Ausgabe 
15.1.1882 Erstes Blatt
 
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KA Erstes Blatt. Sonntag den 15. Januar 3882.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bttrea«: Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Gefundene Gegenstände:

1 Brache, 1 Pelzkragen, 1 Zeichnen-Borlage, 1 Handschuh, 1 Denkmünze, mehrere Schlüssel. Gießen, am U. Januar 1882. ' Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.

t Fresenius.

Eröffnung des preußischen Landtags.

Berlin, 14. Januar, 1 Uhr Mittags. Der Landtag wurde heute Mittag 12 Uhr eröffnet. Die Thronrede constatirt die Besserung der Finanz­lage im abgelausenen Rechnungsjahr. Dieselbe ergibt vorzugsweise aus den Staatsbahnen 29 Millionen Ueberschuß. Eine Anleihe in mäßigen! Betrag wird zur Entwickelung der Wirthschafts-Jnleressen und zu productiven Zwecken gefor­dert. Die Thronrede verkündigt ferner die Vorlage von Gesetzen zur Unter­stützung Hinterbliebener Staatsbeamten, zur Verwendung vom Reiche überwie­sener Beträge zur Erleichterung der Schullasten und stellt einen ferneren Steuererlaß, abgeschlossene Verträge mit Eisenbahnen und die vorjährigen Ent­würfe für die wirthschastlichen Erfolge des Staatseisenbahn-Systems in Aussicht. Lebhaft befriedigt habe die Wiederherstellung geordneter Verwaltung in mehreren katholischen Bisthümern, sowie die Abhülfe von Rothständen in der Seelsorge und Erleichterung der krankenpflegenden Genossenschaften. Das Gesetz vom 14. Juli 1880 soll erweitert wieder in Kraft treten. Freundliche Beziehungen zum Pabste lassen einen diplomatischen Verkehr wieder anknüpfen.

Deutschland.

Straßburg. 13. Januar. DieEtsaß-Lothr. Zeitung" publicirt einen Befehl des Statthalters, durch welchen der Allerhöchste Erlaß vom 4^d. Mts. allen Beamten in Elsaß-Lothringen, welche dein Kaiser den Eid der Treue ge­leistet haben, zur Kenntnißnahme und Nachachtung mitgetheilt wird. Ferner bezeichnet das nämliche Blatt die durch eine Reihe deutscher Zeitungen gehende Notiz, daß für die Erbauung des Kaiserpalastes in Straßburg eine ganz andere und ungleich ungünstigere Stelle als. die ursprünglich bestimmte in das Auge gefaßt sei, als der Begründung entbehrend, es sei hinsichtlich des Platzes nichts geändert worden.

Hesterreich.

Peslh, 10. Januar. Die Lorbeeren der inagyarischen Chauvins lassen den Kroaten keine Ruhe; letztere stehen im Begriff, auch ihrerseits eine Deut­schenhetze in Scene zu setzen, damit :uan sich in weiteren Kreisen auch mit ihnen beschäftige und ihnen kein anderes südslawisches Land die Rolle einessüdslawi­schen Piemonts" streitig mache. Die kroatischen Blätter haben soeben die^furcht­bare Entdeckung gemacht, daß die Germanisirung in den kroatischen Städten, besonders in jenen Slavoniens und Sirmiens, immer mehr um sich greife und daß Kroatien-Slavonien sich aufraffen müsse, um der drohenden Germanisations- Gefahr kraftvoll entgegenzutreten.Die aus Oesterreich und aus Deutschland nach Kroatien eingewanderten Deutschen, die bereits seit längerer Zeit in Kroa­tien-Slavonien ansässig sind, zeigen nicht die mindeste Lust, die kroatische Sprache zu erlernen. Die Juden lassen sich von den eingewanderten Deutschen als Werk­zeuge zum Zwecke der Germanisation benutzen und sie tragen eme kroatenfeind­liche Gesinnung zur Schau. Ja, selbst die kroatischen Aristokraten, die jungen Herren und Damen, und die Bureaukraten, die alle recht gut kroatisch sprechen, geniren sich", die Landessprache im öffentlichen Umgänge zu gebrauchen; sie reden deutsch! Welche Schande! Es giebt Ortschaften, welche vor vier bis fünf Jahren ganz kroatisch oder serbisch waren, jetzt sind sie größtenteils deutsch geworden; sie gründen deutsche Volksschulen, gebrauchen in der Verwaltung die deutsche Sprache und verursachen dadurch der kroatischen Negierung die größten Verlegenheiten. Ein Fremder, der nach Agram kommt, glaubt, er befinde sich in einer deutschen Stadt, weil er in allen öffentlichen Localen deutsch reden hört." So jammern die kroatischen Blätter, und dieser Schmerzensschrei soll dazu dienen, daß man in Kroatien-Slavonien der deutschen Sprache überall. iüo man sie hört, den Krieg erkläre und besonders Agram zu einer rein kroa­tischen Stadt umgestalte. Es wird sich bald zeigen, welche Wirkung der Aufruf der kroatischen Chauvins auf die Bevölkerung Kroatiens Hervorrufen wird. Be­kanntlich sind die kroatischen Studenten auch in Agram die Vollstrecker der Unternehmungen der kroatischen Opposition; Angesichts der Leidenschaftlichkeit und Rohheit der südslawifchen Ultras ist es zu befürchten, daß in Agram und in den Städten Kroatiens .und Slavoniens ein wahrer Terrorisnius um sich greifen wird und daß unter dem Vorwande der Bekämpfung der Germanisation die intelligenten Kreise und die Deutschen allerlei Unbilden ausgesetzt sein werden. Hoffentlich wird die kroatische Negierung die Hände nicht in den Schoß legen und schon bei Zeiten Vorkehrungen treffen, um der Deutschenhetze ein Ende zu bereiten. Es ist aber auch nicht umnöglich, daß sie aus Rücksicht aus ihre Po­pularität die Augen schließt und den: Treiben der Ultras freien Lauf läßt.

Spanien.

Madrid, 12. Januar. Das JournalLiberal" veröffentlicht eine Zu­schrift des Jnfanten Franz von Bourbon, eines Vetters des Königs Alfons, in welcher derselbe England äuffordert, Gibraltar an den Papst abzutreten, falls es mcht vorziehen sollte, Gibraltar an Spanien zurückzugeben.

Deutscher Reichstag.

24. Sitzung vom 13. Januar.

Präsident v. Leoetzow eröffnet die Sitzung um l*/» Uhr.

Am Buvdetzrathstifche: Bitter, S cholz, v. Bötticher u. A.

Der Präsident macht Mittheilung von einem ihm vom Abg. Dietz (Soz.) d. d. SnUtgait, 12. Januar, Abends 6 Uhr 15 Mm., zugegangcnen Telegramm, in welchem derselbe zur Kenntniß des Reichstags bringt, daß er am Mittwoch wegen Verbreitung des angeblich verbotenenOmwbuskalenders" verhaftet worden ifL .

Abg. Kayser (Freiburg) kündigt zur Geschäftsordnung einen Antrag auf Frer- lassung des verhafteten Abgeordneten an .

Tagesordnung: 1) Mündlicher Bericht der Budget-Commission über den der­selben wied.rhott zur Beratbung überwiesenen Titel 1 (Zölle), Capitel 1 der Einnahme .des Etats. In diesem Titel bcfinbet sich der Ausgabe-Etat für die Karserl- Haupt- Zollämter in den Hansestädten.

Die Commission beantragt, den Titel unverkürzt zu bewilligen. Dle Debatte wird getrennt und zunächst über die E nnahnun aus den Zöllen eröffnet.

Aba. Oechelhäuser verbreitet sich m längerer, im Zusammenhänge aus der Tribüne < ^stündlichen Ausführung n über die Wirkungen der Zolle auf unsere wirthschastlichen Verhältnisse. Er bestreitet, daß diese m Folge der neuen Zollpolitik einen Aufschwung genommen hätten Wo stellenweise ein kleiner Aufschwung der Industrie zu constawen sei. sei derselbe nicht auf die Zollpolitik, sondern auf andere Verhältnisse zurückzuführen. Redner nimmt im wetteren Verlaus seiner Rede die Be­richte der Handelskammern gegen die Angriffe der Regierung m Schutz und^ stellt insbesondere jede tedenziöse Entstellung der wttthschaftlichen Lage durch diese Berichte

Abg. Czarlinski beschwert sich darüber, daß die Bekanntmachungen der Zoll­behörden in den polnischen Landestheilen nicht auch in polnischer Sprache zur Kennt- niß des allein dieser Sprache mächtigen Publikums gebracht Eden. Redner verweist darauf, daß die kaiserliche Botschaft in polnischer Sprache veröffentlicht worden ,ei es sei dies ein Beweis dafür, daß man die polnische Sprache nicht ganz entbehren könne. Es wäre nur logffch, wenn die Regierung auch m den fallen, wo es sich um die materiellen Interessen des Volkes handclt, sich ebenfalls zu ihren Publikationen der polnischen Sprache bedienen würde.

Abg. v Kardorff bedauert das Verfahren der Zollbehörde. Nichts könne den neuen Zolltarif m der Bevölkerung mehr schädigen, als die Vexationen, wie sie vor­gekommen sind, und die nur geeignet sind, den Spott herauszufordern. Herr Zechet- Häuser habe sich widersprochen; er habe erst behauptet, der Export sei geschädigt worden, und kur, daraus, derselbe sei gestiegen. Er behaupte, daß der Schutzzoll zur Hebung des Erports beitrage. (Widerspruch links,) Herr Richter bemühe sich b-lonbers, zu üb-rtreiben und durch solche Uebertreibungen würden die Arbeiter entwöhnt, gegenüber der wirthschastlichen Loge selbst nachzudenken. (Gelachter links., Er hosse, daß die jetzige Zollgesetzgebung auch dazu beitragen weide, die Leute wieder zum chachdenk-n zu bew g-n, Eine große Anzahl von Zöllen treffe die ärmere Bevölkerung überhaupt nur in geringem Maße. Selbst der Petroleumzoll treffe die vornehmere C aff mel mehr, als die ärmere. Als ein Beispiel führt Redner an, daß seinerbeiche^denen Haushaltung im Durchschnitt mehr Petroleum consumirt werde, als von den Bewohnern sein's Heimathsortes einem Dorfe von 700 Bewohnern, die sich durchweg Es ge­wissen Wohlstandes erfreuten. Auch der Zoll auf Colomalwaaren werde fast aus schließlich von den wohlhabenderen Klassen getragen, Redner Ichlietzt " der sicheren Erwartung, daß seine Hoffnungen und Prophezeihungen bezüglich des neuen Zoll, und Wirthschaflssysttms in Erfüllung gehen werden. .

Abg, Dr, Barth (Bremen) wendet sich zunäM gegen du: Nüheren Uu - führungen des Dircctors vom Reichsamt des Innern, Burchard, v , ® , en Einfuhr und gegen die Behauptung, daß der Getreidezoll vom Auslande ge^iag n werde Das Getreide müsse überall den Mmktpreisi zahl-n, der b-n Z°ll n,cht u . berücksichtigt lasse. Es sei zu bedauern, daß man nut gesetzgebewschm $®[f

gegangen sei, ohne sich vorher genau zu onenltmi de"di^Rich°wttde7°°hl°derH«°en von der Schutzzollpolitik nichts wißen wolle, habe ble Richt ) er-

v. Varnbüler, Löwe und Berger bewie en, und daß Herr v^Kard^en schienen sei, habe dieser nur einem Zufall zu o^rdanken laisser-aller,

der Ration lasse sich nicht in gesetzliche Bestimmungen em-wangen $ebeutung< bafe das man dem Freihandelsystem zum Vorwurf mache b aI§ bi§ man nad)

man mit gesetzlichen Bestimmungen ut^t siüher vorgehm wirthschastlichen

allen Seiten volle Klarheit geschaffen habe. Daß d ' jhm jemals vor- Selbsthülfe das Nachdenken verhindern solle, fei ba« .iMAbenfen, das Volk solle gekommen. Gerade das Schutzzollsystem verbinde Selbstthätigkeit gar nicht auf-

nicht nachdenken, das gegenwärtige System . Perbältnisse unserer Cxport-

kommen. Redn-r verbreitet sich sodann noch r neuen Zolltarifs erb blich

Industrie. Er sucht nachzuweisen, daß diese- m ^rmindert worden sei. zurückgegangen und im Allgemeinen die Ez,P ^rredner für seine Behauptung, als

Geh. Rath Burchardt die Beweise schuldig

sei die Exportinduftrie in Folge des neuen Z ^j^h^ng des neuen Tarifs eme steige- geblieben. Die Einsuhrstottst.I^^ergebe da» mUhab- nicht allem der rung ber |@in'Ubr von Rohmaterial statt« si no g..partgeschäft in den letzten Jahren Gewerbebetrieb Im Allgemeinen a^wefen,

eine weitere Thatigleit des Getreidezolles vollständig

«ufrcÄ' SS dKoUkunosa bemerkt Redner zunächst, daß es dern Bun