Nr. 90.
Mittwoch den 19. April
1882.
ichener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Sttrutl! Schul st raße B. 18.
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Politische Ueberskcht.
Gießen. 18. April.
Der preußische Finanzminister Bitter ist vom Sultan durch die Verleihung des Großkreuzes des Osinanie-Ordens ausgezeichnet worden.
Der feierlicheEmpfang des Königs von Württemberg ourch den Papst in voriger Woche hat den Gerüchten von einem beabsichtigten lieber» tritt des Königs zur römisch-katholischen Kirche neue Nahrung gegeben. Es wurde sogar behauptet, daß der Papst selbst König Karl in den Schooß der katholischen Kirche aufnehmen werde. Es braucht indessen wohl kaum besonders hervorgehoben zu werden, daß diese Gerüchte in keiner Weise auf einer sicheren Basis beruhen und sind sie vielmehr als tendenziöse Ausstreuungen zu betrachten. Nach dem Empfang beim Papste, bei welchem auch der preußische Gesandte, Herr v. Schlözer, zugegen war, stattete König Karl dem Cardinal-Staatsseeretär Jacobini einen Besuch ab und empfing am Freitag den Cardinal Fürst Hohenlohe. — König Humbert hat dem König von Württemberg den Annunciaten- Orden verliehen.
Am vergangenen Sonnabend sind die österreichisch-ungarischen Delegationen nochmals zu einer außerordentlichen Session zusammengetreten. die sich wegen des von der österreichischeil Regierung verlangten Nachtrag-Kredits nothmendig gemacht hat. Die Negierung will denselben hauptsächlich zur Anlage von Befestigungen in den oeeupirten Provinzen, sowie in Süd-Dalmatien verwenden; bezüglich der Höhe des Kredits lauten die Angaben noch verschieden, doch wird sich derselbe schwerlich unter 20 Millionen Gulden belaufen. Die von den Delegationen zu bewilligende Summe soll jedoch nicht den Bedarf für das ganze laufende Jahr umfassen, vielmehr wird eine hierauf bezügliche Vorlage den Delegationen erst zu ihrer ordentlichen Session, welche Mitte October beginnt, gemacht werden.
In Frankreich mühen sich die Schleppträger Gambetta'S mit wunderbarer Ausdauer ab, dem Lande zu demonstriren, wie schlecht es bei dem Ersatz des „Großen Ministeriums" Gambetta durch das Cabinet Freyeinet gefahren sei. Namentlich die „Republique franeaise", das Leib-Organ des Ex-Dietators, kann sich über den Sturz desselben vom Ministersessel, obwohl dieses Ereigniß schon 3 Monate alt ist, noch gar nicht beruhigen und fragt sich immer wieder, rote das ja allen Würstchen der Nation entsprechende Cabinet Gambetta so plötzlich fallen konnte. Indessen verhallen diese Jeremiaden fast ungehört und roird roohl auch die Gambettistifche Presse zu der Erkenntniß kommen, daß die Zeit ihres Herrn und Meisters, vorläufig wenigstens, vorüber ist.
Die englischen P a r l a m e n t s - M i t g l i e d e r werden nach ihrer Rückkehr aus deu Osterferien sich wohl ernstlicher als bisher mit der irischen Frage zu beschäftigen haben. Gerade in der letzten Zeit haben die Verbrechen und Ausschreitungen in Irland so rapid zugenommen, daß man sich zu der Frage veranlaßt fühlt, ob denn in der That die englische Regierung noch Herrscherin in Irland ist oder ob die Landliga sich in dem factischen Besitz der Gewalt be- finvet. Der Premier Gladstone und der Staatsseeretür für Irland, Dir. Forster, werden von den irischen Gutsbesitzern mit den bittersten Klagen über die dortigen Zustände bestürmt, aber weder der Eine noch der Andere haben in bestimmter Weise Abhülfe zugefagt. Aber selbst in der liberalen Partei ist die Unzufriedenheit über die Schwäche der englischen Regierung den Iren gegenüber so groß, daß schließlich das Cabinet Gladstone doch energischer in Irland wird vorgehen müssen.
In Rußland haben sich in voriger Woche wieder einmal Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung ereignet. Der Gouverneur von Podolien (West-Rußland) meldete nach Petersburg, daß am 11. und 12. April Excesse gegen die jüdischen Einwohner von Balta begangen worden seien, welche jedoch durch das Einschreiten der Truppen unterdrückt worden wären. Auch in der Stadt Letitschewo wurden die jüdischen Einwohner beunruhigt und stellte hier ebenfalls das Militär die Ruhe wieder her. In beiden Fällen ist die Unterfuchung eingeleitet morden. — Die wirklichen Namen und die Persönlichkeiten der Mörder des Generals Strelnikoff sind jetzt ermittelt. Der Eine, Namens Nicolai Schelwakoffst mar Hörer der Universität Petersburg, und sein Genosse, Namens Stephan Chalturin, ein Wjätkascher Bauer. Letzterer wurde schon seit der Explosion int Petersburger Winterpalais vom Jahre 1880 polizeilich gesucht. — Die lange Anwesenheit des russischen Botschafters in Paris, Fürsten Orloff, in Petersburg und die Berufung des russischen Botschafters in London, Fürsten Lobanofi, nach Petersburg, deuten auf bevorstehende Personalveränderungen in den Ministerien und im diplomatischen Dienste Rußlands hin. Vielfach roird Fürst Lobanofi als der Nachfolger des Grafen Jgnatieff des russifchen Ministers des Innern, dessen Stellung ernstlich erschüttert sein soll, bezeichnet; doch bleibt die Bestätigung dieser Nachricht abzuwarten.
Die rumänische Regierungspresse bringt die Donaufrage wieder in Anregung. Der „Romanul" sagt in einem Artikel über diese Angelegenheit, daß die rumänische Regierung an dem Standpunkte festhalte, der in der Thronrede des Königs angegeben sei. Runtänien werde sich durch keinerlei Drohungen einschüchtern lassen, es werde aber nicht aus Furcht einen Selbstmord begehen. Nach diesen officiöfen Auslassungen zu urtheilen, hat die rumänische Regierung ihre ablehnende Haltung gegenüber Oesterreich in der Donaufrage, welche bekanntlich darauf hinausläuft, ob Oesterreich oder Rumänien das Schutz- und Aufsichtsrecht auf der untern Donau ausüben foll, nocht nicht aufgegeben.
Deutschland.
Berlin, 17. April. Die Abreise des Kaisers nach Wiesbaden ist nunmehr auf Dienstag Abend 10 Uhr 45 Minuten mittelst Extrazuges vom Potsdamer Bahnhofe aus festgesetzt. Die Fahrt geht über Magdeburg, wo der Zug Mittwoch Nachts 12 Uhr 50Minuten zu kurzem Aufenhalt einläuft, zunächst nach Gießen, wo der Kaiser auf dem Bahnhof den Kaffee etnnimmt. Die Ankunft in Wiesbaden ist auf 10 Uhr 20 M nuten Vormittags bestimmt. Empfang findet während der Kaiserreise nirgends statt- Die Kaiserin wird auf dieser Reise ihren Gemahl nicht begleiten, sondern ihm erst einige Tage später nach Wiesbaden folgen, nachdem sie noch ihren fürstlichen Verwandten in Weimar einen kurzen Besuch abgestattet haben wird. Von Wiesbaden begibt sich die Kaiserin, nack der Rückreise des Kaisers nach Berlin, direct nach Baden-Baden zu ihrer Tochter, der Frau Großherzogin von Baden.
Darmstadt, 17. April. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 15. April dem Mitinhaber der Weinhandlrmg C. Lauteren Sohn in Mainz, Louis Lauteren, den Charakter als „Comifferzienrath" zu verleihen;
am 16. April dem Forstmeister des Forsts DarMadt, Karl Reiß, das Ritterkreuz 1. Klasse des Ludewigs-Ordens zu verleihen/
Berlin, 15. April. Man fit so ziemlich einig, daß der Reichstag das Monopol verwerfen werde; aber darüber, ob der Reichstag deshalb eine Auflösung zu erfahren habe, gehen die Meinungen auseinander.
— Nachdem im kaiserlichen Gesundheitsamte Hie Arbeiten der Commission zur Revision der Deutschen Pharmakopoe zu Ende gebracht worden sind und die Untersuchungen über Wein, Farben und Gifte ihren weiteren Fortgang nehmen, gelangten die neuen Untersuchungen des Regierungsrathes Dr. Koch über die Ursachen der Lungen-Tuberculose zu Epoche machenden Resultaten, zum evidenten Nachweise, daß die Tuberculose in ganz ähnlicher Weise wie Scharlach, Diphtherie und Typhus durch Uebertraguug von Pilzen hervorgerufen und weiter verbreitet wird. Seit dem Vortrage des genannten Herrn in der Berliner physiologischen Gesellschaft fit das Laboratorium desselben von Besuchern 'hervorragender medicinischeu Koryphäen, selbst von bisherigen Gegnern des Amtes, nicht leer geworden, welche sich durch den Augenschein von der Wahrheit des Gesagten überzeugen wollen. Auch der aus Paris hier anwesende Assistent Pasteur's, der in hiesiger Stadt Versuche zu Gunsten Der Pasteur'schen Jmpfungstheorie anstellen will, überzeugte sich in persona von der Nichtigkeit der Koch'schen Behauptungen. In allen medicinischeu Kreisen der Nachbarreiche Deutschlands, vor Allem in Oesterreich-Ungarn, aber auch in Nußland, Belgien, Frankreich, England, Italien und in der Schweiz ist diese neueste Entdeckung sympathisch begrüßt und auf dem Gebiete der Medicin zur Tagesfrage geworden. Hat doch der in der nächsten Woche in Wiesbaden tagende Congreß der Aerzte für innere Medicin in Anbetracht der kolossalen Wichtigkeit des Gegenstandes gewünscht, daß der unermüdliche gründliche Forscher mit seinem ganzen Apparate dort erscheine und außerhalb des Programmes, durch seinen Vortrag, den Congreß illustrire.
Rußland.
Moskau, 15. April. In Moskau erleben wir gegenwärtig eine umfassende Judenausweisung, mit anderen Worten: eine gesetzliche Judenverfolgung, welche eine allgemeine Aufregung hervorrust. Die Polizei verfährt dabei mit unerbittlicher Strenge. Der Befehl der Ausweisung erfolgt plötzlich, für die Betreffenden meist ganz unerwartet; die Geschäfte müssen mit großen Verlusten sofort aufgegeben werden; bei den Ausgewiesenen bleibt nichts anderes übrig, als ihr Brod in der Ferne zu suchen und ein neues Leben anzufangen. Es ist schwer, sich in die Lage Deljenigen zu versetzen, welcben nicht einmal das Recht eines gesetzlichen Protestes gegen solche Maßregeln zusteht, schwer, das wiederzugeben, was sie physisch und moralisch zu erdulden haben. Ohne Ausnahme werden Greise, Kranke, Frauen und Kinder ausgewiesen. Erst vor Kurzem hat sogar zwei Choristen vom Theater jüdischen Glaubens dieses Loos ereilt, 2Bte solche weder zweckmäßigen noch menschlichen Maßregeln zur Beruhigung der öffentlichen Meinung beitragen sollen, ist freilich schwer zu begreifen. — Aus Kow no wird mitgetheilt, daß säinmtliche an der Warschauer Eisenbahn angestellte Beamte, die nicht russische Unterthanen sind, entlassen werden sollen. An der Warschauer Bahn dienen von der Zeit des Baues derselben sehr viele Ausländer; diese Maßregel hat, wie natürlich, große Aufregung hervorgebracht und soll zur Folge gehabt haben, daß eine Menge von Gesuchen um Aufnahme in den russischen Unterthanenverband eingereicht worden sind. Das Gerücht, welches indessen noch keineswegs bestätigt ist, spricht von „Ausländern" im Allgemeinen — die meisten derselben sind natürlich Deutsche.
Telegraphische Depeschen.
Wolff's telegr. Correspondenz-Bureau.
Berlin, 17. April. Der Kaiser ertheilte heute den Botfchasteru v. Keudell und Graf Münster Audienz. Die Kaiserin reist am Mittwoch nach Weimar, begießt sich dann nach kurzem Aufenthalt nach Wiesbaden, wo ite mit dem Kaiser zusammen Aufenthalt nimmt uno von wo sie sich spater naci) Baden-Baden begiebt. Der Großfürst Wladimir wird nn -ause der Woche zum Besuche der Majestäten in Wiesbaden eintreffen und am Sonnabend über Berlin nach Petersburg zurückreisen. , .
Karlsrube 17 Avril In der heutigen Sitzung der zweiten Kammer wurden di- P-tition'-n iin« großen Zahl der Bod-ns-e-G-m-inden, betr. den Ban der Bodensec-GÜ-t-ldahn oer Regierung zur K-nntmßnalnne ub-rwr-,-w
Schwerin 17 April. Das s-uer un Schansxr-lhau,- brach gelten, Abend zwischen 8 und 9 Uhr aus dem obersten Boden des nördlichen Anbaues aus mn Nersekstücke und andere Theater-Utensilien aufbewahrt wurden. Die Feuersgefahr wurde dem im Haufe befindlichen Publikum von der Bühne aus rechtzeitig mitgetheilt. Der Großherzog felbst richtete beruhigende Worte an das


