lasse die Luft einige Tage frei durchziehen. Es kann überhaupt nicht genug empfohlen werden, alle Gegenstände aus dem Krankenzimmer auch nach vorgenommenem Desinfectionsverfahren längere Zeit unbenutzt zu lassen und sie der frischen Luft auszufetzen. Man achte dabei besonders auch darauf, baj

solche Sachen, welche mit dem Kranken in unmittelbare Berührung gekommen sind, mit Kleidungs- und Wäschestücken der übrigen Familienangehörigen nicht

zusammen aufbewahrt, sondern möglichst lange von denselben getrennt gehalten werden.

Möge man die angeordneten Maßregeln nicht als eine unnöthige Belästigung ansehen, möge man vielmehr allseitig überzeugt sein, daß die Bestimmungen nur dem wohlwollenden Bestreben entsprungen sind, die Gefahr der Ansteckung zu vermindern und der Weiterverbreitung der ansteckenden Krankheiten entgegen­zutreten.

Gießen, den 17. Juni 1882. Großherzogliches Kreis-Gesundheitsamt Gießen.

Dr. Glasor. _____________________________________________________________

Politische Ueberskcht.

Gießen, 20. Juni.

Seitdem im Reichstage die Entscheidung über das Tabakmonopol gefallen ist, hat die Spannung in unserem innern politischen Leben schon merk­lich nachgelassen, denn mit dem Monopol ist ein Gegenstand von der Bildfläche verschwunden, welcher unser öffentliches Leben jahrelang beschäftigte und nach­gerade beunruhigte. Diese Spannung wird sich indessen noch weiter mindern, ba mit der bereits am Freitag den 16. Juni erfolgten Vertagung des Reichs­tages bis zum 30. November d. Js. auch die übrigen, das allgemeine Interesse beschäftigenden Tagesfragen unserer inneren Politik, wie die socialpolitischen Gesetzentwürfe bezüglich der Arbeiter-Kranken- und Unfall-Versicherung, einftweiten in den Hintergrund treten. Was die übrigen Verhandlungen des Reichstages noch anbelangt, so sind sie gegenüber den unmittelbar vorausgegangenen Debatten über das Monopol von unerheblichem Interesse. Am Donnerstag hielt der Reichstag die Nachlese zum Monopol; er lehnte sämmtliche übrigen Paragraphen ber Monopolvorlage ab und ging dann zur Discussion der hierzu gestellten ver­schiedenen Anträge über, _ wobei namentlich der Abg. v. Bennigsen eine durch echt staatsmännischen Geist ausgezeichnete Rede über unsere inneren Verhältnisse hielt. Schließlich wurde mit 155 gegen 150 Stimmen der mobificirte Com­missionsantrag angenommen, wonach sich der Reichstag gegen jede weitere Beun­ruhigung und Belästigung der Tabakindustrie erklärt. Am Freitag genehmigte ber Reichstag zunächst den Antrag des Bundesrathes auf redactionelle Ände­rung der neulichen Beschlüsse des Reichstages zur Zolltarif-Novelle, worauf auch ber Antrag des Reichskanzlers, den Reichstag vom 19. Juni bis 30. Novbr. er. zu vertagen, mit großer Majorität zur Annahme gelangte. Nachdem das Haus noch verschiedene Angelegenheiten, darunter den Antrag der elsaß-lothringischen Abgeordneten auf Zulässigkeit der französischen Sprache bei den Verhandlungen bes Landes-Ausschusses welcher wider allgemeines Erwarten die Genehmigung bes Hauses fand erledigt hatte, erklärte Staatssecretär v. Bötticher den Reichstag im Namen des Kaisers vom 19. Juni bis 30. November für vertagt.

Die eingetretene Vertagung der Reichstagsverhandlungen auf nahezu ein halbes Jahr ist unter den gegenwärtig obwaltenden Arbeitsver- höltnissen des Reichstages noch als der beste Ausweg zu betrachten. Denn wenn der Reichstag jetzt sein vollständiges Arbeitsprogramm auf welchem außer verschiedenen Anträgen und kleineren Vorlagen die entscheidenden Berathun- gen über die Gewerbeordnungs-Novelle und die beiden Versicherungs-Vorlagen standen hätte erleöigen wollen, so würde er voraussichtlich hierzu den halben

Sommer gebraucht haben, namentlich da die Commissionen für die genannten Gesetzentwürfe mit ihren Beratungen noch lange nicht zu Ende sind. Die Commissionen werden ihre Verhandlungen vermuthlich Ende October oder Anfang November wieder aufnehmen, so daß die von ihnen durchberathenen Vorlagen dem Plenum des Reichstages gleich bei dessen Wiederzusammentritte am 31. Novem­ber zugehen können.

Das czechische Element in Böhmen erobert sich, wenn auch nur schrittweise, immer mehr Terrain. Ein neuer Beweis hierfür ist Oer Sieg, den die Czechen bei den Pilsener Handelskammer-Wahlen in der Handelssection davongetragen haben. Zwar behaupten die Deutschen in der Pilsener Handels­kammer einstweilen noch die Majorität mit 19 gegen 17 Stimmen, aber die Czechen haben bei den letzten Wahlen fünf neue Sitze gewonnen und wenn fie bei den nächsten Wahlen noch drei Sitze erobern, wozu alle Aussicht vorhanden ist, dann haben sie die Majorität in der Handelskammer.

In Frankreich sind die Actien Gambetta's seit den Enthüllun­gen Mancini's in der italienischen Deputirtenkammer und den Darlegungen des englischen Blaubuches über die egyptische Politik des Ex-Dictators noch mehr gesunken. Diese Enthüllungen legen dar, daß, wenn Gambetta noch länger am Ruder geblieben wäre, Frankreich schließlich ganz isolirt dagestanden haben würde und daß es namentlich die Schuld Gambetta's ist, wenn die franzoiitche Politik in Egypten in eine Sackgasse geraden ist. Gambetta wiederum beschul­digt in feinen Organen den Ministerpräsidenten Freycmet, baß er durch feine schwankende, zaghafte Politik die gegenwärtige Katastrophe m Egypten ermog- licht habe. Außerdem wird aber Gambetta in der aberusgligen In erpellattons- Debatte, welche wegen der -zyprischen Angelegenheiten m der D-pu irtenkammer nächsten Donnerstag stattfinden soll, Gelegenheit nehmen, le,ne egyptische Poütik zu vertheidigeu, wobei man jedenfalls interessanten Auseinandersetzungen zwi,chen Freycinet und Gambetta entgegensehen kann.

Das enalische Unterhaus wurde in letzter Zeit neben den langwie­rigen und langweiligen B-ratbungen über die irische Zwangsbill mei|t oon «raaen und -Interpellationen über die egyptische Hnn§ in Anspruch genommen. Di/von der Opposition ausgehenden Interpellationen ließen klar erkennen, daß man m En lan77ber den s?hr zweiselhaften Erfolg der Gladston'schen Politik in Eanvten wenig erbaut ist und daß man auch die Allianz mit Frankreich mit Mißfallen betrachtet. Die Vertreter der Regierung, wie der Premier Gladstone und der Unterstaatssecretär Dllke ließen sich aber nur aus Erklärungen allge- meiner 9tatur ein, womit dem Verlangen der Nation, die Wahrheit über bie