und sind die gelandeten britischen Marinetruppen eifrig beschäftigt, fernere faits accomplis zu schaffen, auf Grund deren das Cabinet von St. James der europäischen Diplomatie neue Schnippchen schlagen kann. Den Mächten ist Angesichts der gegenwärtigen Sachlage durchaus nicht behaglich zu Sinne. Sie empfinden das Bedürfniß, irgend etwas zur Auspolsterung der eingeschrumpsten Conferenz-Autorität zu thun, können und wollen aber nicht dem actionslustigen Albion in die Parade fahren, und ihre Vertreter in London beschränken sich auf allgemeine Redensarten, aus denen Jeder heraushören kann, was ihm am besten in den Kram paßt. Die englischen Minister hören natürlich nur, daß Europa ihrem Vorgehen wider den unbotmäßigen Arabi Beifall zollt. Namentlich sollen Deutschland und Oesterreich-Ungarn die Legitimität der englischen Handlungsweise in Egypten unumwunden anerkannt haben.
Auf der hohen Pforte wird permanent Ministerrath gehalten, und es scheint nicht das Freundschaftlichste zu sein, was am Bosporus wider England Zllsammengebraut wird. Es ist neuerdings von der Entsendung eines türkischen Armee-Corps nach Egypten die Rede, leider schweigt gerade von dem Wichtigsten des Sängers Höflichkeit, nämlich von den Bedingungen, unter denen die Effectui- rung des Projectes vor sich gehen würde.
Die rumänische Donaupolitik macht sonderbare Capriolen. Soeben ist vom „Romanul" die Parole ausgegeben worden, Oesterreichs Forderungen rundweg zu ignoriren. Man rechnet in Bukarest darauf, daß Europa unmöglich dem' habsburgischen Staate ein Geschenk mit der Donau werde machen wollen. Aber Rumänien noch viel weniger.
Berlin, 16. Juli. Die „Köln. Ztg." bringt mit gesperrter Schrift nachstehenden officiösen Artikel: Man gibt sich in hiesigen politischen Kreisen der Hoffnung hin, daß die deutsche Presse der patriotischen Pflicht, welche ihr die Verhältnisse auferlegen, auch diesmal gewachsen sein und der Regierung nicht durch stürmische Aufforderungen, welche Beunruhigung tn der Bevölkerung verbreiten würden, die Lösung einer schwierigen diplomatischen Lage unnütz erschweren werde. Das geflügelte Wort des Fürsten Bismarck von dem „Knochen des pommerschen Landwehrmanns" muß auch heute seine Anwendung finden. Deutschland ist ja glücklicherweise an den ägyptischen Wirren weniger interessnt, als andere Großmächte, in erster Linie Frankreich; es darf nicht unnützerweise aus seiner Zurückhaltung heraustreten, die ihm nur ein Zeichen selbstbewußter Kraft ist. So allein wird Deutschland in der Lage bleiben, tm geeigneten Zeitpunkte das entscheidende Wort zu sprechen. Unsere Beziehungen zum Sultan sind und bleiben gut, wir haben keine Handlung für legitim erklärt, welche die Hoheitsrechte des uns befreundeten Monarchen beeinträchtigt, wir können ihn aber auch nicht thatsächlich in einer Politik der Unthätigkeit unterstützen, duich welche er sich mit ganz Europa in Widerspruch gesetzt hat, ohne uns selbst in unübersehbare politische Verwickelungen zu stürzen. Auf der anderen Seite kommt es uns nicht zu, der englischen Regierung, mit der unsere Beziehungen gut sind, unaufgefordert Rath zu ertheilen, oder Meinungsäußerungen abzugeben, die in England verstimmen müßten. Die englische Regierung ist in erster Linie dem englischen Volke gegenüber für das, was sie in Egypten gethan hat, verantwortlich, sodann wird sie sich darüber mit der französischen Regierung auseinanderzusetzen haben. Wir unsererseits können versichert sein, daß das, was in der egyptischen Frage die französischen Interessen befriedigt, die unserigen ebenfalls befriedigen wird. Schließlich werden aber die Westmächte, wenn sie sich untereinander geeinigt haben, der europäischen Zustimmung bedürftig sein, um auf gesicherte Verhältnisse in Egypten und auf dauerndes Einverftändniß unter sich selbst rechnen zu können. Dann erst wird die schwebende Frage für Deutschland spruchreif sein. England fährt mit seinen Bemühungen fort. Einverftändniß mit den anderen Mächten, in erster Linie mit Frankreich, herbeizuführen; bei dem allgemeinen Friedens- bedürfniß Europas kann England auf allseitiges Entgegenkommen rechnen, besonders wenn es, wie wiederholt versichert worden ist, nicht beabsichtigt, aus der Rolle des Vertheidigers seiner berechtigten Interessen herauszutreten und die Stellung des Sultans unangetastet zu lassen. Es hat den Anschein, daß seine Bemühungen in kürzester Frist von Erfolg gekrönt sein werden.
Augsburg, 15. Juli. Der König und die Königin von Holland sind gestern Abend hier eingetroffen und reifen heute Abend über München nach Salzburg weiter.
Aranlireich.
Paris, 14. Juli. Der aus Anlaß der heutigen Naüonalseier abgehaltenen Truppen-Revue wohnten der Präsident Gr^vy und fämmtliche Minister Lei. Die sehr zahlreich versammelte Bevölkerung empfing den Präsidenten und die Minister mit dem Rufe: „Es lebe die Republik!" Die Revue nahm bei sehr schönem Wetter einen glänzenden Verlaus, die Artillerie, die Chasseurs und die Pompiers wurden von der Menge durch Beifallsrufe ausgezeichnet. In der Stadt herrscht ein sehr festliches und bis jetzt durch keinen Zwischenfall gestörtes Treiben.
Paris, 15. Juli. Das Nationalfest verlief bei günstigem Wetter ohne Störung. Abends fanden Illumination, Feuerwerk und Ballseste statt. Ein Ballon platzte und stürzte aus einer Höhe von 700 Metern herab, die beiden Luftschiffer kamen indeß unversehrt davon, da die Hülle des Ballons sich zu einer Art Fallschirm gestaltete und die Geschwindigkeit des Niedergangs mäßigte. Auch in den Departements verlief die Feier ohne (Störung.
Rußland.
Petersburg, 15. Juli. Die hiesige französische Colonie beging die Feier des Nationalfestes gestern durch ein Banket unter dem Vorsitze des Botschafters Janrös. Jaurös brachte den Toast auf den Präsidenten Grevy aus, worauf Rufe „vive la republique“ erschallten. Später wurde ein Glückwunsch- Telegramm an Grävy abgesandt.
Aegypten.
Wien, 15. Juli. Der „Polit. Corresp." wird aus Konstantinopel mit- getheilt, daß die von dem Khedive und Derwisch Pascha eingelaufenen Meldun- gen über die Haltung Arabi Pascha's den Sultan erschüttert und ihn in seinen Entschlüssen schwankend gemacht hätten. Die Pforte treffe militärische und maritime Vorkehrungen. Arabi Pascha soll in einem Telegramm an den Sultan erklärt haben, daß er Angesichts der Haltung der Pforte gegenüber dem Bombardement es ablehnen müsse, nach Konstantinopel zu kommen.
— Das „Fremdenblatt" sagt, das österreichische Cabinet habe keinerlei Veranlassung gehabt, sich über die Legitimität des Bombardements von Alexandrien auszusprechen, und es sei unrichtig, daß der österreichische Botschafter in London, Gras Karolyi, seine Befriedigung darüber ausgedrückt habe. Oesterreich
Ungarn habe das Vorgehen des Admirals Seymour als einen leider unvermeidlichen, wenn auch erklärlichen Zwischenfall hingenommen, habe aber darüber weder ein Urtheil abgegeben, noch seine Befriedigung ausgedrückt.
Toulon, 15. Juli. Es werden gegenwärtig mehrere Transportschiffe ersten Ranges seebereit gemacht zum baldigen Transport von Truppen nach Egypten. — Aus Oran wird gemeldet, daß Befehl ertheilt worden sei, die marokkanische Grenze wieder streng zu bewachen.
Paris, 15. Juli. Nach einer Meldung aus Port Said werden englische und französische Kriegsschiffe im Suezkanal auf- und abfahren, um die Sicherheit des Verkehrs in demselben zu sichern.
London, 15. Juli. Nach einer Meldung aus Alexandrien von gestern Abend waren 125 amerikanische Matrosen gelandet worden. — Das Fort Marabout ergab sich gestern.
— Eine Depesche des Admirals Seymour aus Alexandrien von gestern Abend 11 Uhr sagt: Die Thore der Stadt werden von englischer Marine- Infanterie und englischen Matrosen bewacht, die Brände in der Stadt machen keine weiteren Fortschritte, das Plündern hat fast vollständig aufgehört. Zum Schutze des Hospitals sind deutsche Matrosen gelandet, amerikanische Matrosen gingen an's Land, um das Consulat wieder herzustellen.
London, 15. Juli. Bright ist zurückgetreten, well er der egyptischen Politik des Cabinets nicht zustimmen kann.
Die „Times" veröffentlichen die Bedingungen, unter denen die Mächte eine türkische Intervention in Egypten zulassen wollen:
1) Entfernung Arabi's aus Egypten.
2) Nach Herstellung der Ordnung und der Autorität des Khedive, wofür eine bestimmte Frist anberaumt wird, müssen die türkischen Truppen wieder zurückgezogen werden.
3) Zwei europäische Commissäre begleiten die türkischen Truppen.
4) Die europäischen Mächte tragen die Occupationskosten.
Die „Daily News" erfährt, Frankreich sei geneigt, sich an einer Oceu- pation Egyptens zu betheiligen, wenn es von den übrigen Mächten hierzu eingeladen wird.
London, 15. Juli. Der Rücktritt John Brigh's deutet darauf hin, daß das Cabinet sich zu einer energischen Politik entschlossen hat. Die Einschiffung des nach Egypten bestimmten Armee-Corps hat begonnen. — Aus Alexandrien meldet der Telegraph: Das ganze Viertel am großen Platze ist vernichtet, außer der englischen Kirche und dem Gerichtsgebäude. In der Börsenstraße wurden nur die Läden geplündert. In den Forts wurden französische Zeitungen, sowie europäische Kleidungsstücke gefunden, woraus der Schluß gezogen wird, daß das Feuer der egyptischen Batterien von Franzosen oder Italienern geleitet wurde.
— Der Draht meldet aus Alexandrien: Abheilungen englischer Marine- Soldaten durchstreiften fämmtliche Straßen; die Landungstruppen sind jedoch zu schwach zu einer wirklichen Besetzung der Stadt. Admiral Seymour richtete an die Commandeure der fremden Flotten das Ersuchen, ihm bei der Wiederherstellung der Ordnung behilflich zu sein. Ein amerikanisches Kriegsschiff landete darauf sofort 60 Mann. Gestern Abend 9 Uhr kam ein englisches Truppenschiff in Sicht.
— Aus Alexandrien meldet der Telegraph: Mehrere europäische Frauen, die sich in den Kellern verborgen gehalten, sind gerettet worden. Man schätzt die Zahl der ermordeten Christen auf nicht über 500. Feuersbrünste verheeren noch immer die Stadt. Der Khedive beschützte in seinem Palaste ungefähr 100 arme Flüchtlinge. Mehrere Kriegsschiffe liegen am Suezkanal und halten denselben einstweilen provisorisch geschlossen.
— „Reuter's Bureau" meldet aus dem Hafen von Alexandrien vom 14. Juli, 10 Uhr Abends: Alle Stadttheile werden jetzt von Marinesoldaten bemacht, welche angewiesen sind, die Soldaten zu entwaffnen und die Plünderer zu erschießen. „Penelope" und „Alexandra" sind Abends nach Port Said abgegangen. Die Feuersbrunst dehnt sich weiter aus.
Konstantinopel, 15. Juli. Heute Vormittag 11 Uhr soll eine Sitzung der Conferenz stattfinden. Unmittelbar nach derselben dürfte die Ueber- reichung der Einladung an die Pforte zur Intervention in Egypten erfolgen.
Konstantinopel, 15. Juli. Der Mimsterrath beschloß, zu versuchen, ob die Lösung der egyptischen Angelegenheit ohne eine eigentliche militärische Intervention geordnet werden könne und, falls die Mächte hieraus nicht eingingen, sich zur Intervention bereit zu erklären.
Konstantinopel, 15. Juli. In Folge des Beschlusses der heutigen Conferenz überreichten die Botschafter Nachmittags der Pforte die Einladung zur militärischen Intervention in Egypten, um den Status quo daselbst wiederherzustellen und der dortigen Anarchie ein Ende zu machen. In der Einladung wird der Pforte vorgejchlagen, sich mit den Vertretern-der Mächte in Verbindung zu setzen behufs Festsetzung der Bedingungen und Begrenzung der Intervention.
Alexandrien, 15. Juli. Mit Ausnahme der österreichischen und griechischen Schiffe haben nunmehr die Schiffe aller übrigen Nationalitäten Mannschaften gelandet. Die zur Herstellung der Ordnung getroffenen Maßnahmen erweisen sich als völlig wirksam. Von England werden Verstärkungen erwartet. Der Brand in der Stadt dauert an einigen Stellen noch fort.
London, 16. Juli. (Telegramm des „Neuter'schen Bureaus"). Aus Alexandrien, den 16. ds., Nachmittags 21 /2 Uhr: Die Gerüchte von einem Angriff Arabi Pascha's in der letzten Nacht haben bis jetzt noch keine Bestätigung gefunden. Die 80 deutschen Flüchtlinge aus dem Hospital befinden sich am Bord des „Habicht." Die Feuersbrunst in der Stadt dauert fort
Konstantinopel, 16. Juli. Die Ueberreichung der Einladung an die Pforte zur militärischen Intervention in Egypten erfolgte gestern Nachmittag durch die Dragomans der 6 Großmächte.
Pera, 16. Juli. Bei der Ueberreichung der Einladung an die Pforte zur militärischen Intervention in Egypten fügten die Dragomans hinzu Angesichts der Dringlichkeit und 'der Schwere der Umstände rechneten die Repräsentanten der Großmächte darauf, von der Pforte baldigst eine Antwort zu erhalten.
Telegraphische Depeschen.
Wolff's tetegr. Correspondenz-Brrrearr.
Berten, 16. Juli. S. M. S. „Nymphe", 9 Geschütze, Commandant Corvetten-Capitän Dietert, ist am 15. Juli er. von Kiel über England nach Gibraltar in See gegangen.


