Ausgabe 
11.6.1882 Erstes Blatt
 
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Die genesenen Kranken sollen womöglich gebadet, jedenfalls aber gründlich abgemaschen werden und erst, wenn dieselben mit frischer Wäsche und gereinigter Kleidung versehen sind, wieder dem Familienverkehr und der Schule übergeben werden. Wann letzteres geschehen darf, hängt von der Zu­stimmung des Arztes ab.

Gießen, am 10. Juni 1832. Großherzogüches Krersamt Gießen.

Dr. Bo ekmann.

Betreffend: Wie oben. Gießen, am 10. Juni 1882.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Die vorstehend abgedruckten beiden Bekanntmachungen wollen Sie in Ihren Gemeinden in ortsüblicher Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen. Weiter beauftragen wir Sie:

1) sobald ein Fall von Scharlach oder Diphtherie zu Ihrer Kenntniß kommt, die Angehörigen auf das Reglement und unsere obige Bekannt­machung aufmerksam zu machen;

2) die Polizeibediensteten zur Empfangnahme der Anzeigen in Gemäßheit unserer Anordnung ad § 1 vom Heutigen anzuweisen;

3) in Bezug auf die Weitersendung der Anzeigen nach dieser Anordnung'zu verfahren;

4) die in unserer Anordnung ad § 7 erwähnten Desinfectionsmittel im Bedarfsfälle in größeren Quantitäten anzuschaffen. Dr. BoekMaMN.

Bekanntmachung.

Bestellungen von Obstbäumchen können bei dem Präsidium des landwirthschastlichen Provinzialvereins direct, oder durch Vermittlung des Unterzeichneten gemacht werden.

Gießen, den 9. Juni 1882. Der Director des landwirthschastlichen Bezirks-Vereins Gießen.

___________________________Dr. Boekman n.___

Gefundene Gegenstände:

1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Blumenspritze, 1 Taschentuch, 1 Siegelring, 1 Uhrkette, 1 Handschuh, mehrere Schlüssel.

Gießen, am 10. Juni 1882. Großherzogliches Poüzeiarnt Gießen.

Fresenius.

Deutschland.

Darmstadt, 9. Juni. Das Großh. Regierungsblatt Nr. 11, ausge­geben am heutigen Tage, enthält: Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, die Gebühren der Gerichtsdwner betr.

Berlin, 8. Juni. Wir entnehmen denBerl. Polit. Rachr.": Alle Mittheilungen über Entschließungen, welche die Reichsregierung in Betreff der parlamentarischen Arbeiten gefaßt haben soll, tonnen wir auf das Bestimmteste als unzutreffend erklären. Es haben bisher über diese Angelegenheit noch kei­nerlei Berathungen stattgefunden, vielmehr dürfte dies erst in einigen Tagen geschehen. In Regierungskreisen hält man daran fest, daß es allerdings bei bedeutender Einschränkung der Redelust in den Commissionen möglich sein würde, das vorliegende Gesetzmaterial aufzuarbeiten und die größeren social­politischen Vorlagen zum Abschluß zu bringen. Nehmen die Berathungen der Commissionen, namentlich aber Der Unfall- und Krankenkassen-Commijsion, den­selben Verlauf wie bisher es stehen noch die Debatten über die sehr wich- tige Materie der Ortskrankenkassen und freien Hülfkassen zu erwarten so ist allerdings ein Abschluß der gesammten Arbeiten unmöglich und wird sich dann Die Regierung darüber schlüssig machen, ob die Session geschlossen oder vertagt werden soll. Das Krankenkassengejetz hofft man aber unter allen Umständen erledigt zu sehen. Die Frage der Zwischen-Commissionen gilt wohl allgemein als erledigt.

Die Ministerial-Commission, welche über die in Folge des Uebertritts jüdischer Flüchtlinge aus Rußland zu ergreifenden Maßregeln zu entscheiden hat, besteht aus dem Unterstaaatssecretär im Ministerium des Innern, Herrfurth, als Vorsitzendem, mehreren Ministerialräthen der betheiligten Ressorts und einem Mitgliede des hiesigen Polizei-Präsidiums. Aufgabe der Commission ist einerseits, die im sanitäts- und ordnungspolizeilichen Interesse erforderlichen Maßnahmen zur Verhütung des heimlichen und uncontrolirten Uebertritts einzelner Indivi­duen über die diesseitige Landesgrenze vorzubereiten, andererseits Hand in Hand mit dem hiesigen Central -Comito für die russisch-jüdischen Flüchtlinge letzteren den directen und möglichst beschleunigten Durchtransport durch Preußen zum Zwecke der Auswanderung nach Amerika zu ermöglichen.

Es verlautet nunmehr mit Bestimmtheit, die Berliner Stadtverord- neten-Versammlung werde aufgelöst und die Neuwahlen unter Veränderung und Vermehrung der Wahlkreise angeordnet werden.

England.

Dublin, 8. Juni. Nach hier eingegangenen Nachrichten ist der in Rahasane (Grafschaft Galway) wohnende Eigenthümer Walter Bourke heute, als er aus Der Stadt Gort nach Hause zurückkehrte, erschossen worden. Ebenso wurde der ihn begleitende Dragoner getödtet. Bourke war schon seit längerer Zeit Feindseligkeiten Seitens der Pächter ausgesetzt. Bis jetzt sind in Folge dieses Mordes keine Verhastungen erfolgt.

Aegypten.

Kairo, 8. Juni. (Meldung desReuter'schen Bureaus"). Derwisch Pascha und seine Begleiter hatten heute eine Audienz beim Khedioe, welche - 4 Stunden dauerte. Später empfing Derwisch Pascha Arabi und die übrigen Officiere; wie es heißt, war der Empfang ein kühler. Derwisch Pascha über­bringt ein Schreiben, in welchem auseinandergesetzt wird, daß der Zweck der Mission der sei, die Ordnung wieder herzustellen und die Autorität des Khedive zu b efe fügen.

Telegraphische Depeschen.

Wolffs telegr. Correspondenz-Bureau.

Kassel, 9. Juni. Nach dem heutigen Bulletin hat Se. König!. Hoheit der Prinz Karl von Preußen in der vergangenen Nacht weniger gut geschlafen, weil bei nunmehr freiem Bewußtsein die Beschwerden des Verbandes mehr em- pfundeu werden. Im Uebrigen ist der Zustand Sr. Königlichen Hoheit unverändert.

Berlin, 9. Ium. Reichstag. Dritte Berathung der Zolltarifnovelle. Nachdem in der Generaldebatte Fürst Hatzfeld, v. Umuhe-Bomst sich gegen die Zollerhöhungen. wie gegen die Anträge aus der M tte des Hauses im Interesse der ehrlichen Probe des Zolltarifs sich ausgesprochen und Bundes Commissar Burchardt betont hatte, daß den zu Tage getretenen Mißständen jedenfalls abgeholfen werden müsse, wurde § 1 (Zoll­

erleichterung für die Mühlenindustrie) und bei § 2 die Nummer 1 (Zoll auf Walz­draht zur Kratzenfabrikation rc) und Nummer 2a (Zollfretheit für Asbest und Asbest- waaren) angenommen. Die Anträge Ackermann's auf Wiederherstellung der in der zweiten Lesung gestrichenen Zollerhöhungen (Pappe und Papier aus Asbest, Asbest­garne, Asbestgewebe, anderweit nicht genannte Asbestwaaren, Hanffußdecken, Lickte, Honig u. s. w.) wurden sämmtlich abgelehnt mit Ausnahme des Antrages auf Wieder­herstellung des Elfenbein- und Perlmutterstücken-Zolls von 30 JL (statt 10 JL zweiter Lesung), welcher angenommen wurde. Sodann wurde das ganze Gesetz in dieser Fassung definitiv angenommen. Ebenso wurde der Gesetzentwurf Schmidt, betreffend

Zollherabmtnderung für hartes Kammgarn, Weftgarn rc., genehmigt. Nächste

Sitzung morgen.

Kiel, 9. Juni. Das Panzergeschwader ist heute Nachmittag eingelaufen und bleibt bis zum Montag hier, um dann nach der Neustädter Bucht zu gehen.

Pefth, 9. Juni. In Folge von Aeußerungen des Abgeordneten Wahrmann in der heutigen Unterhaussitzung mit Bezug auf die Debatte über die Auswanderung russischer Juden forderte der Abgeordnete Jstoczy denselben. Da Wahrmann die Forderung ablehnte, beschimpfte ihn Jstoczy im Lesesaale. Wehrmann erwiderte die Beschimpfung und wurden nur durch das Dazwischentreten der Anwesenden Thatlich- keiten verhindert. Jstoey meldete dem Vorstande der liberalen Partei seinen Austritt aus der Fraction an. In Folge des Zwischenfalles wurde die öffentliche S'tzung unterbrochen und eine geheime Sitzung abgehalten. Nach Wiederaufnahme der ersteren sprach das Haus auf Antrag des Präsidenten eine Rüge über die stattgehabte thatsäch- liche Jnsult'rung aus.

London, 9. Juni Eine derTimes" zugegangene Depesche aus Kairo vom 8. ds., Nachts, befürchtet ernste Ereignisse, sobald Arabi Pascha sich überzeugt hat, daß er auf keine Unterstützung der türkischen Mission zu rechnen habe. Die Depesche fügt hinzu, wenn sich der Khedive nicht überreden lasse, sich sofort nach Alexandrien zu begeben, so dürfte Europa ein Verbrechen zu beklagen haben, für welches England und Frankreich verantmortstck sein würden; morgen wäre es vielleicht zu spät.

Nom, 9. Juni. Bei der Leichenfeier aus Caprera waren mehr als 300 Vereine vertreten. Diejenigen von Marsala trugen den mit Kränzen über­deckten Sarg. Alfieri Namens Des Senats, Farmi Namens der Kammer, die Minister Zanardelli und Ferrero, sowie Crispi hielten mit lebhastem Beifall aufgenommene Gedächtnißreden. Der Sarg wurde unter Kanonensalven der SchiffeWashington" undCariddi" auf dem Friedhöfe beigesetzt. Das Wetter war sehr schlecht.

Dublin, 9. Juni. Gestern Abend wurden an verschiedenen Orten West- Irlands Mordversuche gegen 4 Gutspächter unternommen. Alle vier sind er­heblich verwundet, doch wurden bereits nur an einem Orte Verhaftungen üornenommen.

Odessa, 9. Juni. Vergangene Nacht brach auf dem französischen Dampfer Cambodje", der in dem Quarantäne-Hafen vor Anker lag, Feuer aus, wodurch die Ladung stark beschädigt wurde. Das Feuer wurde erst nach zehnstündiger Arbeit bewältigt, der Verlust ist bedeutend.

Konstantinopel, 9. Ium. In Folge der Unterredung des Marquis de Noallles und des Lord Dufferin mit dem Mulister des Aeußeren, Said Pascha, in welcher die­selben die Annahme des Conferenzvolschlages se tens der Pforte von Neuem urgtrten, mit dem Bemerken, daß die Conferenz nothwmdig erscheine, selbst wenn die Misston Derwisch Paschas gelinge, richtete die Pforte an ihre Botschafter in Paris und London eine Depesche, worin sie erklärt, die Pforte könne die Conferenz nicht annehmen, da das Gelingen der Missioil Derwisch Paschas allem Anscheine nach sicher sei. Die Pforte beauftragte demgemäß di Botschafter, den Ministern Freycinet und Granville gegenüber ihr Circular vom 3 Juni und die Weigerung der Pforte, der Conferenz zuzustimmen, zu bestätigen. ---------------------- _

Die elsaß-lothringischen Anträge im Reichstag.

Bonden reichsländischen Abgeordneten im Reichstag sind zwei Anträge ein­gebrachtworden, deren prinzipielle Wichtigkeit für dre Rerchslande sowohl als auch für die Beziehungen der neuen deutschen Landestyeile zum ubngen Deutschland un­verkennbar ist, deren Annahme aber durch den Reichstag rn der natürlichen Entwickelung der Verhältnisse in Elsaß-Lothringen eine bedauerliche Storung herbeifuhren wurde. Der eine dieser Anträge will, daß man den der deutschen Sprache notorisch unkundigen Mitgliedern des elsaß-lothringischen Landesausschusses den Gebrauch der französischen Sprache gestatte, während der zweite Antrag die Aufhebung des sogenannten Dictatur- paragraphen verlangt. Beide Anträge erscheinen bei fluchtiger Betrachtung mcht unberechtigt, und doch sind sie ihrer ganzen Tendenz nach gegen die Politik der Reichs­regierung in Elsaß-Lothringen gerichtet. Die elsässischen Abgeordneten behaupten, daß es eine ganz unmotivirte Härte wäre, den der deutschen Sprache unkundigen Mit­gliedern des Landesausschusses den Gebrauch der französischen Sprache bei den Ver­handlungen des letzteren zu verweigern. Dem gegenüber kann aber die Reichsregreruna wohl verlangen, daß jetzt, nachdem Elsaß-Lothringen seit 12 Jahren mit Deutschland wieder vereinigt ist, von deren Vertretern des Landes bei den parlamentarischen Ver­handlungen deutsch gesprochen werde. Ein Nachgeben der, Negierung nach dieser Richtung ivürde ihr unfehlbar von ihren Gegnern in den Reichslanden Schwache ausgelegt und demgemäß ausgebeutet werden und desto energischer muß die Regierung auf Ablehnung dieses Antrags bestehen. Auch sollte man meinen, daß, den betreffenden Mitgliedern des Landesausschusses Zeit genug gelassen wäre, sich mit der deutschen Sprache hinreichend bekannt zu machen. Im Uebrigen muß es den Wählern anheim-