Nr.
Mittwoch den 17. Mai
L882
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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~~ Amtlicher Hheil.
Betreffend: Die Vertilgung der Raupennester.
Bekanntmachung.
Die Garten- und Feldbesitzer der Gemarkung Gießen werden hiermit aufgefordert, bis zum 30. l. Mts. an Bäumen, Strauchen und Hecken bU wdje S'Srberung nicht Folge geleistet haben werden, verfallen nach § 368, Pos^ 2 des Reichsstrafgesetzes in -ine Geldstrafe
bis zu fcchsziff Mark oder in eine Haftstrafc bis zu vierzehn Tagen. Außerdem wird bie Vertilgung ber sich vorstndenden Raupennester auf Kosten der Säumigen angeordnet werden. . ,
Gießen, am 15. Mai 1882. Großherzogstches Postzeiamt Gießen.
p Fresenius.
Politische Ueberficht.
Gießen. 16. Mai.
Die General-Dis cussion im Reichstage über das Tabakmonopol hat die ganze letzte Hälfte der vorigen Woche in Anspruch genommen, mit Aus- nahnie des Donnerstag, an welchem wegen des Schlusses des preußischen Landtages die Reichstags-Sitzung aussiel. Was nun diese Debatten im Allgemeinen anbelangt, so haben sie mit wenigen Ausnahmen absolut Neues für und gegen das Tabakmonopol nicht zu Tage gesörvert, was gerade nicht eritaunlich ist bet einem Gegenstand, der ja nun schon jahrelang nach allen Seiten hin erörtert worden ist. Im klebrigen zeigte der Verlauf der General-Discnssion, daß die Ablehnung der Tabakmonopol-Borlage, trotz der jetzt vorzunehmeuden coimssari- schen Berathung derselben, nach wie vor sicher ist. — Ain Freitag gelangte auch die Centrumspartei durch den Abg. Dr. Windthorst zum ersten Male zmn Wort, weicher gleich beim Anfang seiner Rede aus das Entschiedenste erklärte, daß er und seine politischen Freunde zwar für die cominissarische Berathung der Monopol-Vorlage, aber gegen die Einführung des Monopols stimmen würden. Die sehr eingehende Rede des genannten Abgeordneten legte in klarster und durchaus sachlicher Weise die Bedenken des Centrums gegen das Monopol dar. Das Monopol muffe zum Einheitsstaate führen, während das Centrum auf föderativer Grundlage stehe; ferner vernichte das 'Monopol die blühende Tabakindustrie und schädige die vielerlei Hülfsgeiverbe, auch seien die in Aussicht genommenen Entschädigungen viel zu gering bemessen. Das Centruin habe die höhere Tabaksteuer 1879 nur bewilligt, um der Industrie Ruhe zu verschaffen, es denke nicht daran, in eine weitere Erhöhung der Tabaksteuer zu willigen, wenn nicht die Resultate der jetzt bestehenden Steuern genau ermittelt seren. Hieraus ergriff Rainens der Frerconservativen Abg. Leuschner das Wort, um die sympathische Stellungnahme zu kennzeichnen, welche die Mehrheit seiner Partei dem Monopol gegenüber einnehme. Beachtenswerth waren auch die Ausführungen des von fecessioniftischer Seite in's Feld geschickten Redners, des Abg. v. Stauffenberg. Derselbe betonte, daß feine Partei keine Mehrbelastung des Volkes, sondern Zug um Zug eine Entlastung haben wolle. Das Monopol sei unvereinbar mit dem blühenden Tabakbau. Dies zeige das Beispiel Frankreichs. Das Monopol vermehre die Zahl der von der Regierung Abhängigen und bedrohe die Wahlfreiheit. Das größte Bedenken dagegen sei aber die unübersehbare Störung, die es in das Erwerbsleben der Nation hmeintrage, denn das Monopol lege die Axt an die Stabilität unserer wirthschaftlicheu Verhältnisse. StaatSfecrelür Scholz trat hieraus den Ausführungen Stauffenberg'S entgegen, ohne indessen etwas Neues vorzubringen. Gegen die Monopol-Vorlage erklärten sich noch Namens der Soeialisten Abg. v. Vollinar, der dieselbe aus öconomischen und politischen Gründen verwarf, sowie der Hannover'sche Parti- kularist v. Arnsivaldt-Hardenbostel.
Die Blutt hat in Dublin hat, wie vorauszusehen war, bereits ihre Rückwirkung auf die englische Politik gegenüber Irland geäußert. Dem Unterhause ist in voriger Woche durch den Staatsfecretär des Innern, Harcourt, ein Gesetzentwurf, betreffend die Unterdrückung von Verbrechen in Irland, vorgelegt worden. Durch denselben wird die Bildung von besonderen Gerichtshöfen in den Districten, in welchen Unruhen vorkommen, angeordnet. Diese Gerichtshöfe sollen aus drei Richtern bestehen und ohne Zuziehung von Geschworenen verhandeln. Die Polizei wird ermächtigt, Haussuchungen vorzunehinen und nach Mordwerkzeugen zu recherchiren, sowie Personen zu verhaften, deren Benehmen verdächtig ist. Ferner wird die Polizei erntächtigt, Ausländer, deren Anwesenheit für den Frieden in Irland bedrohlich erscheint, zu verhaften und auszuweifen. Dem Vicekönig wird gestattet, ein summarisches Verfahren ein« Zuschlägen, geheime Gesellschaften, fowie unerlaubte Versammlungen und aufreizende Zournale zu unterdrücken. Die Dauer der Bill wird aus 3 Jahre festgesetzt. Sian sieht, die Bestimmungen der neuen Bill sind in manchen Punkten noch schärfer als diejenigen der Landbill, Parnell und Dillon beklagten deshalb auch lebhaft den strengen Charakter der Bill, welche schließlich in erster Lesung mit 327 gegen 22 Stimmen angenommen wurde. Es ist jedoch leider nicht zu bezweifeln, daß das neue Gesetz mit seinen Bestimmungen naturgemäß noch heftigeren Widerstand und unversöhnlichen Haß bei den Iren gegen England Hervorrufen wird, zumal schon wieder von einem agrarischen Morde, der bei Ballina an einem Pächter begangen wurde, berichtet wird.
In Dänemark hat endlich der langjährige Streit bezüglich des Budgets zwischen Regierung und Landsthing auf der einen und bent Folksthing aus der andern Seite der Hauptsache nach sein Ende gefunden. Das Landsthing ist mit 42
gegen 12 und das Folksthing mit 73 gegen 3 Stimmen auf die voin gemeinsamen Ausschuß vereinbarte Fassung des Finanzgesetzes eingegangen.
WLin.Die so plötzlich in Egypten aufgetretene politische Krisis ist noch immer sehr ernst. Die Mitglieder der von dem egyptischen Ministerium em- berufenen Notabelnkammer weigern sich einstimmig, dieser Aufforderung nachzu- konimen, es sei denn, daß sie legal einberufen werden; Arabi Bey, der egyp- tische Kriegsminister und nebenbei der eigentliche Urheber Der ansgebrochenen Krisis, soll geäußert haben, alsdann sei ein Bürgerkrieg unvermeidlich. Arabi Bey beabsichtigt, den Vicekönig Tewfik Pascha mit Gewalt abzusetzen, ohne die Formalität der Zustimmung der Notabelnkammer abzuwarten. Moinentan wird eine militärische Demonstration erwartet; gerüchtweise verlautet indessen, daß Arabi Bey nicht auf alle Truppen zählen könne, ein Regiment wäre, wie es heißt, dem Vicekönig treu. Zwischen bett Mächten finden Angesichts dieser hoch- ernst gewordenen Lage ununterbrochen Verhandlungen statt. Frankreich uno England werden unverzüglich Panzerschiffe nach Egypten zum Schutze ihrer dortigen Staatsangehörigen entsenden; ein Gleiches erwartet man von den übrigen Mächten. — Den neuesten Nachrichten zufolge fcheiut die Krisis sich dem Besseren zuzuwenden.
Icutschlaud.
Berlin, 14. Mai. Das erste Verzeichniß der bei dem Reichstage ein« gegangenen Petitionen ist soeben veröffentlicht worden. Unter denselben nehmen den breitesten Raum ein die Petitionen einer großen Reihe von Vorständen land- wirthschaftlicher Vereine um Einschränkung der Freizügigkeit und Abänderung des Gesetzes über den Unterstützungswohnsitz, namentlich in Bezug auf den Beginn und den Erwerb der Unterstützungsberechtigung, die Petitionen der Vorstände verschiedener Schuhmacher-Innungen um Einsührung obligatorischer Innungen und um Aufhebung der Militärwerkstätten und der Gefängnitzarbeit; ferner 367 Petitionen mit 78,300 Unterschriften gegen Einführung des ^abaf« Monopols und gegen jede weitere Erhöhung der Tabaksteuer, sowie für Aufhebung der Tabakmanufactur in Straßburg.
Schweiz.
Bern, 9. Mai. Bei der am 19. d. Mts. beginnenden internationalen Schlußbesichtigung der Gotthardbahn-Arbeiten wird Deutschland wieder durch den Geh. Ober-Regierungsrath Kinel vertreten sein. Von morgen ab finden Die Brückenproben mittelst eines Maschinenzuges von 5 Locomotiven und vorn 15. ds. an täglich Probirzüge über die ganze neu erbaute Linie für die polizeiliche Abnahme der Bahn durch die schweizerische Bundesbehörde statt, wobei Die Tunnels durch einen auf einem der Wagen aufgestellten electro-dynamstchen Apparat erleuchtet werden. Gestern hat auch die erste Locomotive die Strecke von Biasca bis Faido befahren; nächster Tage wird sie bis nach Göschenen kommen.
England.
London, 14. Mai. Wie das „Reuter'sche Bureau" aus Kairo meldet, wäre die Krisis für jetzt beendigt, indem der Präsident des Mmisterraths, Mah- mud Pascha, seine Demssion genommen habe und durch den Minister Des Aeußern, Mustapha, ersetzt worden sei, während die Übrigen Minister auf ihren Posten verblieben.
Rußland.
Petersburg, 13. Mai. In Dünabnug ist man vor Kurzem , einer zahlreichen Bande auf die Spur gekommen, welche von Moskau aus falsche russische Creditscheine nach dem Innern des Reiches verbreitete. Die Bande stand in directer Verbindung mit den Fälschern russischen Papiergeldes m London. Die neuen iveißen 25-Rubelscheine sollen so tauschend hergestellt sein daß sie sehr schwer von den ächten zu unterscheiden find. Die eingelettete Untersuchung führt zur Entdeckung einer immer größeren Anzahl von ..iitghebern der Bande.
^Deutscher Reichstag.
10. Sitzung. M o n> a g, 15. Mak.
äfibent d. ßeüeUow ctöffnete bie (Sitjung um lyi Upt.
Am Tische des Bundcsraths: Staatssecretär v. Bötticher u. A.
Tagesordnung: Erste Berathung des Unsallversicherungsgesetzes in Verbindung mit dem Arbeiier-Krankenkassengesetz.


