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Mußland.
Petersburg, 10. Juni. Auf einem der vor Reval liegenden Kanonenboote sind zwei Ossiciere verhaftet worden, die in Verdacht stehen, der nihilistischen Partei anzugehören.
— Zur bevorstehenden Krönung in Moskau werden 19 vergoldete Kutschen und 4 offene Wagen dahin geschickt werden. Der Anblick des Wagenzuges wird als ein wahrhaft großartiger geschildert, denn jedes der einzelnen Exemplare ist, mit Ausnahme der Radreifen, über und über stark vergoldet; an einzelnen befinden sich die kaiserlichen Namenszüge in Edelsteinen, welche dem Ganzen noch einen erhöhten Glanz verleihen. Zunächst fällt der für die Kaiserin bestimmte Wagen in's Auge. Derselbe, ein Geschenk Friedrichs des Großen an Kaiserin Elisabeth, ist eine geschlossene zweisitzige Chaise, deren Wagenkasten auffallender Weise nicht aus Federn ruht, sondern durch vier starke Sammetbänder getragen wird, welche ihn in einer fortwährenden schaukelnden Bewegung erhalten. Das Innere des Wagens ist mit rothem Sammet ausgeschlagen; die Wand gegenüber dem Sitze bildet eine große Spiegelscheibe; an dieser, sowie an den Scheiben der Thüren sind schwere weiße Atlasgardinen angebracht. Der gleichfalls mit rothem Sammet ausgeschlagene, reich mit Goldstickerei besetzte Kutschersitz bietet Platz für vier Personen, von denen zwei — die beiden Kammerpagen der Kaiserin — mit der Front nach dem Wagen zu sitzen, dem Kutscher also den Rücken zukehren. An den Thüren zeigt sich der russische Doppeladler in Brillanten, oben auf dem Verdeck befindet sich die mit vielen Edelsteinen geschmückte kaiserliche Krone. Der Wagen wird durch acht milchweiße Schimmel ohne jedes Abzeichen gezogen werden; die Geschirre, die wie die für die übrigen Wagen vollständig neu hergestellt, sind sämmtlich aus rothem Sammet reich mit Gold bedeckt. Die für den Wagen der Kaiserin bestimmten zieren außerdem noch goldene Rosetten, in deren Grunde sich ein Diamant befindet. Die jetzt erfolgte Neuvergoldung und Restaurirung der 23 Wagen soll 230,000 Rubel gekostet haben. Der größte Thell derselben ift geschlossen, nur vier für hoch- gestellte Würdenträger bestimmte sind offen und fallen durch ihre elegante Form fast noch mehr in die Augen, als die erstgenannten.
Türkei.
Konstantinopel, 12. Juni. Die Botschafter gaben der Pforte Kennt- niß von den ihnen aus Alexandrien zugegangenen Depeschen über die dortigen Vorgänge welche eine Bestrafung der Meuterer erheischen. Die Pforte telegra-
Arankreich.
Paris, 11. Juni. In den Wandelgängen der Deputirtenkammer machten beute die im englischen Blaubuche veröffentlichten Schriftstücke ungeheures Aufsehen, da sich daraus ergiebt, daß die orientalische Politik Garnbetta s mcht blos die Pforte-gegen Frankreich erbittert und die übrigen Mächte verstimmt, sondern auch Frankreich isolirt hätte, so daß selbst England sänimtliche Anträge Gambetta's, namentlich auch die der französisch-englischen Besetzung Egyptens, verwarf und die Besetzung durch die Türkei vorzog. Die Deputirten sprachen sich allgemein dahin aus, daß Garnbetta in Folge dieser gefährlichen Stellung zurückgetreten sei und die Abstimmung über die Listenwahl ihm als willkommener Vorwand dazu diente, durch diese Lage aber Freycinet's Politik, nicht ohne Eiiropa vorzugehen, vollkommen gerechtfertigt sei.
Italien.
Nom, 11. Juni. Es bestätigt sich, daß die Beisetzung der Leiche Gari- baldi's auf Caprera nur als eine provisorische anzusehen ist, daß von der Verbrennung abgesehen und eine endgültige Bestattung in Rom m Ausjicht genommen ist. Die Frage ist in einem Familienrath entschieden worden. Signora Francesca, die Wittwe Garibaldi's, lehnte jede Verantwortung für die Ntcht- besolgung der letztwilligen Verfügung ab. General Canzio, der Schwiegersohn Garibaldi's, ist jedoch mit seiner Anschauung schließlich durchgedrungen, die Lerche nicht zu verbrennen und vorläusig auf der Insel beizusetzen. Er berief sich vornehmlich auf das Votum des Doctors Brandina, eines alten Freundes von Garibaldi. Der von Garibaldi zum Testamentsvollstrecker ernannte Gewährsmann erklärte, durchaus nichts gegen die Umstoßung der testamentarischen Be- stinnnung einzuwenden. Ernem Berichterstatter der „Times" erklärten dre Söhne Garibaldi's, Menotti und Ricotti, daß sie trotz ihres ernsten Willens, die Anordnungen ihres Vaters auszuführen und die Leiche desselben zu verbrennen, sich dem gefügt hätten, was ihnen in eindringlichster Weise als der Wille der Nation vorgestellt worden sei. Sie hätten die Absicht aufgegeben, die Verbrennung vorzunehmen. Eine Gruft wurde in aller Schnelligkeit hergestellt, und hier soll die Leiche bleiben, bis das Parlainent über den definitiven Begräb- nißplatz entschieden haben wird. Der Zulauf von theilnehmenden Verehrern des Verstorbenen in den letzten Tagen ivar ein kolossaler, Jeder wollte sich etwas zur Erinnerung mitnehmen. Der Eine riß einen Cypreffenzweig ab, der Andere schlug sich ein Stück Granit vom Felsen, der Dritte begnügte sich mit einer Hand voll Erde. Leider führte der Cultus der Erinnerung auch zu einem Excesse, denn die Deputation aus Palermo bemächtigte sich des Rollstuhles, in welchem Garibaldi die letzte Zeit über immer lag, und zerschlug denselben, um die Theile davon als theures Andenken mit sich zu nehmen. Schon am dritten Tage nach dem Tode waren über tausend Beileids-Telegramme an die Familie eingelaufen.
ießener Anzeiger
Amts- und Auzcigeblatt für den Kreis Gießen.
phirte darauf an Derwisch Pascha, welcher antwortete, daß bereits 30 Meuterer verhaftet seien. Der Adjutant des Sultans, Osman Bey, ist mit ergänzenden Instructionen nach Alexandrien abgegangen. — In dem gestrigen Ministerrathe hat, wie es heißt, sich die Mehrheit im Sinne der Zustimmung zur Conferenz ausgesprochen unter der Bedingung, daß die Conferenz nur die egyptische Frage behandele. Dem Sultan ist hierüber noch keine Vorlage gemacht worden.
Aegypten.
Alexandrien, 12. Juni. Viele europäische Einwohner verlassen Egypten so schnell wie möglich; das Consularcorps hat eine Proclamation erlassen, in welcher die Europäer ermahnt werden, sich ruhig zu verhalten. Gleichzeitig wird dem Vertrauen Ausdruck gegeben, daß die egyptische Armee den Gesetzen entsprechend für Ruhe und Ordnung sorgen werde. Heute sind ferne neuen Ruhestörungen vorgekommen. Die Anzahl der Todten bei den gestrigen Ruhestörungen wird jetzt auf ca. 100 geschätzt.
Kairo, 12. Juni. (Meldung des Reuter'schen Bureaus) Sobald die Nachricht von den in Alexandrien ausgebrochenen Unruhen hier eingetroffen war, begaben sich die General-Consuln Deutschlands und Oesterreichs zu Derwisch Pascha, den ste antrafcn. als er im Begriffe war, sich nach Alexandrien zu begeben. Derwisch Pascha ließ dem Kriegsministertum sofott peremptorische Befehle zugehen Kurze Zec Hern>ach wurden die Truppen von Alexandrien, welche bis dah>n den Ruhestörungen als paisiv Kuschauer beigewohnt hatten, zusammenberufen und die Ruhe wieder hergestellt. Der Consularbericht bringt folgende Details, welche den ernsthaften Character der Unruhen beweisen. Der Wagen des griechischen Generalconsuls wurde von egyptischen Soldaten angeyalten, welche den Generalconsul und seine Begleiter zwangen auszusteigen und sie auf das Gröblichste behandelten. Der Generalconsul wurde mit em cm Stocke heftig geschlagen. Man machte auch den Versuch, den Wagen, m welchem sich der englische Consul befand, anzuhalten. Der italienische Viceconful wurde durch em Individuum aus der Mitte der Volksmenge durch einen Stemwurf verwund^ Die Frau des österreichischen Generalconsuls wurde bet der Rückkehr non tmtm ®paju.- gange auf der Straße angegriffen und insultut. Der ttiglische Cmtsul wurde durch Schläge auf den Kopf verletzt, doch sind die Wunden nicht gefährlich. - Die Zahl der getödteten Europäer wird nach weiteren Meldungen auf 67 angegeben. Heute früh fand^eine Zusammenkunft der Generolconsuln im englischen ^onsulargrbäude statt. Nach derselben begaben sich die Generolconsuln zu Derwisch Pascha, welcher sich ihnen gegenüber, jedoch nicht definitiv, hinsichtlich seiner Intentionen äußerte.
Deutscher Reichstag.
17. Sitzung. Dienstag, 13. Juni.
Präsident v. L e v e tz o w eröffnet die S tzung um IV2 Uhr. .
Am Tische des Bundesrathes: Die Staalssecrectare v. Bottich er, Scho z, Unterstaaissccr-tärDr. ». W zgerathung-n über das Tabak,nanapal. .
Aba Richter" Die gestrige Rede des Reichskanzlers Festen Bismarck ist eine neue Auüaae der Rede welche er am 7. Mai 1879 gehalten hat. Wenn die Rede des ^errn Reichskanzlers oom Jahre 1879 dazu beigetragen hat, die B-w ll,auug neuer Silmrn im Betrage von 130 Millionen herbeizusühren - unr unsererseits haben dazu Zchf beiae7r°°en - so muß, dieselbe wiederholt, auch aus Andere als auf uns, einen anderen°Gndruck machen, denn heute haben wir schon die Probe, was von all den^Berimechungen übrig bleibt, die wir damals vernommen haben. Wenn die SMilltik richtig stt die der Reichskanzler gestern vorgeiragen, so wird letzt noch mehr erecutirt als früher» und es scheint, als ob die Bewilligung der 130 Millionen neuer Steuern die Ursache sind, daß die Exekutionen sich in dieser Weise vermehrt haben, denn aerobe die Minderwohlhabenden, die Armen, sind es, auf welche die neuen Steuern vorzugsweise drücken- Wenn das Petroleum um 6 Pfennigs das Pfund um 3 Mennige durch den Zoll vertheuert wird, ist es da em Wunder wenn ^m Schlüsse des Monats das Geld für die Classensteuer fehlt? Mrst Bismarck kennt die aanie Classensteuer nicht, wenn er sagt, es sei eine Kopfsteuer, die sich nach dem Einkommen richtet. Fürst Bismarck meint, die Classensteuer sei an der Auswanderung fchulo und doch besteht diese Steuer in Preußen seit 60 Jahren und zwar au§ jener Hardenberg'schen Zeit, die der Reichskanzler so sehr empfiehlt. Die m Amerika bestehenden Schutzzölle sollen die Auswanderung veranlaßt haben und doch geschehe diese Auswanderung in einem Augenblick, wo wir der Segnungen des Schutzzollesebenfalls theilhaftig werden. Glauben Sie dock nickt, baß wenn wir heute bas Tabakmonopol bewilliaen baß es damit abgemacht ist; was ber Kanzler gestern versprochen hat, dazu reichen näht fünf Tabakmonopale aus, bazu würben. 5C§ Millionen erforderlich setn- Wenn die Communen heute damit umgehen, eigene indirekte Steuern bei sich zu^e^- heben so ist das kaum verwunderlich, denn es ist doch richtiger, das G-td z ^s es erst an das Reich abzusühren, wo doch überall etwas hange^e^Was würbe beispielsweise bie Stabt Berlin von dem Monopol haben. u aems
Millionen Mark, während diegeschmähte Elast en-.und Miethsfteue^l4 M bringen. Fürst Bismarck hat das Bedürfniß gefühlt, hier «^^eußtschen Land- Aber ich glaube nicht, daß er mit dem Progi amm, welckes^ r für b n p B tag aufgestellt hat, mel Glück haben m‘rb' ®en_n^ erft die Erfüllung
Steuerdruck abheljen, jo sind wir auch dabei, aber w °^labe»ejt§ erfolgten Sreuer- der alten Versprechungen mir verlangen dies auf Grund b^r arbeitet man im
bewilligungen. Wahrenb wir neue Reic^steuern m g l @r^un0 bcv mrecten
preußischen Staatsminlfterium an neuen Staatssteu , welche ben Steuer-
Steuern sollen sogar bie 14 M'lllonen wieber ei 6 brach ^nommen werben
Zahlern soeben erlassen worben sinb. Man fragt, woher ^i^rlen Einnahmen. Erne sollen? Durch die in Folgeder. besseren Verh QUf. Rebner
gute Ernte bringt Alles em unb ^ermaltung, um zu zeigen, baß
exemplistcirt auf bie einzelnen Zwerge der p 6 sw^^ gegenwärtige ©teuerstem fei bie Einnahmen in stetem Steigen begnsten st . b fein wirb, noch runiz'g
noch gar nicht durchgeführt. unb im-rb m n^n Zöllen ist sitzt bereits Millionen ergeben, bie MiNimalsckatzung b r c g i weiter, als angemenene
übertroffen worden. Die Resolution L ngens venangr^^ w Sparsamkeit ber Sparsamkeit, sie weist jede abenteuer chP.^ $ gemacht hat, ist unter ben Etats. Die alte preußische diese muß wieder zur Geltung
Milliarden bei dm Behörden vielfach verscywunoen, gebracht werden. _ ... hna aQme bisherige System ab, insbesondere das,
Die Resolution Llngms Ie^b b§Q§9 ^ftem o0n den ungemessenen Verbrauchs- was der Kanzler seme Reformbcbeutet nichts anderes, als eine Verschiebung steuern. Der Plan des Reichsk nzt Minderwohlhabenden, aus die ärmeren
M ff V°?ist d"r^Kern der ganzen Reform, das ist das Volksschavliche der jetzigen


