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Nr. 16S. Mittwoch den 19. Juli IS82.

Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.

: Schulstraße 8. 18.

Erscheint täglich mit Zlusyahme des MontagS.

Preis merteljührlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Betreffend: Die Instruction zu dem Reichs-Mehfeuchengesetz. Gießen am 15 Juli 1882

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

d«e Großherzoglichen Bürgermeistereien beziehungsweise die Ortspolireibeamten des Kre.'i-s

folgende, K M k6te im § 20 der Reichs-Ausführungs-Instruction zu dem obigen^ Gesetze die

aM°7dM werdet ^ar9ra^en zwider, frei umherlaufend betroffen werden, so kann deren sofortige Tödtung polizellich

ge°'chrieben°isü §unbefperre innet^a[b beä «^ahrdeten Bezirks frei umherlaufend betroffen werden, zwar nach Umständen Mässig, aber nicht unbedingt vrn-

____________________Dr. Boekman n.

. ., 0 . r " ^r. 16 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 12. l. M., enthält:

K°nsularvertrag zwffchen dem Deuychen Reich und Griechenland. Vom 26. November 1881.

ra z77'J ivekanntmachltng, betreffend die Ausgabe neuer gestempelter Wechselblankets. Vom 10. Juli 1882 Gießen, den 18. Juli 1882. Großherzogliches -Kreisamt Gießen.

----- --Ur. Boekmann.

Politische Ueberficht.

.. Gießen, 18. Juli.

Unser Kaiser weilte von Donnerstag bis Montag auf der Bodensee- Jnsel Mainau in dem Lustschlosse seines erlauchten Schwiegersohnes des Groß­herzogs von Baden und machte auch von Mainau aus verschiedene Abstecher zu Schiff nach den Ufern des Bodensees, bei welcher Gelegenheit sich die Gesund­heit und Kräfte des Kaisers als vorzüglich zeigten. Am Montag reiste der Kaiser nach Gastein ab und wird daselbst am Dienstag von Salzburg kommend eintreffen. Die Dauer des kaiserlichen Aufenthaltes in Gastein ist auf 3 Wochen berechnet.

Die Vorgänge in Egypten und zumal die Katastrophe in und um Alexandrien erregen begreiflicher Weise ün höchsten Maße auch unsere politischen Kreise, denn die furchtbaren Ereignisse von Alexandrien sind unter Umstanden dazu angethan, für die egyptische Frage ganz neue bedenkliche Perspectiven zu eröffnen, bei denen auch Deutschland in eine gewisse Rtitleidenschaft gezogen werden kann, da in Egypten nicht nur englische und französische, sondern auch europäffche Interessen zu vertreten sind. Die in dieser Richtung drohenden Conflicte zu mildern, ist daher eine Hauptaufgabe von Deutschlands Politik geworden. Auch hört man, daß zum Schutze deutscher Reichsangehöriqer und zur Wahrung deutscher Interessen noch ein oder zwei unserer Kriegsschiffe sich nach Alexandrien begeben werden.

An das Scheitern der Einigungsversuche in den kirchenpoliti­schen Verhandlungen werden von Seiten der beiden Parteien recht merkwürdige Argumente geknüpft. Während die Regierung, und wie es scheint, nicht mit Unrecht, der Centrumspartei die Schuld an den gescheiterten Verhandlungen bei­mißt, weil diese Partei es nicht ihren Zwecken entsprechend halte, dem Ober­haupte der katholischen Kirche eine Einigung mit dem preußischen Staate anzu- empsehlen, will die klerikale Presse die Entdeckung gemacht haben daß Gründe allgemein politiicher Natur, wie u. A. auch die Stellung des deutschen Reiches zu Italien eine Versöhnung mit dem Papste verhindert hätten.

Das Project, nach der Scheiterung des Tabakmonopols größere für tne Reichskasse erwünschte Einnahmen mit Hülfe einer erhöhten Branntwein- und Spiritussteuer zu erlangen, gewinnt an Wahrscheinlichkeit da erwiesenermaßen die Branntweinsteuer in Deutschland sehr niedrig ist Nach den Urtheileu von Fachkennern kann indessen von einer Verdoppelung ber bis jetzt üblichen Maischraumsteuer für Branntwein- und Spiritussteuer keine Rede sein, da eine solche der Production des Branntweins, die in vielen Gegenden eine Haupteinnahme- Quelle der Landwirthe ist, zu großen Eintrag thun würde, und empfiehlt man daher eine Fabrikat- oder Consumsteuer für den Branntwein.

Zu der von der Frankfurter Handelskammer an den Bundes- rath gerichteten Beschwerde wegen der besonderen Postwerthzeichen Bauerns und Württembergs, die im Postverkehr für das Publikum manche Nachthelle im Gefolae haben, erklärten bereits die Handelskammern zu Gießen, Offenbar Mainr Darmstadt, Bingen, Koblenz, Barmen, Münster, Bischweller, Worms' £"at unb Hamburg ihre Zustimmung. Es wird behufs Beseitigung des allae nein aiterkannten Uebelstandes darauf ankommen, an Stelle der besonderen Postwerth- zeichen der beiden Staaten em anderes Mittel zur Wahrung des Reserva «ckt s derselben aus die Posteinnahmen aus ihrem Gebiete zu ermitteln. ' 1 ä

521110 Oesterreich sind wichtige politische Ereignisse zur Kell nnr niriit ju melden Wir erwähnen daher nur, daß sich die Pattei de? DeutschösterreiÄr durch mehrere Partei-Versammlungen in ihrem Kampfe gegen die slavischen Rationalitäten zu stärken sucht, und daß in Prag die Czechen anläßlich der Ver- erdnung des österreichischen Mmistenums, daß die Czechen in deutscher Sprache bas Staatsexamen machen müssen, sich zu allerlei deutschfeindlichen Kundgebungen veranlaßt gefühlt haben. a y

. . bedenklich auch die Ereignisse in Egypten für den Stand der franzonschen Interessen in Afrika sind, und allerlei Verlegenheiten für die

französische Regierung verursacht haben, so konnte dieser Umstand doch nicht die Freude der Franzosen an ihrem Nationalfeste wesentlich beeinträchtigen und man kann sagen, daß Paris und ganz Frankreich in den Tagen vom 13. bis 15. Juli wieder einmal in Wonne schwammen. Am 13. Juli fand die Vorfeier und in Paris unter der Theilnahme des Präsidenten der Republik, der Minister des Mumcipalraths, der Vertreter der Kammern, der Botschafter, Gesandten und auswärtigen Bürgermeister die Einweihung oes neuen, im großartigen Style erbauten Rathhauses (Hotel de Ville) statt. Der Präsident des Pariser Ge- memderaths, Songeon, hielt die Begrüßungsrede an den Präsidenten der Republik, Grovy, ferner an die Spitzen der Behörden und die auswärtigen Vertreter. Dann hielt der Seinepräfekt Floquet die Weiherede für das vollendete HSxel de Ville, welches ein Asyl fein solle für ein freies Paris und ein starkes, geack- teteä Frankreich und zum Schluß brachte der Präsident ber Republik auf Paris em begeistertes Hoch aus. Mit Sanfeten und anderen Feierlichkeiten beging man m Paris und ganz Frankreich dann das eigentliche Nalionalfest, den 14. Juli. An diesem Tage sand auch in Longchamps bei Patts eine große Truppenparade in Gegenwart einer ungeheuren Volksmenge statt, bei welcher Gelegenheit die Volksmenge ganz besonders den stattlich aussehenden Artilleristen den Chasseurs und Pompiers zujubelte.

. In russischen Negierungskreisen schmeichelt man sich anläßlich der Aufdeckungen nihilistischer Verschwörer in den Marinekreisen und einigen Garderegimentern, sowie der Gefangennahme Pribylow's mit 18 Genossen der Hoffnung, die nihllistische Hydra mit ihren Häuptern eingefangen zu haben Der gefangene Pnbylow und der Husarenmajor Tychotzky sollen die Haupträdels- Fuhrer der Nihilisten sein und bei allen nihilistischen Mordplänen der letzten Jahre die Hand im Spiele gehabt haben. Wir wünschen der russischen Negie­rung von Herzen einen guten Erfolg gegen die Nihilisten, glauben aber noch ange mcht, daß m dem durch und durch corrumpirten Rußland das Unkraut des Nihilismus stch so bald ausrotten lassen wird.

Seit dem Bombardement von Alexandrien macht die englische Regierung die sichtlichsten Anstrengungen, um einestheils selbst soviel als möglich die egyptischen Wirren zu localistreu und anderntheils die fernere Lösung der­selben dem europäischen Areopag anheimzustellen. Der europäischen Conferenz hat England den von allen Großmächten angenommenen Antrag unterbreitet, daß nunmehr die Türkei zur Wiederherstellung der Ordnung in Egypten aufgc- sordert werden solle. Doch macht sich auch England auf alle Eventualitäten gefaßt, um seine Action in Egypten nicht zu discreditiren und sendet noch circa 20,000 Truppen nach Alexandrien und dem Suezkanale, denn der Admiral Seymour besitzt viel zu wenig Landungstruppen und kann mit den paar Tausend Mann, die ihm zu Gebote stehen, nicht viel wagen.

Nach Nachrichten aus Konstantinopel beschloß der türkische Ministerrath, daß sich die Türkei zur Intervention bereit erkläre, doch solle die Ordnung der egyptischen Angelegenheiten zunächst ohne türkische Militärmacht versucht werden.

Alle Nachrichten aus Egypten concentriren stch um die Greuel- thaten und Verwüstungen, die in und um Alexandrien stattgefunden haben und traurig genug, wahrscheinlich noch stattfinden. Alexandrien, das große, schöne und blühende Alexandrien, mit mehr als zehntausend Häusern und Palästen und über 200,000 Einwohnern, gleicht nur noch einem Schutthaufen, denn die weit über die Forts hinweggeflogenen und in die Stadt hineingefallenen Bomben der Engländer und die Zerstörungswuth der racheschnaubenden Egypter vernichteten die Stadt fast vollständig. Die arabischen Pöbelhaufen erwürgten gegen 5000 (?) noch in Alexandrien befindliche Europäer, von denen sich nur einige Häuflein nach dem Hafen retteten, dann kamen räuberische Beduinen in die Stadt und vollendeten Brand und Plünderung. Admiral Seymour hat soviel als möglich Marinetruppen gelandet, welche verschiedene Stadttheile von Alexan­drien besetzen und die Plünderer mit Mntenschüffen verjagten. Der Vicekönig ist gerettet und befindet sich unter englischem Schutze. Arabi Pascha soll nur