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Nr. 136. Zweites Blatt. Donnerstag den 15. Juni 1882.
iehmer Anzeiger
Amts- und Anzcigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MsrrtagS.
Bureau: Schulstraße B. 18.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 13. Juni.
Am vergangenen Sonntag hat im kronprinzl. Palais die Taufe des Urenkels des Kaisers stattgefunden, welchem feierlichen Acte eine äußerst glänzende Versammlung beiwohnte. Die Taushandlung selbst wurde vom Ober-Hofprediger Schloßpfarrer Dr. Kögel vollzogen; unmittelbar nach der Taufe fand im großen Marmorsaale des Neuen Palais Galatasel statt, zu welcher, außer den bei dem Taufacte Anwesenden, eine große Anzahl distinguirter Persönlichkeiten, darunter auch die Mitglieder des Bundesrathes und das Präsidiuni des Reichstages, Einladungen erhalten hatten.
Die Reichstagsverhandlungen vom vorigen Freitag boten in ihrem ersten Theile. während der dritten Berathung der Zolltarif-Novelle, ein recht bewegtes Bild dar. Bekanntlich waren fast sämmtliche von derselben vorgeschlagenen Zollerhöhungen in der zweiten Lesung gegen die Stimmen der Conservativen und Klerikalen abgelehnt worden. Man hatte nun von der Freitagsverhandlung eine Wiederherstellung der Regierungsvorlage erwartet, aber dieselbe ist, trotzdem daß die Bänke der Rechten und des Centrums sehr gut besetzt waren, sehr zerpflückt aus den Händen des Reichstages hervorgegangen. Nach Schluß der General-Diskussion wurde zwar in der Specialberathung § 1, der im Interesse der Mühlenindustrie den Identitäts-Nachweis aufhebt, genehmigt, dagegen wurde die Position der erhöhten Zölle auf Asbest und Asbest- waaren, welche in zweiter Lesung gefallen war, mit 157 gegen 147 Stimmen abgelehnt. Dieses unerwartete Ereigniß rief im ganzen Hause hochgradige Erregung hervor, die sich in einer sehr lebhaften Geschäftsordnungs-Debatte Lust machte, welche den Antrag des Abg. Windthorst auf namentliche Abstimmung bei den einzelnen Positionen betraf. Nachdem der Antrag schließlich genehmigt worden war, wurden bei Fortsetzung der Specialdebatte auch die vorgeschlagenen Zollerhöhungen auf Seilerwaaren, auf Lichte, auf Honig, Wachs und Schiefer definitiv abgelehnt, dagegen die Position, betr. die Perlmutterstücke, wonach der Zoll für je 100 Kilo Perlmutterstücke 30 Jt. beträgt, angenommen. Schließlich wurde die Vorlage im Ganzen in der so abgeänderten Gestalt mit großer Majorität angenommen. Ohne Debatte genehmigte das Haus den Antrag Schmidt- Elberfeld aus Herabsetzung des West- und Alpaccagarn-Zolles, worauf noch Geh. Negierungsrath Kraefft die Interpellation des Abg. v. Kardorff über die oberschlesischen Local-Frachttarifsätze für Kohlen beantwortete. In seiner nächsten Sitzung am Sonnabend den 10. Juni trat das Haus in die erste Lesung des Militärrelicten-Gesetzes ein.
Das Befinden des Prinzen Karl von Preußen ist in den letzten Tagen leider weniger befriedigend gewesen, weil bei dein nunmehr freien Bewußtsein von dem erlauchten Patienten die Beschwerden des Verbandes mehr empfunden werden. Indessen giebt nach ärztlicher Versicherung der Zustand des Prinzen, wenn man sein hohes Alter auch berücksichtigen muß, zu ernsten Besorgnissen keinen Anlaß.
Bei der in Greifswald stattgefundenen Ersatzwahl zum Reichstage ist der liberale Candidat, Senator Stolle, mit 6120 gegen 5460 Stimmen, welche der conservative Gegencandidat Graf Behr erhielt, zum Abgeordneten gewählt worden. Bei der Stichwahl im siebenten sächsischen Reichs- tagsivahlkreise ist ebenfalls der fortschrittliche Candidat, Baumeister Kämpffer, gewählt worden.
Im ungarischen Unterhause hat sich am Freitag wieder einmal eine Scandalscene abgespielt, wie sie in den Annalen desselben allerdings nicht gerade zu den Seltenheiten gehören. In Folge von Aeußerungen des Abg. Wahrmann mit Bezug auf tue Debatte über die Auswanderung russischer Juden forderte Abg. Jstoczy (Antisemit) denselben. Da Wahrmann die Forderung ablehnte, beschimpfte ihn Jstoczy im Lesesaale; Wahrmann vergalt mit gleicher Münze und nur durch das Dazmischentreten der Anwesenden wurden Thätlich- keiten verhindert. Jstoczy meldete dem Vorstande der liberalen Partei sofort seinen Austritt aus derselben an. Wegen dieses Zwischenfalles wurde die öffentliche Sitzung abgebrochen und eine geheime Sitzung abgehalten. Nach Wiederaufnahme der ersteren sprach das Haus auf Antrag des Präsidenten eine Rüge über die stattgehabte thatsächliche Jnsultirung aus.
Nachdem aus Irland eine ganze Woche hindurch nichts von neuen agrarischen Verbrechen zu hören gewesen war, kommt aus dem unglücklichen Lande die Kunde, daß die irischen Mordbanden ihre unheimliche Thätig- keit wieder ausgenommen haben. Am Abend des 8. ds. wurde der in Rahasane (Grafschaft Galway) wohnende Eigenthümer Walter Bourke, als er aus der Stadt Gort nach Hause zurückkehrte, erschossen, ebenso wurde der ihn begleitende Dragoner durch einen Schuß getödtet. Bourke war schon seit längerer Zeit Feindseligkeiten Seitens seiner Pächter ausgesetzt, so daß man unter ihnen ohne Zweifel den oder die Mörder zu suchen haben wird. Bis jetzt sind in Folge dieses Mordes keine Verhaftungen erfolgt und ist es auch sehr fraglich, ob bei den auf Irland herrschenden Verhältnissen es gelingen wird, die Mörder Bourke's ;u eruiren. Ferner wurden am folgenden Tage an verschiedenen Orten des westlichen Irlands Mordversuche gegen vier Pächter begangen, welche sämmtlich erheblich verwundet worden sind.
Die Dispositionen bezüglich der Bestattung Garibaldi's scheinen noch in letzter Stunde verändert worden zu sein. Wenigstens meldet der Telegraph, daß der Sarg, in welchem sich die irdischen Ueberreste Gari- baldi's befanden, auf dem Friedhose von Maddalena auf Caprera beigesetzt worden sei. Der electrische Draht hat aber nichts davon gemeldet, ob der feier
lichen Bestattung die Verbrennung des Leichnams vorausgegangen sei, wie es Garibaldi in seinem Testamente angeordnet hatte. Die Nachricht von der statt- gesundenen Feuerbestattung des Leichnams Garibaldi's wäre demnach eine irr# thümliche, mindestens eine verfrühte gewesen. Bestimmtere Nachrichten hierüber liegen aber merkwürdiger Weise bis dato noch nicht vor.
Innerhalb der ministeriellen (liberalen) Partei Spaniens sind schon seit längerer Zeit Meinungsverschiedenheiten aufgetaucht, welche für den Weiterbestand des Cabinets Sagasta nicht unbedenklich erscheinen. Einem Theile der Partei neigt das Ministerium zu sehr nach rechts und die Führer dieses Flügels, wie Marschall Serrano, wünschen daher, daß die spanische Regierung ihren liberalen Standpunkt entschiedener betone. Vorläufig wollen aber die Ministeriellen noch abwarten, ob der Ministerpräsident Sagasta von selbst ihren Wünschen entgegenkommt.
Die türkische Mission ist zur Zeit der Angelpunkt, um den sich die egyptischen Angelegenheiten drehen. In Konstantinopel hofft man zuversichtlich auf den Erfolg Derwisch Pascha's und seiner Begleiter und die günstige Aufnahme, welche dieselben bei den Truppen wie bei der Bevölkerung in Kairo gefunden haben, scheint für die Berechtigung dieser Hoffnung zu sprechen. Die Haltung Arabi Pascha's ist indessen eine ziemlich zweideutige, er soll zwar erklärt haben, die Autorität des Sultans anzuerkennen, aber daneben sollen sich seine Bestrebungen noch immer auf die Beseitigung Tewfik Pascha's richten, während die Pforte gerade die Aufrechterhaltung der Herrschaft des jetzigen Vicekönigs wünscht. Man darf also vorläufig der Mission Derwisch Pascha's nicht allzu optimistisch entgegentreten. Unter diesen Verhältnissen ist es sehr günstig, daß das Conferenzproject wieder an Boden gewinnt, da Deutschland und Rußland jetzt officiell in Paris und London die Annahme der Conferenz erklärt haben, über den Zusammentritt derselben verlautet jedoch bezüglich des Zeitpunktes noch nichts Näheres.
Berlin, 12. Juni. Der Centralverband deutscher Industrieller hat eine Commission erwählt, welche in den nächsten Tagen in Berlin zusammentreten wird, um eine Eingabe an den Reichstag, betr. die Wünsche dieses Verbandes in Bezug auf die Krankenversicherungs- und auf das Arbeiter-Unfallversicherungs- Gesetz, ausarbeiten soll. Als Vorarbeit hierzu hat soeben in Düsseldorf eine Commission des Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirthschastlichen Interessen in Rheinland und Westfalen und der nordwestlichen Gruppe des Vereins deutscher Eisen- und Stahl-Industrieller getagt, sich jedoch nur mit der Unfallversicherung beschäftigt; sie stellte zunächst ihre Ansicht dahin fest, daß die Kranken- und Unfallversicherung in organischen Zusammenhang gebracht werden müßte; sie erkannte jedoch an, daß eine vorhergehende Erledigung des Krankenversicherungs-Gesetzes zulässig und wünschenswerth sei, glaubte aber mit aller Energie darauf Hinweisen zu sollen, daß das Krankenversicherungs-Gesetz keine Bestimmungen enthalten dürfe, welche die organische Verbindung mit der Unfallversicherung ausschließen, sondern daß es vielmehr alle Bestimmungen enthalten müsse, welche die Grundlagen für diese organische Verbindung gewähren. Demgemäß legte die Commission ein ganz besonderes Gewicht auf die Bestimmung, daß diejenigen, welche durch einen Unfall im Betrieb vorübergehend erwerbsunfähig werden, bis zum Ablauf der 13. Woche den Krankenkassen überwiesen werden. Die Commission erklärte sich mit dem staatlichen Versicherungszwang vollkommen einverstanden, da ihre Mitglieder der Ansicht waren, daß ohne einen solchen Zwang die so überaus wünschenswerthe allgemeine Durchführung der Krankenversicherung nicht zu erreichen sei.
Auch der Centralausfchuß der „Concordia", Verein zur Förderung des Wohles der Arbeiter, hat sich in einer zu Frankfurt a. M. abgehaltenen Versammlung mit denselben Gesetzentwürfen beschäftigt und beschlossen, dem Reichstage eine Denkschrift zu unterbreiten, demzufolge der Verein sich mit den Gesetzen im Allgemeinen einverstanden erklärt, aber bittet von der Heranziehung öffentlicher Mittel abzusehen, weil die Industrie stark genug sei, um die Lasten der Unfallversicherung selbst tragen zu können.
— Der Abg. Wölfel hat folgenden Antrag gestellt: Der Reichstag wolle beschließen: dem nachstehenden Gesetzentwürfe die verfassungsmäßige Zustimmung zu ertheilen:
Gesetz, betr. die Stimmzettel für öffentliche Wahlen.
Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen rc., verordnen im Namen des Reichs, nach erfolgter Zustimmung des Bundesraths und des Reichstags was folgt:
Einziger Artikel.
Stimmzettel, welche im Wege der Vervielfältigung hergestellt sind und nur die Bezeichnung der zu wählenden Person enthalten, gelten nicht als Dmck- schriften im Sinne der Reichs- und Landesgesetze.
— Die Eröffnung der Gotthardtbahn wird auch für die Versorgmig Deutschlands mit Nahrungsmitteln, namentlich mit Geflügel, Fruchten und Ge- müfen aus Italien von großem Einflüsse werden Wie wir erfahren, hat soeben ein italienisches Handlungshans mit der komgb E.s-nbahn-Direct,°n emm Frachtabschluß über noch in dieser Saison zu befördernde 500 Waggons mit Geflügel und Gemüsen bewirkt.
Vermischtes.
Paris 9 Juni. Heute Vormittag stießen die Arbeiter, welche in der Rue vteille du Temple einen alten Palast adtrugen, der einst dem Herzog von Guise
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