Samstag den 20. Mai
1882.
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Gießener Anzeiger
Amts- und Anzcigeblait für den Kreis Gießen
@wr»»w : Schulstraße B. 18.
. . . . , a PrciS vierteljährlich 2 Marl 20 Ps. mit Brivgerlchn.
Erlcheint tAglidl mit Ausnahme des Montags. Durch die Pest bezogen vierteljährlich 2 Marl 50 D-
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Betreffend^ Remunerirung des Feldschutzperfonals in dem Rechmngsjahr 1881/82. Sieben, am IG. Mai 1882.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir benachrichtigen Sie, daß uns zur Belohnung besonders pflichtgetreuer Feldpolizeibediensteter ein entsprechender Betrag zur Verfügung gestellt worden ist und neben Akuten daher auf uns diejenigen Bediensteten Ihrer Gemeinden, welche auf den Feldschutz verpflichtet sind und welche üme einer Belohnung für würdig 2 bedürftg halten bi^ !um M Juni d. I. in besonderem Bericht zu bezeichnen.. Wenn solche Bedienstete in Vorschlag gebracht werden we che schon in früheren wahren Remunerationen erhalten haben, so genügt die Bezugnahme auf die früheren Berichte, falls eine Aenderung m den Verhältnissen Nicht cingetreten ist. Werden dagegen Bedienstete zum erstenmal in Vorschlag gebracht, so müssen aus den Berichten die persönlichen und dienstlichen Verhältnisse genau hervorgehen. , , ,,.
Vorschläge, welche nach dem oben bemerkten Termine emlaufen, bleiben unberücksichtigt.
1 7 Dr, Boekmann.
Lehrer-Conferenz des Conftrenz Bezirks Großen-Buseck:
Mittwoch d«n 24. Mai. Vormittags 9 Uhr, in Großen-Buseck.
Gießen, den 16. Mai 1882. Büchner, Kreisschulinspector.
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Politische Ueberstcht.
Gießen, 19. Mai.
Der Reichstag hat in der kurzen Zeit seines Zusammenseins schon verhältnißmäßig rasch gearbeitet; denn nachdem er in drei aufeinander folgenden Sitzungen die ersten Lesungen der Novelle zur Gewerbeordnung und der Vorlage, betr. die Abänderung des Zolltarifs, erledigt und dann in der letzten Hälfte der vorigen Woche die erste Berathung der Tabakmonopol-Vorlage gleichfalls erledigt hatte, ist er am Montag in die erste Berathung ber zu einem Gesetzentwurf vereinigten Vorlagen über die Unfall- und über die Krankenversicherung der Arbeiter eingetreten. Der genannte Gesetzentwurf unterscheidet sich von dem früheren Entwürfe, betr. die Arbeiter-Unfallversicherung, welcher bekanntlich s. Z. im Reichstage scheiterte, wesentlich dadurch, daß die büreaukra- tische Reichs-Versicherungsanstalt fallen gelassen ist, statt dessen sollen Betriebs- geuossenschasten gebildet werden, welche die Versicherung auf Gegenseitigkeit übernehmen. Dagegen hält auch der neue Entwurf an einem Reichszuschuß fest, welcher in der Höhe eines Viertel der Entschädigungen normirt ist; was ferner die Krankenkassen anbelangt, so sollen denselben alle Entschädigungen für Unfälle obliegen, welche Arbeitsunfähigkeit bis zu IZwöchentlicher Dauer zur Folge haben. — Die Debatte wurde vom Staatssecretär des Innern, v. Bötticher, eingeleitet; derselbe legte in eingehender Weise die Gründe dar, welche die Reichsregierung zur Wiedereinbringung oer Arbeiter-Unsallversicherungs-Vorlage bewogen haben und bat, daß das Haus mit Objectivität und Sachlichkeit diesen hochwichtigen Gegenstand behandeln möge. Aus der Mitte des Hauses ergriff sodann der fortschrittliche Abg. Max Hirsch das Wort, um in sehr langer Rede seine bekannten Gewerkschasts-Principien zu entwickeln; speeiell wandte er sich gegen die 13wöchentliche Carenzzeit und namentlich gegen die Bestimmung, daß Vie Krankenkassen für diese Zeit die Entschädigungs-Summen auf sich nehmen sollen; schließlich bat der genannte Abgeordnete um Ablehnung der Vorlage. Freundlicher stellte sich der Abg. Sonnemann sVolkspartei) zu dem Regierungs- Entwurfe, in welchem er einen bedeutenden Fortschritt gegenüber dem ersten Unfallversicherungs-Gesetzentwürfe erkannte; lebhaft plaidirte Herr Sonnemann für den Ausbau des Genoflenfchafts-Princips nach der obern Spitze hin und verwarf den Reichszuschuß auch in der geringen Höhe von 25 pCt. der Versicherungssumme, die Unsallverficherung gehe eben die Gesammtheit der Steuerzahler gar nichts an. Nachdem noch Namens der Soctaldemokraten Abg. Kräcker eine nicht unfreundliche Kritik an dem Gesetzentwürfe geübt hatte, wurde ein Vertagungsantrag angenommen, worauf sich schließlich noch eine äußerst interessante Geschäftsordnungs-Debatte entspann. Aus dem Centrum ist das Projeet aufgetaucht, sämmtliche Gesetzentwürfe mit Einschluß des Tabakmonopols bis zur nächsten ordentlichen Session permanenten Commissionen zu überweisen, in welchem Sinne sich Abg. Windthorst äußerte. Die Abgg. Lasker und Richter- Hagen wandten sich entschieden gegen den erwähnten Vorschlag, in welchem sie besonders eine Verschleppung des Tabakmonopols aus einer Session in die andere erblickten. Die ganze Angelegenheit hat in Reichstagskreisen lebhafte Erregung hervorgerufen, die liberalen Fraktionen sind jedoch einig, das Hinaus- schieden der Endberathung über die Monopalvorlage bis zur nächsten ordentlichen Session des Reichstages, also bis zum Herbst, aus allen Kräften zu bekämpfen. Von der Anschauung des Reichskanzlers hierüber weiß man noch nichts. Die Vertagung des Reichstages ist mit dem 18. Mai eingetreten, und lag es in der Absicht des Präsidiums, die Pfiugstserieu bis zum 6. Juni mähren zu lassen.
Der Reichskanzler Fürst Bismarck ist leider genöthiqt, wegen [einer neuralgischen Schmerzen das Bett zu hüten, so daß einstweilen noch -u"sche £Ci,1e Ansicht vorhanden ist, den Kanzler im Reichstag erscheinen
Die österreichische Regierung wird demnächst Gelegenheit haben, zu erproben, ob sich die Stimmung in den „Reichslanden" Bosnien und Herzegowina gebessert hat. Wie aus Wien gemeldet wird, sind die Vorbereitungen zur Recrutirung in den oceupirten Ländern vollendet und soll die Assentirung in Bosnien am 24. d. Mts. beginnen. Man giebt sich in Wiener Regierungs
kreisen der Hoffnung hin, daß diesmal das Recrutirungsgeschäft in „Neu- Oesterreich" von besserem Erfolge begleitet sein werde, als das erstemal. Inwiefern diese Hoffnung begründet ist, wird man ja bald sehen.
In Frankreich wendet sich augenblicklich das allgemeine Interesse weniger den inneren Fragen als vielmehr den egyptischen Angelegeu- heiten zu. Seitdem der erste Napoleon seinen genial-kühnen Zug nach dem Wunderlande der Pyramiden unternahm, hat man in Frankreich nicht aufgehört, sich mit Egypten zu beschäftigen und bei dem Einfluß, welchen Frankreich nach verschiedenen Richtungen hin am Nil erlangt hat, erscheint die Spannung begreiflich, mit welcher die Franzosen die Vorgänge in der egyptischen Hauptstadt verfolgen. Die Vorschläge, welche Herr de Freyeinet, der französische Coniellprüsident, dem englischen Cabinet bezüglich Egyptens gemacht hat und welche die vollständige Zustimmung desselben gefunden haben, bestehen der Hauptsache nach in Folgendem: Aufrechterhaltung des Status quo in Egypten, Ausschluß der türkischen Intervention daselbst, Wahrung des französisch-englischen Uebergewichts in Kairo. Bereits ist das in den griechischen Gewässern statio- nirte französische Geschwader nach Kreta abgegangen, um sich hier mit einer englischen Flotteuabtheilung zu vereinigen, worauf die gemeinschaftliche Escadre nach Alexandrien abdampfen wird. Frankreich und England haben ihren Botschaftern bei den Mächten identische Depeschen gesendet, in denen die betreffs Egyptens getroffenen Maßregeln auseinandergesetzt werden.
Das Dunkel, welches über den Urhebern der Dubliner Mord- that ruht, ist noch immer nicht gelichtet und wird dies wohl auch schwerlich gelingen; allerdings gerade kein glänzendes Zeugniß für die Findigkeit der irischen Polizei. Es wird, anscheinend nicht mit Unrecht, vermuthet, daß die Mörder des Lord Cavendish' und Bourke's schon längst Amerika zuschwimmen und wenn sie einmal sicher jenseits des Oeeans gelandet sind, dann wird sie der Arm der irdischen Gerechtigkeit kaum mehr erreichen.
Czar Alexander HL hat endlich den ersten Schritt gethan, um aus der klösterlichen Abgeschlossenheit seiner Winterresidenz Gatschina herauszugelangen, indem er mit seiner Familie in der vergangenen Woche nach dem Lustschlosse Peterhof übergesiedelt ist. Hoffentlich darf man an diesen Schritt die Erwartungen knüpfen, daß der rufsische Herrscher nunmehr einen regeren An- theil an der Regierung seines Landes nehmen werde, als bisher.
Die neuesten aus Kairo vorliegenden Nachrichten stimmen sämmtlich darin überein, daß die dortige Regierungs-Krisis nunmehr als beendigt zu betrachten ist. In Folge der Rathschläge der fremben Consuln ist ein vollständiger Ausgleich zwischen dem Vicekönig und dem egyptischen Ministerium hergestellt worden und bleibt in Folge dessen das ganze Cabinet im Amte. Am Montag Nachmittag hatten der französische und der englische Generalcorfful in Kairo eine Audienz beim Vicekönig, in welcher sie demselben die bevorstehende Ankunft des englisch-französischen Geschwaders ankündigten. Zugleich erklärten sie, daß sie möglicherweise ernste Aufträge würden auszurichten haben, weshalb es nöthig sei, daß ein Ministerium existire, mit dem sie unterhandeln könnten; die Generalconsuln riethen schließlich Tewfik Pascha, mit dem jetzigen Cabinet weiterzuregieren. — Die Pforte hat in einem an ihre Vertreter gerichteten Rundschreiben gegen die gewissen Mächten zugeschriebene Absicht, in Egypten militärisch zu interveniren, Protest erhoben.
Deutschland.
Berlin, 17. Mai. Der einscheidende § 1 der Monopoloorlage ist heute gegen die Taktik dis Abgeordneten Dr. Windihorst von der Commission des R-ichstagS mit 20 gegen 4 Stimmen adgelehnt worden; das Protokoll der Commyfton und Die abgesandten Telegramme verzeichnen nur 19 gegen Stimmen, indem em Mitglied mehr unter die fehlenden Mitglieder eingereiht worden ist. Gegen S 1 stimmten folgende 20 Abgeordnete: v. Arnswald, Hornbostel, Dr. Barth, v. Benda, tintenmaner, Dr. Blum Dieben, Dirichlet, Dr. Dohren, Gras Galen, Gielen, Goldschmidt, Äopfer, Dr. Lingens, Majunke, Meier (Sternen., Dr. Papellier, Dr. Berger, Sander, Sandt- mann, Dr. Stengel. Es stimmten demnach Fortschritt, liberale Vereinigung, National- liberale und Centrum geschlossen gegen den § 1 Die Abstimmung vollzog sich binnen wenigen Minuten in einer wahrhaft dramatischen Weise Nach der Pause, nachdem


