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Landindustrte b-th-iligt-n Kreisen vorbereitet, um die diplomatisch- Intervention des bürsten Bismarck in folgender Angelegenheit in Anspruch zu nehmen,

" Seit einiger Reit haben die deutschen Gerbereien, resp, Sohlleder Industriellen über di- Verschlechterung ihres Rohmaterials Klage zu sühren. Da die im Inland- geschlachteten Rinder b-, Weitem nicht ausrerchen, di- für den Bedarf erforderlichen Helle M liefern, fo werden feit Jahren sehr groß- Quantltaten von Hauten aus Süd­amerika und besonders aus den Staaten der arg-ntimsch-n Republik bezogen. Die großartigen Rindviehheerden, welche dort im Freien gezüchtet werden, wurden früher tast ausschließlich der Häute wegen gehalten, während man m neuerer Zett angesangen bat auch das Fleisch durch Herstellung von Li-big'sch-m Fleisch-rtract und neuerdings auch durch Garne pura zu verwerthen. Um nun die Eigenthumsverhaltnisse bet den tm Kreien gezüchteten H-erden i-ststellen zu können, ist durch dortiges Gesetz angeordnet, daß bei jedem Eig-nthumsübergang d-r Name d-s neuen Eigenthümers durch ein Brandzeichen auf das Fell des Thieres vermerkt weiden muß, und da dort em schwung- bafter Vlebhandel betrieben wird, so haben die Felle oft eine so kffvße Anzahl von Brandzeichen, daß sie dadurch wesentlich entwertet werden und day das darai^ ge­wonnene Leder für viele Zwecke unbrauchbar wird. Da der jährliche Export an Rind- viehbäuten sich aus viele Millionen Mark stellt, so hat auch bie dortige Regierung ein Interesse daran, daß d.eser unökonomischen Behandlung vorgebeugt werde Leder- industriellen wollen nun den Reichskanzler bitten, eine Einwirkung nach der Richtung zu üben, daß die erwähnte, in Argentinien bestehende Verordnung geändert werde, etwa dahin, daß die Brandzeichen an den weniger werthvollen Theilen der Felle, wie an den Kops- und Fußenden angebracht werden.

Die Aussichten, welche dem deutschen Exporthandel nach Italien und der Levante durch Eröffnung der Gotlhardbahn geboten werden, erregen den Concurrenz- neid der französischen Interessenten desto heftiger, als die Wahrnehmung hinzutritt, daß auch der englische Transitverkehr, soweit er bislang den Ueberlandweg durch französisches Gebiet benutzte, eine wachsende Tendenz bekundet, sich den mit der Gott- hardbahn kommunicirenden deutschen Schienenwegen zuzuwenden. Ein unlängst dem französischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten unterbreiteter Bericht lenkt das Augenmerk der Regierung auf die vorstehend angedeuteten Gesichtspunkte und auf die Mittel der drohenden Ablenkung des Verkehrs der französischen Route vorzubeugen. Weder Verkehrserleichterungen, welche durch Modifikation deszFahrbetriebs auf den vor­handenen Bahnlinien, noch solche, die durch Tarifermätzigungen bewirkt werden konnten, schaffen nach Meinung des Berichterstatters, Herrn Amede Martenu gründliche Abhilfe, sondern nur die Verstellung einer neuen Alpenstraße, und zwar mit Durchbohrung des Simplon. Zu diesem Zwecke regt der qu. Bericht eine Vereinbarung zwischen der interessirten französischen Bahngesellschaft einerseits, der Verwaltung der oberitalienischen Eisenbahnen und der Gesellschaft der wefischweizerischen Bahnen andererseits an. Die politische Seite der Frage anlangend, müsse das französische Cabmet die Initiative in die Hand nehmen. Es handle sich um die Bekämpsung der Superiorität Deutschlands auf den Märkten Italiens und der Levante, um die Erhaltung der großen Veriehrs- siraße nach dem Orient in der Machtsphäre Frankreichs und um die Wahrung der Prosperität Marseilles gegenüber der stetig steigenden handelspolitischen Bedeutung Genuas.

Als ein Zeichen der Zeit verdient es bemerkt zu werden, daß die Umgebung Gambetta's diesem Projekte eifrig das Wort redet. Gelegentlich seiner Schweizer Villegiatur hat der Exdiktator jedenfalls hinreichend Muße zu allerhand Studien gesunden.

Karlsruhe, 13. Novbr. Der Großherzog nahm gestern bie ihm an­läßlich der glücklichen Entbindung der Kronprinzessin von Schweden dargebrachten Glückwünsche der Minister, des commandirenden Generals v. Obernitz mit den Generälen und Regiments-Commandeuren der Garnison, des gejammten Hof­staates , des preußischen Gesandten Grafen v. Flemming, sowie des Stadtrathes persönlich entgegen. Die Stadt ist festlich geschmückt.

Hesterreich.

Wien. Ueber die Krawalle in Wien wird denB. P. N." von competenter Seite geschrieben:

Es ist eine alte Anekdote, welche man zur Charakteristik der Wiener zu erzählen pflegt. Der ungarische Gras Sandor, ein lebenslustiger launiger Cavalier, war in den dreißiger Jahren der populärste Mann in Wien. Ernes Tages ging er die Wette ein, daß er, ohne irgend etwas Absonderliches zu thun, auf dem StefanSplaye einenAuf­lauf" herbeiführen werde, welcher den Verkehr in's Stocken bringt. Er schritt auch sofort zur Probe. In Gesellschaft eines Freundes stellte er sich auf dem St fansplatze Dem Dorne gegenüber auf, zeigte einige Male mit erhobenem Arme zum Thurmknauf hinauf und starrte denselben einige Minuten lang unverwandt an. Ehe eine Viertel­stunde verging, war der Stefonsplatz vollgepfropft mit Leuten, die alle staunungsvoll zum Knauf emporstarrten, ohne daß Einer den Grund dafür anzugeben vermochte. Der Verkehr war unmöglich gemacht worden und Graf Sandor hatte seine Wette gewonnen. Diese eigenthümliche Schaulust, ja, kindische Neugierde der Wiener ist seitdem auch im Strome der Cultur nicht untergegangen und Graf Sandor konnte ähnliche Wetten heute noch dutzendweise gewinnen. Das hat sich eben in den jüngsten Tagen in einer unserer Vorstädte gezeigt. Einem Vereine von Schustern wurde wegen soctaltftischer Umtriebe die Lesehalle geschlossen. Arn Abende darauf sammelte sich eine Anzahl von Mitgliedern des Vereins vor dem versperrten Locale. Wo aber bei uns fünfzig Leute stehen bleiben, rotten sich bald tausend neugierige Gaffer zusammen. Die Polizei schritt ein und wurde insultirt. Aber charakteristisch war es, daß sich die p. t. Krawall­macher pünktlich vor Thorsperre verliefen. Am nächsten Abend fanden sich natürlich noch mehr Neugierige, die den Spektakel mitansehen wollten, in den betreffenden Straßen zusammen. Aber mit ihnen kamen diesmal auch schon Elemente, welche immer bereit sind, bei jederHetz" werklhätig mitzuarbeiten. Die heranrückenden Ulanen werden mit Steinwürsen empfangen. Ein Ulanenpferd wird gestochen. Schusterjungen trugen eifrigst das Ihrige bei, um den Rummel zu erhöhen. Sie brennen mitten in der Volksmasse sogenannteFrösche" ab. Die Detonation steigert die Verwirrung, lockt frische Schaaren Neugieriger herbei. Die Polizei findet Widerstand. Sie und die Truppen müssen Ernst zeigen. Es kommt zu Verwundungen, zahlreiche Verhaftungen werden vorgenommen. Aber wieder vor Thorsperre leeren sich die Straßen. Am nächsten Abend regnet es und cs gibt keinen Tumult mehr. Gestern und vorgestern Abend war auch ohne Regen, Alles ruhig. DieD. Z." hat Recht, wenn sie sagt: Der Unverstand ist ansteckend, sonst wäre es unbegreiflich, daß ein so ziel- und zweck­loser Tumult nicht schon längst an seinem eigenen Widersinn zu Grunde gegangen ist. Das Erstaunliche an dem Tumulte ist die absolute Ziellosigkeit. Nur der Janhagel niederster Sorte, die rohe Freude am Exceß ist's, was da draußen sein Unwesen treibt* Indessen ist es stadtbekannt, daß der Tumult bald sein sehr positives Ziel erlangt hätte, wenn die Behörden nicht volle Energie entwickeln. Bereits trafen Anarchisten, ganz besonders aber Antisemiten, alle Anstalten, um dieHetze" sich dienstbar zu machen.

Schweiz.

Zürich, 14. November, 2 Uhr 18 Min. Nachts. Gottfried Kinkel ist gestern Nachmutag gestorben. Vor 8 Tagen traf ihn ein Schlafluß, der die ganze linke Körper­seite lähmte.

England.

Portsmouth, 13. Novbr. Der Hamburger PostdampferWestfalia" ist mit einem großen Loche im Bug hier eingetroffen; derselbe war bei der Insel Wigt mit einem unbekannten Dampfer zusammengestoßen.

Portsmouth, 14. Novbr. Die Passag'ere derWestfalia" sind alle wohl­behalten in Portsmouth gelandet und werden heute über London nach Hamburg befördert Die Post ist schon Abends expedirt worden.

Wußkand.

Moskau, 14. November. Aus Kasan melden Privatnachrichten von bedeutenden Studentenunruhen, welche zu der vorläufigen Schließung der Universität führten. Die Tumulte nahmen derartige Dimensionen an, daß Militär requirirt wurde. Es verlautet sogar, der Universitätsrcktor sei mißhandelt worden. Die Motive sind bis jetzt unbekannt.

Türkei.

Konstantinopel, 13. Novbr. Die Pforte verharrt dem Vernehmen nach dabei, die Anwesenheit des türkischen Commissars in Kairo für nothwendig und nützlich anzusehen und hat den Botschafter in London, Musurus Pascha, beauftragt, diese Anschauung dem Staatsjecretär des Aeußern, Lord Granville, gegenüber zu wiederholen. Das JournalStambul" wird morgen wieder erscheinen.

Die Eröffnung des preußischen Landtags.

Berlin, 14. November.

Der Landtag wurde heute Mittag 12 Uhr durch den König eröffnet Die von Sr. Majestät verlesene Thronrede lautet:

Erlauchte, Edle und Geehrte Herren von beiden Häusern des Landtags!

Indem ich die Gesammtvertretung der Monarchie am Eingänge einer neuen Legislaturperiode begrüße, ist es meinem Herzen Bedürfniß, vrn dieser Stelle aus nochmals meinem Volke zu danken für den einmüthigen Ausdruck der Liede und Anhänglichkeit, welchen es mir und meinem Hause bet der Geburt meines Urenkels dargebracht hat.

Der durch die Gesetzgebung des Reiches angebahnte Aufschwung der Gewerb- thätigkeit begründet gemeinsam mit einem für die meisten Landestheile gesegneten Aus­fall der Ernte die Hoffnung auf fortschreitende Entwickelung des Wohlstandes aller Volksklassen.

Das Mißverhältniß zwischen dem Bedürfniß und den Mitteln des Staates, welches seit Jahren meine Regierung zu Anträgen auf Einführung neuer indirekter Steuern beim Reich veranlaßt hat, besteht in Folge der bisherigen Ablehnung fast aller dieser Anträge auch jetzt noch fort. Dasselbe ist ein so erhebliches, daß es ohne die endliche Eröffnung solcher Hilfsquellen nicht ausgeglichen werden kann. Schon das beschränkte, in dem bisherigen Rahmen des Staatshaushaltsetats nur zur Geltung ge­brachte Ausgabebedürfniß hat nicht ohne außerordentliche Mittel gedeckt werden können. Auch für den Etat des nächsten Jahres sind solche erforderlich und durch Benutzung des Staatskredits zu beschaffen. Ein entsprechendes Anleihegesetz wird Ihnen zugleich mit dem Etat vorgelegt werden.

Was das weitergehende Staatsbedürfniß anlangt, so wird meine Regierung sich bemühen, durch besondere Gesetzesvorlagen, welche die beabsichtigten Erleichterungen der Communal- und Schullasten, sowie die Verbesserung der Beamtenbesoldungen in Verbindung mit wünschenswerthen organischen Neuordnungen bringen, bie Theilnahme und Zustimmung zu gewinnen, welche dem wiederholt vorgelegten Entwürfe des Ver- wendungsgesetzetz für die vom Reich zu erlangenden Mehreinnahmen leider versagt ge­blieben ist. Hoffentlich wird es so gelingen, dem Bedürfniß Anerkennung zu ver­schaffen und auch seinen Umfang gemeinsam mit Ihnen festzuftellen, damit dann die Reichsgesetzgebung mit besserem Erfolge für die Abhülfe in Anspruch genommen werden kann.

Nur in einem Punkte kann dieser zeitraubende Weg nicht eingeschlagen werden; die Entlastung der ärmeren Klassen der Bevölkerung von dem Drucke der Klassensteuer muß nach meiner Ueberzeugung ohne Verzug herbeigeführt werden. Es ist mein Wunsch, die mit der Erhebung dieser Steuer verbundenen Härten und die Noth der steigenden Exekutionen bald beseitigt zu wissen. Es wird Ihnen ein Gesetzentwurf wegen sofortiger vollständiger Aushebung der vier untersten Stufen der Klassensteuer vorgelegt werden, welcher daher auch die einstw eilige Deckung für den Ausfall vorzusehen hat-

Das nunmehr in dem größten Theile der Monarchie zur Durchführung gelangte Staatsbahnsyftem rechtfertigt zu meiner Genugthuung schon durch die seitherigen Er­folge die Erwartungen, welche an diese große Maßregel geknüpft werden dürften- Wegen Herstellung einer weiteren Reihe wichtiger Schienenverbindungen in verschiedenen Theilen des Landes wird Ihnen eine Vorlage zugehen.

Der in der letzten Session nicht erledigte Gesetzentwurf zur Ausführung der ersten Abtheilung eines Canals, welcher die großen Ströme in dem westlichen Theile der Monarchie unter sich verbinden soll, wird von Neuem vorgelegt werden.

Es werden Ihnen Gesetzentwürfe zugehen, welche dazu bestimmt sind, die Organi­sation der Verwaltung in einer durch das Bedürfniß gebotenen Weise zu vereinfachen. Dadurch wird zugleich die begonnene Reform zu einem Abschluß gebracht werden, welcher es gestattet, sie demnächst auf das gesammte Staatsgebiet auszudehnen.

Zur Beseitigung der Mängel und Härten, welche sich bei der Zwangsvollstreckung in unbewegliches Vermög n herausgestellt haben, wird Ihnen ein Gesetzentwurf vor­gelegt werden.

Die Wtederanknüpfung des diplomatischen Verkehrs mit der römischen Kurie ist zu meiner Freude der Befestigung freundlicher Beziehungen zu dem Oberhaupte der katholischen Kirche förderlich gewesen und ich hege die Hoffnung, daß die versöhnliche Gesinnung, welche meine Regierung zu betätigen nicht aufhören wird, auch ferner günstigen Einfluß auf die Gestaltung unserer kirchenpolitischen Verhältnisse üben werde. Inzwischen fährt meine Regierung fort, auf Grund der bestehenden Gesetze und der ihr ertheilten Vollmachten den Bedürfnissen meiner katholischen Unterthanen auf kirchlichem Gebiete jede Rücksicht angedeihen zu lassen, welche mit den Gesammtinteressen des Staats und der Nation verträglich ist.

Zur besonderen Befriedigung gereicht es mir, Ihnen mittheilen zu können, daß die Beziehungen des deutschen Reiches zu allen auswärtigen Regierungen mir die Ueberzeugung gewähren, daß die Wohlthaten des Friedens uns gesichert bleiben werden.

Meine Herren! Wiederum ist der Landesoertretung ein ausgedehntes Feld wichtiger Arbeit eröffnet. Ich hege das Vertrauen, daß diese Arbeit durch Ihre bereit­willige Unterstützung meiner Regierung auch in der neuen Session zu einer frucht­bringenden sich gestalten werde.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S trlegr. Eorrespondenr-Bnreau.

Berlin, 14. Novbr. Der Eröffnung des Landtags durch den Kaiser wohnten der Kronprinz, die Prinzen Wilhelm, Friedrich Karl, Leopold und Albrecht bei. Als der Kaiser die Stellen der Thronrede über die Aufhebung der vier untersten Klaffensteuerstufen und über die Beziehungen zum Auslande verlas, ertönte lauter Beifall. Die Feier begann und schloß mit einem drei­fachen Hoch auf den Kaiser.

Im Abgeordnetenhaus berief der Alterspräsident Bockum-Dolffs proviso­rische Schriftführer und ließ die Verloosung der Mitglieder in die Abtheilungen bewirken. Nächste Sitzung Donnerstag.

Im Herrenhaus ergab der Namensaufruf 87 anwesende Mitglieder. Das Haus wählte durch Acclamation den Herzog v. Ratibor zum Präsidenten und den Grafen Arnim zum ersten Vicepräsidenten. Bei der Wahl des zweiten Vicepräsidenten erhielt Dr. Beseler 47, Graf Brühl 45 Stimmen. Befeler nahm die Wahl an. Nächste Sitzung morgen.

Portsmouth, 14. Novbr. Der Kapitän des Hamburger Postdampfers Westfalia" berichtet über den bereits gemeldeten Zusammenstoß: Die Collision fand heute früh halb 2 Uhr statt. In der Dunkelheit konnte man von dem anderen Dampfer wenig sehen, doch war derselbe ein großer. Der Kapitän ließ ein Boot mit einem Osficier und 6 Mann herabsetzen, um Auskunft über die Lage und den Namen des Dampfers zu erlangen. Dieses Boot wurde nicht wiedergesehen. DieWestfalia" hat ein großes Leck und wird morgen in's Dock gebracht werden. .

London, 14. Novbr. DieTimes" veröffentlicht einen Brief Arabi's, worin derselbe erklärt, daß der Krieg in Gemäßheit eines Decretes des unter dem Vorsitze des Khedive und im Beisein Derwisch Pascha's versammelten Cabu I netsconseils beschlossen worden sei.