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12.3.1882 Zweites Blatt
 
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9rp. EsS. Zweites Blsrt. Sonntag den 12. März

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

S«w«HCt Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Aentschkand.

Berlin, 9. Akärz. DieBerl. Polit. Nachr." schreiben: Von einer Seite ist die Nachricht verbreitet worden, der Reichstag werde zum 17. April «inberufen werden. Gleichzeitig wurde eine ganz genaue Disposition über die Geschäftsvertheilung zwischen Reichstag und Landtag beigefugt. Wir können versichern, daß diese Angelegenheit heute noch auf demselben Fleck sich befindet, wie vor sechs Wochen und ebensowenig ivie damals an maßgebender Stelle end­gültige Beschlüsse darüber gefaßt worden sind.

Mit dem am 6. ds. verstorbenen Markgraf Maximilian von Baden ist der Senior der Sliitglieber der europäischen Regentenhäuser aus dem Leben geschieden, und ist nunmehr unser Kaiser Wilhelm nicht nur der älteste Regent,, sondern überhaupt das älteste Mitglied aller Regentenhüuser. Außer ihm find' nur noch zwei Mitglieder souveräner Häuser iin vorigen Jahrhundert geboren, nämlich der Prinz Heinrich LXX1V. von Reuß und die Prinzessin Louise von Anhalt. Markgraf Maximilian von Baden gehörte übrigens seit Eintritt des badischen Armee-Corps in den Verband der preußischen Truppen alich dem preußischen Heere an; er war General der Kavallerie und Chef des 21. Dra­goner-Regiments, welches seinen Namen führt (2. badisches Dragoner-Regiment Markgraf Maximilian Nr. 21) und denselben auch in Zukunft beibe­halten dürste.

Dem Bundesrath ist im Auftrage des Kaisers der Entwurf einer auf Grund des § 5 des Nahrungsmittelgesetzes vom 14. Mai 1879 zu erlassen­den Verordnung, betr. die Verwendung giftiger Farben zur Herstellung von Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchs-Gegenständen nebst zugehöriger Denkschrift, vorgelegt worden. Der Entwurf lautet in §§ 1, 2, § 1. Giftige Farben dürfen zur Herstellung von Nahrungs- und Genußmittel/ welche zum Verkaufe bestimmt sind, nicht verwendet werden. § 2. Die Aufbewahrung und Verpackung von zum Verkaufe bestimmten Nahrungs- und Genußinitteln in Um­hüllungen, welche mit giftigen Farben gefärbt sind, sowie in Gefäßen, welche unter Verwendung giftiger Farbe derart hergestellt sind, daß ein Uebergang des Giftstoffes in den Inhalt des Gefäßes stattfinden kann, ist verboten.

Wie aus Mexiko derKöln. Ztg." geschrieben wird, hatte Anfangs Februar die Gesellschaft Mexikos das Vergnügen, Herrn Herzog, den früheren Staatssecretär von Elsaß-Lothringen, zu begrüßen. Herr Herzog befindet sich auf einer Reise durch die verschiedenen Länder Amerikas und scheint auch den Staaten Mittel-Amerikas besonders Interesse widmen zu wollen. Ein Ball, der in den gastlichen Räumen des deutschen Ministerresidenten zu Ehren des ausge­zeichneten Gastes gegeben wurde, war von der bessern Gesellschaft der Haupt­stadt stark besucht. Herr Herzog hat sein Auge besonders auf die Förderung deutsch^ Interesse« in Mexiko geworfen.

.. 9- März. DerKöln. Ztg." wird von hier geschrieben: Nach­

dem die hiesigen maßgebenden Kreise, sogar dem Drängen der öffentlichen Mei- nung entgegen, über Mancherlei die Augen geschlossen und sich einer jeden Hand­lung enthaUen haben, welche irgendwie dazu angethan wäre, die freundschaftlichen tle <n rr Bähungen zu Rußland zu stören, beginnt allmälig doch eine ETz Verstimmung Platz zu greifen. Man hatte erwartet, daß Skobeleffts Ruckberufung nur em erster Schritt sein würde, welcher darthun sollte, daß

P""flavismus an maßgebender Stelle in Petersburg auf entschiedene MßbMgung stoße, und daß diesem bald ein anderer folgen, daß E öffentliche und entschiedene Zurechtweisung erfahren würde.

Anstatt dessen ist der redelustige General in Rußland mit demonstrativer Zu- stimmung empfangen worden und die von Jgnatieff inspirirte Presse setzt ihre Hetzereien gegen Deutschland mit ungeschwächten Kräften fort. Das wird hier

"bmierkt, und wenn auch gewiß kein Grund zu ernsthaften Besorg- Hand, daß die Beziehungen zwischen Berlin r cP Sf,ur9 tn bieJ,etP AMnblick weniger aufrichtig freundliche geworden, h gewesen find Berichte aus Wien lassen darauf schließen, daß in

den dortigen Regierungskreisen die gleichen Auffassungen herrschen.

heute ®rmittoa 11 Ubr^nnkr^nrrn.h^te^U§tou6 be§ Volkswirthschaftsraths trat Berütbunn h,afl ®or bi§ i-taatsministers o. Bötticher wieder zur toolff 8hi?en,i*a6 f.S P Dar (Eintritt in die Debatte bittet

irö mmnnnu S T? f?balb b Volkswirthfchasisraih sein Votum für

Sinne, wobei besond»^kt-"£r" folgenden Redner äußern sich in bieiem

in der SufammÄ. « ber Anbaubezirke in Westpreußen, Aeuderungen

auf 5 statt Vermehrung der Durchschnittsjahre

w irden. Regierunasn Jahre^ Beseitigung der Blätterzählung rc. empfohlen pllthien, welche Alle der "ccevttrt mit Genugthmmg die Sym-

Wünsche näher -in mln-?ndwirthschaft entgegenbitagen, g-ht dann auf die einzelnen lilr j-tzt sondern auch m di- daß die vorgeschlagen,n drei Jahr- nicht nur französischen Tabakspflanür bin b j-stgrhalten werden fallen und weist auf die jrEzofischen Monopols Leben ff-,.« bcn w-'t ungünstigeren Vorschriften des M zahlenden Preise und fe,cn;. Redner macht genaue Mtttheilungen über die »wrzunehmen se.n würden °mt, man könne erwägen, ob nicht abbitionelle Besserungen Gawichtsbestimmung nicht erin,?8 Eiatterzählen sei sehr wichtig und könne durch die Srtänbe roefentM)® 6r[eidllerunen£rb"noP°l btT0e «,ßen b>- -^igen iiulange, so steh- einer (fiSi8 L9331,8 bie Bestimmung der TabakbawDistnete

ueye er einer Ei Weiterung derselben nicht entgegen. Des Weiteren erörtert

der Regierungs-Conimissar die große Menge der technischen Details der einschlägigen Paragraphen und bittet schließlich, überzeugt zu sein, daß die Regierung die Interessen der Landwirlhschast gerne fördere. Schöpplenberg meint, wenn das Monopol viel einbringen solle, müssen viele Cigarren verkauft werden, bei denen bessere als die einheimischen Tabake verwendet Mithin. Unter solchen Umständen werde dir Anbau in vielen Gegenden bald aufhören. Reg.-Comm v. Mayr erwidert, daß Schöpplen­berg den heimischen Tabak unterschätze und knüpft daran Ausschlüsse über die Ver­wendung von fremden und inländischen Tabaken. Nach kurzer Debatte über den Modus der Abmmmung wird $ 7 nebst den Anträgen auf Erweiterung der Zabiifbaubiftricte, darunter auch Danzig, einstimmig angenommen; ebenso die SS 8, 9 und 10. Mit gern gen Modificationen werden die SS 1118 angenommen; zu $ 19 wurde ein Amendement Leyenbecker's genehmigt, battn gehend, daß ber Pflanzer berechtigt fet, der Einlösung beizuwohnen und Einwendungen zu erheben; des Weiteren erfolgt bie Annahme der SS 20 unb 21, worauf die von Nathusius beantragte Rrsolution, bitr.ffend erhebliche Milderung der Maßregeln im Jnterefse des Tabaksbaues, genehmigt wird Eine längere Discussion entsptnnt sich über $ 22 (Ausfuhr), ber schließlich ebenso wie SS 23, 24, 25 angenommen wird. Zu S 26 «Handel mit Rohtabak) wird der Antrag gestellt, das Wortzuverlässigen" zu streichen. Nach einigen ausklärenden Mit­theilungen des Negierungs.Commissars wird S 26 mit Streichung des Worteszu­verlässig" angenommen. Darauf wurden SS 2731 zur Discussion gestellt. Nachdem v. Nathasius um verschiedene Aufklärungen gebeten, stellt Schöpplenberg zu S 30 ein Amendement, dahin g-hend, nur Leute zu beschäftigen, welche Nachweisen können, daß sie stets ihre Verpflichtungen erfüllt haben, er fürchte, es würden zu viel Existenzen geschaffen, welche zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig hätten. Henckel v. Donnersmarck und Delius wünscht positivere Bestimmungen hinsichtlich ber Hausindustrie. Henckel v. Donnersmarck wünscht die Heranziehung ber Etab­lissements zu den Communalabgaben, ähnlich wie bei den Eisenbahnen. Leyendecker wünscht eine Contingentirung dieser Besteuerung, d e zu ermäßigen fet, wenn sie einen gewissen Betrag übersteige. Heute könne man den Ertrag des Monopols nicht über­sehen, er glaube, derselbe werde sich mit der Zett stets heben. Diese Bemerkung, welche zu Herrn Ley nbecker's früheren Ansichten im diametralen Gegensatz steht, wird von allen Anhängern, namentlich von Baare freudig begrüßt, der im Uebrtgen gegen Kontingent!ung sich ausfpncht, ebenso wie Rode, da nicht abzusehen fei,was noch in der Luft schwebe." Wolfs hebt dementgegen hervor, daß immer wieder von Neuem vergessen werde, daß das Fabrikat mcht veriheueit und der Consum also keinesfalls abnehmen werde; der Gesetzentwurf vereinige überhaupt in bester Weise die fiskalischen Interessen mit denen der Privaten. Er halte Schöpplenberg's Amendement für ein sehr egoistisches. Reg. komm. v Mayr fuhrt aus, daß der Tabaksverschleiß für bie Monopolverwaltung keineswegs die Detatlisten allein ernähren solle, dieselben könnten ebenso noch ein anderes Geschäft betreiben. Wenn Schöpplenberg die Calculationen des Entwurfes einerseits zu hoch, andererseits zu niedrig finde, so liege die Wahrheit wohl in der Mitte. Reg-Comm. Dr. Roller widerspricht ebenfalls Schöpplenberg's Bedenken wegen der Kalkulation, dieselbe beruhe auf Durchschnittszahlen, nur bie Er­fahrung könne bie positiven Zahlen liefern. Mewtssen wünscht, daß die Frage der Beiträge zu den Communallasten gesetzlich geregelt werde. Vorsitzender Minister v. Bötticher hebt hervor, daß die Communallasten nicht Reichssachen seien und daß in Folge dessen diese Angelegenheit am besten durch die einzelnen Landesbehörden ge­ordnet weide, und nach einigen Zwischenbemerkungen von Hessel und Kochhann daß in jedem Lande geregelt sei wie der Fiscus also eventuell auch der Monopol­betrieb zur Communalbesteuerung heranzuziehen sei, empfiehlt daher Jaffung einer Resolution, daß dir Monopolbetrieb überall zur Besteuerung heranzuziehen fei. Kamten bemerkt, daß die angenommenen Durchschnttislöhne in Berlin zum Lebens­unterhalt nicht ausreichend seien. Reg.-Comm. Roller bemerkt, daß bie Löhne im Durchschnitt angenommen seien; für Berlin und Straßburg wären viel höhere Löhne, als die jetzige Prioatindustrie zahle, in Aussicht genommen. Henkel und Kochhann beantragen, daß bie Kommunen den Monopolbetrieb ebenso wie den Privatbetrieb be­steuern können. § 27 wird angenommen; Absatz 3 gemäß obigem Antrag Henkel- Kochhann gestrichen. Nachdem noch bie SS 2831 angenommen werben, wird bie Sitzung um 4*/2 Uhr vertagt. Morgen Fortsetzung um 11 Uhr.

AranLreich.

Paris, 9. März. Man ist mit bester Manier bereits drauf und dran, den Börsenkrach zu vergessen. Es steht schon wieder die Gründung einer Nouvelle Union" mit einem Kapital von 50 Mill. Frcs. in Aussicht. Das Beste bei der Sache ist, daß Bontoux wieder mit bethelligt sein soll. ®ie Dummen werden eben nicht alle.

Das Muster-Bataillon der Pariser Schule ist jetzt organisirt. Es besteht aus Schülern des fünften Pariser Arrondissements. Dieselben erhielten von der Stadt einen Waffenrock, der 18 Frcs. und ein Gewehr von geringer Tragweite, das 20 Frcs. kostet. Die Zöglinge der übrigen Pariser Schulen werden ebenfalls mllitärisch nach den zu Gebote stehenden Mitteln organisirt werden.

Vermischt- «.

London, 6. März. Die Luftballonreife, welche die Luftfchiffer Oberst Brine und I. Simmons am verwichenen Samstag über den Canal unternahmen, endigte mit einem Falle ins Wasser; sie sahen sich durch widrige Winde genöthigt, die Reise zu unterbrechen und sichln die See niederzulassen, wo sie, in ihren Kolkjacken schwimmend, von dem Calais-Dover-Paketboote ausgefischt wurden. Der Anfang der Reife ließ sich vortrefflich an. Der Kautfchukballon war mit 3700 cbm Gas gefüllt; der Nachen mit Vorraihen reichlich ausgerüstet und Brieftauben mit Depeschen flugfertig an dos Tau­werk feftgibunben. Um halb zwölf stieg das Ilngethüm lanafam auL, begleitet von manchem Reisegruß der zahlreich,n Zuschauer, den bie Schiffer durch Schwenken ihrer Hüte beantworteten. Aber der Wind, der vor Mittag von 40 -50 km in der Stunde wehte, legte sich und noch lange war der Ballon in der Nachbarschaft von Canterbury, von wo er aufgeftirgen, sichtbar. Der Berechnung nach sollte der Ballon tn drei Stunden Calais erreichen; als aber um 1 Uhr Dover noch immer in Sicht blieb, gab man die Hoffnung auf. Mit Entzücken beschreiben die Luftfchiffer die wunderbaren Bilder, welche sie sah n, bie Seen, bie Schiffe, die Sandbänke unb schließlich ben Widerschein ihrer eigenen Personen in ben Wolken, getreu bis zur furchteinflößenden Täuschung. Als sie sich grabe über ber Shakespeare-Klippe von Dover befanben, bemerkten sie kaum 150 m unter sich e ne Menge von Menschen auf e nem Dache versammelt, bie vernehmbare Hurrabs zuschrieen, lieber bem Canal versuchten sie wieberholt, eine nach Calais gehende Lufiströmrmg zu erfassen, aber vergebens; ber Wind trieb sie der Nordsee zu. Bald auch sahen sie den Postdampser, unb nachbem sie an ber Rauchsäule seines Kamins tnbgüllig ben Sübwestwinb erkannt, warfen sie ihren Enterhaken aus.